follow your inner moonlight.

„… follow your inner moonlight!“

"It's more important to concentrate on what you want to say to yourself and your friends. Follow your inner moonlight. Don't hide the madness. […]

You say what you want to say when you don't care who's listening. If you're grasping to get your own voice, you're making a strained attempt to talk, so it's a matter of just listening to yourself as you sound when you're talking about something that's intensely important to you.

Follow your inner moonlight.“

Allen Ginsberg (1926-1997)

Dieses oft publizierte und in Social Media wild gestreute Zitat ist so nie gesprochen worden. Es besteht aus zusammengestoppelten Fragmenten aus einem Interview mit Ginsbergs Biographen Michael Schumacher für dessen Buch „On being a writer“. Darin versammelt Schumacher die Aussagen von einunddreissig berühmten Autoren über das Schreiben. 

Mir ist das Ginsbergfundstück, das Facebookzitatzettelchen heute ein Impuls. Man geht diesen Gedankensplittern ohnehin viel zu selten nach. Ich lese seit langer Zeit wieder sein Gedicht „Howl“. Sehr berühmt ist das, das herausragende Gedicht der Beat Generation. Ginsberg hat es in San Francisco geschrieben in den Jahren 1955 und 56. Er hat es seinem  Schriftstellerkollegen Carl Solomon gewidmet, den er in einer psychiatrischen Klinik kennengelernt hatte. „Howl“ ist mir sehr laut, präsent und wirklich. Und weil es mich noch immer sehr beeindruckt, findet ihr hier die lesenswerte, deutsche Übersetzung von Sophie Warning:   
  
- HOWL -
  
„Ich sah die besten Köpfe meiner Generation vom Wahn zerstört,
hungernd hysterisch nackt

die sich im Morgengrauen durch die Negerstrassen schleppten auf der
Suche nach einem wütenden Schuß

engelköpfige Hipster, dem alten himmlischen Kontakt zur Sternenlicht-
maschine im Getriebe der Nacht entgegenfiebernd

die arm & abgerissen & hohläugig und high im übernatürlichen Dunkel
der Armeleutewohnungen rauchend wachsaßen, schwebend über dem
Häusermeer in Jazz-Ekstase

die ihre Hirne dem Himmel unter der Hochbahn entblößten und wahr-
nahmen schwankende mohammedanische Engel, erleuchtet über den
Mietskasernendächern

die durch die Universitäten gingen mit strahlend kühlem Blick und Hallu-
zinationen von Arkansas und Blake'schen Tragödien unter den
Schülern des Krieges hatten

die wegen Irrsinns aus den Akademien ausgeschlossen wurden und weil
sie obszöne Oden auf die Fenster des Totenschädels kritzelten

die in Unterhosen auf dreckigen Buden hockten, ihr Geld im Papierkorb
verbrennend und lauschend auf die Angst von nebenan

die auf der Rückreise durch Laredo mit ihren Schamhaarbärten ge-
schnappt wurden, einen Gürtel voll Marihuana für New York dabei


die in Pennerabsteigen Fusel schluckten oder sich in Paradise Alley mit
Terpentin zu Tode soffen oder Nacht für Nacht ihren Torso im Fege-
feuer verbrannten


mit Träumen, mit Drogen, mit Wahnvorstellungen, Alkohol und Schwanz
und endlosem Fick

unvergleichliche blinde Straßen mit zuckenden Wolken und Blitzen im
Kopf, die übersprangen auf Telegrafenmasten in Kanada und Paterson
und die ganze stillstehende Welt dazwischen erleuchteten

Peyotemassivität von Hausfluren, hinterhof-baumgrüne Friedhofsdäm-
merungen, Weinsuff über den Dächern, haschischtrunkene Spazier-
fahrten durch Einkaufsviertel mit blinkenden Neonreklamen und Ver-
kehrsampeln, Sonne und Mond und Baumvibrationen in der tosenden
Winterabenddämmerung Brooklyns, Querelen zwischen Ascheimern
und das freundliche erhabene Licht des Geistes

die sich an U-Bahnen ketteten zur endlosen Fahrt von der Battery zur
heiligen Bronx, vollgepumpt mit Benzedrin, bis der Lärm der Räder und
Kinder sie wieder ernüchterte, schaudernd, mundmatt und verblödet,
allen Geistes entleert im trüben Dämmerlicht am Zoo

