23. September 2014 ... "Vona" ist hoffen auf Isländisch 14

Gelassenheit im Umgang mit Freunden schafft ein großartiges Gefühl. Ich sitze an einem großen Holztisch. Der steht auf St. Pauli. Und darauf stehen ordentliche Rieslinge, Wasser und eine Garnison von Gläsern, mit denen man richtig arbeiten kann. Ich respektiere gute Trinkwerkzeuge. Dazu gibt es ein bisschen Weissbrot, Oliven, Schnick und Schnack. Agata und Jörg sind fabelhafte Gastgeber. In ihrer „Pfarrei Otzenstraße“. Nein, das ist kein Witz. Es ist Samstag, kurz nach vier. Ich habe fast sechshundert Kilometer in den Knochen. Stau, Baustellen, Unfälle. Und ich spüre, wie das Seelchen jetzt endlich Luft zieht. Hornhaut ablegt. Schicht für Schicht. Der gute Jörg schält kräftig mit. Zwiebelhaft. Häutung. Raupe zu Schmetterling. Ein gemeinsames Repertoire von mehr als 30 Jahren, Vertrauen, Verständnis, aufrichtige, gelebte Toleranz und tiefe Freundschaft sind ein bewährter Rahmen. Wunderbar, ohne viele Worte das eine oder andere Register zu ziehen. Die Heerscharen an gemeinsamen Leichen im großzügig geschnittenen Gewölbekeller. Alles fantastische Anekdoten für die große Enzyklopädie  an Zoten, die wir eines Tages unseren Pflegerinnen vortragen können. Wenn sie uns nicht alle vorher davonlaufen. Es ist ungemein erlösend, mal wieder die ganz großen Krokodilstränen lachen zu können. Immerwieder. Auch im Wissen und der Vorfreude auf das, was passieren wird. Zuverlässig. Es ist Luft bis Montag. Da gibt es einen beruflichen Termin im Umland. Und der hat dieses Fenster aufgerissen. Spontan. Und wir machen mit. „Carpe that fucking diem“, wie eine Freundin so gerne und schön sagt. Einen Plan? Brauchen wir nicht. „Wir reiten in die Stadt, der erst ergibt sich.“ Das sagt so Clint Eastwood. Und wir meinen, er hat recht. Der Abend wird sich entwickeln. Ok, eine Grundlage sollten wir schaffen. Aber das müssen wir nicht unnötig komplizieren. Jetzt noch ein bisschen in Slow Motion und dann ab in die Maske und in die Requisite. Zwischen der Haustür und der ersten Kneipe liegt ein Wiener Schnitzel, so wie es heute sein soll und eine Flasche Grünen Veltliner dazu. Zu Gast im schwäbischen Konsulat auf der Hein-Hoyer-Straße. „Brachmanns Galeron“. Passt heute. Schnäpschen, Kaffee, zahlen, Danke! Raus. Sauerstoff. Tief einatmen. Und durchatmen. Zehn Uhr. „Scharfe Ecke?“ Für die gefühlte Wetterlage sind das gute Startbedingungen. Davidstraße, Blick zum Hafen, Hamburger Theke halbhoch und ein kaltes Astra vom Faß. Die Musikbox plärrt ein akustisches Desaster. Aber hier darf das. Hier ist es ohne Bedeutung. Stimmen, Töne, Laute, die Summe unterschiedlichster Charaktere, manche angesoffen, die Mischung von allem schaffen einen dicken Filz, der unser privates Gespräch erstaunlich schützend einhüllt. Wir sind öffentlich und doch ganz für uns. Auch wenn der Qualm ein bisschen nervt. Schwamm drüber. Es ist halt wie es ist. Nach dem ersten großherzigen Willkommen, einem entspannten runterfahren der Systeme und dem guten, einfachen, einfach guten Wiener Schnitzel, finden wir hier den Raum einzusteigen. In das was war, das was ist und das was sein könnte, sollte oder dürfte. Ein Update. Man ist ja nicht jeden Tag zusammen. Und er tut gut, der unterschiedliche Blickwinkel auf dieselben Herausforderungen. „Was ist mit Vona? Geht da was?