2. November 2015 ... "Vona" ist hoffen auf Isländisch 25

„I still don't know why, exactly, but I do think people can have a spiritual connection to landscape, and I certainly did in Iceland.“  

Das ist ein Zitat der australischen Autorin Hannah Kent. Sie ist Jahrgang 1985 und hat mal als Siebzehnjährige selbst in Island gelebt. In einem Austauschprogramm für Schüler. Es ist ein weiter Sprung von Adelaide nach Reykjavik. Und das nicht nur in Meilen. Auch auf dem Thermometer. Und ganz sicher auch spirituell. Im April 2013 erschien ihr Erstlingswerk „Burial Rites“. Die Geschichte von Agnes Magnúsdóttir. Eine Geschichte aus dem Jahr 1829, die in Island nahezu jedem bekannt ist: Schicksal, Armut, Liebe, Mord und Lüge. Der Hintergrund ist authentisch. Die Magd Agnes hat zwei Männer grausam ermordet und wurde dafür als letzter Mensch auf Island hingerichtet. 1830. Geköpft. Ein finsteres Stück. „Burial Rites“ ist inzwischen in zwanzig Ländern erschienen. Auf Deutsch lautet der Titel „Das Seelenhaus“. Die Auszeichnungen sind zahllos und die Filmrechte hat Gary Ross sich gesichert. Der hat zuletzt „Die Tribute von Panem“ realisiert. Ein Hollywoodschwergewicht. Für die Hauptrolle ist keine Geringere als die Oscarpreisträgerin Jennifer Lawrence vorgesehen. Das gibt Hannah Kent die wundervolle Freiheit, sichkünftig ausschließlich dem Schreiben widmen zu können. Und hoffentlich weiterhin ihre eigene Literaturzeitschrift zu publizieren: 'Kill Your Darlings‘.

Warum ich das erzähle? Nun, „Burial Rites“ steckt in meinem Handgepäck. Als „Seelenhaus“. Also in der Übersetzung ins Deutsche von Leonie Reppert-Bismarck. Das macht es mir leichter, ein- und durchzusteigen.  Und daneben „The Travels of Reverend Ólafur Egilsson“. Auch das ist eine große, isländische Geschichte. Die hatte ich mir in Island bestellen müssen, weil sie ansonsten weltweit vergriffen ist. Ich habe sie schon ein paarmal gelesen und schaue doch immer wieder hinein. Bearbeitet und zeitgemäß übersetzt von Karl Smári Hreinsson and Adam Nichols. Gepresst in ein schlankes Paperback, wo sie doch so viel mehr Raum verdient hätte. In Worten und Gedanken. Stoff für das große Drama. Vielleicht habe ich ja eines Tages die Chance dazu. Die Muße und die Fähigkeiten. Ich taste mich ran. Schritt für Schritt.

Bing. Destination KEF. Icelandair nach Reykjavik Keflavik International Airport. Das war 2014 the „Best Airport in Europe“. Sagen sie. Ich bin gespannt. Bin aufgeregt. Spiele an meinem Smartphone, scrolle durch meine Musiklisten, durch die Bilder, Nachrichten und Mails und bleibe doch immerwieder hängen:

„Lieber Bruno,

es ist soweit. Ich komme Dich holen. Montag Nachmittag. Um Sechzehnuhrzehn, Flug FI521 von Frankfurt. Das ist doch richtig, ja? Ich werde da sein. Ich freu mich so. So sehr. Wir bleiben Montag in Reykjavik. Du wirst ganz sanft landen. Ich habe uns ein Zimmer reserviert. Hotel 101. Du wirst es lieben. Und dann lernst Du noch die isländische Küche kennen. So fein und wunderbar. Ja, das gibt es. „Dill“ heisst das Restaurant. Dort werden wir essen. Bei Gunnar Karl Gíslason. Uns feiern. Erinnerst Du Dich an „North“? Das ist sein Kochbuch. „North“, Ich hatte es Dir geschickt, um Dir ein bisschen Appetit zu machen. Magst Du das? Ich bin so gespannt.
Wir fahren am Mittwoch früh nach Heimaey. Vorstellen müssen wir uns da erst nachmittags. Im Innovationsbüro. Bei Kristin Johannsdottir. Sie will uns zusammen kennenlernen. Und mit uns sprechen. Über die Ernsthaftigkeit ihres Projekts „1 Jahr Heimaey“. Ein Interview machen. Es sind nur noch 3 Paare im Rennen. Und wir sind dabei. Wir bleiben dabei? Ich wünsche es mir so sehr.

Ich drücke Dich. Feste.
Bis gleich …
Vona.“

„Vona“ ist hoffen auf Isländisch …“

5. Dezember 2014 ... "Vona" ist hoffen auf Isländisch 24

„… die größte Kunst, die man im Leben lernen muß, ist die Wiedergutmachung von Irrtümern. Eines der Mittel ist, sie einzugestehen.“ // Herman Melville

Vor allen und vor allem sich selbst, denn der aufgeklärte Irrtum ist die Wiege der eigenen Wahrheit. Dieser Weg braucht bewusste Entscheidungen, viel Mut und kostet eine Menge Kraft. Die aufrichtige Sicht auf die persönliche Herausforderung im Wechsel der subjektiven Blickwinkel und Blickweisen. Das Drehen um die eigene Sache. Der Lohn sind Gleichgewicht, Ruhe und Perspektive. Eine innere Ordnung mit Ausblicken. Vielleicht ähnlich den strengen, japanischen Steingärten mit ihrer meditativen Kraft und in starken Momenten ein wenig Unendlichkeit.

Ja Vona, wir wollen es versuchen. Ich freue mich sehr.
B.

„Vona“ ist hoffen auf Isländisch.

3. Dezember 2014 ... "Vona" ist hoffen auf Isländisch 23

„Sei nicht allzu ängstlich, was Deine Handlungen angeht. Das ganze Leben ist ein Experiment. Je mehr Experimente du anstellst, desto besser. Und was ist, wenn es etwas rauh zugeht und du dir dabei die Kleider schmutzig machst oder zerreißt? Was, wenn du stolperst und gelegentlich in den Dreck fällst? Raffe dich wieder hoch, habe nie Angst davor zu stürzen.“ // Ralph Waldo Emerson

„Ehrliche Experimente lügen nie. Ehrliche Experimente entzaubern  Hypothesen. Und echtes Leben ist jetzt.“ // Bruno


Bruno,

Weihnachten bis Neujahr? „Zwischen den Jahren.“ Du und ich? Wollen wir uns versuchen? Nicht hier bei mir und auch nicht bei Dir. Nicht Island, nicht Deutschland. Keine Großstadt und keine Flucht in den Süden. Ein Laborversuch. Ehrliche Verhältnisse. Alles wie in echt?

Kennst Du „Biosphere 2“? Hast Du mal davon gehört? Darüber gelesen? Das war ein großes Labor in Arizona in den USA. Sie haben es 1991 gebaut. Mit dem Ziel, ein von der Außenwelt unabhängiges Ökosystem zu schaffen. Ursprünglich war das mal so geplant, dass es sich selbst erhalten sollte. Die haben da geübt, um vielleicht einmal andere Planeten besiedeln zu können. Ein total interessantes Experiment. Auch menschlich. Es ist gescheitert. Leider. Aber immerhin, sie haben es versucht. Und man kennt heute die Probleme und Herausforderungen. Auch zwischenmenschlich. Lösen kann man das wahrscheinlich noch immer nicht. Oder doch? Man wird es vermutlich noch einmal ausprobieren müssen. Wenn man das will.

Auch ich glaube fest daran, dass man nichts gewinnen kann, wenn man nicht mal etwas wagt. Scheitern bedeutet wiederaufstehen. Mehr nicht. Jedenfalls nicht so viel mehr. Wollen wir „Biosphere 3.0“ wagen? Island? 365 Tage Heimaey „in klein“? Als Laborversuch in 7 Tagen, mehr oder weniger? Wenn eine Woche nicht funktioniert, brauchen wir über die lange Distanz nicht nachzudenken. Ich hätte da eine Idee.

Freunde meiner Mutter haben ein Häuschen in Dänemark. Nichts großes. Nichts besonderes. Eine Hütte aus Holz. Mit Ofen. Direkt in den Dünen. Westküste. Ganz im Norden. Im Winter ist da weniger los als auf dem Mars. Vielleicht ein bisschen wie hier auf meiner Insel. Auf den Vestmannaeyjar. Wenn Du auf der Karte nachsehen magst, der Ort heisst Løkken. Das liegt in Nordjylland. Ich habe gefragt. Wir dürfen das Häuschen haben, Heimaey versuchen. Biosphere. Unser Experiment mit Tagebuch? Wollen wir? Willst Du? Warme Socken hast Du ja.

Wollen wir uns in Aalborg verabreden? Am Flugplatz? Von dort ist es nur noch ein Katzensprung. Am 23. Dezember? Mittags.

Ach, sag doch einfach ja.
Vona


„Vona“ ist hoffen auf Isländisch.

 

9 Fragen an Lilja Elin "Vona" Minervudottir

... auf einen Caffè mit Lilja:

9 Fragen an Lilja Eiin "Vona" Minervudottir.
Nichts muss. Alles kann:

• Was ist "zuhause“?
• Was magst Du?
• Was tust Du?
• Was beschäftigt Dich?
• Wie reist Du?
• Was ist "Glück“?
• Was ist "Erfolg"?
• Hast Du "einen Traum“?
• Was ist "Liebe"?

• Was ist "zuhause“?
Mein Zuhause ist der Anfang. Der Anbeginn von allem und der Anfang im kleinen. Neues Land und Neuland. Geburt und Flucht, Flucht aus der Heimat, Flucht in die Welt, Flucht in die Heimat. Ein Kreislauf, eine Reise, ein Ankommen. Aber auch ein Neubeginn. Jeden Tag und jede Nacht. Feuer, Wasser, Steine, Erde, Eis. „Die schönste Insel der Welt ruht tief in mir selbst“ (Roswitha Bloch).

• Was magst Du?
ich mag es, „jeden Tag still zu sitzen und auf die Dinge zu lauschen. Auf die Melodie des Lebens zu achten, die in mir schwingt“ (Buddha). Und Apfelkuchen. Mit Sahne. Vanillesahne. Und meine Lieblingsmenschen.

• Was tust Du?
Atmen. Loslassen. Spüren. Genießen. Innehalten. Schreiben.

• Was beschäftigt Dich?
Ich beschäftige mich mit dem Mosaik meiner Gegenwart. Es ist kein Puzzle. Soviel habe ich gelernt. Denn Puzzles sind vorbestimmt und haben immer nur eine begrenzte Zahl an Teilen. An Möglichkeiten. Alles muss passen und es gibt keinen Spielraum. Ein Mosaik ist anders. Es kann mal grober werden und mal feiner, es darf unvollendet bleiben und sich immer entwickeln. Es bleibt unklar wie sich die Dinge ergeben, es bleibt spannend … jederzeit.

• Wie reist Du?
Bisher und bis hierher bin ich rastlos gereist. Ich wollte unterwegs sein, um nicht ankommen zu müssen. Ich wusste nicht wohin. Ob mit dem Flugzeug, dem Schiff, der Eisenbahn, dem Auto, oder in mir selbst. Und in meinen Träumen. Heute mag ich das langsame reisen, am liebsten das gehen. „Den Puls des eigenen Herzens fühlen. Ruhe im innern, Ruhe im äußern. Wieder Atem holen lernen, das ist es" (Christian Morgenstern).

• Was ist "Glück“?
„Es gibt keinen Weg zum Glück. Glücklichsein ist der Weg“ (Buddha) … und Schokolade! Dem habe ich nichts hinzuzufügen.

• Was ist "Erfolg"?
Ich finde meine Erfolge auf meinem Weg der kleinen Schritte. Sie sind die zuverlässigen Wegweiser zur Zufriedenheit. Zur Gelassenheit. Ihr Rhythmus ist die Melodie meines Glücks.

• Hast Du "einen Traum“?
Lieber Bruno, mein immer wiederkehrender Traum ist Kind eines Deiner Lieblingszitate. Es lässt mich nicht mehr los; Buddha sagt: „Unser ganzes Dasein ist flüchtig wie Wolken im Herbst; Geburt und Tod der Wesen erscheinen wie Bewegung im Tanz. Ein Leben gleicht dem Blitz am Himmel, es rauscht vorbei wie ein Sturzbach den Berg hinab." Es ist endlich, aber auch tröstlich. Es setzt ins Verhältnis und versöhnt dich. Es bietet Hoffnung …

• Was ist "Liebe"?
Ich bin Liebe. Du bist Liebe. Liebe ist alles, jederzeit und überall. Wenn Du sie zulassen und annehmen kannst. „Liebe kann man nicht suchen. Liebe passiert“ (Birgit Ramlow). Und ein Paar warme Socken.

Danke Lilja

>>> mehr Stoff gibt es hier: bit.ly/aufeinencaffe

18. November 2014 ... "Vona" ist hoffen auf Isländisch 22

„Þú komst við hjartað í mér“

Den hatte ich fast vergessen: ein gefalteter Zettel. Schönes Papier. Sieht aus wie handgeschöpftes Bütten. Mit einem einfachen, groben Faden an eine Sicherheitsnadel geknotet. An meinen handgestrickten Geburtstagssocken befestigt. Ich mag das. Sehr.

