15. September 2014 ... "Vona" ist hoffen auf Isländisch 09

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„Bruno,

Fünftausend. Fünftausend Menschen lebten im Januar 1973 auf Heimaey. Und meine Mutter war eine von ihnen. Sie heisst Minerva. Daher mein richtiger Name: Lilja Elín Mínervudóttir. Matronymische Namensgebung. Tochter der Minerva. Eine Ausnahme, aber das weisst Du ja. Ich hatte es dir erzählt. In Hamburg. Meine Mutter. Sie ist schon immer eine außergewöhnliche Frau gewesen.

Eine ihrer Vorfahren war eine enge Weggefährtin von Guðríður Símonardóttir. Diese Frau ist Legende bei uns. Sie lebte von 1598  bis 1682 und wurde biblische 84 Jahre alt. Und das war bei ihr kaum selbstverständlich. Sie gehörten zu den 242. Den Männern, Frauen und Kindern, die von den Piraten nach Afrika entführt wurden. 1627. Von den Vestmannaeyjar-Inseln und der Südküste. Bis dahin war Guðríður die Frau eines Fischers und Mutter. Einfache, ehrliche Leute auf Heimaey. Die Piraten haben sie auf dem Sklavenmarkt von Algier verramscht. Als Konkubine. In einen dreckigen Harem. Sie war zäh. Hat durchgehalten. Und wurde freigekauft. 1637 kam sie nach zehn Jahren wieder nach Island. Man hat sie nach Dänemark geschickt. Damit sie sich in ihrer Sprache und Religion üben konnte. In Dänemark wurde sie unterrichtet von einem Theologiestudenten. Hallgrímur Pétursson. Und schwanger. Ihr Mann auf der Insel war tot. Sie heiratete Hallgrímur. Der war nur halb so alt wie sie. Und was machten unsere sauberen Landsleute? Sie nannten sie eine Hure. Sie nannten sie eine Heidin. Und schimpften ihre neue Ehe eine Schande. Furchtbar. Sie kehrte nicht wieder nach Heimaey zurück. Hallgrímur  diente als Priester in Suðurnes and Hvalfjörður. Er war auch Dichter und hat die Isländischen Psalme geschrieben. Sie haben die Hallgrímskirkja, eine Lutherische Kirche in Reykjavík nach ihm benannt. Guðríður Símonardóttir nannten sie auch die „Tyrkja-Gudda“, die „türkische Gudda“. Als wenn sie sich das Scheissschicksal ausgesucht hätte. Es gab ein Theaterstück über sie. In den frühen Fünfzigern. Von Jakob Jónsson. Und ein Buch, das 2001 von Steinunn Johannesdottir geschrieben wurde: Reisubók Guðríðar Símonardóttur. Das bedeutet „Guðríðars Reise“. Das Buch war monatelang auf unserer Bestsellerliste. Wir Isländer sind stolz auf unsere Bücher. Wir lesen viel. Jeder Isländer kauft mindestens 8 Bücher. Jedes Jahr. Wir schreiben viel. Wir lieben unsere Autoren. 2011 waren wir das Gastland auf Eurer Buchmesse. In Frankfurt. Ich war auch da. Und Du?

Meine Mutter war die erste aus ihrer Familie, die zurückgegangen ist. Nach weit über 300 Jahren. Mehr Zufall als Absicht. Sie hat sich in den frühen Siebzigern in einen Seemann verliebt. Sie wollte lesen, lesen, lesen. Und glaubte, auf Heimaey hätte sie die nötige Ruhe. Immer Sturm. Immer Regen. Sie war ein Jahr auf der Insel, da hat er sie verlassen. Er war wohl ein ziemlicher Idiot. Ein hübscher Idiot, aber eben ein Idiot. Ein Fehler. Er hat zuviel getrunken. 1972 kam ein deutscher Ornithologe auf die Insel. Müller. Alle haben sie ihn nur Müller genannt. Keiner kann sich an einen Vornamen erinnern. Auch Mutter nicht. Er forschte und interessierte sich vor allem für unsere Papageientaucher. Und auch für meine Mutter. Sie mochte ihn sehr. Er war tagsüber bei seinen Vögeln und abends auch irgendwie. Im Frühling 1972.
Im August war er verschwunden. Kurz nach unserem Feiertag. Weg war er. Geschrieben hat er. Noch ein paar Jahre. Und Geld hat er geschickt. Die Briefe hat meine Mutter noch heute. Dann forschte er im Urwald von Kambodscha. Und dann hat niemand mehr von ihm gehört. Pol Pot und die Roten Khmer. Da hat er dann zulange gewartet.

Also. 2. August: Feiertag bei uns. Heimaey hat einen eigenen Nationalfeiertag. 1874 gab es auf Island eine Tausendjahrfeier. Die Leute von Heimaey konnten nicht hin, nicht übersetzen. Wieder Orkan. Wie immer eigentlich. Dann haben sie eben ihr eigenes Ding gemacht. Wie so oft. Und am 22. Januar 1973 kam ich dann zur Welt. Morgens. Meine Mutter konnte sich nur wenige Stunden erholen und an mir erfreuen. Dann brach nämlich einer unserer Vulkane aus. Eldfell. Nachts um eins. Und dann haben sie uns alle evakuiert. Fünftausend. In wenigen Stunden. Mutter und ich kamen bei ihren ehemaligen Studentenfreunden unter. Das waren Hippies. Die lebten in Reykjavik. Und sie hörten Fleetwood Mac und solche Sachen. Und sie träumten von Festivals. Woodstock und so. Sommer der Liebe. Das war da zwar schon 4 Jahre rum. Aber hey, das hier ist Island. Manchmal gehen die Uhren hier eben ein bisschen langsamer. Die Leute von Heimaey haben mich damals als Symbol verstehen wollen. Hier stehen wir sehr auf Zeichen. Ist immer ein bisschen mystisch hier. Sie nannten mich „Hoffnung“. „Vona“.

Hier kannst Du sehen, was passiert ist auf Heimaey in jener Nacht im Januar 1973:

https://www.youtube.com/watch?v=kQPr27DslsQ

Bis ganz bald. Vona“
„Vona“ ist Hoffnung auf Isländisch …
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