die nächtelang im unterseeischen Licht von Bickford's versackten,
hinaustrieben und die Nachmittage bei schalem Bier im trostlosen
Fugazzi's absaßen, wo sie das Donnern des Jüngsten Gerichts aus
der Wasserstoffjukebox dröhnen hörten

die 70 Stunden lang ununterbrochen redeten, vom Park zur Bude zum
Bellevue zum Museum zur Brooklyn Bridge

ein verlorener Haufen platonischer Schwafler, die vom Balkon sprangen,
von Feuerleitern, von Fenstersimsen, vom Empire State, vom Mond

quasselnd, brüllend, kotzend, wispernd von Fakten & Erinnerungen &
Anekdoten & visuellen Kicks und Schocks aus Krankenhäusern und
Zuchthäusern und Kriegen

ganze Intellekte in totaler Erinnerung mit fieberglänzenden Augen in
sieben Tagen und Nächten hervorgewürgt, Fleisch für die Synagoge,
hingeworfen auf das Straßenpflaster

die im Zen-Niemandsland von New Jersey verschwanden und lediglich
eine zweideutige Spur von Postkarten hinterließen mit dem Rathaus
von Atlantic City drauf

die Schweißausbrüche im Fernen Osten und Gliederschmerzen in
Tanger und Migränen in China noch einmal durchlitten beim Drogen-
entzug im kahlmöblierten Zimmer in Newark

die auf dem mittelalterlichen Güterbahnhof herumstrolchten und sich
fragten, wohin sie fahren sollten und schließlich abfuhren, ohne daß
ihnen jemand nachtrauerte

die sich Feuer gaben in Güterwagen Güterwagen Güterwagen, die durch
den Schnee ratterten, einsamen Farmen in Großvater Nacht entgegen

die Plotin, Poe, Juan de la Cruz, Telepathie und Bop-Kabbalah
studierten, weil sie instinktiv die Schwingungen des Kosmos in Kansas
unter ihren Füßen gespürt hatten

die einsam durch die Straßen Idahos irrten auf der Suche nach visionä-
ren indianischen Engeln, die visionäre indianische Engel wären

die dachten, sie seien bloß verrückt, als Baltimore in übernatürlicher
Ekstase erglühte

die in Limousinen sprangen mit dem Chinesen aus Oklahoma, weil es
ihnen gerade in den Sinn kam unter der mitternächtlichen Straßen-
laterne einer kleinen Stadt im Winterregen

die hungrig und verlassen in Houston herumlungerten auf der Suche
nach Jazz oder Sex oder einer Suppe und sich dem geistreichen
Spanier anschlossen um mit ihm über Amerika und die Ewigkeit zu
diskutieren, einem hoffnungslosen Unterfangen, weshalb sie sich nach
Afrika einschifften

die in den Vulkanen Mexikos verschwanden, nichts hinterlassend als den
Schatten von Arbeitshosen und die Lava und Asche verbrannter
Gedichte, verstreut in Chicagos offenem Kamin

die an der Westküste wieder auftauchten und bärtig und in Shorts gegen
das FBI ermittelten, mit großen pazifistischen Augen, sexy in ihrer
Sonnenbräune, und unverständliche Flugblätter herumreichten

die sich mit Zigaretten Löcher in die Arme brannten, dem narkotischen
Tabakmief des Kapitalismus zum Trotz

die auf dem Union Sqaure erzkommunistische Pamphlete verteilten,
schluchzend & sich entkleidend , während die Sirenen von Los Alamos sie niederheulten, und die Wall Street runterheulten, und die Staten Island Fähre heulte auch

die weinend zusammenbrachen in weißen Turnhallen, nackt und zitternd
vor der Maschinerie anderer Skelette

die Polizisten in den Nacken bissen und in Streifenwagen vor Vergnügen
kreischten, weil sie kein anderes Verbrechen begangen hatten, als
wilde hemmungslose Päderasten und Süchtige zu sein

die in der U-Bahn auf den Knien lagen und heulten und vom Dach ge-
zerrt wurden, mit Genitalien und Manuskripten wedelnd

die sich von frommen Motorradfahrern in den Arsch ficken ließen und
schrieen vor Lust

