12. Oktober 2014 ... "Vona" ist hoffen auf Isländisch 17

Lieber Bruno,

ich bin für ein paar Tage zu Besuch auf Heimaey. Schauen, hören, fühlen, riechen, schmecken, spüren … Heimaturlaub. Seelenrast. Auszeit. Nachdenken. Altes gehen lassen. Freimachen für die neuen, wichtigen Dinge in meinem Leben. Du erinnerst Dich? Wir haben es noch nicht gelöst. Unser Projekt: „Heimaey 365/24/7“. Dreihundertfünfundsechzig Tage auf der Insel. Du und ich. Ich sehe mich um und möchte Dir ein bisschen beschreiben, was da ist. Dich mit meinen Augen sehen lassen. Vielleicht kann ich uns beiden ein bisschen die Angst nehmen. Angst? Eher Respekt. Oder?

Zuerst kommt immer Reykjavík. Da landest Du. Und von da fahren wir nach Landeyjahöfn im Süden. Wir werden noch Zeit haben für Island. Wunderschönes Island. Später. Unsere Fähre heisst Herjólfur. Sie bringt uns von Landeyjahöfn nach Vestmannaeyjar. Nach Heimaey. Das dauert kaum länger als eine halbe Stunde. Wenn das Wetter schlecht ist und im Winter fährt Herjólfur nach Porlákshöfn. Das dauert dann gute 3 Stunden. Aber das lassen wir lieber sein wenn es sich vermeiden lässt, denn das ist nichts für einen empfindlichen Magen.

Die Vestmannaeyjar sind fünfzehn Inseln und noch ein paar Klippen. Bis auf Heimaey gehören sie alle irgendwelchen Leuten. Wir haben hier auf Vestmannaeyjar das mildeste Klima von ganz Island, fünf Grad im Jahresdurchschnitt. Dafür ist es ziemlich nass und total windig. Kannst Du das ertragen? An über siebzig Tagen im Jahr haben wir hier mehr als Windstärke neun. Es gibt eine Wetterstation im Süden. Auf dem Hof Stórhöfði. Die gilt als die windigste in ganz Europa.

Wirklich bewohnt ist nur Heimaey. Und Heimaey bedeutet heute viertausend Menschen auf dreizehn Quadratkilometern Felsen im Nordatlantik. Früher waren es mehr als fünftausend. Fast alle leben von den Fischen. Und sie lebten einmal gut davon. Aber die Zeiten ändern sich. Wir kennen uns hier alle. Schon immer. Irgendwie. Es gibt drei Supermärkte und sogar zwei Wochenzeitungen: „Die Wache“ und „Die Nachrichten“. Den jüngsten Vulkan der Welt, den „Eldfell“. Das heisst „Feuerberg“. Er ist genau einen Tag jünger als ich. Aber viel größer. Zweihunderteinundzwanzig Meter ist er hoch. Wegen ihm mussten wir alle unsere Heimat verlassen. Im Januar 1973. 5 Monate hat das für die meisten gedauert und für mich noch sehr viel länger. Wir haben hier einen Golfplatz. 18 Loch. Ich habe gelesen, der sei etwas besonderes. Ich kann das nicht beurteilen. Ich spiele kein Golf. Spielst Du Golf, Bruno? Ich kann mir das nicht vorstellen, aber das muss nichts heissen. Vielleicht lernst Du es hier. Ich denke, man kann hier eine Menge lernen und von hier mitnehmen zurück in die Welt. Eine andere Welt. Wenn man nur will.

Bei uns funktionieren manche Dinge anders. Wir glauben an mehr als an das, was wir sehen und anfassen können. Stell Dir vor, die Hälfte aller Isländer glaubt an Elfen. Sie glauben an Zwerge. Und an Huldufólks. Huldufólks sind Mischwesen aus Elfen und Menschen. Die unsichtbaren Menschen. Stell dir vor, neunzig Prozent halten die Existenz für möglich. Das wird aber niemanden wirklich wundern, der schon mal hier war. Surreales Island. Wir haben sogar eine Elfenschule. Es ist die einzige auf der ganzen Welt. Sie wird geleitet vom Historiker Dr. Magnús Skarphedinsson. Er selbst hat noch keine Elfen gesehen. Er meint aber, dass das nicht zwangsläufig bedeute, dass es keine gäbe. Magnús dokumentiert die Erfahrungen unserer Landsleute, die behaupten, Kontakte mit den Geisterwesen gehabt zu haben. Und dabei ist es angeblich auch schon zu sexuellen Kontakten gekommen. Außerdem gibt es da auch noch Erla Stefánsdottir. Sie ist Klavierlehrerin und die Elfenbeauftragte des Reykjaviker Bauamtes. Sie kennt ungefähr 18 verschiedene Elfentypen und zeichnet als Medium im Auftrag der Stadtverwaltungen und von Privatpersonen sogenannte Elfenkarten. Und sie berät bei Bauvorhaben. Die Geisterwesen leben an vielen Orten und sie mögen es nicht, wenn man ihre Harmonie stört. Das klingt sicher alles ganz schön schräg und Du magst sicher wissen, ob ich auch an diese Dinge glaube. Sagen wir so, wenn wir von Geisterwesen, „Geist und Wesen“ sprechen, glaube ich an ein Wesen der Dinge, an Geist, Spirit und auch an die Harmonie der Natur. Ich brauche es nicht ganz so stofflich wie viele meiner Landsleute, aber so weit liegt das alles auch nicht auseinander. Oder? Ich mag intelligente Spiritualität. Und wenn Du ja sagst, haben wir viel Zeit, darüber zu sprechen und nachzudenken.

