29. Oktober 2014 ... "Vona" ist hoffen auf Isländisch 20

Liebe Vona,

jetzt bin auch ich auf einer Insel. Fuerteventura. Die zweitgrößte der Kanaren. Es ist nicht meine Insel, aber hier kann ich ein bisschen auskuppeln, die Zeit anhalten, üben, nachdenken. Karg ist sie. Das schont die Wahrnehmung. Die Sinne finden Ruhe. Weniger Strapaze. Es entstehen Freiräume.

Auch der Ursprung von Fuerteventura ist vulkanisch. Ein unfruchtbarer Fels im Atlantik. Aber im Verhältnis zu Deiner Heimat bietet das Klima hier echte Marscherleichterung. Bald 25 Grad Tagestemperatur im Jahresdurchschnitt. Der Atlantik hat hier über 20 Grad und wir haben schon November. Ich schwimme jeden Tag darin. 120 km westlich vor Marokko. Und auch darin gibt es eine Verbindung zu Deiner Heimat. Denn in Marokko verbrachte "Murat Reis der Jüngere" seine letzten Jahre und dort starb er, 1641. Murat Reis, der blonde Araber, Piratenkapitän an der nordafrikanischen Küste und im Mittelmeer. Auch auf Fuerteventura machte er immerwieder Station. Er hatte sich im frühen 17. Jahrhundert bis nach Island gewagt und von dort 242 Menschen entführt, um sie auf dem Sklavenmarkt von Algier zu verkaufen. Die meisten von ihnen stammten von Heimaey, Deiner Heimat. Deine Leute. Die wenigsten kehrten zurück. Ich habe ein Buch dazu gelesen und auch etwas darüber geschrieben. Vor ein paar Wochen. Auf Deinen Hinweis. Deine Initiative. Auf Fuerteventura herrschte in jenen Tagen der Herrera-Clan. Sie waren die Señores. Und die verdienten ihr Geld vor allem mit der Sklavenjagd im nördlichen Afrika. Sie werden sich gekannt haben. Murat und die Herreras. Alles Schurken.

Auf Fuerteventura leben heute hunderttausend Menschen und die Zahl der Einwohner hat sich in den letzten 25 Jahre verdreifacht. Eine gegenläufige Tendenz zu Heimaey, wo sie ein Fünftel der Menschen verloren haben. Das Klima ist schuld? Vielleicht. Man könnte es fast glauben. Ich glaube, Heimaey hat es heute einfach schwerer. Der Tourismus ist der neue Fischfang. Und da ist die Nummer mit Strand und Wetter ... vielleicht führt das jetzt aber auch zu weit?

Warum ich Dir das alles schreibe? Weil es zeigt wie ich denke, dass ich zu reflektieren versuche. Mich anzunähern. Anzunähern an Dich, an uns, an die Insel, an Heimaey, an die Aufgabe, an das Abenteuer. Und das mache ich ganz so, wie ich das schon immer getan habe, noch immer tue und wahrscheinlich auch immer tun werde: immer dann, wenn ich es mit einer neuen, unbekannten Herausforderung zu tun bekomme. Wenn ich nicht sicher bin. Im Thema. Im Gefühl. In beidem. Recherche. Informationen sammeln, vernetzen, verweben, verdauen. Substanz schaffen. Ein bisschen Ruhe. Sicherheit. Und doch ist diesmal alles anders. Anders weil ich es gewohnt bin die Dinge alleine zu lösen. Weil ich es nicht wirklich kenne, dass mich jemand mit Ideen beschenkt, mich anregt, Impulse gibt, sich Mühe gibt und sich etwas für mich ausdenkt. Spinnt. Den roten Faden zum Beispiel. Ihn auf Zug hält. Für eine längere Strecke. Am Stück. Dranbleibt. Bisher kannte ich das eher andersherum und war es beinahe schon müde. Müde, diese trainierte Selbstverständlichkeit weiter zu füttern, zu bedienen, nur weil es normal und so gewiss zu sein schien. Bequem vielleicht. Dass ich nicht anders kann oder will oder beides. Aber auch Aufmerksamkeit muss ein Gleichgewicht finden. Verliert sie sich, verliert sich alles.

Der französische Anthropologe Alphonse Bertillon hat einmal gesagt, "Man könne nur sehen, worauf man seine Aufmerksamkeit richtet, und man richte seine Aufmerksamkeit nur auf Dinge, die bereits einen Platz im Bewußtsein einnehmen". Bewußtsein. Das ist der Schlüssel. Der deutsche Pädagoge Friedrich Löchner meinte, "was nicht Bewußtsein wird, ist nicht gelebt". Da ist eine Menge dran. Wer Liebe, Respekt, Zuneigung, Wertschätzung Verständnis und Nähe leben will und all diese Dinge, die eine wertvolle Beziehung zwischen zwei Menschen auszeichnen, sollte sich dessen auch bewußt sein. Das kann und darf man nicht einfordern. Das muss von alleine fließen. Im Gleichgewicht. Es ist ein Weg, der nie zuende gegangen ist. Kein Punkt, kein Ende, kein Start/Ziel und kein wenn/dann. Es ist Arbeit. Höchstleistung für Herz und Seele. Man muss sich dem stellen. Wenn man das will. Eine Heldenwanderung in Dauerschleife. Allerdings grüßt das Murmeltier nicht täglich. Eher gar nicht. Da sich die Schleife dauernd verändert. Von Mal zu Mal. Wenig Routine.

Was meinst Du?
Bruno

PS: ich mag es sehr, Dein Lied für mich. In "High Rotation". Auch eine Art Dauerschleife. Nicht endlos. Das sagt die Erfahrung.

„Vona“ ist hoffen auf Isländisch.