die bliesen und sich blasen ließen von jenen Seraphen in Menschen-
gestalt, den Matrosen, mit Zärtlichkeiten atlantischer und karibischer
Liebe

die morgens und abends in Rosengärten, im Gras der Parks und auf
Friedhöfen vögelten, ihren Samen freigiebig an wen auch immer ver-
streuend

die endlosen Schluckauf bekamen beim Versuch zu kichern, der in
einem Schluchzer endete hinter der Trennwand im Türkischen Bad, als
der blonde und nackte Engel kam, um sie mit einem Schwert zu durch-
bohren

die ihre Liebhaber an die drei alten Vetteln des Schicksals verloren: die
einäugige Vettel des heterosexuellen Dollars, die einäugige Vettel, die
mit den Schamlippen zwinkert und die einäugige Vettel, die nur auf
ihrem Hintern sitzt und auf dem Webstuhl des Schöpfers die goldenen
Fäden des Geistes durchtrennt

die ekstatisch und unersättlich kopulierten, mit einer Bierflasche, einem
Liebsten, einer Schachtel Zigaretten, einer Kerze und aus dem Bett
fielen und auf dem Fußboden weitermachten bis sie draußen im Flur
landeten, wo sie schließlich mit schwindendem Bewußtsein an der
Wand zusammensackten mit einer Vision vom vollkommenen Fick, mit
dem sie endgültig dem Bewußtsein entkämen

die einer Million Mädchen die Möse beglückten, zitternd in der Abendröte
und am Morgen rote Augen hatten und dennoch bereit waren, auch der
aufgehenden Sonne die Möse zu beglücken, mit blanken Hintern die
unter Scheunendächern aufblitzten und nackt im Teich

die nachts in Myriaden gestohlener Autos durch Colorado hurten, N.C.,
geheimer Held dieser Gedichte, Aufreißer und Adonis von Denver -
mit Freude gedenken wir der unzähligen Male, wo er die Mädchen
herumkriegte, auf leeren Grundstücken und in Hinterhöfen von Knei-
pen, auf wackligen Kinositzreihen, auf Bergen und in Höhlen oder in
vertrauten Straßengräben, einsames Petticoatlüpfen mit mageren
Kellnerinnen, und besonders in der heimlichen Abgeschiedenheit von
Tankstellenklos und auch in den Gassen seiner Heimatstadt

die in riesigen schäbigen Kinos wegtraten, in ihren Träumen herumge-
schoben wurden, jäh in Manhattan erwachten, sich hochrappelten und
aus Kellern krochen, verkatert vom unbarmherzigen Tokayer und vom
Graus eiserner Third Avenue-Träume und zu den Stempelstellen
wankten

die nächtelang mit Schuhen voll Blut über die verschneiten Docks wan-
derten & darauf warteten, daß sich im East River eine Tür auftue zu
einem Raum voller Saunadampf und Opium

die auf den Apartementuferklippen des Hudson große suizidale Dramen
inszenierten unterm blauen kriegerischen Flutlicht des Mondes und
ihre Häupter sollten mit Lorbeerkränzen gekrönt der Vergessenheit
anheimfallen

die das gesottene Hammelfleisch der Phantasie aßen oder den Krebs im
schlammigen Flußbett der Bowery verdauten

die der Romantik der Straße nachweinten mit ihren Einkaufswagen voller
Zwiebeln und schlechter Musik

die in Pappkartons saßen und das Dunkel unter Brücken einatmeten und
aufstanden, Klavichorde auf ihren Speichern zu bauen

die in Harlem im sechsten Stock husteten, flammengekrönt unterm
schwindsüchtigen Himmel, umgeben von Obstkisten voll Theologie

die die ganze Nacht in Trance kritzelnd über erhabenen Verschwörun-
gen saßen und im gelben Licht des Morgens waren es nur Strophen
von Kauderwelsch

die aus verfaulter Tiere Lunge, Herz, Klauen, Schwanz Borschtsch und
Tortillas kochten während sie nach dem reinen vegetarischen Reich
lechzten

die ihre Uhren vom Dach schmissen um eine Ewigkeit jenseits der Zeit
zu wählen und Wecker fielen ihnen im nächsten Jahrzehnt täglich aufs
Haupt

die sich dreimal hintereinander erfolglos die Pulsadern aufschnitten, es
aufgaben und gezwungen waren, Antiquitätenläden zu eröffnen, in
denen sie alt zu werden glaubten und weinten