Auf Heimaey gibt es übrigens eine Besonderheit. Hier lebt ein ehemaliger Parlamentsabgeordneter. Árni Johnsen. Er ist felsenfest davon überzeugt, dass ihm ein paar Elfen das Leben gerettet haben. Bei einem Autounfall. Und so hat er einen Felsen mit Elfen mit auf unsere Insel gebracht. Das gab Streit und Diskussionen auf dem Festland. Vor allem mit der Elfenschule. Die Elfenspezialistin Ragnhildur Jónsdóttir hat dann das Unternehmen begleitet und die Elfen unterwegs mit Honig gefüttert und beruhigt. Das sollen sie besonders mögen. Der Felsen hat neben seinen vielen Tonnen Gewicht noch ein paar weitere Extravaganzen. Unter anderem sollen in ihm drei Generationen Elfen leben. Das ist wohl absolut außergewöhnlich und beschert uns eine Art Elfentourismus. Wir können uns das ansehen wenn Du magst. Vielleicht siehst Du ja mehr als ich. Ich bin sehr gespannt.

Ich möchte Dir auch gerne noch kurz von der Erschaffung der Elfen erzählen. Sie wird in einem sehr bekannten, isländischen Märchen beschrieben und ging in etwa so: Adam und Eva bekamen Spontanbesuch durch den Allmächtigen. Natürlich präsentierten die beiden voller Stolz ihre Kinder. Der Allmächtige fand den Nachwuchs prima und fragte, ob es noch mehr gäbe. Aber Eva hatte noch nicht alle Kinder gewaschen und schämte sich dafür. Sie wollte die schmutzigen Kinder nicht vorzeigen und verneinte daher. Der Allmächtige wäre nicht der Allmächtige, wenn er das nicht gewußt hätte. Also sagte er: “Was vor mir verborgen wird, soll auch den Menschen verborgen sein.” Und so wurden die schmutzigen Kinder für alle unsichtbar und wohnten in Bergen, Hügeln, Felsen und Steinen. Und von ihnen stammen die Elfen ab. Wir Menschen stammen von den gewaschenen Kindern ab. Gibt es eine Moral aus dieser Geschichte? Vielleicht die, dass man sich genau überlegen sollte, ob man jemanden verleugnen sollte und was dadurch alles passieren könnte. Und das nicht nur für einen selbst.

Außerdem mag ich Dir noch vom „Innovationsbüro“ berichten. Großartig, oder? Alleine der Name! Ich dachte gleich an dich und Deinen Freund Markus. Im Büro arbeiten Kristin Johannsdottir und Sigurjon Haraldsson. Beide waren lange im Ausland und sind mit ihren Familien wieder auf die Insel gezogen. Das Büro soll Heimaey nach vorne bringen. Wirtschaftlich, touristisch und überhaupt. Ich bin gespannt wie Du die beiden findest. Ich mag sie sehr. Sie geben einfach nicht auf. Die haben sich das auch mit dem Inselkünstlerpaar ausgedacht. Du weißt: „unser Job“. Achja … hatte ich Dir eigentlich gesagt, dass wir ein Jahr lang auch darüber berichten müssten? Über unser Experiment? Blog, Facebook und so weiter? Oder hatte ich das etwa vergessen? Würdest Du? Mit mir? Echtes Leben leben und darüber schreiben? Das was Du richtig findest und das was ich richtig finde und das was wir beide richtig finden? Ich habe so viele Bilder in meinem Kopf. Machst Du mit?

Du sollst wissen, dass ich nicht verrückt bin. Zumindest nicht völlig. Da war ein Workshop. Dein Workshop. In Hamburg. Es ist schon eine Weile her. Geschichten erzählen. Storytelling. Transmedial. Von Print in Social Media und zurück. Es ging wohl um kochen, essen, genießen, leben und sowas. Eine Freundin war dabei. Sie hat mir von Euch erzählt. Von Küchenreiben, Lavendel, Orangenkuchen, einer Tischlerwerkstatt, alten mexikanischen Fliesen und von Fleetwood Mac. Sie fand Dich sehr anstrengend. Das hat mich neugierig gemacht und ich habe angefangen zu suchen, zu lesen. Auf Eurer Website, auf schulzundtebbe.de. Ich mag Euer Mantra sehr. Zu schauen. Zu sehen, wer Du bist. Was Du denkst und machst. Was Du schreibst. Auf Facebook und überall. Spurensuche. Spuren lesen. Ich wollte irgendwann gerne die Welt mit Deinen Augen sehen. Verrückt oder?  Man liest und liest und versteht, dass man sich nur ein sehr subjektives Bild malt. Eine Fata Morgana. Mal besser und mal schlechter. Und man begreift, dass man mit dem Menschen reden muss. Dass man ihn erfahren muss, um ihn kennenzulernen. Wenigstens ein bisschen. Ich habe Dich nie gefragt, ob Dir das alles recht ist. Aber mich habe ich gefragt. Wie ich auch Dich interessieren könnte. Deine Neugier wecken. Deine Leidenschaft für das ungewöhnliche. Für eine Geschichte. Und vielleicht sogar für eine gute. Ich weiß, dass Du Geschichten liebst. Ist das gut für Dich oder ist es Dir zuviel? Gerne würde ich Dir so viel mehr erzählen. Wenn Du das willst. Zulässt. Willst Du? Ich hoffe …

Vona

„Vona“ ist hoffen auf Isländisch …