14. September 2014 ... "Vona" ist hoffen auf Isländisch 08

Trübe ist es. Draußen und drin. Es sind diese Sonntage, die sich nach dem aufwachen langsam ins Gemüt graben. Sich hineinfressen. Schleichendes Gift. Sie fangen ganz friedlich an. Beinahe unschuldig. Fast, als wäre alles gut. Die Bettwäsche ist noch ziemlich frisch. Fluffig. Weiß, nicht werbewiesenblumenweiß. Aber weiß. Es ist nicht zu warm und nicht zu kalt im Zimmer. Ein Blick aus dem Fenster schnappt ein verwaschenes Stück graues Panorama. Eintropfende Melancholie. Gestern war doch mit Augenmaß? Der Kopf ist ohne Druckstellen. Fast. Kein Kater. Fast keiner. Ein Gefühlskater ist da. Nicht einfach so. Er springt einen ja nicht an. Er ist nicht wie der blöde Rachekater nach Saufexzessen. Der Gefühlskater ist ein anderes Kaliber. Er hat einen langen Atem. Ist ein stiller Jäger. Der sitzt da und beobachtet. Kann warten. Nähert sich langsam. Schleicht sich an. Kratzt hier. Und dann da mit scharfen Krallen. Beißt zu. Spielt mit den Nerven wie mit der lebenden Maus. Er zieht sich zurück wenn er nicht die volle Aufmerksamkeit hat. Wenn man unter Strom steht. Unter Druck. Rennt, redet, macht. Bewegung mag er nicht so. Im Kopf. Und auch so. So kann man ihn ein wenig auf Distanz halten. Aber ganz ohne Blessuren geht es nie.

Ich habe die Woche fallen lassen und räume ihr jetzt hinterher. Und das nicht nur in Wäsche und Geschirr. Die eigenen Strukturen spüren, Rhythmus werden. Und den Tag Raum werden lassen, in dem man einen Platz finden kann. Wenn man will. Ich will. Eine heisse Dusche und viel Zeit im Bad. Sich finden. Langsam. Dann Post. Job und Privates. Und eine Nachricht. Auf Facebook. Via Messenger: „Hallo lieber Bruno, ich war heute in Deinem Leben. Ich war in Deiner  Stadt. Ich wollte sehen, wo Du lebst. Wollte sehen, wo Du zuhause bist. Sehen was Du siehst. Hören was Du hörst. Riechen was Du riechst. Und schmecken, was Du schmeckst wenn Du durch Deine Straßen läufst. Ich habe Deine Stadt von oben gesehen. Habe auf den kleinen Fluss geschaut und die Stadt dahinter bis zu den Hügeln. Auf einer Bank gesessen. Vor dem kleinen Häuschen. Ich war so neugierig. Habe Dir geschrieben. Ein Umschlag. Er heftet an der Lehne. Wenn Du magst. Ich denke an Dich.  Immer. Vona“

Sie war hier. Ist hier. Ich springe auf und laufe zu meinem Badezimmerfenster, von wo aus ich den Teetempel auf dem Kauzenberg sehen kann. Da muss sie gewesen sein. Nur das passt zu ihrer Beschreibung. Vielleicht tausend Meter entfernt. Vielleicht ein bisschen mehr. Der Teetempel. Überbleibsel einer romantischen Fantasie. Eines Landschaftsparks, den die Familie des napoleonische Beamten und Freiherrn Andreas von Recum hat anlegen lassen. Den hat Napoleon sogar mal hier besucht. 1804 war das. Napoleon in Bad Kreuznach. Und heute war Vona aus Island hier. Die schöne, seltsame Vona. Was macht sie bloß? Teetempel. Wie kommt sie darauf?