die in ihren unschuldigen Flanellanzügen auf der Madison Avenue leben-
dig verbrannt wurden, im Feuerstoß bleierner Fabrikverse & im
Panzergerassel eiserner Moderegimenter & im Dynamitgekreisch
schwuler Werbefachleute & im Tränengas finsterer kluger Verleger
oder die von den trunkenen Taxen der absoluten Wirklichkeit überrollt
wurden

die sich von der Brooklyn Bridge stürzten, das ist wirklich passiert, &
unerkannt und vergessen in der gespenstischen Umnachtung der
suppenduftenden Straßen und Feuerlöschzüge China Towns
verschwanden, wo sie nicht ein einziges Bier ausgegeben bekamen

die verzweifelt aus ihren Fenstern sangen, aus dem U-Bahnfenster
fielen, in den verdreckten Passaic sprangen, sich auf Neger stürzten,
die Straße langjammerten, auf zerbrochenen Weingläsern barfuß
tanzten, nostalgisch-europäische Schallplatten mit deutschem 30er-
Jahre-Jazz zerschlugen, den Whisky austranken und ächzend ins
blutige Klosett spieen, Stöhnen im Ohr und den Stoß kolossaler
Fabrikpfeifen

die über die Highways der Vergangenheit brausten, um sich gegenseitig
ihre Halbstarken-Golgathas, die Gefängnisse ihrer einsam durchwach-
ten Nächte oder das Birmingham ihrer Jazz-Auferstehung zu zeigen

die in 72 Stunden quer durchs Land fuhren um herauszufinden, ob ich
eine Vision hatte oder du eine Vision hattest oder er eine Vision hatte,
die Ewigkeit zu finden

die nach Denver fuhren, die starben in Denver, nach Denver zurück-
kehrten zu vergeblichem Warten, die wachten in Denver und einsam
starrten in Denver und endlich gingen, die Zeit zu erfragen, und jetzt
vermißt Denver seine Helden

die in Kathedralen ohne Hoffnung auf die Knie fielen und füreinander
beteten um Erlösung und Licht und Brüste, bis ihre Seele sich für einen
Moment einen Heiligenschein aufs Haar setzte

die im Gefängnis mit ihren Hirnen die Schallmauer durchbrachen, wo sie
auf unmögliche Verbrecher mit goldenen Köpfen und dem Zauber der
Realität im Herzen warteten, die einen wehmütigen Blues auf Alcatraz
singen würden

die sich nach Mexiko zurückzogen, eine Gewohnheit zu pflegen, oder
nach Rocky Mount zum sanften Buddha oder nach Tanger zu Knaben
oder zur schwarzen Lokomotive der Southern Pacific oder nach
Harvard zu Narzißmus und Woodlawn und Ringelpiez oder ins Grab

die dem Radio hypnotische Praktiken vorwarfen und Zurechnungsfähig-
keitsverfahren verlangten und am Ende dastanden mit ihrer Geistes-
verwirrung und ihren Händen und unentschiedenen Geschworenen

die in Dadaismus-Vorlesungen am City College von New York die Vor-
tragenden mit Kartoffelsalat bewarfen und anschließend auf den
Granitstufen der Irrenanstalten mit rasierten Köpfen und von Selbst-
mord faselndem Wortsalat erschienen und sofortige Lobotomie ver-
langten

denen stattdessen gegeben wurde die konkrete Leere von Insulin,
Metrasol, Elektroschock, Hydrotherapie, Psychotherapie, Beschäfti-
gungstherapie, Ping Pong und Amnesie

die in humorlosem Protest dagegen nur eine symbolische Tisch-
tennisplatte umwarfen und kurz in Katatonie verharrten

um Jahre später zurückzukehren, wirklich kahl, bis auf eine Perücke aus
Blut & Tränen und Fingern ins sichtbare Verderben der Verrückten in
den geschlossenen Anstalten der Wahnsinnsstädte des Ostens

in die stinkenden Hallen Rocklands und Greystones im Pilgerstaat
Massachussetts in denen sich die Echos der Seele brechen, schwan-
kend und schlingernd im Grabmalreich der Liebe auf einsamen mitter-
nächtlichen Parkbänken, der Liebestraum ein Alpdruck, steingeworde-
ne Körper, schwer wie der Mond

