16. September 2014 ... "Vona" ist hoffen auf Isländisch 10

„Findest Du das übergriffig?“ Mechthild schaut mich über ihren Brillenrand lange und intensiv an. Mechthild ist eine echte Herzensfreundin. Sie kennt mich genau. ich kann ihr überhaupt nichts verheimlichen. Und das will ich auch gar nicht. Sie ist eine großartige Sparringpartnerin wenn es um die ganz beinharte Gefühlsarbeit geht. Reinspringen in den emotionalen Morast. Arschbombe! Wühlen bis zu den Ellenbogen. Jetzt wird sortiert. Und dafür legt man am besten alle Karten auf den Tisch. Klappt das Visir hoch. Runter mit dem Panzer. Herz auf Durchsicht. Sie merkt es ja doch. Es ist ein schöner Abend. Der Herbst hat dem Spätsommer noch einmal kurz die Tür aufgemacht. Für die Erinnerung. Für die Sehnsucht. Auf dem Weg in die Kälte und die Dunkelheit der kommenden Monate. Wir sitzen vor unserer Lieblingsgastwirtschaft. Draussen auf der Terrasse über der Pfingstwiese. Ohne Jacke geht das nicht mehr um die Uhrzeit, aber die Luft ist toll heute. Maria bringt uns zwei große Rieslingschorlen. Und jedem einen strammen Max, der kein Mäxchen ist.

