25. August 2014 ... "Vona" ist hoffen auf Isländisch 03

10 Uhr 52. Wenn ich noch länger im Bett bleibe, muss jemand kommen und mich umdrehen. Damit ich mich nicht wundliege. Um mich herum verteilt: ein Inferno an zerlesenen Magazinen und alle digitalen Schnittstellen zur Außenwelt. Die Sonne brüllt mich durchs offene Fenster an. Eigentlich ist es schon ein bisschen frisch nachts. Das offene Fenster. Aber was ist schon eigentlich. Der Trend geht zur Zweitdecke. Jetzt besser mal raus. Kaffeemaschine an. Läuft. Ich auch. Die Treppe runter. Schnell nach der Post sehen. Tageszeitung. Es ist ein Scheissbriefkasten. Immer wenn ich ihn aufschließe fällt der Schlüssel runter. Ich hasse es. Eine idiotische Konstruktion. Ich kann es nicht ändern. Werbung. An alle Haushalte, Erweckungsinformationen, Bildbandtipps direkt vom Verlag und ein Brief. Kein Fenster.

Ein Brief, handschriftlich adressiert. Kein Absender. Aber mein Name ist wirklich schön geschrieben. Schwarz, tuschig, fast kalligrafisch. Ich liebe es, wenn sich jemand Mühe gibt. Ich öffne den Brief. Feines Papier, Seidenfutter. Wunderschön. Darin ein Blatt. Handgeschöpftes Bütten. Toll. Wirklich richtig toll. Und darauf eine merkwürdige Strichzeichnung. In der Mitte ein „X“ und auf 3, 6 und 12 Uhr je ein großes „E“, das mit der offenen Seite nach außen zeigt. Die 3 „Es“ und das „X“ sind mittig mit Linien verbunden, die das „X“ kreuzen. Das „E“ auf 6 ist näher dran. Das ganze hat was von den interessanten, rituellen Tätowierungen aussterbender Ethnien und den Plagiaten auf jungen, kreativen Großstadtmenschen mit grafischen Ansprüchen an die eigene Haut. Mir kommt es bekannt vor. Aus dem Völkerkundemuseum? Einem Bildband? Einem interessanten Magazin? Ich habe es vergessen. Partielle Amnesie. Zuviel Information.

Die Werbung kommt zum Altpapier und der Brief begleitet mich in meine  Wohnung an den Computer. Recherche. Wo anfangen? Nachricht auf Facebook. Von Vona. Ich hatte sie fast vergessen. Die seltsamschöne Frau aus Island. Ist Wochen her. Hamburg. Alster. Café Paris … plötzlich da und schon wieder weg. Und jetzt schreibt sie: „Bruno Schulz. Du hast meinen Brief bekommen.“ Sie hat wirklich einen Faible für Überraschungen. Seltsam, aber interessant. Ich bin neugierig. Ja, sie hat mich. „að fá stúlku. Ich sehe Dich. Vona … Hoffnung.“ Was zur Hölle ist das? Screenshot. Google. Übersetzer, Sprache erkennen. Kann er. Tatsächlich ... Isländisch: „Holen Sie sich das Mädchen.“ Holen Sie sich das Mädchen? Zurück ins Facebook-Profil. Freundschaftsanfrage an Vona. Infos. Profil gelöscht! Kompliziert. Ich bin hellwach. Das Zeichen ist eine Rune. Es bleibt spannend. Der Kaffee ist kalt.