mit Mutter endlich *** und das letzte tolle Buch aus dem Mietskasernen-
fenster geschleudert und die letzte Tür um 4 Uhr morgens zugemacht
und das letzte Telefon als Antwort gegen die Wand geknallt und das
letzte möblierte Zimmer leergeräumt bis aufs letzte Stück des geistigen
Inventars, eine gelbe Papierrose um einen Drahtbügel im Wand-
schrank gewunden und selbst das imaginär, nichts als ein hoffnungs-
volles kleines bißchen Halluzination -

ach Carl, solange du nicht in Sicherheit bist, bin ich es auch nicht und
jetzt bist du wirklich im totalen tierischen Sumpf der Zeit -

und die deshalb durch die eisigen Straßen rannten, besessen von einer
plötzlichen Einsicht in die alchemistische Anwendung der Ellipse, des
Katalogs, des Zollstocks und vibrierenden Hobels

die träumten und leibhaftige Breschen in Raum und Zeit schlugen mit
nebeneinander erstehenden Bildern, den Erzengel der Seele zwischen
zwei visuellen Vorstellungen einfingen, die elementaren Verben ver-
banden, Substantiv und Trennungsstrich des Bewußtseins vereinten,
außer sich im Empfinden des Pater Omnipotens Aeterna Deus

um Syntax und Versmaß der verarmten menschlichen Prosa neu zu
schaffen und vor euch zu stehen, sprachlos und intelligent und zitternd
vor Scham, zurückgewiesen & doch offen ihre Seele bekennend, um
einzustimmen in den Rhythmus der Gedanken in ihrem nackten und
grenzenlosen Gehirn

das Metrum der Verrückten, Gammler und Engel, unbekannt und doch,
hier festhaltend was noch zu sagen übrigbleiben mag in der Zeit nach
unserem Tod

und sind auferstanden im Geistergewand des Jazz im goldenen Schat-
ten der Blasorchester und stießen des nackten amerikanischen
Geistes quälende Sehnsucht nach Liebe in einem eli eli lamma lamma
sabacthani Saxophonschrei aus, der die Städte bis aufs letzte Radio
erzittern ließ

und das Urherz des Lebensgedichts ward ihnen aus dem Leib gerissen,
um eßbar zu bleiben tausend Jahre lang

Welche Sphinx aus Aluminium und Zement schlug ihnen die Schädel auf
und fraß daraus ihr Hirn und ihre Phantasie?

Moloch! Einsamkeit! Dreck! Häßlichkeit! Mülltonnen und unerschwing-
liche Dollars! Schreiende Kinder unter den Treppen! Schluchzende
Jungs beim Militär! Alte Männer weinend im Park!

Moloch! Moloch! Alptraum von Moloch! Moloch der Lieblose! Mentaler
Moloch! Moloch harter Richter über die Menschen!

Moloch das unbegreifliche Gefängnis! Moloch das gnadenlose Zucht-
haus unter der Totenkopfflagge und Kongress der Ängste! Moloch
dessen Gebäude die Urteile sind! Moloch der riesige Stein des Krie-
ges! Moloch die handlungsunfähigen Regierungen!

Moloch dessen Denken nur maschinell ist! Moloch in dessen Adern Geld
fließt! Moloch dessen Finger zehn Armeen sind! Moloch dessen Herz
ein kannibalischer Dynamo ist! Moloch sein Ohr ein rauchendes Grab!

Moloch dessen Augen tausend blinde Fenster sind! Moloch dessen
Hochhäuser in den langen Straßen wie ewige Jehovas stehen! Moloch
dessen Fabriken träumen und krächzen im Nebel! Moloch dessen
Schornsteine und Antennen die Städte krönen!

Moloch dessen Liebe ein Meer von Öl und Steinen ist! Moloch dessen
Seele aus Strom und Banken besteht! Moloch dessen Armut das
Gespenst des Genius ist! Moloch dessen Schicksal eine Wolke
geschlechtslosen Wasserstoffs ist! Moloch dessen Name Verstand!

Moloch in dem ich einsam sitze! Moloch in dem ich mir Engel erträume!
Verrückt im Moloch! Ungeliebt und ohne Mann im Moloch!