“ Ich liebe die blumigsensiblen Formulierungen meines feinsinnigen Jugendfreundes, seine sanfte Ansprache, die Arschbombe mitten ins Thema. Solche Freunde dürfen das, denn sie halten selbst eine Menge aus. „Du hast das gelesen mit Heimaey?“ „Ein Jahr Nordatlantik? Einsame Insel? Mit einer Frau, die Du nicht wirklich kennst?“ Agata kommt dazwischen und tippt mir mit ihrem Zeigefinger auf die Stirn: „Bruno, Du spinnst! Du bist verrückt!“ „Es ist doch gar nicht konkret. Eher ein Gedankenmodell. Ein was wäre wenn.“ „Du bist ein romantischer Wahnsinniger. Fremde Menschen sprechen über unbedingte Nähe. Eine Nähe, die so intensiv funktionieren muss, weil ein Ausweichen nahezu unmöglich ist. Flucht gibt es nur im Kopf oder mit der Fähre.“ „Jörg hat recht, Bruno. Wie stellst Du Dir das vor? Kein „ich gehe mal eben einen Kaffee trinken und bis nachher hat sich das schon wieder eingerenkt“. Vollkontakt. 365 Tage. Hardcore. Höchstleistung für die Pumpe!“ Jörg und Agata schauen sich an. Ja, sie könnten das auch. Ich weiss es. Und die beiden sind nun auch nicht gerade zusammen groß geworden. Was also ist das Geheimrezept für ein solches Vorhaben? „Im Grunde geht es doch gar nicht um die Insel am Ende der Welt.“ „Nein Jörg, geht es tatsächlich nicht. Heimaey ist nur ein Vehikel. Ich glaube, es geht eher um die Frage an sich. Aber das ist natürlich nur Hypothese. Mein Blick auf die Sache verändert sich da auch täglich. Mal ist er sehr nah an der Frau, an Vona. Gegenständlich. Und dann wieder habe ich das Gefühl, mich mit grundsätzlichen Fragen auseinanderzusetzen. Es hat fast was meditatives. Man setzt sich mit ein und derselben Sache auseinander und betrachtet sie nach und nach von allen Seiten.“ „… und am liebsten schaust Du ihr auf den Arsch!“ „Hahaha, Agata, ich liebe Deinen Pragmatismus. Noch drei Bier, bitte.“ „Was sagt sie denn dazu?“ „Ich habe noch keine Antwort auf meine „10 Dinge, die mir wichtig sind für die Insel“. Vielleicht war es zuviel. Mehr als sie erwartet hatte. Ich weiß es nicht. Warten wir es einfach ab. Es sind ja auch erst ein paar Tage.“ „Du weißt nicht einmal wo sie ist und was sie macht. Jeden Tag.“ „Ist das so wichtig? Was hat Bedeutung? Die Vergangenheit? Der flüchtige Moment jetzt oder die Zukunft und die Absicht? Lass uns zahlen. Ich mag ein paar Häuser weiterziehen. Heute Abend hat eine Bekannte einen Auftritt im Queen Calavera. Wir sind auf der Gästeliste. Ein bisschen Burlesque wird uns allen gut tun.“ „Und ein gut gemeinter Gin Tonic.“ „Oder beides.“ Eben.“ „Es ist zu früh fürs Queen Calavera. Erst kurz nach elf.“ „Egal, dann haben wir einen guten Platz und können noch weiterquatschen. Außerdem ist die Musik besser.“ „Also los.