Isländisch sieht fremd aus. 32 Buchstaben gibt es da. Es gibt kein C, kein Q und auch kein W. Und ein Z haben sie auch nicht. Das haben sie abgeschafft. In den 70ern. Bis auf die Pi“zz“a, weil die sonst Pi“ss“a heissen würde. Und das bedeutet pinkeln. Nicht sehr appetitlich. Das „Þ“ spricht man aus wie ein hartes, englisches „th“. Wie in „thing“ zum Beispiel. Das „ú“ kommt wie ein deutsches „u“. Das „ð“ erinnert an das stimmhafte, englischen „th“ in „this“. Das „é“ mit dem Akzent wird „jä“ gesprochen. Und es gibt noch eine Menge andere Extras, die wir aber für unsere Botschaft hier nicht unbedingt brauchen. Vielleicht noch, dass die Isländer grundsätzlich auf der ersten Silbe betonen. Die Sprache hat sich  in den vergangenen tausend Jahren kaum verändert. Man kennt auf Island keine Dialekte. Dreihunderttausend Menschen können sich mit ihr verständigen und bewahren mit ihr eine eigene kulturelle Identität. Bis heute versucht man ganz erfolgreich, Fremdworte abzuwehren. Ganz so wie das berühmte gallische Dorf es mit den Römern macht.

Um das reine Isländisch kümmert sich seit 1779 die „Isländische Gesellschaft der gelehrten Künste“ und seit 1964 auch das „Isländische Sprachkomitee“, die zudem auf die Namensgebung der Isländer achten. Ich hatte schon eine Diskussion mit Vona darüber, die eigentlich gar nicht Vona heißt: Lilja Elín Mínervudóttir. Im Café Paris. In Hamburg. Ganz am Anfang.  

Großartig finde ich die neuen Wortkreationen, die immer dann nötig werden, wenn die Sprache mit der Entwicklung standhalten muss. Das macht dann aus einem „Computer“ eine „Zahlenseherin“, aus dem Laptop eine „Schoßzahlenseherin“ oder aus „Software“ eine „Gedankenausrüstung“. Jeder Isländer kann bei dem Komitee Vorschläge einreichen, die dann geprüft werden und manchmal umgesetzt. Ich wünsche Island viel Glück mit diesem ungewöhnlichen, eigenwilligen, sympathischen Weg. Auch wenn ich auf Dauer ein bisschen schwarz sehe.

 Ok, ich versuche aufzulösen, den Satz auf dem Zettel aufzusagen … und scheitere kläglich. Ich habe kein Gefühl für Aussprache und Klang. Aber wie auch. Mir fehlt das Beispiel. Und die Übung. Ich werde es mir vorsprechen lassen. Am liebsten öfter. Immerwieder. Denn der Satz ist der wunderbare Refrain aus einem isländischen Liebeslied und bedeutet: „du hast mein Herz berührt“. Was kann ich tun Vona, dass Du mir das immerwieder sagen magst? Aus ganzem Herzen …

„Vona“ ist hoffen auf Isländisch.

12. November 2014 ... "Vona" ist hoffen auf Isländisch 21

Es ist einer dieser diesigfeuchtkalten Novembertage. Frühe Dämmerung. Nieselig. Sprühend. So wie eine defekte Herbstspraydose, die immerwieder unkontrollierte Tropfen rauskleckert. Die Wischer sind zu schnell oder zu langsam. Nie richtig eingestellt. Nervige rote Schlieren laufen, schmieren auf der Frontscheibe. Projektionen ständig aufflackernder Bremsleuchten. Müde Augen machen das nicht besser. Ich war ein paar Tage unterwegs, kreuz und quer. Privater Ausflug und beratende Visiten. Wilde Mischung. Und nun schleppe ich mich erschöpft nachhause durch die üblichen Feierabendstaus auf den Rhein-Main-Strecken. Stop and go and stop and go and stop and go … ich bin zu erschöpft, um mich wirklich aufzuregen. Und wie immer ein wenig gefühlskatrig wenn es zurück geht. Wenn das System runtergefahren wird. Das passiert ja nicht erst beim Aufschliessen der Haus- und Wohnungstür. Ein paar Stunden Heimreise sind wie eine ansteigende Kurve in die Maximalkonfrontation mit der persönlichen Realität von Leere. Nicht dass man das nicht aushalten kann. Ich habe mich längst arrangiert. Aber will man das? Auf Dauer?

Schnell noch in den Supermarkt. Ein paar Basics: Brot, Radieschen, Käse, Tomaten, dies und das. Ein Riesling liegt schon daheim im Kühlschrank und wenn ich mich ganz stark konzentriere, höre ich ihn fast schon ein bisschen betteln. Weil er aus der Flasche will. Ganz die bezaubernde Jeannie. Hab ich einen Wunsch frei? Na hoffentlich.

Zurück im Heim, klingelt es an der Wohnungstür: Elaine! Meine zauberhafte Nachbarin hat in meiner Abwesenheit etwas angenommen. Dankeschön - wie gehts - gut und euch - achja - liebe Grüße. Das Leben ist ein ruhiger, langer Fluss. Hat was. Bin ich neidisch? Manchmal, vielleicht, ein bißchen.

Elaine tanzt schon wieder die Treppen herunter - bis bald - und ich in meine Küche. Dort öffne ich das Päckchen mit dem Brotmesser. Absender: Vona. Punkt. Obenauf gebettet ein Brief. Darunter ein paar Socken. Handgestrickte Liebe. In wilder Farbe. Wildem Muster. Wild und wunderbar. Ich liebe handgestrickte Socken. Die sind vor ein paar Jahren zusammen mit den letzten alten Tanten aus meinem Leben ausgezogen. Schade. Traurig. Bis heute. Ab heute ist es wieder da und ich hatte es beinahe schon drangegeben: dieses großartige Gefühl, dass da jemand Socken für mich strickt. Sich Mühe gibt. Nur für mich. Mit Herz und Hand. Wärmende Unikate bar jeglicher, stumpfer Uniformität. Fast ein bißchen anarchistisch. Und gerne ohne Bündchen. So wie diese hier. Wollener Blaubeerquark. Grob gerührt. Und grob gestrickt. Traumhafte Farbassoziationen. Ich streife sie sofort über. Sie passen wie angegossen. Ich möchte diese Strümpfe nie mehr ausziehen.

Der Brief.
„Lieber Bruno. Herzlichen Glückwunsch zu Deinem Geburtstag. Mögen alle Deine Wünsche in Erfüllung gehen. Und damit Du in Deinen Gedanken viel Raum für viele schöne Dinge haben kannst, brauchst Du warme Füße. Gerade jetzt im Herbst, im November. Unbedingt! Wie kann man mit kalten Füßen schöne Gedanken haben? Kaum. Es ist also ganz und gar nicht uneigennützig, dass ich Dir mit meinem Herzblut diese Socken gestrickt habe, die Du in diesem Moment wenn Du das hier liest vielleicht schon trägst. Sie sind aus guter isländischer Wolle von Isländischen Schafen. Die Wikinger haben die vor tausendzweihundert Jahren hierhergebracht. Eine reine Rasse. Sie leben immer draußen und die isländischen Winter sind hart. Deine Socken halten warm. Unsere Schafe haben zwei Sorten Wolle: das Deckhaar „Tog“ und die Unterwolle „Thel“. Aus dem Tog kann man haltbare Kleidung weben. Sachen, die man direkt auf der Haut tragen kann, werden aus Thel gestrickt. So wie Deine Socken. Tog und Thel werden zusammen zu einem leicht gedrehten Garn gearbeitet. Wir nennen das Lopi. Das gibt es nur aus der Wolle von Islandschafen und daraus werden hier die Pullover gemacht. Aber das dauert noch ein bisschen. Lieber stricke ich Dir davor noch einen bunten Schal. Zu Weihnachten. Der Dich an mich denken lässt. Und an unser Projekt. Hier auf Heimaey. Eine wolligweiche, wärmende Verbindung. So und so. Unsere Verbindung. Von Herz zu Herz. Auf bald.

In Liebe
Vona“

Sprachlos. Seufzend. Tränchen.
Glück ist Warme Füsse.

„Vona“ ist hoffen auf Isländisch.

29. Oktober 2014 ... "Vona" ist hoffen auf Isländisch 20

Liebe Vona,

jetzt bin auch ich auf einer Insel. Fuerteventura. Die zweitgrößte der Kanaren. Es ist nicht meine Insel, aber hier kann ich ein bisschen auskuppeln, die Zeit anhalten, üben, nachdenken. Karg ist sie. Das schont die Wahrnehmung. Die Sinne finden Ruhe. Weniger Strapaze. Es entstehen Freiräume.

Auch der Ursprung von Fuerteventura ist vulkanisch. Ein unfruchtbarer Fels im Atlantik. Aber im Verhältnis zu Deiner Heimat bietet das Klima hier echte Marscherleichterung. Bald 25 Grad Tagestemperatur im Jahresdurchschnitt. Der Atlantik hat hier über 20 Grad und wir haben schon November. Ich schwimme jeden Tag darin. 120 km westlich vor Marokko. Und auch darin gibt es eine Verbindung zu Deiner Heimat. Denn in Marokko verbrachte "Murat Reis der Jüngere" seine letzten Jahre und dort starb er, 1641. Murat Reis, der blonde Araber, Piratenkapitän an der nordafrikanischen Küste und im Mittelmeer. Auch auf Fuerteventura machte er immerwieder Station. Er hatte sich im frühen 17. Jahrhundert bis nach Island gewagt und von dort 242 Menschen entführt, um sie auf dem Sklavenmarkt von Algier zu verkaufen. Die meisten von ihnen stammten von Heimaey, Deiner Heimat. Deine Leute. Die wenigsten kehrten zurück. Ich habe ein Buch dazu gelesen und auch etwas darüber geschrieben. Vor ein paar Wochen. Auf Deinen Hinweis. Deine Initiative. Auf Fuerteventura herrschte in jenen Tagen der Herrera-Clan. Sie waren die Señores. Und die verdienten ihr Geld vor allem mit der Sklavenjagd im nördlichen Afrika. Sie werden sich gekannt haben. Murat und die Herreras. Alles Schurken.

Auf Fuerteventura leben heute hunderttausend Menschen und die Zahl der Einwohner hat sich in den letzten 25 Jahre verdreifacht. Eine gegenläufige Tendenz zu Heimaey, wo sie ein Fünftel der Menschen verloren haben. Das Klima ist schuld? Vielleicht. Man könnte es fast glauben. Ich glaube, Heimaey hat es heute einfach schwerer. Der Tourismus ist der neue Fischfang. Und da ist die Nummer mit Strand und Wetter ... vielleicht führt das jetzt aber auch zu weit?

Warum ich Dir das alles schreibe? Weil es zeigt wie ich denke, dass ich zu reflektieren versuche. Mich anzunähern. Anzunähern an Dich, an uns, an die Insel, an Heimaey, an die Aufgabe, an das Abenteuer. Und das mache ich ganz so, wie ich das schon immer getan habe, noch immer tue und wahrscheinlich auch immer tun werde: immer dann, wenn ich es mit einer neuen, unbekannten Herausforderung zu tun bekomme. Wenn ich nicht sicher bin. Im Thema. Im Gefühl. In beidem. Recherche. Informationen sammeln, vernetzen, verweben, verdauen. Substanz schaffen. Ein bisschen Ruhe. Sicherheit. Und doch ist diesmal alles anders. Anders weil ich es gewohnt bin die Dinge alleine zu lösen. Weil ich es nicht wirklich kenne, dass mich jemand mit Ideen beschenkt, mich anregt, Impulse gibt, sich Mühe gibt und sich etwas für mich ausdenkt. Spinnt. Den roten Faden zum Beispiel. Ihn auf Zug hält. Für eine längere Strecke. Am Stück. Dranbleibt. Bisher kannte ich das eher andersherum und war es beinahe schon müde. Müde, diese trainierte Selbstverständlichkeit weiter zu füttern, zu bedienen, nur weil es normal und so gewiss zu sein schien. Bequem vielleicht. Dass ich nicht anders kann oder will oder beides. Aber auch Aufmerksamkeit muss ein Gleichgewicht finden. Verliert sie sich, verliert sich alles.

Der französische Anthropologe Alphonse Bertillon hat einmal gesagt, "Man könne nur sehen, worauf man seine Aufmerksamkeit richtet, und man richte seine Aufmerksamkeit nur auf Dinge, die bereits einen Platz im Bewußtsein einnehmen". Bewußtsein. Das ist der Schlüssel. Der deutsche Pädagoge Friedrich Löchner meinte, "was nicht Bewußtsein wird, ist nicht gelebt". Da ist eine Menge dran. Wer Liebe, Respekt, Zuneigung, Wertschätzung Verständnis und Nähe leben will und all diese Dinge, die eine wertvolle Beziehung zwischen zwei Menschen auszeichnen, sollte sich dessen auch bewußt sein. Das kann und darf man nicht einfordern. Das muss von alleine fließen. Im Gleichgewicht. Es ist ein Weg, der nie zuende gegangen ist. Kein Punkt, kein Ende, kein Start/Ziel und kein wenn/dann. Es ist Arbeit. Höchstleistung für Herz und Seele. Man muss sich dem stellen. Wenn man das will. Eine Heldenwanderung in Dauerschleife. Allerdings grüßt das Murmeltier nicht täglich. Eher gar nicht. Da sich die Schleife dauernd verändert. Von Mal zu Mal. Wenig Routine.

