12. November 2014 ... "Vona" ist hoffen auf Isländisch 21

Es ist einer dieser diesigfeuchtkalten Novembertage. Frühe Dämmerung. Nieselig. Sprühend. So wie eine defekte Herbstspraydose, die immerwieder unkontrollierte Tropfen rauskleckert. Die Wischer sind zu schnell oder zu langsam. Nie richtig eingestellt. Nervige rote Schlieren laufen, schmieren auf der Frontscheibe. Projektionen ständig aufflackernder Bremsleuchten. Müde Augen machen das nicht besser. Ich war ein paar Tage unterwegs, kreuz und quer. Privater Ausflug und beratende Visiten. Wilde Mischung. Und nun schleppe ich mich erschöpft nachhause durch die üblichen Feierabendstaus auf den Rhein-Main-Strecken. Stop and go and stop and go and stop and go … ich bin zu erschöpft, um mich wirklich aufzuregen. Und wie immer ein wenig gefühlskatrig wenn es zurück geht. Wenn das System runtergefahren wird. Das passiert ja nicht erst beim Aufschliessen der Haus- und Wohnungstür. Ein paar Stunden Heimreise sind wie eine ansteigende Kurve in die Maximalkonfrontation mit der persönlichen Realität von Leere. Nicht dass man das nicht aushalten kann. Ich habe mich längst arrangiert. Aber will man das? Auf Dauer?

Schnell noch in den Supermarkt. Ein paar Basics: Brot, Radieschen, Käse, Tomaten, dies und das. Ein Riesling liegt schon daheim im Kühlschrank und wenn ich mich ganz stark konzentriere, höre ich ihn fast schon ein bisschen betteln. Weil er aus der Flasche will. Ganz die bezaubernde Jeannie. Hab ich einen Wunsch frei? Na hoffentlich.

Zurück im Heim, klingelt es an der Wohnungstür: Elaine! Meine zauberhafte Nachbarin hat in meiner Abwesenheit etwas angenommen. Dankeschön - wie gehts - gut und euch - achja - liebe Grüße. Das Leben ist ein ruhiger, langer Fluss. Hat was. Bin ich neidisch? Manchmal, vielleicht, ein bißchen.

Elaine tanzt schon wieder die Treppen herunter - bis bald - und ich in meine Küche. Dort öffne ich das Päckchen mit dem Brotmesser. Absender: Vona. Punkt. Obenauf gebettet ein Brief. Darunter ein paar Socken. Handgestrickte Liebe. In wilder Farbe. Wildem Muster. Wild und wunderbar. Ich liebe handgestrickte Socken. Die sind vor ein paar Jahren zusammen mit den letzten alten Tanten aus meinem Leben ausgezogen. Schade. Traurig. Bis heute. Ab heute ist es wieder da und ich hatte es beinahe schon drangegeben: dieses großartige Gefühl, dass da jemand Socken für mich strickt. Sich Mühe gibt. Nur für mich. Mit Herz und Hand. Wärmende Unikate bar jeglicher, stumpfer Uniformität. Fast ein bißchen anarchistisch. Und gerne ohne Bündchen. So wie diese hier. Wollener Blaubeerquark. Grob gerührt. Und grob gestrickt. Traumhafte Farbassoziationen. Ich streife sie sofort über. Sie passen wie angegossen. Ich möchte diese Strümpfe nie mehr ausziehen.

Der Brief.
„Lieber Bruno. Herzlichen Glückwunsch zu Deinem Geburtstag. Mögen alle Deine Wünsche in Erfüllung gehen. Und damit Du in Deinen Gedanken viel Raum für viele schöne Dinge haben kannst, brauchst Du warme Füße. Gerade jetzt im Herbst, im November. Unbedingt! Wie kann man mit kalten Füßen schöne Gedanken haben? Kaum. Es ist also ganz und gar nicht uneigennützig, dass ich Dir mit meinem Herzblut diese Socken gestrickt habe, die Du in diesem Moment wenn Du das hier liest vielleicht schon trägst. Sie sind aus guter isländischer Wolle von Isländischen Schafen. Die Wikinger haben die vor tausendzweihundert Jahren hierhergebracht. Eine reine Rasse. Sie leben immer draußen und die isländischen Winter sind hart. Deine Socken halten warm. Unsere Schafe haben zwei Sorten Wolle: das Deckhaar „Tog“ und die Unterwolle „Thel“. Aus dem Tog kann man haltbare Kleidung weben. Sachen, die man direkt auf der Haut tragen kann, werden aus Thel gestrickt. So wie Deine Socken. Tog und Thel werden zusammen zu einem leicht gedrehten Garn gearbeitet. Wir nennen das Lopi. Das gibt es nur aus der Wolle von Islandschafen und daraus werden hier die Pullover gemacht. Aber das dauert noch ein bisschen. Lieber stricke ich Dir davor noch einen bunten Schal. Zu Weihnachten. Der Dich an mich denken lässt. Und an unser Projekt. Hier auf Heimaey. Eine wolligweiche, wärmende Verbindung. So und so. Unsere Verbindung. Von Herz zu Herz. Auf bald.

In Liebe
Vona“

Sprachlos. Seufzend. Tränchen.
Glück ist Warme Füsse.

„Vona“ ist hoffen auf Isländisch.