14. Dezember 2014

Aphorismen zur Liebesweisheit

Vor ein paar Tagen trafen die Trouvaille „Aphorismen zur Liebesweisheit“ von Carl Hagemann aus dem Jahr 1921 und ich in einem Antiquariat ganz beiläufig aufeinander. Zufall? Was sonst. Der Titel hat mich vermutlich zugreifen lassen. Und der Wunsch, der Aufmerksamkeit des Moments Gewicht zu schenken, dieses seltsame Fenster zu öffnen und auch durchzuschauen. Dem Zufall nachzugehen und irgendwie auch nachzugeben. Also las ich rein und was ich las, gefiel mir gut. Ein Zeichen? Vielleicht. Man sollte das ruhig öfter mal tun, das mit den unerwarteten Überraschungen und dem nachspüren. Es tun sich immerwieder ganz neue, interessante Perspektiven auf. Nach außen wie nach innen. Und beide Richtungen lohnen es immerwieder, aufs neue besehen zu werden.

Doch wer war Carl Hagemann? 1867 bis 1940. Hier ein paar knappe und wie ich finde, interessante Notizen zur Person: Hagemann studierte Philosophie und Chemie und promovierte in letzterer an der Universität Tübingen. Eine spannende, interdisziplinäre Kombination, bei der man einen ganzheitlichen Bildungs- und Wissensanspruch durchschmeckt, der heute leider unmodern und unpopulär geworden zu sein scheint. Hagemann war bis zu seiner Pensionierung 1932 ein einflussreicher Manager in verschiedenen Unternehmen. Zuletzt im Vorstand der IG Farben. Aufschrei! Richtig, das waren Verbrecher! Später. Erst nach seinem Ausscheiden ging die IG Farben mit ihrer grausamen Unternehmenspolitik im 3. Reich in die Weltgeschichte ein.

Der Philanthrop Hagemann war einer der bedeutendsten Kunstsammler und Mäzene seiner Zeit und hinterließ nach seinem Tod eine erstaunliche Sammlung von knapp zweitausend Objekten: Ernst Ludwig Kirchner, Karl Schmidt-Rottluff, Erich Heckel, Otto Mueller und Emil Nolde und noch einige andere mehr. Ein „who is who“ des Expressionismus in einzigartiger Dichte. Alles Künstler, die die Nazis kurz nach seinem Ableben zu entarteter Kunst erklärten. Die Rettung der Sammlung ist dem ehemaligen Direktor des Frankfurter Städel Ernst Holzinger zu verdanken. Der ging ein extrem hohes, persönliches Risiko ein, die Sammlung vor dem Zugriff zu bewahren und in ihrer Komplexität für die Nachwelt zu erhalten. Dafür erhielt das Städel später die Grafiken und Zeichnungen aus der Sammlung zur Anerkennung.

Hagemanns Vita liest sich in großem Maßstab. Die Welt hat sich massiv verändert in jenen Jahren. Es gibt viele Eckpunkte in Hagemanns Leben, an denen man tief in den historischen und auch kunsthistorischen Kontext einsteigen möchte und könnte.

Ich bleibe heute bei seinen Aphorismen. Mir gefallen seine Gedanken zum Don-Juan-Mythos, die man einem nüchternen Naturwissenschaftler so gar nicht zuordnen mag. Der Archetypus des Weiberhelden Don Juan ist das Herz fast aller Geschichten im Sujet. Und normalerweise geht es dann immer gleich um Maßlosigkeit im Lebensgenuss, die miefigpiefig unterstellte Verwerflichkeit und die immerwieder schadenfroh herbeigesehnte Vergänglichkeit. Ermüdend.

Nicht so Hagemann. Der sinniert ganz unkonventionell: „Don Juan lehrt, sich in Liebesdingen über nichts zu wundern: möglichst wenig zu erwarten und auf alles gefaßt zu sein. Nur so ist es möglich, Enttäuschungen zu vermeiden. Auch dann liebesfroh zu bleiben, wenn einmal etwas mißlingt.“

Das Glas ist mehr als halbvoll. Danke und Prost Herr Hagemann.

PS: Dieser Text ist nicht das Ergebnis einer Wette, bei der es hätte darum gehen können, 5 unvereinbar scheinende Vokabeln in eine halbwegs plausible Geschichte einzubetten: „3. Reich (immer gerne strapaziert)“, „Don Juan“, „Naturwissenschaften“, „Emil Nolde“ und „Optimismus“. Hier geht es um die Konsequenzen einer beiläufigen Berührung und um ein Plädoyer für den Zauber des Zufalls.

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