Was meinst Du?
Bruno

PS: ich mag es sehr, Dein Lied für mich. In "High Rotation". Auch eine Art Dauerschleife. Nicht endlos. Das sagt die Erfahrung.

„Vona“ ist hoffen auf Isländisch.

20. Oktober 2014 ... "Vona" ist hoffen auf Isländisch 19

Lieber Bruno,

wie soll man seine Grenzen finden, wenn man sie nicht wirklich sucht?

Erst liebe dich selbst, hast Du geschrieben. Und akzeptiere wer und was du bist. Mit allen Fehlern. Erst dann wirst du wissen was Liebe ist und andere lieben können wie sie sind. Hier bin ich. Zurück an meinen Wurzeln. An der Quelle. Auf der Insel.  Hier hat es angefangen. Auf Heimaey.

Hierher, zurück auf meine Insel ging es ganz schnell. Aber zu mir selbst, das hat gedauert. Es war, als wäre ich mit einem Raumschiff auf Island gelandet. Science Fiction. Nur ich selbst, ich schien gar nicht mitgereist zu sein. Und auch nicht wirklich gelandet. Island - Entschleunigung radikal. Rosskur. Schritt für Schritt. Atemzug für Atemzug. Ich werde langsamer. Immer noch. Wer geht, sieht mehr, nimmt in sich auf. Nimmt sich an, kann auch mal stehenbleiben. Darf das. Immerwieder. In Ruhe. Die Augen schließen und einatmen. Ganz tief. Fühlen. Spüren. Die Seele nachkommen lassen, zusammenführen. Ankommen. Warten können, dürfen und nicht erwarten müssen. Lassen und loslassen. Frei werden und frei sein. Frei sein wollen. Meine Meditation. Mich zu konzentrieren, meine Herausforderungen zu fokussieren. In allen Perspektiven abzuschreiten. Soviele man eben benötigt, um die eigenen Herausforderung in allen Blickwinkeln wahrnehmen zu können. Verstehen zu können. Einzusehen. Im allerbesten Sinne.

Mich wieder öffnen. Ohne die Bilder im Kopf. Mit frischer Neugier. Interesse. Lust am Austausch. Und vielen Fragen. Das ist hier. Wenn Du magst. Wo stehst Du? Kannst Du das sagen? Ich freue mich. Auf Dich, ganz sicher über Dich, vielleicht mit Dir. Wir werden sehen.

Vona

PS: ich höre ein Lied und denke an Dich. Für mich ist es Dein Lied. Jetzt gerade. Vielleicht magst Du es …

https://www.youtube.com/watch?v=ok1Dt7Rx8gY

„Vona“ ist hoffen auf Isländisch …

15. Oktober 2014 ... "Vona" ist hoffen auf Isländisch 18

Liebe Vona,

die deutsche Lyrikerin Roswitha Bloch sagte einmal „die schönste Insel der Welt ruht tief in dir selbst“. Ich mag das sehr, es spricht mir aus dem Herzen. Inzwischen. Es war nicht leicht sie zu finden. Meine schönste Insel. Denn sie ist auf keiner Karte dieser Welt verzeichnet. Die Suche nach ihr erinnert eher an die beschwerliche „Reise zum Mittelpunkt der Erde“ mit allen Hindernissen und Widerständen? Und eher nicht an die federleichte Segelei durch einen Südseetraum mit flatterndweissem Tuch vor sattblauem Horizont und einem zufälligschönen „Land in Sicht“.

Man sollte wissen was man finden möchte, bevor man seine Suche beginnt. Die Lyrikerin Rose von der Au sagte: „Liebe erst dich selbst, akzeptiere wer und was du bist, mit all deinen Fehlern; erst dann wirst du wissen was Liebe ist und andere lieben können wie sie sind.“ Die Insel in Dir.

Was suchst Du, Vona? Ist es wirklich Heimaey? Ist es das Heimaey in Dir? Das Synonym Deiner Wurzeln? Oder ist Dein Heimaey ein Vehikel? Für Deine Sehnsüchte? Nah und fern zugleich. Ankerplatz und doch Polarstern? Und ich? Was ist Heimaey für mich? Oder was kann sie sein? Was soll sie sein? Was bin ich für Dich? Was erwartest Du?  Sagst Du es mir? Ich bin nicht sicher … ich bin neugierig.

Bruno

„Vona“ ist hoffen auf Isländisch …

12. Oktober 2014 ... "Vona" ist hoffen auf Isländisch 17

Lieber Bruno,

ich bin für ein paar Tage zu Besuch auf Heimaey. Schauen, hören, fühlen, riechen, schmecken, spüren … Heimaturlaub. Seelenrast. Auszeit. Nachdenken. Altes gehen lassen. Freimachen für die neuen, wichtigen Dinge in meinem Leben. Du erinnerst Dich? Wir haben es noch nicht gelöst. Unser Projekt: „Heimaey 365/24/7“. Dreihundertfünfundsechzig Tage auf der Insel. Du und ich. Ich sehe mich um und möchte Dir ein bisschen beschreiben, was da ist. Dich mit meinen Augen sehen lassen. Vielleicht kann ich uns beiden ein bisschen die Angst nehmen. Angst? Eher Respekt. Oder?

Zuerst kommt immer Reykjavík. Da landest Du. Und von da fahren wir nach Landeyjahöfn im Süden. Wir werden noch Zeit haben für Island. Wunderschönes Island. Später. Unsere Fähre heisst Herjólfur. Sie bringt uns von Landeyjahöfn nach Vestmannaeyjar. Nach Heimaey. Das dauert kaum länger als eine halbe Stunde. Wenn das Wetter schlecht ist und im Winter fährt Herjólfur nach Porlákshöfn. Das dauert dann gute 3 Stunden. Aber das lassen wir lieber sein wenn es sich vermeiden lässt, denn das ist nichts für einen empfindlichen Magen.

Die Vestmannaeyjar sind fünfzehn Inseln und noch ein paar Klippen. Bis auf Heimaey gehören sie alle irgendwelchen Leuten. Wir haben hier auf Vestmannaeyjar das mildeste Klima von ganz Island, fünf Grad im Jahresdurchschnitt. Dafür ist es ziemlich nass und total windig. Kannst Du das ertragen? An über siebzig Tagen im Jahr haben wir hier mehr als Windstärke neun. Es gibt eine Wetterstation im Süden. Auf dem Hof Stórhöfði. Die gilt als die windigste in ganz Europa.

Wirklich bewohnt ist nur Heimaey. Und Heimaey bedeutet heute viertausend Menschen auf dreizehn Quadratkilometern Felsen im Nordatlantik. Früher waren es mehr als fünftausend. Fast alle leben von den Fischen. Und sie lebten einmal gut davon. Aber die Zeiten ändern sich. Wir kennen uns hier alle. Schon immer. Irgendwie. Es gibt drei Supermärkte und sogar zwei Wochenzeitungen: „Die Wache“ und „Die Nachrichten“. Den jüngsten Vulkan der Welt, den „Eldfell“. Das heisst „Feuerberg“. Er ist genau einen Tag jünger als ich. Aber viel größer. Zweihunderteinundzwanzig Meter ist er hoch. Wegen ihm mussten wir alle unsere Heimat verlassen. Im Januar 1973. 5 Monate hat das für die meisten gedauert und für mich noch sehr viel länger. Wir haben hier einen Golfplatz. 18 Loch. Ich habe gelesen, der sei etwas besonderes. Ich kann das nicht beurteilen. Ich spiele kein Golf. Spielst Du Golf, Bruno? Ich kann mir das nicht vorstellen, aber das muss nichts heissen. Vielleicht lernst Du es hier. Ich denke, man kann hier eine Menge lernen und von hier mitnehmen zurück in die Welt. Eine andere Welt. Wenn man nur will.

Bei uns funktionieren manche Dinge anders. Wir glauben an mehr als an das, was wir sehen und anfassen können. Stell Dir vor, die Hälfte aller Isländer glaubt an Elfen. Sie glauben an Zwerge. Und an Huldufólks. Huldufólks sind Mischwesen aus Elfen und Menschen. Die unsichtbaren Menschen. Stell dir vor, neunzig Prozent halten die Existenz für möglich. Das wird aber niemanden wirklich wundern, der schon mal hier war. Surreales Island. Wir haben sogar eine Elfenschule. Es ist die einzige auf der ganzen Welt. Sie wird geleitet vom Historiker Dr. Magnús Skarphedinsson. Er selbst hat noch keine Elfen gesehen. Er meint aber, dass das nicht zwangsläufig bedeute, dass es keine gäbe. Magnús dokumentiert die Erfahrungen unserer Landsleute, die behaupten, Kontakte mit den Geisterwesen gehabt zu haben. Und dabei ist es angeblich auch schon zu sexuellen Kontakten gekommen. Außerdem gibt es da auch noch Erla Stefánsdottir. Sie ist Klavierlehrerin und die Elfenbeauftragte des Reykjaviker Bauamtes. Sie kennt ungefähr 18 verschiedene Elfentypen und zeichnet als Medium im Auftrag der Stadtverwaltungen und von Privatpersonen sogenannte Elfenkarten. Und sie berät bei Bauvorhaben. Die Geisterwesen leben an vielen Orten und sie mögen es nicht, wenn man ihre Harmonie stört. Das klingt sicher alles ganz schön schräg und Du magst sicher wissen, ob ich auch an diese Dinge glaube. Sagen wir so, wenn wir von Geisterwesen, „Geist und Wesen“ sprechen, glaube ich an ein Wesen der Dinge, an Geist, Spirit und auch an die Harmonie der Natur. Ich brauche es nicht ganz so stofflich wie viele meiner Landsleute, aber so weit liegt das alles auch nicht auseinander. Oder? Ich mag intelligente Spiritualität. Und wenn Du ja sagst, haben wir viel Zeit, darüber zu sprechen und nachzudenken.

Auf Heimaey gibt es übrigens eine Besonderheit. Hier lebt ein ehemaliger Parlamentsabgeordneter. Árni Johnsen. Er ist felsenfest davon überzeugt, dass ihm ein paar Elfen das Leben gerettet haben. Bei einem Autounfall. Und so hat er einen Felsen mit Elfen mit auf unsere Insel gebracht. Das gab Streit und Diskussionen auf dem Festland. Vor allem mit der Elfenschule. Die Elfenspezialistin Ragnhildur Jónsdóttir hat dann das Unternehmen begleitet und die Elfen unterwegs mit Honig gefüttert und beruhigt. Das sollen sie besonders mögen. Der Felsen hat neben seinen vielen Tonnen Gewicht noch ein paar weitere Extravaganzen. Unter anderem sollen in ihm drei Generationen Elfen leben. Das ist wohl absolut außergewöhnlich und beschert uns eine Art Elfentourismus. Wir können uns das ansehen wenn Du magst. Vielleicht siehst Du ja mehr als ich. Ich bin sehr gespannt.

Ich möchte Dir auch gerne noch kurz von der Erschaffung der Elfen erzählen. Sie wird in einem sehr bekannten, isländischen Märchen beschrieben und ging in etwa so: Adam und Eva bekamen Spontanbesuch durch den Allmächtigen. Natürlich präsentierten die beiden voller Stolz ihre Kinder. Der Allmächtige fand den Nachwuchs prima und fragte, ob es noch mehr gäbe. Aber Eva hatte noch nicht alle Kinder gewaschen und schämte sich dafür. Sie wollte die schmutzigen Kinder nicht vorzeigen und verneinte daher. Der Allmächtige wäre nicht der Allmächtige, wenn er das nicht gewußt hätte. Also sagte er: “Was vor mir verborgen wird, soll auch den Menschen verborgen sein.” Und so wurden die schmutzigen Kinder für alle unsichtbar und wohnten in Bergen, Hügeln, Felsen und Steinen. Und von ihnen stammen die Elfen ab. Wir Menschen stammen von den gewaschenen Kindern ab. Gibt es eine Moral aus dieser Geschichte? Vielleicht die, dass man sich genau überlegen sollte, ob man jemanden verleugnen sollte und was dadurch alles passieren könnte. Und das nicht nur für einen selbst.

Außerdem mag ich Dir noch vom „Innovationsbüro“ berichten. Großartig, oder? Alleine der Name! Ich dachte gleich an dich und Deinen Freund Markus. Im Büro arbeiten Kristin Johannsdottir und Sigurjon Haraldsson. Beide waren lange im Ausland und sind mit ihren Familien wieder auf die Insel gezogen. Das Büro soll Heimaey nach vorne bringen. Wirtschaftlich, touristisch und überhaupt. Ich bin gespannt wie Du die beiden findest. Ich mag sie sehr. Sie geben einfach nicht auf. Die haben sich das auch mit dem Inselkünstlerpaar ausgedacht. Du weißt: „unser Job“. Achja … hatte ich Dir eigentlich gesagt, dass wir ein Jahr lang auch darüber berichten müssten? Über unser Experiment? Blog, Facebook und so weiter? Oder hatte ich das etwa vergessen? Würdest Du? Mit mir? Echtes Leben leben und darüber schreiben? Das was Du richtig findest und das was ich richtig finde und das was wir beide richtig finden? Ich habe so viele Bilder in meinem Kopf. Machst Du mit?