Und sicher ist sie schon wieder weg. So gut kenne ich sie. Glaube ich. Glauben heisst nicht wissen. Schnell ziehe ich mich an, habe die Tür in der Hand. Sie fällt zu. Der Schlüssel will nicht ins Schloss. Doch. Da. Die Treppe runter und raus auf die Straße. Die Sonne zeigt sich. Ein schönes Zeichen. Ich gehe zügig bis zur Hauptstrasse. Lasse den Verkehr durch. Warte auf eine Schneise. Bin unruhig. Will los. Und traue meinen Augen nicht. Sie fährt vorbei. In einem alten Volvo. Ein Amazon. Kombi. Ein fantastisches Auto. Nur so konnte es mir überhaupt auffallen. Was für eine Szene! Filmreif. Unbewusst? Muss wohl. Wie hätte sie ahnen können, dass ich genau jetzt hier stehe. Und dann der Verkehrsfluss. Zufall? In keinem anderen Auto hätte ich sie jetzt gesehen. Nur in diesem wundervollen, hellblauen, skandinavischen Anachronismus mit so viel blitzendem Chrom. Sie sieht mich nicht, ist kaum da und schon vorbei. Schön sieht sie aus. Seltsam ist sie. Warum macht sie das alles? Es ist ja nicht so, dass ich das nicht toll fände. Da ist jemand wildfremdes, der mir eine ganze Menge Ideen, Phantasie, Aufmerksamkeit und Energie schenkt. Impulse gibt. Interesse zeigt und Interesse weckt. Ich laufe ihr jetzt nicht hinterher, winke nur leise, schaue ihr lange nach. Sehe sie eintauchen. Verschwinden. Warum laufe ich nicht? Ich vertraue. Blind. Sie findet mich. Ich weiß es einfach. Sie weiß was sie sucht und sie weiß wo.

Sie gibt mir viel. Sie macht mich reich. Man kann sich ja manches mit der Globalentschuldigung „Alltag“ weglügen. Ich will das nicht mehr: keine Verletzungen durch Rücksichtslosigkeit, Ignoranz und Trägheit. Der Mangel an Austausch und Wertschätzung. Fehlender Respekt. Schluss damit. Lieber Morgenluft. Viel lieber. Mir gefällt, was ich gerade erleben darf. Dieser Spannungsbogen. Diese Kreativität. Dieser Geist. Fast stofflich, allgegenwärtig. Ich liebe es. Ich fühle es. Machen und nicht laufen lassen. Wie toll ist das. So positiv. Ich kann es atmen. Tief und wunderbar. Endlich.

Ich gehe über die Salinenstraße, am Oranienpark vorbei, quere die Nahe über die kleine Fußgängerbrücke zum Quellenhof, den ich rechts liegen lasse. Nehme links davon die Treppen und den schmalen Fußweg zur Kauzenburg. Wähle den direkten Weg zum Tempel über die steile Treppe. Oben angekommen stelle ich wieder einmal fest, wie schön es hier doch ist. Ich sollte öfter hier sein. Die Pausentaste drücken. Maß nehmen. Einen Maßstab finden. Für mich und die Welt. Für mich in der Welt. Alles ist relativ. Und manches eben doch nicht ganz so wichtig, nicht so schnell, nicht so schlimm oder was auch immer.

Da. Hinter der Bank ist der Umschlag. Tatsächlich. Befestigt mit einer Reißzwecke. Und was für eine! Wirklich hübsch, auf dem Kopf der Reißzwecke ist die isländische Flagge. Was eine fabelhafte Liebe im Detail. Da gibt sich jemand Mühe. Wählt bewußt. Keine Zufälle. Ich setze mich auf die Bank. Schaue ins Nahetal. Öffne den Brief:

„Lieber Bruno, wie schön, dass Du mich annehmen kannst …“ Wie schön, dass Du mich annehmen kannst? Oh Vona! „… wie schön, dass Du mich annehmen willst. Ich weiß, dass Dir die Reißzwecke aufgefallen ist. Und weißt Du, Bruno, es ist nicht nur so, dass man sich die Dinge ausdenkt und alles einfach macht, weil man in diesem Moment genau so empfindet. Es gehört auch dazu, dass da jemand ist, der das genau so annimmt. Annehmen will und anzunehmen weiß. Das ist der Brennstoff der Kreativität. Das Benzin der Ideen. Das Fundament echter und ehrlicher Gefühle.“ Meine Hand mit dem Brief sinkt auf mein rechtes Knie. Ich staune. Ja es stimmt, Vona. Es geht tatsächlich immer um geben und um das annehmen wollen. Annehmen wollen ist viel mehr als nur nehmen. So wird die Sache rund. Lebendig. Beides ist aktiv: geben und annehmen. Annehmen wollen ist so viel mehr das passive nehmen, einstecken, mitnehmen. Ich nehme den Brief wieder auf. „… eine meiner weiblichen Vorfahren war eine der Rückkehrerinnen aus Algier im Jahr 1637. Sicher erinnerst Du Dich an die Geschichte. Ólafur Egilsson hat um ihr Leben geschrieben. Seine Erinnerungen wurden Ihre Freiheit. Wörter wurden Freiheit. Das ist fast 400 Jahre her. Schreibst Du um meines? Love, Vona.“ Ich atme. Vona, liebe Vona. Natürlich schreibe ich um Dich. Lass uns sehen, was ich tun kann und wie. „Vona“… ist hoffen auf Isländisch.