2. August 2014

das "Ü"

Das “Ü“ um das es hier geht ist ein Buchstabe im lateinischen Alphabet. “Üs“ sind “Us“ mit Tremata. Tremata? Was ist das? Tremata ist der Plural von Trema. So wie bei Schema und Schemata. Tremata sind sogenannte diakritische Zeichen. Klingt kryptisch? Achwas. Halb so wild. Tremata sind einfach horizontale Doppelpunkte über Vokalen: A, E, I, O, U. Und die gibt es in ganz vielen Sprachen. Ein Trema bewirkt in manchen Sprachen bei zwei benachbarten Vokalen eine Veränderung im Lautzusammenhang. Es kann aber auch die Artikulation eines ansonsten stummen Vokals fordern. Das ist dem einen oder anderen bekannt von der Franzosenbrause “Moët & Chandon“. Da wird das “t“ im Moët nämlich ausgesprochen, warum ich während meines Studiums die eine oder andere schöne Wette direkt an der Bar gewinnen konnte. Sofort einzulösen mit dem feinen Stoff selbst. Brause Marsch!
Im Deutschen erzeugt das Trema einen ganz neuen Buchstaben. Einen mit veränderter Aussprache. Das “Ü“ ist im deutschen Alphabet ein sogenanntes Umlautgraphem.

Viele Jahre war das “Ü“ ein völlig unscheinbarer Zeitgenosse. Es lief halt so mit. Vielleicht so wie seine Verwandten, das “Ä“ oder das “Ö“. Doch dann veränderte sich vieles: das “Ü“ hatte einfach Pech. Es ist nunmal der erste Buchstabe im Wort “über“. Und “über“ ist außerhalb des Standards. “Über“ ist anders. Und mit “anders“ haben es die Leute nicht so. “Anders“ macht Angst. “Anders“ geht nicht einfach so in der Masse unter. “Anders“ wird gerne mal ausselektiert. Die Masse fühlt sich stark gegenüber “anders“. Und darum fühlt sich “anders“ leider allzu oft so klein und schwach. Was schade ist. Denn “anders“ steht man zwar draussen. Aber das heisst eben auch: draussen an der frischen Luft. Die Nase im Wind. Sensibilisiert. Wach. Morgenluft. Wenn man denn nur will.

Erschwerend zu “anders“ kommt noch die deutsche Lust an der Abkürzung. Das macht aus der Strassenverkehrsordnung eine StVO und aus Menschen, die ihren 40. Geburtstag gefeiert haben eine/n “Ü40“. “Ü40“ klingt außerordentlich amtlich und bedrohlich und kann noch beliebig verschärft werden. Zum Beispiel nach Geschlecht. Und nach Beziehungsstatus. Und vielleicht noch nach Vorlieben … auch sexuell.

Da haben wir ihn also, den heterosexuellen Single Ü40. Über 40 und ungebunden: das liegt außerhalb des schlichten Verständnis des Systems. Die Masse hat Angst sich zu infizieren und grenzt sich ab. Das ist die Angst vor dem Alleinsein, vor der vermeintlichen Einsamkeit. Hat fast was von Ebola. Dabei produziert die Masse so viel Lärm auf ihrem Wüstenrothandtuch, dass die meisten, die gerade mal ungebunden sind wie gebannt auf den Standard starren. Magisch angezogen von einem romantischen Zerrbild. Sie wollen unbedingt dazugehören. Sich einordnen. Wider die eigenen Erfahrungen. Koste es was es wolle. Völlig verkrampft. Warum? Weil man es so kennt. Weil es sicher zu sein scheint. Schade. Denn so kann es nicht wirklich funktionieren. Warum nicht mal ein paar Schritte zurückgehen, um alles auf dem Schirm zu haben. Die vermeintliche Komfortzone verlassen. Echte Magie ist im kleinen Karo nicht zu finden. Im großen Ganzen den eigenen Maßstab finden. Und wenn man sich selbst gefunden hat, mit sich im Reinen ist, ist man endlich auch offen für das Neue, das Andere, das Besondere: weggehen um anzukommen!

Im Grunde ist das Trema über dem U kein liegender Doppelpunkt. Es sind Sterne, nach denen man gerne greifen darf. Aber Sterne sieht man nicht wenn man nach unten schaut.

“Per aspera ad astra“ heisst übersetzt “durch das Rauhe zu den Sternen“.
Das stammt aus einer Tragödie von Seneca: “Hercules furens“ (der wildgewordene Herkules). Dort heißt es: “Non est ad astra mollis e terris via“. Zu deutsch bedeutet das “es ist kein weicher Weg von der Erde zu den Sternen“. Aber was ist schon leicht, wenn man das Besondere haben kann …