Du sollst wissen, dass ich nicht verrückt bin. Zumindest nicht völlig. Da war ein Workshop. Dein Workshop. In Hamburg. Es ist schon eine Weile her. Geschichten erzählen. Storytelling. Transmedial. Von Print in Social Media und zurück. Es ging wohl um kochen, essen, genießen, leben und sowas. Eine Freundin war dabei. Sie hat mir von Euch erzählt. Von Küchenreiben, Lavendel, Orangenkuchen, einer Tischlerwerkstatt, alten mexikanischen Fliesen und von Fleetwood Mac. Sie fand Dich sehr anstrengend. Das hat mich neugierig gemacht und ich habe angefangen zu suchen, zu lesen. Auf Eurer Website, auf schulzundtebbe.de. Ich mag Euer Mantra sehr. Zu schauen. Zu sehen, wer Du bist. Was Du denkst und machst. Was Du schreibst. Auf Facebook und überall. Spurensuche. Spuren lesen. Ich wollte irgendwann gerne die Welt mit Deinen Augen sehen. Verrückt oder?  Man liest und liest und versteht, dass man sich nur ein sehr subjektives Bild malt. Eine Fata Morgana. Mal besser und mal schlechter. Und man begreift, dass man mit dem Menschen reden muss. Dass man ihn erfahren muss, um ihn kennenzulernen. Wenigstens ein bisschen. Ich habe Dich nie gefragt, ob Dir das alles recht ist. Aber mich habe ich gefragt. Wie ich auch Dich interessieren könnte. Deine Neugier wecken. Deine Leidenschaft für das ungewöhnliche. Für eine Geschichte. Und vielleicht sogar für eine gute. Ich weiß, dass Du Geschichten liebst. Ist das gut für Dich oder ist es Dir zuviel? Gerne würde ich Dir so viel mehr erzählen. Wenn Du das willst. Zulässt. Willst Du? Ich hoffe …

Vona

„Vona“ ist hoffen auf Isländisch …

3. Oktober 2014 ... "Vona" ist hoffen auf Isländisch 16

„Liebe macht blind." Das ist von Platon und der alte Grieche gilt immerhin als der Begründer der abendländischen Philosophie. Ahnend was er damit meinte, mache ich einen lockeren Ausfallschritt und wende mich den relativierenden Worten der Aphoristikerin und Ärztin Gerlind Nyncke zu: „Liebe macht blind und sehend zugleich." Damit kann ich gerade mehr anfangen. Es oszilliert. Die liebende Wahrnehmung schwingt zwischen blind und sehend. Zwischen Licht und Finsternis. Oszillieren kommt vom lateinischen "oscillare". Wörtlich übersetzt bedeutet das „schaukeln". Und das finde ich so viel schöner als das, was uns der Duden anbietet mit „schwanken“, „schwingen“ oder „wechseln“. Romantischer. Sinnlicher. Die Erinnerung. Es passiert so viel, wenn man schaukelt. Es ist die Bewegung. Der Fahrtwind. Man sieht, man riecht, man fühlt und soviel mehr. Es ist die Summe der Dinge.

Liebe Vona, wenn man versucht, 2 Leben zu synchronisieren, mehr als achtzig Jahre in Summe, passiert eine Menge. Da knarzt es oft ganz gewaltig. Achtzig Jahre, verteilt auf zwei Leben: hier mehr, da weniger. Auf das eine oder andere Jahr kommt es da gar nicht an. Nicht alle Zahnräder wollen sofort ineinandergreifen. Und manche nie. Zwei Leben wie Sprachen, die sich nicht immer wörtlich übersetzen lassen. Vielleicht wie Isländisch und Deutsch. Wer weiß. Aber gut wenn man weiß, dass man grundsätzlich reden will. Und vielleicht auch worüber. Liebe verbindet und versucht sich als „Stein von Rosette 2.0“. Sie will nicht nur wörtlich Hieroglyphen über das Demotische ins Altgriechisch übersetzen, sondern versucht sich daran, zu modellieren, zu versöhnen, ab- und zuzugeben. Aus- und einzublenden. Hier zu stärken und dort ein wenig abzumildern. Das erinnert mich an den fantastischen Babelfisch, den  Douglas Adams in „Per Anhalter durch die Galaxis“ als Metaschnittstelle ersonnen hat. Zwischen  jedem noch so absurden, kosmischen Kauderwelsch und allen kryptischen Dialekten aus den Weiten des Universums. Das kann funktionieren. Man muss es nur wirklich wollen und ganz fest daran glauben. Wie war das? „Liebe macht blind und sehend zugleich“? Laß die Leichen im Keller - achte auf die Signale! Natürlich sind wir keine zwanzig mehr. Wir haben Erfahrungen gesammelt, Verletzungen und einiges auf dem Kerbholz. Sind vorsichtig. Haben seltsame Bilder und Routinen in unseren Köpfen. Wir unterstellen. Und sollten genau das lieber lassen. Wir sind doch angetreten, es besser zu machen, oder? Uns zu tragen. Und zu ertragen. Henry Wheeler Shaw sagte schon vor über 150 Jahren unglaublich treffend „Liebe schaut durch ein Teleskop, die Eifersucht durch das Mikroskop." Ich will es nicht in klein. Ich mag es lieber in groß. Den Stein weit werfen. Ich will nicht, dass das Gift der Vergangenheit in unser Leben eintropft. Und sei es noch so homöopathisch dosiert. Ich wünsche mir eine Aufmerksamkeit, die absichtsvoll ist. Eine Aufmerksamkeit, die sich auf das jetzt bezieht. Auf den Moment. Weder auf die Vergangenheit, noch auf die Zukunft. Eine Aufmerksamkeit, die nicht wertend ist. Das ist Achtsamkeit! Und die Ehrlichkeit. Und die Verlässlichkeit. Ein Einstehen. Kein Verleugnen. Schon gar nicht sich selbst. Vertrauen können, dürfen und wollen. „Liebe schaut durch ein Teleskop“? Aber ja! Magst Du mit mir Sterne schauen? Unsere Sterne? Und schaukeln wäre jetzt auch schön.

Was meinst Du?

„Vona“ ist hoffen auf Isländisch.

 

 

 

30. September 2014 ... "Vona" ist hoffen auf Isländisch 15

„Träumen ist reine Glückseligkeit. Auf die Erfüllung warten ist das wirkliche Leben“ //Victor Marie Hugo

Sieben Tage Ewigkeit. Sieben Tage höchst und sieben Tage tiefst. Yingyang-Blues. „Himmelhochjauchzend und zu Tode betrübt“: Clärchens Lied in Goethes Egmont. Stimmungsschwankungen wie eine Schwangere. Fehlt nur noch, dass ich mir um Mitternacht irgendwelche kulinarischen Bedenklichkeiten in den Hals stecke. Süß und salzig abwechselnd. So wie das Leben. Sieben Tage ist es her. Oder eher sieben Nächte. Als Du plötzlich da warst. In der Bar. Und Du hast Deinen Kopf auf meinen Rücken gelegt. Du hast mich umarmt. Und Du hast gesagt, dass es gut wird. Dass wir uns bald sehen. Und Du hast mich gefragt, ob ich mit dir schlafen möchte. Kopfkino angeknipst. En passant. Einfach so. Den einen Loop, der sich nicht ausblenden lässt. Immer noch nicht. Und dann? Eine Reise durch Raum und Zeit. Pause! Sowas frisst. Ich kann mich kaum konzentrieren. Tägliches leben in einem Hieronymus-Bosch-Gemälde: „die Hölle“. Ok, ich gebe zu, ich neige hier und da zur dezenten Übertreibung. Manchmal. Vielleicht ein bisschen. Aber hey, das ist ein zulässiges Stilmittel. Sagenhaft, was das warten aus einem macht. Doodle um Doodle: Telefonkritzelei. Gezeichnete Sehnsucht. Sorge. Patzigkeit. Wut. Mutlosigkeit. Ärger. Über Dich. Über mich selbst. Und über das unerfüllte wünschen. Unerfüllbar? Mist! Man denkt ja immer, dass man mit den Jahren Hornhaut auflegt. Auf der Seele. Dass man sie in Drachenblut taucht. Man vergisst das Lindenblatt. Obsoleszenz in deutschen Heldensagen. Lächerlich. Gemein. So wie das Pflaster auf dem Knie in der Kindheit? Jeder kann sich erinnern. Jeder weiss, was passierte, wenn es zum Verbandswechsel beherzt abgerissen wurde. Ja, aua! Ganz genau. Und dazu trieft auch noch akustische Melancholie aus den Lautsprechern. Anstrengend. „Dramaqueen“ schimpft mich meine Freundin Agnes. Und recht hat sie. Ich muss ja selbst lachen. Wenn keiner hinschaut. Die Gelassenheit im Umgang mit sich selbst ist ein tolles Konto, auf das die eigenen Jahre und Erfahrungen großzügig einzahlen. Wenn man sie nur lässt. Zum Glück. Gehört eben alles dazu. Und wie schön, dass es Menschen gibt, die einem in entscheidenden Momenten das Händchen halten und wenn es sein muss auch mal die Box mit den Kleenex. Auch wenn echte Kerle das natürlich und eigentlich nicht machen. Ganz klar. Eigentlich. Frechheit. Was für eine Achterbahnfahrt. Und so schlimm das alles manchmal zu sein scheint, so wunderbar ist es, richtiges Leben zu spüren. Wie nadeligen Fisselregen bei unverschämten 2 Grad, den einem der Wind am allerfrühesten Morgen nach stramm durchzechter Nacht frontal ins Gesicht brüllt.

Und dann rufst Du an. Einfach so. Und alles ist wie weggewaschen. Zurück auf Los. Neues Spiel. „Brief?“ „… ja, hast Du ihn nicht gelesen?“ „Was für ein Brief?“ „In Deiner Tasche. Ich habe ihn dir zugesteckt. Letzte Woche. In dem Burlesque-Laden. In Hamburg. Queen Calavera.“ „Oh, nein!“ „Meine Nummer. Ich dachte, warum ruft er mich nicht an? Ich hatte Dir mein Herz darauf gezeichnet. Und wie Du darin lebst. Eine Woche habe ich gewartet … sieben Tage Ewigkeit.“ „Sieben Tage höchst und sieben Tage tiefst.“ „Ja genau. Woher weißt Du?“ „Zum kotzen!“ „Bitte?“ „Ich auch. Yingyang-Blues. Ich habe mich gefragt, warum …“ „Ich bin da. Scheiss auf Stolz. Natürlich bin ich da.“ „Wann?“ „Gleich.“ „Hier?“ „Lass Dich überraschen …“

Der Historiker Michael Richter hat einmal gesagt „Warten verliert sich im Vergessen“. Das ist großer Unsinn, wenn man wirklich liebt. Gut so? Weiß ich nicht. Manchmal. Vielleicht.

„Vona“ ist hoffen auf Isländisch.

 

