11. September 2014 ... "Vona" ist hoffen auf Isländisch 07

Messe. Mit Erkältung. Nicht mein Wochenende Und Berlin ist heute irgendwie nicht wirklich meine Stadt. Hitze, Kälte. Grippenzickig. Nicht fair, ich weiss. Aber es ist ja auch nicht immer alles fair. Ab ins Hotel. Ein frisches Taxi. Immerhin. Und ein freundlicher Fahrer. In Berlin? Er hört den Klassiksender. Bach! „Das entspannt“, meint er und bringt uns tief in sich ruhend, sanft und ruckfrei durch den stockenden Verkehr in Mitte. Das hat unbedingt was meditatives. Ich mag es: Ommm! Er verfährt sich nicht mal kostenpflichtig. Der Ritt bleibt günstig. Der Mann hat ein ausgezeichnetes Karma. Namaste. Ich verneige mich. Kurfürstenstraße. Wir steigen aus in einen der letzten warmen Spätsommerabende dieses Jahres. Unser angestossenes Plattenbauhotel saugt uns von der Strasse in sich auf. „15 Minuten, wir treffen uns an der Bar in der Lobby?“ „So machen wir das.“ Kalte Dusche, frisches Hemd und die Lieblingssneaker. SMS. Wie Hase und Igel in FSK 16: „Ich bin schon da! Und ich trinke ein Pils“ … ach Markus , „na, dann bestell mir doch schon mal einen Rieslingsekt und einen doppelten Espresso. Bin unterwegs.“ Trinken, atmen, zahlen. „Die Rezeption meldet uns die Ankunft des Fahrers und wünscht uns beherzt und quer durch den Saal eine wilde Reise durch die Nacht. Champagnerparty! Da kann wenig schiefgehen. „Kreuzberg. Prinzenstraße 85 F. Prince Charles.“ Kurze Anreise. Die Location ist im Hinterhof. Mein Freund Peter hat uns auf die Gästeliste setzen lassen. Er ist ein Edelstein. Ein unkonventioneller Weinhändler in Berlin. Und er vertritt auch die eine oder andere Champagnermarke in diesem Moloch. Peter kennt natürlich auch alle anderen am Platz. Heute sind mehr als zehn Traditionshäuser am Start: Bollinger, Krug, Ayala und wie sie alle heissen. Die üblichen Verdächtigen. Dazu ein paar dieser jungen, frischen, frechen und ökologischen. Als Extra noch einen Riesling von der Nahe. Martin Tesch aus Langenlonsheim ist mit seinem Weingut vertreten. Angenehme Housebeats pulsen sanft durch das kreative Ambiente. Sehr lässig und locker das ganze. Entspanntes Geniesserpublikum. Küchenprominenz und großstädtische Trinkerelite. Profis und ambitionierte Amateure. Kompliment. Toller Mix. Wir entscheiden uns im ersten Gang für einen Vintage-Heidsieck. Feiner Stoff. Ich liebe das. Und dann trinken wir uns ein bisschen durch, hören Musik, reden, lassen es perlen. Um wieder bei Peter zu landen, der wie immer ein fabelhafter Gastgeber ist. Markus und Peter verstehen sich gut, finden ins Gespräch, als würden sie sich schon länger kennen. Schön. Das schenkt mir Raum. Und den kann ich gut gebrauchen. Ein leichter Champagnerrausch zwingt mich nach draußen an die frische Luft. Durchatmen. Mal eben hinsetzen. Pause. Ein Loch im Raum-Zeit-Kontinuum. Es fängt wieder an. Es schnappt nach mir. Da ist es wieder, dieses seltsame Gefühl. Allein zu sein zwischen all diesen feiernden Menschen. Es beginnt immer wie ein leichter Tinnitus. Nur eben nicht in den Ohren. Eher auf der Seele. An und in. Bohrend. Ich versuche in mich hineinzuhorchen. Habe die Augen geschlossen. Als sie mich sanft berührt. Ihre Schulter an meiner Schulter. Fast beiläufig. ich spüre sie sofort. „Vona!“ Ich drehe mich zu ihr. Sie ist es wirklich. Sie schaut mich sehr tief an mit ihren blauen Augen. Kein Wort. Eine kleine Ewigkeit. Sie nimmt mein Gesicht in beide Hände. „Es wird aufhören.“ Sie wiederholt sich: „es wird aufhören, Bruno.“ Sie küsst mich lange. Sie küsst mich tief. Sie küsst mich wunderbar. Die ganze Klaviatur. Ein Flug durch das ganze Universum. Alles scheint an uns vorbeizurauschen. Es ist wie Überschall und Zeitlupe in einem. Schallfrei und Heavy Metal zugleich. Die Lippen lösen sich. Langsam. Ich spüre, wie ihre Lippen meine verlassen. Es ist wie in Minuten. Die Raumfähre verlässt den Planeten Bruno. Hebt vorsichtig ab. Unsere Gesichter sind nah. Ich kann ihren Atem spüren, riechen, schmecken, fühlen. Und es ist wunderbar. Der Moment ist unendlich zart. Die Welt ist fern. Es gibt nur sie und mich. Es ist das unbedingte Verständnis ohne jedes Wort. Ein unausgesprochener Schwur. Ist es das? „Vertrau mir. Bitte.“ „Ja.“ „Bald.“ „Ja.“ „Bleib.“ „Ja.“ Sie zieht sich zurück. Verschwimmt. Verschwindet langsam. Ist weg. „Was war das denn?“ Markus setzt sich neben mich. Er hat uns zwei Gläser knallkalten Champagner mitgebracht. Im großen Glas. So ist er am besten. Ohne viele Worte. „Kaum lässt man dich 5 Minuten ohne Aufsicht … war sie das?“ „Wer? Der Kuss?“ „Die Schönheit. Und es war ja wohl eher so, dass sie dich geküsst hat.“ „Vona?“ „Du hast von ihr erzählt. Sie macht es ja echt spannend.“ „Ich vertraue ihr. Und ich hoffe.“ Ich schaue ihr immer noch nach, obwohl sie längst weg ist … Vona ist hoffen auf Isländisch.