“ „Wenn Du uns schon fotografierst, dann bitte immer von oben, Jörg. Dann sieht man das Doppelkinn nicht so.“ „Ich liebe jedes Gramm an Dir.“ „Aha!“ Der Laden ist schon ziemlich voll. Erstaunlicherweise wird gerade der Hochtisch links der Theke, direkt gegenüber der kleinen Bühne frei. Man darf ja auch mal Glück haben. Die Getränke sind großzügig und erscheinen flott am Tisch. An der Theke habe ich Lily Rigid und Carlos Kella gesehen. Ich mag seine Kalender sehr. Gute Bilder. Tolle Pinups mit coolen Karren. Sein Queen-Calavera-Kalender hat einen Ehrenplatz in meinem Flur. Direkt neben der Tür. Ich winke. Sie sind beschäftigt. Egal. Später vielleicht. „Mal ehrlich Bruno, Du bist fast fünfzig Jahre alt. Würdest Du wirklich alles aufgeben? Deine Wohnung? Deine Freunde? Familie? Die Agentur? Einen so harten Schnitt machen?“ „Das ist doch Quatsch. Warum nehmt ihr das eigentlich alle so wörtlich? Ihr habt alle offensichtlich zu viel Hollywood geschaut.“ „Besser als Ingmar Bergman und wir bringen uns dann alle zusammen um …“ „Zum Glück gibt es mehr als schwarz und weiss.“ „Vielleicht.“ Jörg sitzt in der Ecke, dazwischen Agata und ich mit dem Rücken zur Theke. Als ich umarmt werde und spüre, wie sich ein Kopf sanft auf meinen Rücken legt. Ich muss wohl ziemlich fragend schauen. Wer sollte wissen, dass ich heute Abend hier bin. Jörg zeigt mir sein iPhone. Er hat es gepostet. Auf Facebook. Na klar. „Du hast ein bisschen zugenommen“ säuselt mir eine zarte Stimme ins Ohr. Mit einem leichten Akzent. Ich finde, es klingt sexy. Ich mag es. „Bereitest Du Dich schon vor? Auf den langen, kalten Winter in meiner Heimat?“ Vona! Der Akzent ist mir das letzte Mal nicht aufgefallen. Aber da war sie auch nicht so nah dran. Es fühlt sich gut an. Ihre Wange. Die Haut. Unglaublich angenehm. Und gar nicht fremd. „Es ist ein Zufall. ich habe leider nicht viel Zeit. Ich habe gesehen wo Du bist, auf Facebook. Ich war an der Hafenstraße. Ich verlasse Hamburg. Ich freue mich so sehr, dich kurz zu sehen. Es ist wie ein Zeichen. Ich habe nur ein paar Sekunden. Du sollst, Du musst wissen, dass alles gut ist. Dass alles gut wird. Ich schreibe dir später und wir sehen uns bald. Sehr bald. Wenn Du willst … willst Du?“ „Aber ja, Vona.“ „Willst Du mit mir schlafen?“ „Das ist eine interessante Frage …“ „Willst Du?“ „Ich weiß es nicht.“ Ich weiss es nicht? Spinne ich? Was rede ich da? Das gab es ja noch nie … „Ich weiß es wirklich nicht. Magst Du nicht erst einmal ankommen?“ „Das ist gut. Danke.“ „Kommst Du?“ „Ich denke ja …“ „Wir werden sehen …“ „ja!“ Und so wie sie kam, ist sie auch wieder weg. Nur verlässt sie mich diesmal nicht. Das ist neu. Und es ist seltsam. Jörg und Agata schauen auf. Sie haben sich zurückgenommen. Echte Freunde. Und sie stellen keine Fragen. Lassen mich verdauen. Sie wissen, ich sage etwas, wenn es soweit ist. Es ist zwölf. Die Show beginnt. Die erste Tänzerin kommt in ihrem Phantasiekostüm aus dem Keller. Sie ist heiß! Die Meute auch. Die Stimmung ist gut. Es wird laut. Ich bin glücklich.

„Vona“ ist hoffen auf Isländisch.