23. September 2014 ... "Vona" ist hoffen auf Isländisch 14

Gelassenheit im Umgang mit Freunden schafft ein großartiges Gefühl. Ich sitze an einem großen Holztisch. Der steht auf St. Pauli. Und darauf stehen ordentliche Rieslinge, Wasser und eine Garnison von Gläsern, mit denen man richtig arbeiten kann. Ich respektiere gute Trinkwerkzeuge. Dazu gibt es ein bisschen Weissbrot, Oliven, Schnick und Schnack. Agata und Jörg sind fabelhafte Gastgeber. In ihrer „Pfarrei Otzenstraße“. Nein, das ist kein Witz. Es ist Samstag, kurz nach vier. Ich habe fast sechshundert Kilometer in den Knochen. Stau, Baustellen, Unfälle. Und ich spüre, wie das Seelchen jetzt endlich Luft zieht. Hornhaut ablegt. Schicht für Schicht. Der gute Jörg schält kräftig mit. Zwiebelhaft. Häutung. Raupe zu Schmetterling. Ein gemeinsames Repertoire von mehr als 30 Jahren, Vertrauen, Verständnis, aufrichtige, gelebte Toleranz und tiefe Freundschaft sind ein bewährter Rahmen. Wunderbar, ohne viele Worte das eine oder andere Register zu ziehen. Die Heerscharen an gemeinsamen Leichen im großzügig geschnittenen Gewölbekeller. Alles fantastische Anekdoten für die große Enzyklopädie  an Zoten, die wir eines Tages unseren Pflegerinnen vortragen können. Wenn sie uns nicht alle vorher davonlaufen. Es ist ungemein erlösend, mal wieder die ganz großen Krokodilstränen lachen zu können. Immerwieder. Auch im Wissen und der Vorfreude auf das, was passieren wird. Zuverlässig. Es ist Luft bis Montag. Da gibt es einen beruflichen Termin im Umland. Und der hat dieses Fenster aufgerissen. Spontan. Und wir machen mit. „Carpe that fucking diem“, wie eine Freundin so gerne und schön sagt. Einen Plan? Brauchen wir nicht. „Wir reiten in die Stadt, der erst ergibt sich.“ Das sagt so Clint Eastwood. Und wir meinen, er hat recht. Der Abend wird sich entwickeln. Ok, eine Grundlage sollten wir schaffen. Aber das müssen wir nicht unnötig komplizieren. Jetzt noch ein bisschen in Slow Motion und dann ab in die Maske und in die Requisite. Zwischen der Haustür und der ersten Kneipe liegt ein Wiener Schnitzel, so wie es heute sein soll und eine Flasche Grünen Veltliner dazu. Zu Gast im schwäbischen Konsulat auf der Hein-Hoyer-Straße. „Brachmanns Galeron“. Passt heute. Schnäpschen, Kaffee, zahlen, Danke! Raus. Sauerstoff. Tief einatmen. Und durchatmen. Zehn Uhr. „Scharfe Ecke?“ Für die gefühlte Wetterlage sind das gute Startbedingungen. Davidstraße, Blick zum Hafen, Hamburger Theke halbhoch und ein kaltes Astra vom Faß. Die Musikbox plärrt ein akustisches Desaster. Aber hier darf das. Hier ist es ohne Bedeutung. Stimmen, Töne, Laute, die Summe unterschiedlichster Charaktere, manche angesoffen, die Mischung von allem schaffen einen dicken Filz, der unser privates Gespräch erstaunlich schützend einhüllt. Wir sind öffentlich und doch ganz für uns. Auch wenn der Qualm ein bisschen nervt. Schwamm drüber. Es ist halt wie es ist. Nach dem ersten großherzigen Willkommen, einem entspannten runterfahren der Systeme und dem guten, einfachen, einfach guten Wiener Schnitzel, finden wir hier den Raum einzusteigen. In das was war, das was ist und das was sein könnte, sollte oder dürfte. Ein Update. Man ist ja nicht jeden Tag zusammen. Und er tut gut, der unterschiedliche Blickwinkel auf dieselben Herausforderungen. „Was ist mit Vona? Geht da was?“ Ich liebe die blumigsensiblen Formulierungen meines feinsinnigen Jugendfreundes, seine sanfte Ansprache, die Arschbombe mitten ins Thema. Solche Freunde dürfen das, denn sie halten selbst eine Menge aus. „Du hast das gelesen mit Heimaey?“ „Ein Jahr Nordatlantik? Einsame Insel? Mit einer Frau, die Du nicht wirklich kennst?“ Agata kommt dazwischen und tippt mir mit ihrem Zeigefinger auf die Stirn: „Bruno, Du spinnst! Du bist verrückt!“ „Es ist doch gar nicht konkret. Eher ein Gedankenmodell. Ein was wäre wenn.“ „Du bist ein romantischer Wahnsinniger. Fremde Menschen sprechen über unbedingte Nähe. Eine Nähe, die so intensiv funktionieren muss, weil ein Ausweichen nahezu unmöglich ist. Flucht gibt es nur im Kopf oder mit der Fähre.“ „Jörg hat recht, Bruno. Wie stellst Du Dir das vor? Kein „ich gehe mal eben einen Kaffee trinken und bis nachher hat sich das schon wieder eingerenkt“. Vollkontakt. 365 Tage. Hardcore. Höchstleistung für die Pumpe!“ Jörg und Agata schauen sich an. Ja, sie könnten das auch. Ich weiss es. Und die beiden sind nun auch nicht gerade zusammen groß geworden. Was also ist das Geheimrezept für ein solches Vorhaben? „Im Grunde geht es doch gar nicht um die Insel am Ende der Welt.“ „Nein Jörg, geht es tatsächlich nicht. Heimaey ist nur ein Vehikel. Ich glaube, es geht eher um die Frage an sich. Aber das ist natürlich nur Hypothese. Mein Blick auf die Sache verändert sich da auch täglich. Mal ist er sehr nah an der Frau, an Vona. Gegenständlich. Und dann wieder habe ich das Gefühl, mich mit grundsätzlichen Fragen auseinanderzusetzen. Es hat fast was meditatives. Man setzt sich mit ein und derselben Sache auseinander und betrachtet sie nach und nach von allen Seiten.“ „… und am liebsten schaust Du ihr auf den Arsch!“ „Hahaha, Agata, ich liebe Deinen Pragmatismus. Noch drei Bier, bitte.“ „Was sagt sie denn dazu?“ „Ich habe noch keine Antwort auf meine „10 Dinge, die mir wichtig sind für die Insel“. Vielleicht war es zuviel. Mehr als sie erwartet hatte. Ich weiß es nicht. Warten wir es einfach ab. Es sind ja auch erst ein paar Tage.“ „Du weißt nicht einmal wo sie ist und was sie macht. Jeden Tag.“ „Ist das so wichtig? Was hat Bedeutung? Die Vergangenheit? Der flüchtige Moment jetzt oder die Zukunft und die Absicht? Lass uns zahlen. Ich mag ein paar Häuser weiterziehen. Heute Abend hat eine Bekannte einen Auftritt im Queen Calavera. Wir sind auf der Gästeliste. Ein bisschen Burlesque wird uns allen gut tun.“ „Und ein gut gemeinter Gin Tonic.“ „Oder beides.“ Eben.“ „Es ist zu früh fürs Queen Calavera. Erst kurz nach elf.“ „Egal, dann haben wir einen guten Platz und können noch weiterquatschen. Außerdem ist die Musik besser.“ „Also los.“ „Wenn Du uns schon fotografierst, dann bitte immer von oben, Jörg. Dann sieht man das Doppelkinn nicht so.“ „Ich liebe jedes Gramm an Dir.“ „Aha!“ Der Laden ist schon ziemlich voll. Erstaunlicherweise wird gerade der Hochtisch links der Theke, direkt gegenüber der kleinen Bühne frei. Man darf ja auch mal Glück haben. Die Getränke sind großzügig und erscheinen flott am Tisch. An der Theke habe ich Lily Rigid und Carlos Kella gesehen. Ich mag seine Kalender sehr. Gute Bilder. Tolle Pinups mit coolen Karren. Sein Queen-Calavera-Kalender hat einen Ehrenplatz in meinem Flur. Direkt neben der Tür. Ich winke. Sie sind beschäftigt. Egal. Später vielleicht. „Mal ehrlich Bruno, Du bist fast fünfzig Jahre alt. Würdest Du wirklich alles aufgeben? Deine Wohnung? Deine Freunde? Familie? Die Agentur? Einen so harten Schnitt machen?“ „Das ist doch Quatsch. Warum nehmt ihr das eigentlich alle so wörtlich? Ihr habt alle offensichtlich zu viel Hollywood geschaut.“ „Besser als Ingmar Bergman und wir bringen uns dann alle zusammen um …“ „Zum Glück gibt es mehr als schwarz und weiss.“ „Vielleicht.“ Jörg sitzt in der Ecke, dazwischen Agata und ich mit dem Rücken zur Theke. Als ich umarmt werde und spüre, wie sich ein Kopf sanft auf meinen Rücken legt. Ich muss wohl ziemlich fragend schauen. Wer sollte wissen, dass ich heute Abend hier bin. Jörg zeigt mir sein iPhone. Er hat es gepostet. Auf Facebook. Na klar. „Du hast ein bisschen zugenommen“ säuselt mir eine zarte Stimme ins Ohr. Mit einem leichten Akzent. Ich finde, es klingt sexy. Ich mag es. „Bereitest Du Dich schon vor? Auf den langen, kalten Winter in meiner Heimat?“ Vona! Der Akzent ist mir das letzte Mal nicht aufgefallen. Aber da war sie auch nicht so nah dran. Es fühlt sich gut an. Ihre Wange. Die Haut. Unglaublich angenehm. Und gar nicht fremd. „Es ist ein Zufall. ich habe leider nicht viel Zeit. Ich habe gesehen wo Du bist, auf Facebook. Ich war an der Hafenstraße. Ich verlasse Hamburg. Ich freue mich so sehr, dich kurz zu sehen. Es ist wie ein Zeichen. Ich habe nur ein paar Sekunden. Du sollst, Du musst wissen, dass alles gut ist. Dass alles gut wird. Ich schreibe dir später und wir sehen uns bald. Sehr bald. Wenn Du willst … willst Du?“ „Aber ja, Vona.“ „Willst Du mit mir schlafen?“ „Das ist eine interessante Frage …“ „Willst Du?“ „Ich weiß es nicht.“ Ich weiss es nicht? Spinne ich? Was rede ich da? Das gab es ja noch nie … „Ich weiß es wirklich nicht. Magst Du nicht erst einmal ankommen?“ „Das ist gut. Danke.“ „Kommst Du?“ „Ich denke ja …“ „Wir werden sehen …“ „ja!“ Und so wie sie kam, ist sie auch wieder weg. Nur verlässt sie mich diesmal nicht. Das ist neu. Und es ist seltsam. Jörg und Agata schauen auf. Sie haben sich zurückgenommen. Echte Freunde. Und sie stellen keine Fragen. Lassen mich verdauen. Sie wissen, ich sage etwas, wenn es soweit ist. Es ist zwölf. Die Show beginnt. Die erste Tänzerin kommt in ihrem Phantasiekostüm aus dem Keller. Sie ist heiß! Die Meute auch. Die Stimmung ist gut. Es wird laut. Ich bin glücklich.

„Vona“ ist hoffen auf Isländisch.

 

20. September 2014 ... "Vona" ist hoffen auf Isländisch 13

„Liebe Vona,

ich habe lange nachgedacht über Deine Nachricht. Deine Bitte um die Liste mit den berühmten „zehn Dingen für die einsame Insel“. Zehn Dinge für ein Leben auf Heimaey. Meine zehn Dinge. Ein Jahr, zwölf Monate, dreihundertfünfundsechzig Tage. Dinge, die ich mitnehmen würde, um dort in Zweisamkeit zweiundfünfzig Wochen zu verbringen. In Zweisamkeit. Als Paar? Fast hätte ich „durchhalten“ geschrieben, aber das ist aus meiner Sicht schon eine falsche Haltung und Sicht auf die Dinge. Denn es sollte doch eine Entscheidung aus frohen und freien Stücken sein. In die man Zuversicht steckt. Soviel man kann und noch ein bisschen mehr. Ob Insel. Oder Zweisamkeit. Oder beides. Ich habe einige Listen erstellt und sie wieder verworfen. Was brauche ich? Ich habe das von links nach rechts gedreht. Und wieder zurück. Und doch alle schnellen Ideen und Notizen in den Papierkorb befördert, Deine Nachricht nochmal gelesen und eine andere Interpretation gesucht. Ich denke, ich habe sie für mich gefunden, auch wenn ich damit nicht unbedingt auf deine ursprüngliche Intention eingehen mag. Oder doch? Vielleicht ist es auch viel mehr Antwort, als du es erwartet hast und Dir wünschst. Wir werden sehen.

Die große Herausforderung besteht nicht in der einsamen Insel. Es geht in der Frage um meine zehn Dinge nicht darum, ob ich mein Macbook mitnehmen möchte, meine Bunt- und Bleistifte mit reichlich Papier, Bücher, einen Fotoapparat, meine Espressokanne, Notizkladden und ein ausreichendes Sortiment an Spirituosen oder was auch immer. Das sind nur oberflächliche Ausstattungsfragen. In Wirklichkeit geht es um die „Hypothese Zweisamkeit“. Was per se eine Menge miteinander zu tun hat. Die Stelle auf Heimaey gibt es nur für das Paar. Ist das eine Bedingung? Ich für mich kann sagen, dass ich eher beides als Herausforderung und Aufgabe betrachte: Heimaey und das Paarsein.

Interessant ist für mich demnach, welche Erwartungen ich an eine Beziehung anlegen würde, die ich ernst zu nehmen bereit bin. Eine Beziehung, die sich auch für „die einsame Insel“ eignet. Was sie per definitionem aushalten können sollte wenn sie ernsthaft ist. Dreihundertfünfundsechzig Tage. Immer. Risiko? Vielleicht ist es eine Chance!

Ich bin fast 50 Jahre alt und habe in meinem Leben viele Fehler gemacht. Der Aphoristiker Sinan Gönül hat mal von sich gegeben, „dass es menschlich sei, Fehler zu machen. Dass es schmerzlich sei, Fehler zu wiederholen. Und dass es dämlich sei, dieselben Fehler immerwieder zu machen“. Da hat er recht. Ergänzen mag ich das mit einem Statement des niederrheinischen Dichters Art van Rheyn: „der gefährlichste Fehler ist, zu glauben, dass man seine Fehler kennt.“

Ich hatte einige Beziehungen und viele beinahe. Gescheitert sind sie fast alle daran, dass wir uns verloren haben. Früher oder später. Und das kann man in einer asiatischen Millionenstadt genauso wie auf einer einsamen Insel. Der Begriff „Schuld“ greift nicht. Es ist nie einer allein. Es ist der Mangel an Aufmerksamkeit (1). Gegenüber dem anderen, aber vor allem auch gegenüber sich selbst. Der Mangel an Reflektion (2). An Achtsamkeit (3). Es ist der Verlust der Verbindung. Der tatsächlichen und nicht der vermeintlichen. Wir alle haben eine Vorstellung, ein Modell von dem, was eine Beziehung sein kann und subjektiv sein sollte. Modelle, Muster, Schemata. Und darüber verliert sich allzu leicht der Moment und sich ohne Wertung in ihm zu wiederzufinden. Der „Spirit“ (4), der wenig stofflich ist, nicht anzufassen und kaum zu begreifen. Was in deutscher Sprache ohnehin kaum wiederzugeben ist, da der Begriff Spiritualität in unserer scheinrationalen Gesellschaft nur allzu gerne als religiöse Macke verhöhnt wird. Dabei ist sie genau das Gegenteil religiöser Restriktionen, ohne manipulierenden Sinnüberbau. Echte Spiritualität ist immer individuell.