Moloch der früh in meine Seele eindrang! Moloch in dem ich ein Bewußt-
sein ohne Körper bin! Moloch der mich aus meiner natürlichen Ekstase
schreckte! Moloch von dem ich mich lossage! Wach auf im Moloch!
Licht strömt aus dem Himmel herab!

Moloch! Moloch! Roboterwohnungen! unsichtbare Vorstädte! Schatz-
kammern voller Skelette! blindes Kapital! dämonische Industrien!
gespenstische Nationen! unbesiegbare Irrenhäuser! Schwänze aus
Granit! monströse Bomben!

Sie brachen sich das Kreuz als sie Moloch zum Himmel hoben! Bürger-
steige Bäume Radios, tonnenschwer! Sie hoben die Stadt zum Himmel
empor, der wirklich existiert und uns überall umgibt!

Visionen! Omen! Halluzinationen! Wunder! Ekstasen! alles den amerika-
nischen Bach runter!

Träume! Anbetungen! Erleuchtungen! Religionen! die ganze Schiffs-
ladung gefühlvoller Scheiße!

Durchbrüche! im Fluß gelandet! Ausraster und Kreuzigungen! fortgespült
mit der Flut! Höhenflüge! Erscheinungen! Verzweiflung! Animalische
Schreie und Selbstmorde aus zehn Jahren! Kluge Köpfe! Neue Lieb-
schaften! Verrückte Generation! gestrandet an den Felsen der Zeit!

Echtes heiliges Gelächter im Fluß! Sie haben alles gesehen! die wilden
Augen! die heiligen Schreie! Sie sagten Lebwohl! Sie sprangen vom
Dach! in die Einsamkeit! winkend! Blumen in der Hand! Hinunter zum
Fluß! raus auf die Straße!

Carl Solomon! Ich bin bei dir in Rockland
wo du verrückter bist als ich

Ich bin bei dir in Rockland
wo du dir sehr seltsam vorkommen mußt

Ich bin bei dir in Rockland
wo du den Schatten meiner Mutter nachahmst

Ich bin bei dir in Rockland
wo du deine 12 Sekretäre ermordet hast

Ich bin bei dir in Rockland
wo du über diesen unsichtbaren Humor lachst

Ich bin bei dir in Rockland
wo wir große Schriftsteller sind auf derselben schrecklichen Schreib-
maschine

Ich bin bei dir in Rockland
wo dein Zustand ernst geworden ist und im Radio durchgegeben wird

Ich bin bei dir in Rockland
wo die Fakultäten der Schädel die Würmer der Sinne nicht länger
zulassen

Ich bin bei dir in Rockland
wo du den Tee aus den Brüsten der alten Jungfern von Utica trinkst

Ich bin bei dir in Rockland
wo du die Gestalten deiner Pflegerinnen als die Harpyien der Bronx
verhöhnst

Ich bin bei dir in Rockland
wo du in deiner Zwangsjacke schreist, daß du das entscheidende
Tischtennisspiel am Rande des Abgrunds verlierst

Ich bin bei dir in Rockland
wo du auf das katatonische Klavier hämmerst: die Seele ist unschuldig
& unsterblich & sollte nicht gottlos in einem gepanzerten Irrenhaus
draufgehn

Ich bin bei dir in Rockland
wo auch weitere 50 Schockbehandlungen deine Seele nicht wieder in
ihren Körper zurückbringen werden von ihrer Pilgerfahrt zu einem
Kreuz in der Leere

Ich bin bei dir in Rockland
wo du deine Ärzte der Geistesverwirrung anklagst und die hebräisch-
sozialistische Revolution gegen das faschistische nationale Golgatha
anzettelst

Ich bin bei dir in Rockland
wo du die Himmel über Long Island spalten wirst & deinen lebenden
menschlichen Jesus aus dem übermenschlichen Grab auferstehen läßt

Ich bin bei dir in Rockland
wo 25.000 verrückte Kameraden alle zusammen die letzten Strophen
der Internationale singen

Ich bin bei dir in Rockland
wo wir unter unseren Bettdecken die Vereinigten Staaten an uns
drücken und küssen, die Vereinigten Staaten, die die ganze Nacht
husten und uns nicht schlafen lassen