„Lenk nicht ab, warum sagst Du das mit dem übergriffig?“ „… eine Freundin hat mich gefragt, ob ich das mit Vona nicht übergriffig fände. So, wie sie in mein Leben eindringt …“ „… und? Empfindest Du das so?“ „Nein, ich empfinde es gerade als spannend. Es sind ganz viele unterschiedliche Gefühle da. Ich meine, ich kenne sie ja gar nicht wirklich. Obwohl ich inzwischen vielmehr von ihr weiss als von vielen anderen Menschen.“ „Sie ist wirklich seltsam. Aber auch seltsam interessant. Zuerst dachte ich, sie ist so eine Irre. Wie damals Deine Kollegin. Mein Gott hat die genervt.“ „Das hat sie. Aber sie hat mir auch leid getan. Sie war halt sehr verliebt.“ „Sie hat dich verfolgt. Du hast tagelang auf sie eingeredet wie auf ein krankes Pferd.“ „Und heute ist sie glücklich verheiratet mit einem Kerl der zu ihr passt und der sie auf Händen trägt … und vor allem: wir können uns in die Augen schauen. Ich mag Menschen nicht mehr so gerne vor den Kopf stoßen. Ganz schlecht für das Karma-Konto! Weiß ich so genau, ob mir das nie passieren könnte? Möchte ich dann wie Scheiße behandelt werden? Sicher nicht.“ „Du hast ja recht, Schatz. Zurück zu Deiner Meerjungfrau …“ „… das ist Dänemark, Mechthild. Die Meerjungfrau sitzt auf ihrem Stein in Kopenhagen. Vona ist aus Island.“ „Ist das nicht alles das gleiche?“ „Nicht ganz.“ „Aber irgendwas hab ich doch mit Dänemark in Erinnerung.“ „… die Nummer mit der Sklaverei? Das war zu Beginn des 17. Jahrhunderts. Ja, da gehörte Island noch zu Dänemark. Ist aber auch schon ein bisschen her.“ „Was für eine sensationelle Geschichte. Unglaublich. Und sie ist immer noch da, die Geschichte. Sie ist ein Teil von ihr. Was für ein Wahnsinn.“ „Ja, das ist da alles sehr viel dichter dran. Der Vater ist Deutscher und verschwindet bei den Roten Khmer im Dschungel Kambodschas. Und dann die Nummer mit dem Vulkanausbruch zur Geburt. Verdammt viel Schicksal“. „Wie kam sie überhaupt auf Dich? Wo sind Eure Schnittmengen? Ich meine, das mit dem Alsterlauf in Hamburg an dem Wintermorgen, war das Zufall?“ „Braucht Ihr noch was?“ Maria schaut zur Tür raus … „noch zwei Schorle bitte. Mechthild, ich habe keine Ahnung. Und eigentlich weiß ich inzwischen auch gar nicht mehr, ob ich das überhaupt wissen will. Sie überrascht mich immerwieder. Zunächst war das schon ein bisschen spooky, dass sie immer zu wissen scheint, wo ich gerade bin und was ich gerade tue. Aber natürlich holt sie mich auch genau damit ab.“ „Wie das?“ „Schau, da ist jemand, der sich für Dich interessiert. Jemand der sich leise kümmert. Der ein bisschen dranbleibt an dem was Du tust. Aufmerksam. Es ist ja nie aufdringlich. Ein großartiges Gefühl. Ganz fein auf mich abgestimmt. Und dann die Sache in Berlin. Ich meine, da hatte ich echt einen Strömungsabriss. War krank, hatte einen sitzen. Und dann hat auch noch der schwarze Hund nach mir geschnappt. Und sie war da. Richtig da. Mehr „da“ geht nicht. Für den Moment.“ „Und dann ist sie doch gleich wieder weg. So wie sie kam. Aus dem nichts. Ist das nicht ziemlich einseitig?“ „Ich denke inzwischen eher, dass sie mir so eine Art Chance geben möchte. Ich habe das Gefühl, dass sie unglaublich viel über mich weiss. Sie ist extrem gut informiert und vorbereitet. Du weißt, sie war hier in Kreuznach. Und sie scheint schon ein bisschen länger an meiner Person interessiert zu sein. Das streichelt natürlich mein Ego. Absolut. Wenn ich allerdings sehe, wie sie mich mit Impulsen ausstattet. Mir anbietet, sie kennenzulernen. Ihren Rahmen. Chronologisch. Ihren Hintergrund. Es ist nur noch eine Frage der Zeit, bis wir auf Augenhöhe kommen. Vielleicht.“ „Und Du signalisierst ja auch etwas. Wenn Du sie nicht interessant finden würdest, wären Dir die ganzen Infos doch völlig Wurscht.“ „… natürlich finde ich sie interessant.“ „Klar, weil sie deine Irrsinnsneugier kitzelt, Du Wahnsinniger. Klar weiss sie, wie Du tickst. Sie hat einen Weg gefunden, Dich auszusuchen und dir zeitgleich das gute Gefühl zu geben, dich ihr in Deinem Tempo anzunähern. In Deinem Rythmus. Und ab und zu hilft sie eben etwas nach. Clever. Ein tolles Weibsbild. Ich bin fast ein bisschen neidisch.“ „Auf sie oder auf mich? Hahaha. Das besonders magische ist ja, dass sie mir etwas anbietet, das ich aktiv annehmen muss. Es wird nichts verschenkt. Sie bemüht sich, ich bemühe mich. Was auch immer das ist und was es werden soll. Ich nenne das Balance!“ „Ein guter Deal.“ „Finde ich auch. Lass uns zahlen.“

„Maria, machst Du bitte …“ „Passt. Danke.“ Wir stehen auf, verabschieden uns. Küsschen, Drücker. Wunderbar. „Komm Brunoschatz, ich fahr Dich heim.“ „Danke.“ „Scheisse, ein Strafzettel.“ „Das ist kein Strafzettel.“ Ich muss grinsen. Leise Gewissheit. „Es ist für mich. Da steht sicher Bruno drauf oder sowas.“ „Stimmt. An meinem Auto? Hier hast Du …“ Ich schlage den Zettel auf: „ich vermisse Dich. Ich habe an Dich gedacht. Bis ganz bald. Vona“ „So weckt man tiefe Sehnsucht, Baby.“ „Scheisse, ist das Schätzchen gut.“ „Sie kümmert sich. Ich respektiere das zutiefst.“ Da gibt sich jemand Mühe. Für mich. Ich liebe das. „Vona“ ist hoffen auf Isländisch.