Es geht um ehrliches Interesse und Verantwortung (5) und die Bereitschaft, immer und immerwieder neu anzufangen (6). In jedem Moment. Wertschätzung (7). Unbedingte Nähe (8), körperlich, geistig, seelisch. Und es geht um die Bereitschaft und die Fähigkeit, ehrlich und von ganzem Herzen zu verzeihen (9). Und natürlich geht es immer um eine gute Pointe (10).

… und jetzt kommst Du.
Bruno

19. September 2014 ... "Vona" ist hoffen auf Isländisch 12

„Lieber Bruno,

Ich möchte Dich gerne etwas fragen. Reine Hypothese. Und vielleicht doch ein bisschen mehr. Entscheide einfach selbst. Du hast in den letzten Wochen eine Menge über Island gelesen und vielleicht auch gelernt. Und Du weißt ein bisschen über meine Heimat, die Vestmannaeyjar. Heimaey. Dort leben immer weniger Menschen. Ich kann das verstehen und schade ist es doch. Unsere Regierung beginnt damit, die Dinge anzufassen. Man hat die Position eines Inselkünstlers geschaffen. Man muss sich entscheiden. Ein Jahr, zwölf Monate, dreihundertfünfundsechzig Tage. Und das Angebot gilt nur für Paare. Ich weiss nicht, ob ich das aushalte. Und alleine sowieso nicht. Ich habe einen Wettbewerbsvorteil. Heimaey steht in meinem Pass. Als Geburtsort. Am 22. Januar 1973. Du erinnerst Dich. Vielleicht möchte ich. Ich weiß nicht ob ich das kann. Kannst Du?

Machst Du mir eine Liste? 10 Dinge, die Du auf eine einsame Insel mitnehmen würdest? Für 1 Jahr? Außer Kleidung, Schuhe und diesen Dingen. Ich bin so gespannt. Schreibst Du sie auf für mich?

Auf bald. Sehr bald. Vona.

„Vona“ ist hoffen auf Isländisch …“

 

 

 

17. September 2014 ... "Vona" ist hoffen auf Isländisch 11

Der Riesling ist kalt. Naheriesling. „Rosenheck“ aus Niederhausen. Jakob Schneider. 2013. Fein und frisch, mineralig, schiefrig. Eine ehrliche Haut. Ich mag den genau so. Und Sabine auch. Und den Wein mag Sabine übrigens auch. Ich liebe ihre Terrasse. Und ihre wundervolle Gastfreundschaft. Und ihre unerschütterliche Bereitschaft, mir immerwieder Quartier und Asyl zu bieten. In guten wie in schlechten Tagen. Heute ist es nicht ganz so gut. Und sie ist da. Immer. Warmherzig, nah, offen. „Die Königin der Herzen …“ „… Du spinnst, Bruno.“ Ich seufze sie melancholisch an und sie schaut in ihrer wundervollen, unnachahmlichen Skepsis. Über ihrer Leinenbluse - und niemandem auf der Welt steht Leinen besser als meiner Freundin Sabine - trägt sie einen leichten, cremefarbenen Cardigan aus feinem Cashmere. Für das Leinen pur ist es schon ein bisschen zu frisch, sobald es dunkel wird. Allein ihr freundlicher Anblick ist schon die halbe Miete. So eine Art Wellness-Voodoo für Augen und das wunde Seelchen. „Was ist los?“ „Sie meldet sich nicht.“ „Wer, Vona? Sie meldet sich nicht? Sie meldet sich doch wohl ohnehin eher unregelmäßig? Und dann noch recht unkonventionell.“ „Sagen wir so: sie hat ihren ganz eigenen Rhythmus.“ „Sie erinnert mich ein bisschen an einen dieser UN-Rettungsflieger. Sie überfliegt Brunoland und schmeisst hier und da und dort  sporadisch ein paar seltsame Rettungspaketchen ab. Schwimmärmelchen für die Wüste. Sonnenschutz für den winterlichen Nordpol?“ „Winterlicher Nordpol? Na Danke! So düster bin ich jetzt aber auch nicht …“ „Du bist mir schon viel zu lange so komisch drauf. Auf alle Fälle brauchst Du eher Sonne, als dass sie Dir jemand verhängen müsste.“ „Das sehe ich anders, Sabine. Aber Du bist wirklich wunderschön wenn Du Dich aufregst. Die Zornesader …“ „… Spinner.“ „Ich meine, Vona verhängt ja nun wirklich gar nichts. Ganz im Gegenteil. Sie bietet Perspektiven an. Schau mal, wie lernt man denn normalerweise jemanden kennen?“ „Weiß nicht, ich lerne niemanden kennen …“ „Du nicht, ich manchmal schon. Quatsch. Du lernst da also jemanden kennen. Normalerweise ist es ja jemand, der nicht wirklich allzuweit aus Deiner Comfort Zone entfernt ist. Vermutlich habt ihr ziemlich offensichtliche Gemeinsamkeiten und Schnittmengen: Alter, Hobby, Freundeskreis, Job, Interessen, diese Dinge halt“ „Ja, das liegt nah.“ „… und das ist ziemlich weit weg von „where the magic happens“. Das sind Muster, die ja nicht deswegen irgendwann besser passen, nur weil Du es immer und immerwieder auf die gleiche Art und Weise versuchst und danebenliegst.“ „Das ist bei Deiner Vona anders?“ „Allerdings. Denn sie kam sehr unvermittelt in mein Leben. Es gibt auf den ersten Blick sehr wenige Schnittstellen.“ „Es gibt keine Zufälle.“ „Nun, das sehe ich wiederum ein bisschen anders, wie Du weißt. Seitdem ich mich mit der Arbeit von Tania Lombrozo beschäftige.“ „Womit beschäftigst Du Dich?“ „Nun, Sie ist Professorin für Psychologie und Philosophie in Berkeley. Sie forscht über die Rolle von Erklärungen für das menschliche Denken.“ „Was?“ „Vereinfacht geht es darum, dass uns Erklärungen offenbaren, wie die Welt funktioniert. Und wir meinen, dadurch ein wenig vorhersehen zu können, was in Zukunft passiert. Das menschliche Gehirn findet das natürlich sexy. Es gibt da verschiedene Modelle, mechanistische, teleologische, ich mag jetzt nicht so genau darauf eingehen. Es ist jedenfalls so, dass nicht alles im Leben einen Zweck erfüllt.“ „Gibst Du mir ein Beispiel?“ „Gerne, nimm zum Beispiel einen Berg. Er hat ja nicht wirklich einen Zweck als Berg. Wenn Du aber ein Kind fragst, wirst Du eine Antwort bekommen wie jene, dass der Berg da ist, damit Du darauf klettern kannst. Und der Berg ist ja nun wirklich beim allerbesten Willen nicht entstanden, damit er beklettert wird, oder?“ „Sicher nicht!“ „Das menschliche Gehirn ist süchtig nach Erklärungen wie nach Schokolade.“ „Das verstehe ich sofort.“ „Ich weiß. Darum versucht es auch mehr oder weniger glaubhafte Verbindungen herzustellen zwischen Schicksalsschlägen und dem Sinn des Lebens oder eben Zufällen. Es mag Dinge einfach nicht offenlassen. Es versucht zwanghaft, die Tür zu schließen. Auch wenn viele wunderbare Dinge dadurch aussen vor oder verschlossen bleiben werden, nur weil man sie nicht begreifen oder tatsächlich erklären kann. Jedenfalls nicht sofort. Das Gehirn belügt sich gerne selbst und will auch belogen werden.“ „Es gibt also doch Zufälle?“ „Unbedingt! Man muss sich eben darauf einlassen können und wollen. Ich empfinde Zufälle ja als großes Glück. Sie helfen beim Ausbruch aus der Routine. Mir jedenfalls. Viele Leute haben Angst, ihre Routinen zu verlassen. Die bieten irgendwie eine vermeintliche Sicherheit.“ „Das kann aber doch auch schön sein.“ „Natürlich. Aber eben nicht nur. Das ist wie mit den Inselpopulationen. Manchmal tut ein bisschen frisches Blut einfach ganz gut.“ „… und mit Insel sind wir wieder bei Island.“ „Vona? Ja. Und eigentlich kommt sie ja von Heimaey, was ja eine noch viel, viel kleinere Insel ist. Stell Dir mal vor, sie hätte ihr hübsches Näschen nicht rausgestreckt.“ „Sehr übersichtlich das ganze.“ „Allerdings. Wobei sie ja schon einen Tag nach ihrer Geburt evakuiert wurde, womit es ja eigentlich dann auch schon losging.“ „Und wie findest Du, gilt das für Dich?“ „Irgendwie sind unsere Muster doch auch eine Art Insel. Auf Deiner Insel gibt es Deinen Stamm. Und mit dem kommen die meisten ja dann auch klar. Ordnen sich ein. Leben Konvention. Die Insel ist mal größer und mal kleiner, aber zum Schluß leben wir ja alle irgendwie auf Inseln. Manche Inseln haben Schnittmengen, gehören zu einem Archipel, haben Verbindungen.“ „Interessanter Ansatz, Bruno.“ „Und manche Inseln sind eben sehr weit von einander entfernt ohne Berührungspunkte. Scheinbar.“ „Und die werden dann durch Zufälle verbunden?“ „Ein bisschen. Vor allem aber dadurch, dass man Zufälle auch zulässt. Ich habe mal etwas gelesen über die Navigatoren in der Südsee. Die sind mit kleinen Bootchen quer über den Pazifik gereist. Nach den Sternen, nach Wellenformen, Strömungen, Tierbewegungen und so weiter. Die ausgewiesenen Großmeister kamen von der Insel Satawal. Und diese Insel liegt wirklich am Arsch der Welt.“ „Du meinst, die sind zu großartigen Navigatoren geworden, weil sie so weit abseits gelebt haben?“ „Vielleicht. Auf alle Fälle sind die mehrere tausend Seemeilen über einen offenen Ozean zu den Osterinseln gefahren. Ohne zu wissen, dass es dort etwas zu finden gibt. Sicher Zufall, aber auch weil sie es konnten.“ „Und was hat das jetzt mit Vona zu tun? Du kommst vom Hundertstel ins Tausendstel, Bruno.“ „Ich glaube, dass sie mir mit ihren Impulsen zeigt, zwischen unseren Inseln zu navigieren. Ich habe das Gefühl, es gerade zu lernen. Es ist wunderbar …“ „… und jetzt meldet sie sich nicht mehr? Gibt keine Impulse mehr? Daher Deine Trauer, Deine Unsicherheit?“ „Irgendwie schon …“ Beiläufig schaue ich auf mein iPhone. ich habe eine SMS bekommen. Vielmehr eine MMS. Ein Bild. Eine Collage aus einer Südseekarte und dem Bild „Tänzerin“ von Emil Nolde aus dem Jahr 1913. Darunter steht: „Ich liebe Emil Nolde. Und sehr gerne mag ich seine expressionistischen Bilder aus seiner Zeit in der Südsee. Fährst Du mit mir hin? Eines Tages? Vona.“ Es gibt keine Zufälle? Vielleicht. Auf jeden Fall gibt es Hoffnung. „Bruno, ich schenke uns noch ein bisschen nach. Alles wird gut. Prost.“ „Ja, Sabineschatz, ich liebe unsere Gespräche und „Vona“ ist hoffen auf Isländisch …“

 

 

 

16. September 2014 ... "Vona" ist hoffen auf Isländisch 10

„Findest Du das übergriffig?“ Mechthild schaut mich über ihren Brillenrand lange und intensiv an. Mechthild ist eine echte Herzensfreundin. Sie kennt mich genau. ich kann ihr überhaupt nichts verheimlichen. Und das will ich auch gar nicht. Sie ist eine großartige Sparringpartnerin wenn es um die ganz beinharte Gefühlsarbeit geht. Reinspringen in den emotionalen Morast. Arschbombe! Wühlen bis zu den Ellenbogen. Jetzt wird sortiert. Und dafür legt man am besten alle Karten auf den Tisch. Klappt das Visir hoch. Runter mit dem Panzer. Herz auf Durchsicht. Sie merkt es ja doch. Es ist ein schöner Abend. Der Herbst hat dem Spätsommer noch einmal kurz die Tür aufgemacht. Für die Erinnerung. Für die Sehnsucht. Auf dem Weg in die Kälte und die Dunkelheit der kommenden Monate. Wir sitzen vor unserer Lieblingsgastwirtschaft. Draussen auf der Terrasse über der Pfingstwiese. Ohne Jacke geht das nicht mehr um die Uhrzeit, aber die Luft ist toll heute. Maria bringt uns zwei große Rieslingschorlen. Und jedem einen strammen Max, der kein Mäxchen ist.

