17. September 2014 ... "Vona" ist hoffen auf Isländisch 11

Der Riesling ist kalt. Naheriesling. „Rosenheck“ aus Niederhausen. Jakob Schneider. 2013. Fein und frisch, mineralig, schiefrig. Eine ehrliche Haut. Ich mag den genau so. Und Sabine auch. Und den Wein mag Sabine übrigens auch. Ich liebe ihre Terrasse. Und ihre wundervolle Gastfreundschaft. Und ihre unerschütterliche Bereitschaft, mir immerwieder Quartier und Asyl zu bieten. In guten wie in schlechten Tagen. Heute ist es nicht ganz so gut. Und sie ist da. Immer. Warmherzig, nah, offen. „Die Königin der Herzen …“ „… Du spinnst, Bruno.“ Ich seufze sie melancholisch an und sie schaut in ihrer wundervollen, unnachahmlichen Skepsis. Über ihrer Leinenbluse - und niemandem auf der Welt steht Leinen besser als meiner Freundin Sabine - trägt sie einen leichten, cremefarbenen Cardigan aus feinem Cashmere. Für das Leinen pur ist es schon ein bisschen zu frisch, sobald es dunkel wird. Allein ihr freundlicher Anblick ist schon die halbe Miete. So eine Art Wellness-Voodoo für Augen und das wunde Seelchen. „Was ist los?“ „Sie meldet sich nicht.“ „Wer, Vona? Sie meldet sich nicht? Sie meldet sich doch wohl ohnehin eher unregelmäßig? Und dann noch recht unkonventionell.“ „Sagen wir so: sie hat ihren ganz eigenen Rhythmus.“ „Sie erinnert mich ein bisschen an einen dieser UN-Rettungsflieger. Sie überfliegt Brunoland und schmeisst hier und da und dort  sporadisch ein paar seltsame Rettungspaketchen ab. Schwimmärmelchen für die Wüste. Sonnenschutz für den winterlichen Nordpol?“ „Winterlicher Nordpol? Na Danke! So düster bin ich jetzt aber auch nicht …“ „Du bist mir schon viel zu lange so komisch drauf. Auf alle Fälle brauchst Du eher Sonne, als dass sie Dir jemand verhängen müsste.“ „Das sehe ich anders, Sabine. Aber Du bist wirklich wunderschön wenn Du Dich aufregst. Die Zornesader …“ „… Spinner.“ „Ich meine, Vona verhängt ja nun wirklich gar nichts. Ganz im Gegenteil. Sie bietet Perspektiven an. Schau mal, wie lernt man denn normalerweise jemanden kennen?“ „Weiß nicht, ich lerne niemanden kennen …“ „Du nicht, ich manchmal schon. Quatsch. Du lernst da also jemanden kennen. Normalerweise ist es ja jemand, der nicht wirklich allzuweit aus Deiner Comfort Zone entfernt ist. Vermutlich habt ihr ziemlich offensichtliche Gemeinsamkeiten und Schnittmengen: Alter, Hobby, Freundeskreis, Job, Interessen, diese Dinge halt“ „Ja, das liegt nah.“ „… und das ist ziemlich weit weg von „where the magic happens“. Das sind Muster, die ja nicht deswegen irgendwann besser passen, nur weil Du es immer und immerwieder auf die gleiche Art und Weise versuchst und danebenliegst.“ „Das ist bei Deiner Vona anders?“ „Allerdings. Denn sie kam sehr unvermittelt in mein Leben. Es gibt auf den ersten Blick sehr wenige Schnittstellen.“ „Es gibt keine Zufälle.“ „Nun, das sehe ich wiederum ein bisschen anders, wie Du weißt. Seitdem ich mich mit der Arbeit von Tania Lombrozo beschäftige.“ „Womit beschäftigst Du Dich?“ „Nun, Sie ist Professorin für Psychologie und Philosophie in Berkeley. Sie forscht über die Rolle von Erklärungen für das menschliche Denken.“ „Was?“ „Vereinfacht geht es darum, dass uns Erklärungen offenbaren, wie die Welt funktioniert. Und wir meinen, dadurch ein wenig vorhersehen zu können, was in Zukunft passiert. Das menschliche Gehirn findet das natürlich sexy. Es gibt da verschiedene Modelle, mechanistische, teleologische, ich mag jetzt nicht so genau darauf eingehen. Es ist jedenfalls so, dass nicht alles im Leben einen Zweck erfüllt.“ „Gibst Du mir ein Beispiel?“ „Gerne, nimm zum Beispiel einen Berg. Er hat ja nicht wirklich einen Zweck als Berg. Wenn Du aber ein Kind fragst, wirst Du eine Antwort bekommen wie jene, dass der Berg da ist, damit Du darauf klettern kannst. Und der Berg ist ja nun wirklich beim allerbesten Willen nicht entstanden, damit er beklettert wird, oder?