23. Juli 2012

"Das Wesen der Dinge? Was soll das sein?" C. stellt ihr Glas Prosecco ab und legt die Gabel neben den Teller Bresaiola, um sich das Olivenöl aus dem Gesicht zu tupfen. Mit der Stoffserviette, die sie in beiden Händen behält und die jetzt Teil der fragenden Geste wird. "Naja, es ist das, was alles ausmacht." "Die Seele?" "Die Seele? Ich weiss nicht. Die Seele als Begriff ist mir ein bisschen zu religionsmißhandelt. Vielleicht eher der Inhhalt. Oder die Wurzel. Oder besser die DNA. Ja, ich glaube, DNA trifft es am besten." "Die DNA? Die Sache mit dem Erbgut?" "Ja, so ungefähr".

"Das Wesen gibt den Dingen einen Wert." "Und woran - oder besser worin - erkenne ich das Wesen der Dinge? Ist das nicht furchtbar subjektiv?" "Es geht hier nicht um Geschmack. Es geht um Substanz. Um das Wesen der Dinge wahrnehmen zu können, braucht es Erfahrung, einen Horizont." "Mein Bauchgefühl …" "Nichts gegen Dein Bauchgefühl, aber es wird Dir kaum helfen, Dich dem Wesen der Dinge zu nähern".

"Jetzt wirst Du überheblich", sagt C. und widmet sich wieder ihrem hauchdünnen Fleisch mit den Parmesanspänen, die sie mit der Gabel eingeschnappt hin- und herschiebt. Sie weiss, dass mich das Quietschen der Gabel auf dem Porzellan wahnsinnig macht und scheint mich ein wenig quälen zu wollen. Vielleicht auch bestrafen. "Unsinn. ich bin nicht überheblich. Aber es ist doch nunmal so, dass man einfach Vergleichsmöglichkeiten braucht, um Dinge ganzheitlich bewerten zu können."

"Und was hat das jetzt mit den Marken zu tun? Ich meine, damit hatten wir ja angefangen. Sind Marken Dinge? Haben Marken ein Wesen?" "Ich finde schon, dass Marken ein Wesen haben können. Wenn sie gut sind. Marken sind ja nie nur Logo. Interessante Marken sind immer eine Collage. Ein Destillat aus Produkten, Herkunft, Geschichte, Anspruch, Qualität, Geist und Haltung, Perspektive und Bezügen und tausend anderen Dingen. Um so dichter, um so besser." "Bezüge? Was soll das denn schon wieder heissen?" "Ich sehe das so: Marken und Produkte stehen ja in Bezug zu allem Möglichen: zu Menschen, zu anderen Produkten, zur Geschichte und …" "… Teil des Alltags?" "Wenn Du so willst, ja! Teil des Lebens halt. Und von den Medien und deren Einfluss haben wir noch gar nicht gesprochen."

C. schiebt die Antipastiteller zur Seite und schenkt nach. Sie läßt sich Zeit. "Willst Du auch einen Caffè doppio?" "Gerne." Sie winkt die nachlässige Kellnerin an den Tisch, bestellt. Sie krönt deren Kriechgang zur Theke mit einem betont resigniertem Kopfschütteln.

"Erinnerst Du dich an die frühen 80er?" "Grundsätzlich schon, warum?" "Ich habe da ein Beispiel. Ich glaube, ich weiss, was Du meinst". Es kommt wie es kommen muss: C. kommt mit dem Thema Handtaschen um die Ecke. "Erinnerst Du Dich an MCM? Das stand für Moderne Création München, glaube ich … oder Michael Cromer München? Egal. Die wollten Louis Vuitton den Rang ablaufen." "Und das hat nicht geklappt. Schon wegen Deinem "egal" nicht, richtig? Die hatten kurzfristig Erfolg bei eher einfach gestrickten Mädchen. Laut, plakativ, schrill, teuer und durch Plagiate geadelt." "Stimmt, die Mädels haben sich die haufenweise mitgebracht vom Senegalesen am Lido di Jesolo." "… und dann kam nichts mehr, richtig? Die Marke war verbraucht. Sie hatte keine Substanz. Sie hatte kein echtes Wesen. Sie war nicht ehrlich. Eigentlich war sie eklig." "Stimmt." C. rührt sich einen Löffel Zucker in den Caffè. Der ist gut. Süditalienische Röstung, gute Maschine, eher ein bisschen ristretto. Crema. Ich mag das sehr.

"Lass uns doch mal andersherum anfangen". Sie schaut hoch über die Tasse, in der sie immer noch herumrührt, "ich suche mir was aus und wir finden das Wesen." "Wie meinst Du das?" "Na, ich suche mir irgendein Markenprodukt aus und wir analysieren das. Produkt und Marke". "Das finde ich spannend, abgemacht." "Lass uns noch 2 oder 3 Leute dazunehmen." "Gern. Machst Du das klar? Wann?" "Nächste Woche?" "Nächste Woche." "Die Rechnung bitte …"