„Lenk nicht ab, warum sagst Du das mit dem übergriffig?“ „… eine Freundin hat mich gefragt, ob ich das mit Vona nicht übergriffig fände. So, wie sie in mein Leben eindringt …“ „… und? Empfindest Du das so?“ „Nein, ich empfinde es gerade als spannend. Es sind ganz viele unterschiedliche Gefühle da. Ich meine, ich kenne sie ja gar nicht wirklich. Obwohl ich inzwischen vielmehr von ihr weiss als von vielen anderen Menschen.“ „Sie ist wirklich seltsam. Aber auch seltsam interessant. Zuerst dachte ich, sie ist so eine Irre. Wie damals Deine Kollegin. Mein Gott hat die genervt.“ „Das hat sie. Aber sie hat mir auch leid getan. Sie war halt sehr verliebt.“ „Sie hat dich verfolgt. Du hast tagelang auf sie eingeredet wie auf ein krankes Pferd.“ „Und heute ist sie glücklich verheiratet mit einem Kerl der zu ihr passt und der sie auf Händen trägt … und vor allem: wir können uns in die Augen schauen. Ich mag Menschen nicht mehr so gerne vor den Kopf stoßen. Ganz schlecht für das Karma-Konto! Weiß ich so genau, ob mir das nie passieren könnte? Möchte ich dann wie Scheiße behandelt werden? Sicher nicht.“ „Du hast ja recht, Schatz. Zurück zu Deiner Meerjungfrau …“ „… das ist Dänemark, Mechthild. Die Meerjungfrau sitzt auf ihrem Stein in Kopenhagen. Vona ist aus Island.“ „Ist das nicht alles das gleiche?“ „Nicht ganz.“ „Aber irgendwas hab ich doch mit Dänemark in Erinnerung.“ „… die Nummer mit der Sklaverei? Das war zu Beginn des 17. Jahrhunderts. Ja, da gehörte Island noch zu Dänemark. Ist aber auch schon ein bisschen her.“ „Was für eine sensationelle Geschichte. Unglaublich. Und sie ist immer noch da, die Geschichte. Sie ist ein Teil von ihr. Was für ein Wahnsinn.“ „Ja, das ist da alles sehr viel dichter dran. Der Vater ist Deutscher und verschwindet bei den Roten Khmer im Dschungel Kambodschas. Und dann die Nummer mit dem Vulkanausbruch zur Geburt. Verdammt viel Schicksal“. „Wie kam sie überhaupt auf Dich? Wo sind Eure Schnittmengen? Ich meine, das mit dem Alsterlauf in Hamburg an dem Wintermorgen, war das Zufall?“ „Braucht Ihr noch was?“ Maria schaut zur Tür raus … „noch zwei Schorle bitte. Mechthild, ich habe keine Ahnung. Und eigentlich weiß ich inzwischen auch gar nicht mehr, ob ich das überhaupt wissen will. Sie überrascht mich immerwieder. Zunächst war das schon ein bisschen spooky, dass sie immer zu wissen scheint, wo ich gerade bin und was ich gerade tue. Aber natürlich holt sie mich auch genau damit ab.“ „Wie das?“ „Schau, da ist jemand, der sich für Dich interessiert. Jemand der sich leise kümmert. Der ein bisschen dranbleibt an dem was Du tust. Aufmerksam. Es ist ja nie aufdringlich. Ein großartiges Gefühl. Ganz fein auf mich abgestimmt. Und dann die Sache in Berlin. Ich meine, da hatte ich echt einen Strömungsabriss. War krank, hatte einen sitzen. Und dann hat auch noch der schwarze Hund nach mir geschnappt. Und sie war da. Richtig da. Mehr „da“ geht nicht. Für den Moment.“ „Und dann ist sie doch gleich wieder weg. So wie sie kam. Aus dem nichts. Ist das nicht ziemlich einseitig?“ „Ich denke inzwischen eher, dass sie mir so eine Art Chance geben möchte. Ich habe das Gefühl, dass sie unglaublich viel über mich weiss. Sie ist extrem gut informiert und vorbereitet. Du weißt, sie war hier in Kreuznach. Und sie scheint schon ein bisschen länger an meiner Person interessiert zu sein. Das streichelt natürlich mein Ego. Absolut. Wenn ich allerdings sehe, wie sie mich mit Impulsen ausstattet. Mir anbietet, sie kennenzulernen. Ihren Rahmen. Chronologisch. Ihren Hintergrund. Es ist nur noch eine Frage der Zeit, bis wir auf Augenhöhe kommen. Vielleicht.“ „Und Du signalisierst ja auch etwas. Wenn Du sie nicht interessant finden würdest, wären Dir die ganzen Infos doch völlig Wurscht.“ „… natürlich finde ich sie interessant.“ „Klar, weil sie deine Irrsinnsneugier kitzelt, Du Wahnsinniger. Klar weiss sie, wie Du tickst. Sie hat einen Weg gefunden, Dich auszusuchen und dir zeitgleich das gute Gefühl zu geben, dich ihr in Deinem Tempo anzunähern. In Deinem Rythmus. Und ab und zu hilft sie eben etwas nach. Clever. Ein tolles Weibsbild. Ich bin fast ein bisschen neidisch.“ „Auf sie oder auf mich? Hahaha. Das besonders magische ist ja, dass sie mir etwas anbietet, das ich aktiv annehmen muss. Es wird nichts verschenkt. Sie bemüht sich, ich bemühe mich. Was auch immer das ist und was es werden soll. Ich nenne das Balance!“ „Ein guter Deal.“ „Finde ich auch. Lass uns zahlen.“

„Maria, machst Du bitte …“ „Passt. Danke.“ Wir stehen auf, verabschieden uns. Küsschen, Drücker. Wunderbar. „Komm Brunoschatz, ich fahr Dich heim.“ „Danke.“ „Scheisse, ein Strafzettel.“ „Das ist kein Strafzettel.“ Ich muss grinsen. Leise Gewissheit. „Es ist für mich. Da steht sicher Bruno drauf oder sowas.“ „Stimmt. An meinem Auto? Hier hast Du …“ Ich schlage den Zettel auf: „ich vermisse Dich. Ich habe an Dich gedacht. Bis ganz bald. Vona“ „So weckt man tiefe Sehnsucht, Baby.“ „Scheisse, ist das Schätzchen gut.“ „Sie kümmert sich. Ich respektiere das zutiefst.“ Da gibt sich jemand Mühe. Für mich. Ich liebe das. „Vona“ ist hoffen auf Isländisch.

15. September 2014 ... "Vona" ist hoffen auf Isländisch 09

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via Facebook Messenger:

„Bruno,

Fünftausend. Fünftausend Menschen lebten im Januar 1973 auf Heimaey. Und meine Mutter war eine von ihnen. Sie heisst Minerva. Daher mein richtiger Name: Lilja Elín Mínervudóttir. Matronymische Namensgebung. Tochter der Minerva. Eine Ausnahme, aber das weisst Du ja. Ich hatte es dir erzählt. In Hamburg. Meine Mutter. Sie ist schon immer eine außergewöhnliche Frau gewesen.

Eine ihrer Vorfahren war eine enge Weggefährtin von Guðríður Símonardóttir. Diese Frau ist Legende bei uns. Sie lebte von 1598  bis 1682 und wurde biblische 84 Jahre alt. Und das war bei ihr kaum selbstverständlich. Sie gehörten zu den 242. Den Männern, Frauen und Kindern, die von den Piraten nach Afrika entführt wurden. 1627. Von den Vestmannaeyjar-Inseln und der Südküste. Bis dahin war Guðríður die Frau eines Fischers und Mutter. Einfache, ehrliche Leute auf Heimaey. Die Piraten haben sie auf dem Sklavenmarkt von Algier verramscht. Als Konkubine. In einen dreckigen Harem. Sie war zäh. Hat durchgehalten. Und wurde freigekauft. 1637 kam sie nach zehn Jahren wieder nach Island. Man hat sie nach Dänemark geschickt. Damit sie sich in ihrer Sprache und Religion üben konnte. In Dänemark wurde sie unterrichtet von einem Theologiestudenten. Hallgrímur Pétursson. Und schwanger. Ihr Mann auf der Insel war tot. Sie heiratete Hallgrímur. Der war nur halb so alt wie sie. Und was machten unsere sauberen Landsleute? Sie nannten sie eine Hure. Sie nannten sie eine Heidin. Und schimpften ihre neue Ehe eine Schande. Furchtbar. Sie kehrte nicht wieder nach Heimaey zurück. Hallgrímur  diente als Priester in Suðurnes and Hvalfjörður. Er war auch Dichter und hat die Isländischen Psalme geschrieben. Sie haben die Hallgrímskirkja, eine Lutherische Kirche in Reykjavík nach ihm benannt. Guðríður Símonardóttir nannten sie auch die „Tyrkja-Gudda“, die „türkische Gudda“. Als wenn sie sich das Scheissschicksal ausgesucht hätte. Es gab ein Theaterstück über sie. In den frühen Fünfzigern. Von Jakob Jónsson. Und ein Buch, das 2001 von Steinunn Johannesdottir geschrieben wurde: Reisubók Guðríðar Símonardóttur. Das bedeutet „Guðríðars Reise“. Das Buch war monatelang auf unserer Bestsellerliste. Wir Isländer sind stolz auf unsere Bücher. Wir lesen viel. Jeder Isländer kauft mindestens 8 Bücher. Jedes Jahr. Wir schreiben viel. Wir lieben unsere Autoren. 2011 waren wir das Gastland auf Eurer Buchmesse. In Frankfurt. Ich war auch da. Und Du?

Meine Mutter war die erste aus ihrer Familie, die zurückgegangen ist. Nach weit über 300 Jahren. Mehr Zufall als Absicht. Sie hat sich in den frühen Siebzigern in einen Seemann verliebt. Sie wollte lesen, lesen, lesen. Und glaubte, auf Heimaey hätte sie die nötige Ruhe. Immer Sturm. Immer Regen. Sie war ein Jahr auf der Insel, da hat er sie verlassen. Er war wohl ein ziemlicher Idiot. Ein hübscher Idiot, aber eben ein Idiot. Ein Fehler. Er hat zuviel getrunken. 1972 kam ein deutscher Ornithologe auf die Insel. Müller. Alle haben sie ihn nur Müller genannt. Keiner kann sich an einen Vornamen erinnern. Auch Mutter nicht. Er forschte und interessierte sich vor allem für unsere Papageientaucher. Und auch für meine Mutter. Sie mochte ihn sehr. Er war tagsüber bei seinen Vögeln und abends auch irgendwie. Im Frühling 1972.
Im August war er verschwunden. Kurz nach unserem Feiertag. Weg war er. Geschrieben hat er. Noch ein paar Jahre. Und Geld hat er geschickt. Die Briefe hat meine Mutter noch heute. Dann forschte er im Urwald von Kambodscha. Und dann hat niemand mehr von ihm gehört. Pol Pot und die Roten Khmer. Da hat er dann zulange gewartet.

Also. 2. August: Feiertag bei uns. Heimaey hat einen eigenen Nationalfeiertag. 1874 gab es auf Island eine Tausendjahrfeier. Die Leute von Heimaey konnten nicht hin, nicht übersetzen. Wieder Orkan. Wie immer eigentlich. Dann haben sie eben ihr eigenes Ding gemacht. Wie so oft. Und am 22. Januar 1973 kam ich dann zur Welt. Morgens. Meine Mutter konnte sich nur wenige Stunden erholen und an mir erfreuen. Dann brach nämlich einer unserer Vulkane aus. Eldfell. Nachts um eins. Und dann haben sie uns alle evakuiert. Fünftausend. In wenigen Stunden. Mutter und ich kamen bei ihren ehemaligen Studentenfreunden unter. Das waren Hippies. Die lebten in Reykjavik. Und sie hörten Fleetwood Mac und solche Sachen. Und sie träumten von Festivals. Woodstock und so. Sommer der Liebe. Das war da zwar schon 4 Jahre rum. Aber hey, das hier ist Island. Manchmal gehen die Uhren hier eben ein bisschen langsamer. Die Leute von Heimaey haben mich damals als Symbol verstehen wollen. Hier stehen wir sehr auf Zeichen. Ist immer ein bisschen mystisch hier. Sie nannten mich „Hoffnung“. „Vona“.

Hier kannst Du sehen, was passiert ist auf Heimaey in jener Nacht im Januar 1973:

https://www.youtube.com/watch?v=kQPr27DslsQ

Bis ganz bald. Vona“
„Vona“ ist Hoffnung auf Isländisch …
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14. September 2014 ... "Vona" ist hoffen auf Isländisch 08

Trübe ist es. Draußen und drin. Es sind diese Sonntage, die sich nach dem aufwachen langsam ins Gemüt graben. Sich hineinfressen. Schleichendes Gift. Sie fangen ganz friedlich an. Beinahe unschuldig. Fast, als wäre alles gut. Die Bettwäsche ist noch ziemlich frisch. Fluffig. Weiß, nicht werbewiesenblumenweiß. Aber weiß. Es ist nicht zu warm und nicht zu kalt im Zimmer. Ein Blick aus dem Fenster schnappt ein verwaschenes Stück graues Panorama. Eintropfende Melancholie. Gestern war doch mit Augenmaß? Der Kopf ist ohne Druckstellen. Fast. Kein Kater. Fast keiner. Ein Gefühlskater ist da. Nicht einfach so. Er springt einen ja nicht an. Er ist nicht wie der blöde Rachekater nach Saufexzessen. Der Gefühlskater ist ein anderes Kaliber. Er hat einen langen Atem. Ist ein stiller Jäger. Der sitzt da und beobachtet. Kann warten. Nähert sich langsam. Schleicht sich an. Kratzt hier. Und dann da mit scharfen Krallen. Beißt zu. Spielt mit den Nerven wie mit der lebenden Maus. Er zieht sich zurück wenn er nicht die volle Aufmerksamkeit hat. Wenn man unter Strom steht. Unter Druck. Rennt, redet, macht. Bewegung mag er nicht so. Im Kopf. Und auch so. So kann man ihn ein wenig auf Distanz halten. Aber ganz ohne Blessuren geht es nie.

