6. September 2014 ... "Vona" ist hoffen auf Isländisch 05

"Wir sind schon über 30 Jahre befreundet und ich wusste gar nicht, dass Du schreibst." Kai schaut mich an. Wir stehen in seiner Küche und machen uns ein paar leckere, kleine Schweinereien zum Riesling, der uns gerade so gut schmeckt. Obere Nahe. Direkt um die Ecke. Wunderbar. Jung, knackig, frisch. Dazu Seafood. Tiger Prawns, Patagonia, Muscheln, dies und das. Kai liest meinen Kram. Es gefällt ihm. Nicht nur unserer Freundschaft zuliebe. Er spricht es offen und ehrlich aus. Ich mag das. Sehr. Und er weiss von Vona. Schöne, seltsame Vona. Gerade erst habe ich Kai von meinem Erlebnis in Hamburg berichtet. Vom Hotel Wedina, dem Abholschein, der Buchhändlerin und dem Weidenröschen. Der alte Romantiker. Funktioniert genau wie ich. Mit einer guten Story hat man sein Herz. Der Verstand hat Schonzeit. Lieber die großen Gefühle von Ewigkeitswert. Lieber Liebe. "Danke für die Karte. Noch besser, dass Du gleich mitgehst". Im Windfang unserer Kleinstadtvolksbank hing ein Plakat. Bildervortrag: "Nordlichter - ein Islandtagebuch". Auf dem Plakat ein struppiger Typ mit seinem Weib vor einem alten Toyota-Geländewagen. Beide lächeln alterslos und ambitioniert bei reichlich Gegenwind in die Kamera. So stereotyp, dass man es kaum aushalten mag. Im Hintergrund erschreckend viel Natur. Wasserfälle, Islandpferde, Eis, Schnee und Vulkane mit allem was dazugehört. Und eben die Nordlichter. Genau das richtige für einen Donnerstag Abend um 19Uhr30. Vor allem, wenn man sich ein bisschen an die Sache rantasten möchte. Island. So erlebnisinformationsmäßig. Wie bei einem dieser Erdkundefilme auf 3sat. Nur eben irgendwie in echt und mit richtigen Leuten. Einen Reiseführer habe ich ja jetzt seit Hamburg. Aber wer liest sowas schon am Stück. Und eine Geo Special aus dem Jahr 2012. Ziemlich aktuell also. Die macht es einem schon ein bisschen leichter als der Reiseführer. Die Autoren sind nicht ganz so vertrocknet. "Wir müssen los." Von hier aus sind es nur wenige Meter zufuss. Zum Vortrag. Ich bin gespannt. "Ich will ja wissen, in was für eine Wikingermafia Du da einheiratest." "Kai, Du spinnst. Ich kenne die Frau kaum. Sie macht seit Wochen so eine Art Schnitzeljagd mit mir. Eher seit Monaten. Und Schnitzeljagd ist noch viel zu gegenständlich. Ich meine, Du hast es gelesen. Du weisst was los ist." "Naja, da dichtest Du was dazu, lässt was weg. Machst Drama. Oder eben nicht. Wer weiss das schon so genau ..." "Schau mich an, können diese Kinderaugen lügen?" "Idiot!" "Scheisse, wo sind die Karten ..." "... Ich habe sie eingesteckt." Der Saal ist nur halbgefüllt. Diavortrag. Ein netter Anachronismus. Dachte ich. Ein ratternder Kodak Karusselprojektor wie in den Kunstgeschichtevorlesungen in den späten 80ern. Pustekuchen! Der Beamer brummt. Hier ist alles digital. Egal. Es geht los. Er macht es ganz gut, der Zausel in seinem Strickpullover. Keine dieser typischlangweiligen Reisetagebuchnummern. Die beiden haben ein paar interessante Stories zusammengestellt. Das Auslandsjournal war mal so in seinen besten Zeiten. Oder der Weltspiegel. Damals. Magazincharakter. Länder, Menschen, Abenteuer. Toller Themenmix. Spannend. Und man lernt wirklich nie aus: "Aurora Borealis". Das Nordlicht: die Lightshow am Polarhimmel wird aufgeführt, wenn geladenen Sonnenwindteilchen an den Polen auf die Erdathmosphäre treffen und dort die Luftmoleküle zum Leuchten bringen. Sagenhaft. Toll sieht das aus. Kein Wunder, dass man da mit eingeschränkten Physikkenntnissen auf ziemlich abenteuerliche Geschichten kommen muss. Das kann man den Ahnen kaum böse anrechnen. Die isländische Natur hat eine Menge zu bieten, was das sattsolide Fundament einer nordischen Sagenwelt angeht. Und "Catweazle" macht tolle Volten. Neben dem ganzen Freiluftspektakel taucht er auch in den isländischen Alltag ein. In die Politik. Ein Punk als Bürgermeister. In die Kultur, die vitale Musikszene. "101 Reykjavik", das Szeneviertel von Island hat viel mehr zu bieten als Björk und die Sugarcubes. Das Iceland Airwaves Music Festival. Cool. So und so. Und als er mit den gastronomischen und kulinarischen Highlights um die Ecke kommt, hat er unsere volle Aufmerksamkeit. Alarmstufe Rot! Ich bin begeistert von diesem frostigen Kosmos. Muss ich hin. Ab morgen werde ich recherchieren. Planen. Der Abspann. Ich traue meinen Augen nicht: "Takk Bruno - Danke, schön dass Du Dich interessierst. Kennst Du schon die Geschichte von Oluf Eigilsson? Sie wird dir gefallen. Bis ganz bald. Vona." Ich sitze mit offenem Mund. Das Licht geht an. Neben mir steht Roald Amundsen, wie ich den vortragenden Polarreisenden für mich selbst getauft hatte. Ich schaue ihn an mit großen Augen. Mein Mund steht wohl immer noch offen. "Wie zur Hölle ..." Kai schaut noch ein bisschen verwirrter aus der Wäsche. "Im Grunde kennen wir sie nicht. Sie hat uns mal aus der Klemme geholfen. Bei einer leichtsinnigen Tour durch die Insel. Wir waren schlecht vorbereitet. Sie war so freundlich. Um diesen kleinen Gefallen hat sie uns gebeten. Eine Überraschung sollte es werden. Wir konnten ihr das nicht abschlagen. Wir wussten nicht einmal, dass sie Vona heisst." "Heisst sie auch nicht. Sie heisst Lilja Elín Mínervudóttir. Sie nennt sich Vona. Vona ist Hoffnung auf Isländisch ..."