31. August 2014 ... ”Vona“ ist hoffen auf Isländisch 04

Hotel. Hamburg. Wieder Wedina. Gurlittstraße. Zwischen Alster und Langer Reihe. Studio 312. Grünes Haus. „Urbanes Wohnen“. Liebgewordene Routine. Fast ein bisschen zuhause. Ich schätze das. Es ist kurz vor 9. Ich habe gut geschlafen. War nicht so richtig spät und das Essen war großartig. Der Champagner auch. In katerfreier Dosierung. Meine Freundin Barbara hat gekocht. Auf St. Pauli. Das macht sie ganz wunderbar. Diesmal Thai. Aus der Hüfte. Offene Küche. Sehr privat. Sehr locker. In drei Gängen und vielen Variationen. Dazu weisser Wein von der Mosel und wunderbarer Handmade-Funk. 70er aus den Südstaaten und von Vinyl. Franks Preziosen. Mit ein paar Kratzern. Knackende Melancholie. Ein gutes, warmes Gefühl. Das Leben ist schön. Barbara und Frank sind ein tolles Paar und es ist wie im Rausch. Ein Hoch auf die Freundschaft. Prost.
 

Jetzt sitze ich hier auf der Treppe. Nach dem ganz großen Wohlfühlprogramm im Bad. Runderneuert. Das Duschwasser ein bisschen zu heiss. Die Cremchen ein bisschen zu viel. Glatt rasiert. In einem Duft von Citrus, Zeder und Iris. Zwischen dem Wohnraum und der kleinen Küchenzeile am Eingang des Studios. Ich ziehe meine Schuhe an. Desertboots in dunkelbraunem Wildleder. Das mag spiessig sein, aber es fühlt sich heute morgen richtig gut an. Lockere Jeans, weißes Hemd, ein schönschlichter Cardigan. Ein Schal. Bequem. Ein bisschen Opastimmung. Naja, ich bin ja auch schon fast 50. Da darf das mal.

Aus Spätsommer wird Herbst. Ich liebe diese Jahreszeit. Man kann zum späten Frühstück noch mal draussen sitzen. Das Licht ist golden und mittags kann es richtig heiss werden. In der Sonne. Nur ein bisschen Schmuck. Ein Ring, ein Band: eine liebe Freundin von mir belächelt das als meine „schwule Note“. Mir ist das vollkommen egal, denn es sind meine getragenen Momente und Erinnerungen. Und was soll das auch heissen? „Schwule Note? Mir doch Wurscht!“ Raus an die Luft. Über die Strasse. Vorbei an der Rezeption: „Herr Schulz“. „Ja?“ „Ein Kurier hat etwas für Sie abgegeben“. „Das ist ja wie im Film“. Ich nehme den Umschlag und gehe durch den Frühstücksraum in den Garten. Auf dem oberen Holzdeck ist ein kleiner Tisch frei. Ein nettes Paar sitzt am Nachbartisch. Sie hat einen Schweizer Akzent. Eine Schönheit Mitte 50. Sehr gepflegt. Bop. Flockig. Volumig. Slipper. Die Jeans sitzt großartig. Legere Bluse, zurückhaltender Schmuck. Skandinavisch. Feine Uhr. Ein Klassiker: Reverso. Sie hat Stil. Er bemüht sich um sie. Ich respektiere das sehr. Sie fröstelt kaum merklich und er bringt ihr einen Schal. Toll. Das ist Cashmere. Cremefarben. Erinnert mich an meinen Tagesausflug zu den Cashmereziegen in der winterlichen Mongolei vor 10 Jahren. Minus Vierzig Grad. Aua. Das Projekt in Ulaan Bataar 2004. Schon wieder 10 Jahre her? Oje! Cashmere ist einfach unglaublich. „Einen Cappuccino bitte“. Der Service ist unaufdringlich aufmerksam. Angenehm. Das Buffet ist ausgewählt. Es wird nachgelegt. Nie zuviel. Dezent. Ich öffne den Umschlag. Nippe am Orangensaft. Es ist ein Abholschein. Thalia. Europapassage. Spannend. Kann es nicht lesen. Schnell ein kleines Bircher Müsli. Ein wenig Jurakäse, eine Tomate, ein bisschen Obst. Und dazu die elektronischen Briefkästen. Viel Unsinn, wenig interessantes. Los. Jacke und Tasche vom Zimmer holen. Ich will auch Cashmere auf der Haut. Schalwechsel. Und runter an die Alster, zu Fuss in die Stadt. Ein schöner Spaziergang am Wasser. Vorne, hinten, links und rechts. Viele hübsche Läuferinnen sirren herum. Wie vor einem Bienenstock. An der Kennedybrücke verlassen sie mich wie auf Schienen in die Kurve. Ich schaue ihnen hinterher. Dem Rhythmus, dem Takt, der Bewegung. Zuckerwatte am Himmel. Sonne im Herzen. Die Leichtigkeit des Seins. Unbeschreiblich.

Mit viel Luft zum nächsten Termin. Noch ein paar Meter. Europacenter. Thalia, Servicedesk. Die Buchhändlerin ist nett. Sie hat diesen schüchternen Charme der Viellesenden. Sie ist nicht schön und nicht hässlich. Manches an ihr ist zu groß und manches zu klein. Aber Schönheit liegt ja ohnehin im Auge des Betrachters und ich finde sie auf den ersten Eindruck charmant. Wirklich. Ich habe etwas zu lange hingeschaut. Sie wird ein bisschen rot. Süß. Das wollte ich gar nicht. Ich habe sie in Verlegenheit gebracht. Das ist mir peinlich. Ich entschuldige mich mit einer vorgegebenen Ähnlichkeitsfeststellung. Sie muss ja nicht wissen, dass es sich dabei um ein Stereotyp in meinem Kopf handelt. Ihre Stimme ist freundlich, warm, sehr angenehm. Sie schaut auf den Zettel, holt das Buch. Es ist ein Buch. „Es geht in den Norden?“ „Davon weiss ich noch nichts.“ Ein Reiseführer für Island und die Färöer Inseln - Vulkaninseln unter dem Polarkreis. „Reise-Know-How mit einer persönlichen Notiz“, Die Buchhändlerin schaut erstaunt, „ich wusste gar nicht, dass wir sowas machen.“ Ein Zettel auf Seite 75. Ein gepresstes, getrocknetes Blümchen. „Ein Weidenröschen, wie schön“. Die nette Buchhändlerin schaut mich glühend an. Jetzt schämt sie sich, weil sie mir zugesehen hat. Neugierig war. „Danke, ich bin in der Flora nicht ganz so sattelfest. Aber hübsch ist es, Ihr Weidenröschen“ … „epilobium latifolium“, „Ich bin zutiefst beeindruckt …“, ich staune bewundernd. „Müssen Sie nicht. Es steht unten auf dem Blatt.“ Sie lächelt wieder schüchtern. Ich könnte mich glatt schon wieder verlieben. In die Schönheit des Augenblicks. Und in die kleine Buchhändlerin ein bisschen. Seite 75. „Was Elfen essen“: bunte Blumen. Elfen? „Und ich pupse Regenbogen“ … „hahaha“ jetzt müssen wir beide lachen. Ich nehme das Weidenröschen nochmal in die Hand. Auf der Rückseite des Blattes finde ich etwas handschriftliches: „sei vorbereitet. Ich melde mich. Vona“. Ich fange an diese Schnitzeljagd zu mögen. Vona, ich mag Dich. Wo bist Du? Ich hoffe … „Vona ist Hoffnung auf isländisch“.

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