Ich bin bei dir in Rockland
wo wir von den Flugzeugen unserer eigenen Seelen wie elektrisiert aus
dem Koma aufgeschreckt werden, die donnernd übers Dach fliegen
und gekommen sind, engelgleiche Bomben abzuwerfen, das Kranken-
haus erstrahlt von selbst in festlicher Beleuchtung imaginäre Wände
stürzen ein O magere Legionen rennen nach draußen O Sternenban-
nerschock der Gnade, der ewige Krieg ist da O Sieg, vergiß jetzt deine
Unterwäsche, wir sind frei

Ich bin bei dir in Rockland
in meinem Träumen wanderst du triefnass von einer Seereise auf der
Straße quer durch Amerika weinend zur Tür meiner Hütte im nächtli-
chen Westen


Fußnote zu ‚HOWL‘

Heilig! Heilig! Heilig! Heilig! Heilig! Heilig! Heilig! Heilig! Heilig! Heilig!
Heilig! Heilig! Heilig! Heilig!

Die Welt ist heilig! Die Seele ist heilig! Die Haut ist heilig! Die Nase ist
heilig! Zunge und Schwanz und Hand und Arschloch heilig!

Alles ist heilig! Alle sind heilig! überall ist heilig! jeder Tag ist in Ewigkeit!
Alle sind Engel!

Der Gammler ist so heilig wie der Seraphim! Der Verrückte ist heilig, wie
du, meine Seele heilig bist!

Die Schreibmaschine ist heilig das Gedicht ist heilig die Stimme ist heilig
die sie hören sind heilig die Ekstase ist heilig!

Heilig Peter heilig Allen heilig Solomon heilig Lucien heilig Kerouac heilig
Huncke heilig Burroughs heilig Cassady heilig die namenlosen ge-
schundenen und leidenden Bettler heilig die abscheulichen menschli-
chen Engel!

Heilig meine Mutter im Irrenhaus! Heilig die Schwänze der Großväter in
Kansas!

Heilig das stöhnende Saxophon! Heilig die Be-Bop-Apokalypse! Heilig
Jazzbands Marihuana Hipster Frieden und Drogen und Trommeln!

Heilig die Einsamkeit von Wolkenkratzern und Gehsteigen! Heilig die
Cafeterias wimmelnd von Millionen! Heilig die geheimnisvollen Tränen-
ströme unter den Straßen!

Heilig der einsame Götze! Heilig das riesige Mittelklasselamm! Heilig die
verrückten Schafhirten der Rebellion! Wer auf Los Angeles steht IST
Los Angeles!

Heilig New York Heilig San Francisco Heilig Peoria und Seattle Heilig
Paris Heilig Tanger Heilig Moskau Heilig Istanbul!

Heilig die Zeit in Ewigkeit heilig die Ewigkeit in der Zeit heilig die Uhren
im All heilig die 4. Dimension heilig die 5. Internationale heilig der Engel
im Moloch!
Heilig die See heilig die Wüste heilig die Eisenbahn heilig die Lokomotive
heilig die Visionen heilig die Halluzinationen heilig die Wunder heilig der
Augapfel heilig der Abgrund!

Heilig Vergebung! Gnade! Nächstenliebe! Glaube! Heilig! unser! Körper!
Leiden! Großmut!

Heilig die übernatürliche extrabrilliante intelligente Güte der Seele!“

San Francisco 1955/56


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mein LOVEMANTRA für Dich!
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© 2015 Bruno Schulz
bit.ly/derbrunoschulz
www.brunoschulz.de
© motiv: Alan Ginsberg
> mehr Aphorismen:
bit.ly/brunophorismen
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"Bruno Schulz ist einundfünfzig Jahre alt und Vater eines Sohnes. Er hat Innenarchitektur studiert und einiges Geisteswissenschaftliche. Nach einigen Stationen in Deutschland, Europa, in Asien und in Afrika arbeitet er als Designer, Texter und Moderator. Mit seiner Agentur schulzundtebbe (www.schulzundtebbe.de) entwickelt und pflegt er Marken. Er liebt und lebt das Storytelling und schreibt immer und leidenschaftlich, ob Essays, Short Stories oder Reiseberichte. Oft geht es dabei um die Liebe, das Leben, Genuß und Kultur. Und um Frauen, natürlich."
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Ich freue mich über ausgewählte Verlagskontakte.
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Danke
Bruno  
  
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Alan Ginsberg

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