9. September 2014 ... "Vona" ist hoffen auf Isländisch 06

Oluf Eigilsson. Eigentlich Ólafur Egilsson. Was für ein Wahnsinn. Ja, Vona, richtig. Mit so einer Nummer hast Du mich sofort. Dein Tipp im Abspann des Vortrags über die "Aurora Borealis“, das Nordlicht. Woher wusstest Du? Und woher wusstest Du, dass ich sowas mit Leidenschaft recherchiere und nur zu gerne tief einsteige? Was ist das für eine unglaubliche Geschichte. Ólafur Egilsson - 1564 bis 1639. Er war evangelisch-lutherischer Pastor. Mehr als 60 Jahre war er schon alt, als er zu Beginn des 17. Jahrhunderts mit seiner Familie auf Heimaey lebte. Zu seiner Zeit wurden die Leute in aller Regel noch keine 40. Heimaey ist die größte der  Vestmannaeyjer-Inseln, die vor der Südküste Islands gelegen sind. Auch heute noch ein ziemlich unwirtlicher Flecken Erde. An durchschnittlich über 70 Tagen im Jahr tobt da ein Orkan mit mindestens 9 Windstärken. Und das bei unbehaglichen fünf Grad Celsius im Mittel. Verbunden mit reichlich Niederschlag. Ziemlich nass. Und oft ziemlich dunkel. Das muss man sich vor rund 400 Jahren vorstellen. Ohne elektrisches Licht und irgendeinen zeitgemäßen Komfort. Keine Hightech-Outdoorklamotten. Nichts. Man braucht keine allzugroße Phantasie, um sich hineinfühlen zu können, was Kargheit wirklich bedeuten kann. Suffizienz in einer ganz anderen Dimension.

Vestmannaeyjer bedeutet „Westmänner“. So nannten die Wikinger die Iren. Und keltisch-irische Sklaven waren es, die im 9. Jahrhundert ihren Wikinger-Herrn umbrachten und auf diese Insel flohen. Irgendwie hat das in vielerlei Hinsicht was von Regen und Traufe. Man kam ihnen auf die Schliche. Die Wikinger rächten sich fürchterlich. Verdammt viel schlimmes Schicksal für ein Inselchen, kaum 6 Kilometer lang und nicht einmal 3 Kilometer breit. Heimaey hätte sich prima gemacht im wunderbaren „Atlas der abgelegenen Inseln“ von Judith Schalansky. Einem meiner absoluten Lieblingsbücher. Judith Schalansky illustriert und schreibt darin so großartig über „50 Inseln, auf denen sie nie war und niemals sein wird“.

Zurück zu Ólafur Egilsson: Im Sommer 1627 überfallen osmanische Piraten mit vier Schiffen unter dem Kommando „Murat Reis dem Jüngeren“, auch bekannt unter dem Namen „Morat Reis im Westen“, die südisländische Küste. Sie bringen 34 Menschen um und verschleppen 242 Männer, Frauen und Kinder in die Sklaverei nach Nordafrika. Unter ihnen den Pastor mit Weib und Nachwuchs. Und ein weiteres Kind sollte auf der langen Überfahrt noch geboren werden. Die Entführung endet auf einem Sklavenmarkt in Algier, wo Egilsson miterleben muss, wie sein elfjähriger Sohn auf nimmerwiedersehen verkauft wird. Der alte Mann wird kurz darauf durch einen glücklichen Zufall freigelassen. Man lässt ihn  die Heimreise antreten. Quer durch Europa und nach Dänemark, wozu Island seinerzeit gehört. In Kopenhagen angekommen, bittet er König Christian IV die Unglücklichen freizukaufen. Doch Christian IV hat gerade im Dreissigjährigen Krieg eine entscheidende Schlacht gegen die Katholiken verloren und sieht sich zur Rettung außerstande. Die Portokasse ist strapaziert. Egilsson versucht die herkulische Aufgabe aus eigener Kraft zu stemmen. Er verfasst und veröffentlicht 1628 ein abenteuerliches Reisetagebuch mit  detaillierten Beobachtungen aus den bereisten Ländern und Kulturen in einer Zeit ohne Geldautomaten und Konsulate, bei denen man hätte um Hilfe bitten können. Wo Entfernungen noch echt und weit zu laufen waren. In dänischer und isländischer Sprache. Sein Plan ist, mit den Einnahmen seine Leute aus der Sklaverei auszulösen, was ihm unter anderem bei seiner eigenen Frau Ásta gelingen soll, die 1637 nach zehn langen Jahren in arabischer Gefangenschaft doch noch heimkehren darf. Auch über den Ganoven „Murat Reis dem Jüngeren“ könnte man eine ganz eigene Abenteuerenzyklopädie schreiben. Der hieß nämlich bei seiner Geburt um 1570 noch Jan Janszoon van Haarlem. Ein nordafrikanischer Pirat niederländischer Herkunft. Der „blonde Araber“ starb nach einem explosivabwechslungsreichen Leben für seine Verhältnisse hochbetagt 1641 in Marokko. Auf diese ganze Nummer werde ich ganz bestimmt noch einmal zurückkommen. Sagenhafte Lebensläufe. Unglaubliche Biographien und doch alles wahr. Ich habe große Lust, darüber zu schreiben. Ein Buch. Hoffentlich. Ein Traum. Vona, was machst Du da?

Ja, ich habe Blut geleckt. Und ich weiss inzwischen, dass es das Reisetagebuch von Pastor Egilsson in englischer Übersetzung gibt: „The Travels of Reverend Ólafur Egilsson“. Paperback. Bearbeitet und zeitgemäß übersetzt von Karl Smári Hreinsson and Adam Nichols. Mist. Es wird nicht mehr verlegt und ist außerhalb Islands kaum zu finden. Weder neu, noch gebraucht. Island also. Und selbst da: Nadel, Heuhaufen und so. Aber dank Google ist das kein ganz unlösbares Problem. Here we go: Bóksala Stúdenta (www.boksala.is). Eine studentische Buchhandlung im Szeneviertel. Die haben noch ein Exemplar. 101 Reykjavik. Kult. Per Luftpost. In isländischen Kronen. Der Flugtransport kostet mehr als das Büchlein selbst. Aber wenn man denn wirklich etwas haben will. Egal.

Und jetzt ist es da. Der Postmann hat es gebracht. Unscheinbar in packpapierbraun. Mit fremden Briefmarken und ungelenker Anschrift. Airmailstempel und Aufkleber vom Buchladen. Eine Collage, die man gar nicht kaputt machen mag. Die Ästhetik des Zufalls. Also schneide ich es vorsichtig seitlich mit dem Cutter auf. Neben dem Buch und der isländischen Rechnung, mit der ich mein Finanzamt ganz sicher begeistern kann, finde ich wieder eine Nachricht. Diesmal hatte ich damit gerechnet. Irgendwie. Ich bekomme langsam ein Gefühl dafür und auch für Dich, Vona. Und dafür, dass das mehr sind, als die einfachen Botschaften, für die ich sie halten könnte: „Lies, Bruno! Bitte lies!“ Ja, ich werde lesen. Und hoffentlich komme ich der Lösung Deines großen, unausgesprochenen Rätsels näher. Hoffentlich. „Vona ist hoffen auf Isländisch …“