„… ich habe die Liebe gesehen“

Sie sprach mich an. Einfach so, am Strand. Sehr sogar. Dänemark. Westküste. Ganz im Norden. Das war ein wunderschöner Sommertag, der sich seinem Ende neigte. Eine einzigartige Stimmung, ein magisches Licht. Der Strand leerte sich zusehends. Ich wollte noch ein paar Augenblicke warten. Verweilen. Alleine meinen Gedanken nachhängen, den Träumen. Die Augen schließen und dem Meer lauschen.

Sie sagte: „kannst Du Dir das vorstellen?“ Ich hatte sie gar nicht bemerkt. Öffnete meine Augen. Da stand sie vor mir. Plötzlich und einfach so. Wie aus dem nichts. Schön war sie und seltsam. Erwachsen und doch mädchenhaft. Skandinavisch, blond mit unzählbaren Sommersprossen. Strahlend grünen Augen und diesem Hautton wie man ihn sich nur hier in einem mehrwöchigen Sommerurlaub zulegen kann. Wenn überhaupt. Fabelhaft. Und wie gemalt in Ihrem Leinen.

„Stell Dir vor, Ich habe die Liebe gesehen.“ „Die Liebe?“ „Ja! Da hinten am Horizont.“ Sie nahm mich an der Hand und führte mich hinunter zu der Linie, an der die Wellen den Strand küssten. Sie hielt sie immer noch. Meine Hand in ihrer. Und die war trocken und warm und weich und angenehm. Sie hielt sie nicht zu leicht und nicht zu fest. Gerade so dass man sie spürte und auch, dass sie meine halten wollte.

„Da hinten, siehst Du?“ „Nein. Leider, ich sehe nichts.“ „Jetzt sehe ich sie auch nicht mehr. Sie ist weg.“ „Ist sie verschwunden?“ „Liebe kann nicht einfach verschwinden!“ „Wie sah sie denn aus, die Liebe?“ „Für mich war sie wie ein Schiff. Sie ist vorbeigefahren und sie war strahlend schön. Große Takelage.“ „Deine Liebe?“ „Meine Liebe? Nein! Das ist nicht meine Liebe. Liebe kann man doch nicht besitzen. Sie gehört einem nie ganz allein.“ „Da hast Du Recht. So genau habe ich darüber noch nicht nachgedacht! Ich mag es, wie Du die Dinge siehst.“ „Danke. Eigentlich kann man sie auch alleine nicht richtig sehen. Ich hatte mich schon gewundert, aber dann sah ich Dich. Am Strand. Und ich dachte, dass Du sie vielleicht auch gesehen haben könntest. Damit hätte ich es mir erklären können.“ „Leider nein. Aber ich hatte ja die Augen auch geschlossen.“ „Oh, das ist egal, dass Du sie geschlossen hattest. Du siehst sie ja nicht mit den Augen.“

Sie war schon sehr wunderlich. Wunderlich und wunderbar. „Wie heisst Du?“ „Taimi.“ „Taimi?“ „Ja, das ist ein finnischer Name.“ „Du kommst aus Finnland?“ „Nein, ich bin aus Dänemark. Meinen Eltern hat Taimi so gut gefallen. Sie kannten eine finnische Familie, deren Tochter so hieß. Ich muss gehen.“ „Sehen wir uns wieder?“ „Ich weiß es nicht. Vielleicht.“ Sie küßte mich auf die Wange, leicht, zart, gehaucht. Eine freundliche Abschiedsgeste. Und dann auf den Mund. Ich schaute sie fragend an. Sie hielt meinen Kopf in ihren Händen. Beinahe liebevoll. Sie zog mich an sich und flüsterte mir ins Ohr: „wir werden uns wiedersehen. Irgendwann. Ich bin sicher. Wie heißt Du?“ „Bruno, ich heiße Bruno.“ Und dann verschwand sie in den Dünen. Ich stand allein am Strand und am Horizont havarierte die Sonne in der kaum bewegten See. Ein Farbgewitter. Schmerzhaft schön.