“ „Sicher nicht!“ „Das menschliche Gehirn ist süchtig nach Erklärungen wie nach Schokolade.“ „Das verstehe ich sofort.“ „Ich weiß. Darum versucht es auch mehr oder weniger glaubhafte Verbindungen herzustellen zwischen Schicksalsschlägen und dem Sinn des Lebens oder eben Zufällen. Es mag Dinge einfach nicht offenlassen. Es versucht zwanghaft, die Tür zu schließen. Auch wenn viele wunderbare Dinge dadurch aussen vor oder verschlossen bleiben werden, nur weil man sie nicht begreifen oder tatsächlich erklären kann. Jedenfalls nicht sofort. Das Gehirn belügt sich gerne selbst und will auch belogen werden.“ „Es gibt also doch Zufälle?“ „Unbedingt! Man muss sich eben darauf einlassen können und wollen. Ich empfinde Zufälle ja als großes Glück. Sie helfen beim Ausbruch aus der Routine. Mir jedenfalls. Viele Leute haben Angst, ihre Routinen zu verlassen. Die bieten irgendwie eine vermeintliche Sicherheit.“ „Das kann aber doch auch schön sein.“ „Natürlich. Aber eben nicht nur. Das ist wie mit den Inselpopulationen. Manchmal tut ein bisschen frisches Blut einfach ganz gut.“ „… und mit Insel sind wir wieder bei Island.“ „Vona? Ja. Und eigentlich kommt sie ja von Heimaey, was ja eine noch viel, viel kleinere Insel ist. Stell Dir mal vor, sie hätte ihr hübsches Näschen nicht rausgestreckt.“ „Sehr übersichtlich das ganze.“ „Allerdings. Wobei sie ja schon einen Tag nach ihrer Geburt evakuiert wurde, womit es ja eigentlich dann auch schon losging.“ „Und wie findest Du, gilt das für Dich?“ „Irgendwie sind unsere Muster doch auch eine Art Insel. Auf Deiner Insel gibt es Deinen Stamm. Und mit dem kommen die meisten ja dann auch klar. Ordnen sich ein. Leben Konvention. Die Insel ist mal größer und mal kleiner, aber zum Schluß leben wir ja alle irgendwie auf Inseln. Manche Inseln haben Schnittmengen, gehören zu einem Archipel, haben Verbindungen.“ „Interessanter Ansatz, Bruno.“ „Und manche Inseln sind eben sehr weit von einander entfernt ohne Berührungspunkte. Scheinbar.“ „Und die werden dann durch Zufälle verbunden?“ „Ein bisschen. Vor allem aber dadurch, dass man Zufälle auch zulässt. Ich habe mal etwas gelesen über die Navigatoren in der Südsee. Die sind mit kleinen Bootchen quer über den Pazifik gereist. Nach den Sternen, nach Wellenformen, Strömungen, Tierbewegungen und so weiter. Die ausgewiesenen Großmeister kamen von der Insel Satawal. Und diese Insel liegt wirklich am Arsch der Welt.“ „Du meinst, die sind zu großartigen Navigatoren geworden, weil sie so weit abseits gelebt haben?“ „Vielleicht. Auf alle Fälle sind die mehrere tausend Seemeilen über einen offenen Ozean zu den Osterinseln gefahren. Ohne zu wissen, dass es dort etwas zu finden gibt. Sicher Zufall, aber auch weil sie es konnten.“ „Und was hat das jetzt mit Vona zu tun? Du kommst vom Hundertstel ins Tausendstel, Bruno.“ „Ich glaube, dass sie mir mit ihren Impulsen zeigt, zwischen unseren Inseln zu navigieren. Ich habe das Gefühl, es gerade zu lernen. Es ist wunderbar …“ „… und jetzt meldet sie sich nicht mehr? Gibt keine Impulse mehr? Daher Deine Trauer, Deine Unsicherheit?“ „Irgendwie schon …“ Beiläufig schaue ich auf mein iPhone. ich habe eine SMS bekommen. Vielmehr eine MMS. Ein Bild. Eine Collage aus einer Südseekarte und dem Bild „Tänzerin“ von Emil Nolde aus dem Jahr 1913. Darunter steht: „Ich liebe Emil Nolde. Und sehr gerne mag ich seine expressionistischen Bilder aus seiner Zeit in der Südsee. Fährst Du mit mir hin? Eines Tages? Vona.“ Es gibt keine Zufälle? Vielleicht. Auf jeden Fall gibt es Hoffnung. „Bruno, ich schenke uns noch ein bisschen nach. Alles wird gut. Prost.“ „Ja, Sabineschatz, ich liebe unsere Gespräche und „Vona“ ist hoffen auf Isländisch …“