29. Juni 2014 ... "Vona" ist hoffen auf Isländisch 01

Ein

Aua. Augen auf, aufsetzen, aufstehen, aus dem Fenster schauen. Es ist noch fast dunkel. Und nass ist es auch. War spät gestern. War gut gestern. Richtig gut. Verdammt spät. Oder früh? Der Hotelinnenhof ist ein schwarzes Loch. Die Jacke hängt draussen auf dem Plastikstuhl. Und der Schal. Scheiss Rauch in den Kneipen: egal, so ist es halt. Das Hotelbett ist fast noch frisch. Nur halb belegt und nicht wirklich genutzt. Es wird ja manches entspannter. Essen, Musik, Gespräche. Über das Essen, die Musik und dies und das. Und über die Liebe. So wunderbar. Ich liebe Gespräche über die Liebe. Gespräche über die Frauen. Mit den Frauen. Und mit den Frauen über die Frauen. Über das was mal war, das was ist und das was vielleicht niemals sein wird. Darauf ein Astra, einen Schnaps und noch ein Astra. „Los, komm, mach noch zwei … Prost“. Laut war es zwischendrin und schnapsig. Schreierei auf der Theke. Coversongs. Wütender als die Originale, schräger und schiefer, tätowierter, rauer, schöner. Ab ins Bad. Helles Holz und grüner Stein. Warm ist es. Schön vorsichtig. Laaaangsam, Licht an. Der Spiegel, oha, geht so … für Alkoholmissbrauch und dramatischem Schlafmangel. Das Zähneputzen sitzend auf dem Klo: die eigene Zahnpasta muss es sein, denn das schmeckt ein bisschen nach zuhause. Das lindert. Ein bisschen. Eine Revue der Routinen: dieselben Läden, dieselben Leute, Gesichter, Getränke, Sätze, Worte, dieselben Namen. Wer hat was gesagt, gedacht und was gemeint? Routinen? Vielleicht. Laufhose, Schuhe, Shirt, Jacke, Mütze. Es dämmert. Also los, die Treppe runter und zur Tür hinaus in den brüllenden Sauerstoff. Nieselei zu 3 Grad. Bei aller Trinkerjammerei, das hat was. Tief durchatmen. Nach links geht es zur Alster und es ist fast schon hell. Ein paar Schritte zum Wasser. Der Fisselregen wischt die Kneipenreste aus dem Gesicht, das sich noch wie eine Maske anfühlt. Alles wirkt ein wenig zeitverzögert. Wacklige Zeitlupe. Ist der Kameramann besoffen? Funkstörung? Jetzt nur noch warten, dass die Ampel eine Schneise in den Blechstrom schlägt. Erst Gehen, dann Traben, Rhythmus werden und Gedanken sammeln. Mir kommen Menschen entgegen. Und manche überholen mich. Alleine, in Gruppen, anonym. Vorsichtig wird weggeschaut. Provokationsprofylaxe. Man liest sowas. Alle wirken sie wacher als ich. Oder tun sie nur so? Oder hängen die einfach abends nicht an Theken rum und unterhalten sich auch nicht über Frauen und die Liebe und die großen Themen, die vielleicht doch nicht ganz so wichtig sind. Quatsch. Natürlich sind die wichtig. Und schön sind sie, die Themen rund um die Frauen. Alsterwiese, Schwanenwik, Mundsburger Kanal, Schöne Aussicht. Oh ja. Schöne Frauen in kleinen Gruppen. 30, 40, 50 Jahre alt und manche auch darüber. Sportkleidung und „Siebenuhrdreissig“ sind unglaublich ehrlich. Aber: fast alle sind sie schön. Viel schöner als ich. Alle, die sie dieses Strahlen haben. Feenteich, ich werde ein wenig wacher, freue mich unterwegs zu sein. Schaue den Frauen hinterher. Was machen die alle in ihren Leben? Haben die Kerle? Kinder? Was arbeiten die? Wie küssen die? Schmallippig? Leidenschaftlich? Kurz oder einladend, warm und freundlich? Haben die guten Sex? Oder haben sie Kopfschmerzen? Worüber unterhalten die sich? Über die Liebe? Über den Alltag? Sorgen? Wie wohnen die? Haben die Geschmack? Was essen die und wie ziehen die sich an? Der Seismograph arbeitet. Scanner an. Multitasking macht Spass. Die Fantasie dreht. Der Kopf ist in Bewegung. Film ab: ich sehe mich im Dialog, im Café, am Elbstrand, was sind die Themen? Und welche Filme schauen wir uns an? Hören wir Musik? Was essen wir? Ich liebe es. Darf ich ihre Hände halten und wie sehen die aus? Wie fühlen sie sich an? Wie riecht sie? Wie spricht sie und wie lacht sie? Strahlt sie? Kann ich sie zum lachen bringen? Trinkt sie einen Crémant mit mir an der Bar im Café Paris? Ich sehe uns durch die Stadt gehen und reden. Nebeneinander. Sie lacht und der Wind geht ihr durch die Haare.

Vorbei an der Moschee - Destination Alsterpark. Manchmal gibt es Augenkontakt. Es ist das lockere Setzen des einen Fußes vor den anderen, das ruhige, gleichmäßige Atmen. Und auf der Krugkoppelbrücke passiert es. Aus dem Nirgendwo. Plötzlich da. Einfach so, wie eine Erscheinung. Sie hat sich vermutlich gedehnt bevor es losgeht. Sehr vernünftig. Und es sieht gut aus. An der Brückenbrüstung hat sie hinaus geschaut auf die Alster. Dreht sich zu mir, fängt an zu traben, läuft auf mich zu und an mir vorbei. Sie schaut einen Tick zu lange. Sie sieht toll aus, ungewöhnlich, fast ein bisschen exotisch. Mustert sie mich? Ich schaue ihr nach. Und da. Sie dreht sich um. Sie lächelt. Sie winkt kaum merklich. Oder bilde ich mir das nur ein? Offener Mund. Ich … 20 Minuten, vielleicht 25. Wenn sie normal läuft. In 25 Minuten werden wir uns vielleicht wiedersehen … vielleicht ein bisschen schneller … vielleicht gar nicht. Denken wir mal in 25 Minuten. Was kann passieren …