Ich habe die Woche fallen lassen und räume ihr jetzt hinterher. Und das nicht nur in Wäsche und Geschirr. Die eigenen Strukturen spüren, Rhythmus werden. Und den Tag Raum werden lassen, in dem man einen Platz finden kann. Wenn man will. Ich will. Eine heisse Dusche und viel Zeit im Bad. Sich finden. Langsam. Dann Post. Job und Privates. Und eine Nachricht. Auf Facebook. Via Messenger: „Hallo lieber Bruno, ich war heute in Deinem Leben. Ich war in Deiner  Stadt. Ich wollte sehen, wo Du lebst. Wollte sehen, wo Du zuhause bist. Sehen was Du siehst. Hören was Du hörst. Riechen was Du riechst. Und schmecken, was Du schmeckst wenn Du durch Deine Straßen läufst. Ich habe Deine Stadt von oben gesehen. Habe auf den kleinen Fluss geschaut und die Stadt dahinter bis zu den Hügeln. Auf einer Bank gesessen. Vor dem kleinen Häuschen. Ich war so neugierig. Habe Dir geschrieben. Ein Umschlag. Er heftet an der Lehne. Wenn Du magst. Ich denke an Dich.  Immer. Vona“

Sie war hier. Ist hier. Ich springe auf und laufe zu meinem Badezimmerfenster, von wo aus ich den Teetempel auf dem Kauzenberg sehen kann. Da muss sie gewesen sein. Nur das passt zu ihrer Beschreibung. Vielleicht tausend Meter entfernt. Vielleicht ein bisschen mehr. Der Teetempel. Überbleibsel einer romantischen Fantasie. Eines Landschaftsparks, den die Familie des napoleonische Beamten und Freiherrn Andreas von Recum hat anlegen lassen. Den hat Napoleon sogar mal hier besucht. 1804 war das. Napoleon in Bad Kreuznach. Und heute war Vona aus Island hier. Die schöne, seltsame Vona. Was macht sie bloß? Teetempel. Wie kommt sie darauf?

Und sicher ist sie schon wieder weg. So gut kenne ich sie. Glaube ich. Glauben heisst nicht wissen. Schnell ziehe ich mich an, habe die Tür in der Hand. Sie fällt zu. Der Schlüssel will nicht ins Schloss. Doch. Da. Die Treppe runter und raus auf die Straße. Die Sonne zeigt sich. Ein schönes Zeichen. Ich gehe zügig bis zur Hauptstrasse. Lasse den Verkehr durch. Warte auf eine Schneise. Bin unruhig. Will los. Und traue meinen Augen nicht. Sie fährt vorbei. In einem alten Volvo. Ein Amazon. Kombi. Ein fantastisches Auto. Nur so konnte es mir überhaupt auffallen. Was für eine Szene! Filmreif. Unbewusst? Muss wohl. Wie hätte sie ahnen können, dass ich genau jetzt hier stehe. Und dann der Verkehrsfluss. Zufall? In keinem anderen Auto hätte ich sie jetzt gesehen. Nur in diesem wundervollen, hellblauen, skandinavischen Anachronismus mit so viel blitzendem Chrom. Sie sieht mich nicht, ist kaum da und schon vorbei. Schön sieht sie aus. Seltsam ist sie. Warum macht sie das alles? Es ist ja nicht so, dass ich das nicht toll fände. Da ist jemand wildfremdes, der mir eine ganze Menge Ideen, Phantasie, Aufmerksamkeit und Energie schenkt. Impulse gibt. Interesse zeigt und Interesse weckt. Ich laufe ihr jetzt nicht hinterher, winke nur leise, schaue ihr lange nach. Sehe sie eintauchen. Verschwinden. Warum laufe ich nicht? Ich vertraue. Blind. Sie findet mich. Ich weiß es einfach. Sie weiß was sie sucht und sie weiß wo.

Sie gibt mir viel. Sie macht mich reich. Man kann sich ja manches mit der Globalentschuldigung „Alltag“ weglügen. Ich will das nicht mehr: keine Verletzungen durch Rücksichtslosigkeit, Ignoranz und Trägheit. Der Mangel an Austausch und Wertschätzung. Fehlender Respekt. Schluss damit. Lieber Morgenluft. Viel lieber. Mir gefällt, was ich gerade erleben darf. Dieser Spannungsbogen. Diese Kreativität. Dieser Geist. Fast stofflich, allgegenwärtig. Ich liebe es. Ich fühle es. Machen und nicht laufen lassen. Wie toll ist das. So positiv. Ich kann es atmen. Tief und wunderbar. Endlich.

Ich gehe über die Salinenstraße, am Oranienpark vorbei, quere die Nahe über die kleine Fußgängerbrücke zum Quellenhof, den ich rechts liegen lasse. Nehme links davon die Treppen und den schmalen Fußweg zur Kauzenburg. Wähle den direkten Weg zum Tempel über die steile Treppe. Oben angekommen stelle ich wieder einmal fest, wie schön es hier doch ist. Ich sollte öfter hier sein. Die Pausentaste drücken. Maß nehmen. Einen Maßstab finden. Für mich und die Welt. Für mich in der Welt. Alles ist relativ. Und manches eben doch nicht ganz so wichtig, nicht so schnell, nicht so schlimm oder was auch immer.

Da. Hinter der Bank ist der Umschlag. Tatsächlich. Befestigt mit einer Reißzwecke. Und was für eine! Wirklich hübsch, auf dem Kopf der Reißzwecke ist die isländische Flagge. Was eine fabelhafte Liebe im Detail. Da gibt sich jemand Mühe. Wählt bewußt. Keine Zufälle. Ich setze mich auf die Bank. Schaue ins Nahetal. Öffne den Brief:

„Lieber Bruno, wie schön, dass Du mich annehmen kannst …“ Wie schön, dass Du mich annehmen kannst? Oh Vona! „… wie schön, dass Du mich annehmen willst. Ich weiß, dass Dir die Reißzwecke aufgefallen ist. Und weißt Du, Bruno, es ist nicht nur so, dass man sich die Dinge ausdenkt und alles einfach macht, weil man in diesem Moment genau so empfindet. Es gehört auch dazu, dass da jemand ist, der das genau so annimmt. Annehmen will und anzunehmen weiß. Das ist der Brennstoff der Kreativität. Das Benzin der Ideen. Das Fundament echter und ehrlicher Gefühle.“ Meine Hand mit dem Brief sinkt auf mein rechtes Knie. Ich staune. Ja es stimmt, Vona. Es geht tatsächlich immer um geben und um das annehmen wollen. Annehmen wollen ist viel mehr als nur nehmen. So wird die Sache rund. Lebendig. Beides ist aktiv: geben und annehmen. Annehmen wollen ist so viel mehr das passive nehmen, einstecken, mitnehmen. Ich nehme den Brief wieder auf. „… eine meiner weiblichen Vorfahren war eine der Rückkehrerinnen aus Algier im Jahr 1637. Sicher erinnerst Du Dich an die Geschichte. Ólafur Egilsson hat um ihr Leben geschrieben. Seine Erinnerungen wurden Ihre Freiheit. Wörter wurden Freiheit. Das ist fast 400 Jahre her. Schreibst Du um meines? Love, Vona.“ Ich atme. Vona, liebe Vona. Natürlich schreibe ich um Dich. Lass uns sehen, was ich tun kann und wie. „Vona“… ist hoffen auf Isländisch.

11. September 2014 ... "Vona" ist hoffen auf Isländisch 07

Messe. Mit Erkältung. Nicht mein Wochenende Und Berlin ist heute irgendwie nicht wirklich meine Stadt. Hitze, Kälte. Grippenzickig. Nicht fair, ich weiss. Aber es ist ja auch nicht immer alles fair. Ab ins Hotel. Ein frisches Taxi. Immerhin. Und ein freundlicher Fahrer. In Berlin? Er hört den Klassiksender. Bach! „Das entspannt“, meint er und bringt uns tief in sich ruhend, sanft und ruckfrei durch den stockenden Verkehr in Mitte. Das hat unbedingt was meditatives. Ich mag es: Ommm! Er verfährt sich nicht mal kostenpflichtig. Der Ritt bleibt günstig. Der Mann hat ein ausgezeichnetes Karma. Namaste. Ich verneige mich. Kurfürstenstraße. Wir steigen aus in einen der letzten warmen Spätsommerabende dieses Jahres. Unser angestossenes Plattenbauhotel saugt uns von der Strasse in sich auf. „15 Minuten, wir treffen uns an der Bar in der Lobby?“ „So machen wir das.“ Kalte Dusche, frisches Hemd und die Lieblingssneaker. SMS. Wie Hase und Igel in FSK 16: „Ich bin schon da! Und ich trinke ein Pils“ … ach Markus , „na, dann bestell mir doch schon mal einen Rieslingsekt und einen doppelten Espresso. Bin unterwegs.“ Trinken, atmen, zahlen. „Die Rezeption meldet uns die Ankunft des Fahrers und wünscht uns beherzt und quer durch den Saal eine wilde Reise durch die Nacht. Champagnerparty! Da kann wenig schiefgehen. „Kreuzberg. Prinzenstraße 85 F. Prince Charles.“ Kurze Anreise. Die Location ist im Hinterhof. Mein Freund Peter hat uns auf die Gästeliste setzen lassen. Er ist ein Edelstein. Ein unkonventioneller Weinhändler in Berlin. Und er vertritt auch die eine oder andere Champagnermarke in diesem Moloch. Peter kennt natürlich auch alle anderen am Platz. Heute sind mehr als zehn Traditionshäuser am Start: Bollinger, Krug, Ayala und wie sie alle heissen. Die üblichen Verdächtigen. Dazu ein paar dieser jungen, frischen, frechen und ökologischen. Als Extra noch einen Riesling von der Nahe. Martin Tesch aus Langenlonsheim ist mit seinem Weingut vertreten. Angenehme Housebeats pulsen sanft durch das kreative Ambiente. Sehr lässig und locker das ganze. Entspanntes Geniesserpublikum. Küchenprominenz und großstädtische Trinkerelite. Profis und ambitionierte Amateure. Kompliment. Toller Mix. Wir entscheiden uns im ersten Gang für einen Vintage-Heidsieck. Feiner Stoff. Ich liebe das. Und dann trinken wir uns ein bisschen durch, hören Musik, reden, lassen es perlen. Um wieder bei Peter zu landen, der wie immer ein fabelhafter Gastgeber ist. Markus und Peter verstehen sich gut, finden ins Gespräch, als würden sie sich schon länger kennen. Schön. Das schenkt mir Raum. Und den kann ich gut gebrauchen. Ein leichter Champagnerrausch zwingt mich nach draußen an die frische Luft. Durchatmen. Mal eben hinsetzen. Pause. Ein Loch im Raum-Zeit-Kontinuum. Es fängt wieder an. Es schnappt nach mir. Da ist es wieder, dieses seltsame Gefühl. Allein zu sein zwischen all diesen feiernden Menschen. Es beginnt immer wie ein leichter Tinnitus. Nur eben nicht in den Ohren. Eher auf der Seele. An und in. Bohrend. Ich versuche in mich hineinzuhorchen. Habe die Augen geschlossen. Als sie mich sanft berührt. Ihre Schulter an meiner Schulter. Fast beiläufig. ich spüre sie sofort. „Vona!“ Ich drehe mich zu ihr. Sie ist es wirklich. Sie schaut mich sehr tief an mit ihren blauen Augen. Kein Wort. Eine kleine Ewigkeit. Sie nimmt mein Gesicht in beide Hände. „Es wird aufhören.“ Sie wiederholt sich: „es wird aufhören, Bruno.“ Sie küsst mich lange. Sie küsst mich tief. Sie küsst mich wunderbar. Die ganze Klaviatur. Ein Flug durch das ganze Universum. Alles scheint an uns vorbeizurauschen. Es ist wie Überschall und Zeitlupe in einem. Schallfrei und Heavy Metal zugleich. Die Lippen lösen sich. Langsam. Ich spüre, wie ihre Lippen meine verlassen. Es ist wie in Minuten. Die Raumfähre verlässt den Planeten Bruno. Hebt vorsichtig ab. Unsere Gesichter sind nah. Ich kann ihren Atem spüren, riechen, schmecken, fühlen. Und es ist wunderbar. Der Moment ist unendlich zart. Die Welt ist fern. Es gibt nur sie und mich. Es ist das unbedingte Verständnis ohne jedes Wort. Ein unausgesprochener Schwur. Ist es das? „Vertrau mir. Bitte.“ „Ja.“ „Bald.“ „Ja.“ „Bleib.“ „Ja.“ Sie zieht sich zurück. Verschwimmt. Verschwindet langsam. Ist weg. „Was war das denn?“ Markus setzt sich neben mich. Er hat uns zwei Gläser knallkalten Champagner mitgebracht. Im großen Glas. So ist er am besten. Ohne viele Worte. „Kaum lässt man dich 5 Minuten ohne Aufsicht … war sie das?“ „Wer? Der Kuss?“ „Die Schönheit. Und es war ja wohl eher so, dass sie dich geküsst hat.“ „Vona?“ „Du hast von ihr erzählt. Sie macht es ja echt spannend.“ „Ich vertraue ihr. Und ich hoffe.“ Ich schaue ihr immer noch nach, obwohl sie längst weg ist … Vona ist hoffen auf Isländisch.