4. Februar 2015

das Paradox.

In den letzten Wochen und Monaten bin ich über eine Menge paradoxer Dinge und auch über paradoxes Verhalten gestolpert. In vielen Situationen. In vielen Gemütszuständen und in den unterschiedlichsten Gefühlswetterlagen. Ich frage mich, ob das zunimmt, oder ob das Notiznehmen der Auffälligkeiten in einer sich nach und nach selbstsensibilisierenden Wahrnehmung begründet liegt. Mein emotionaler Seismograph wird sukzessive nachjustiert und reagiert nun auch auf die zarteren Wackeleien.

Ich schaue mir das ein bisschen näher an und setze den Hebel an am Adjektiv: „paradox“. Ein schönes Wort, finde ich. Läuft gut durch den Mund. Ich spreche es gern. Angenehm unmodisch, ungewöhnlich. Man darf es aber auch nicht zutode reiten. Es würzt. Auch hier gilt: „weniger ist mehr“. Und damit sind wir genau genommen schon mittendrin.

Das Substantiv Paradox kennt man auch als Paradoxon oder als Paradoxie. Gibt es mehrere davon, heißen sie im Plural Paradoxien oder Paradoxa. Das Paradox kommt aus dem Altgriechischen. Es ist ein Kind von „para“, was für ‚neben‘ steht, ‚außer‘ und ‚daran vorbei‘, sowie „doxa“ was soviel wie ‚Meinung‘ bedeutet oder ‚Ansicht‘. Es geht um eine Aussage, die einen unlösbaren Widerspruch in sich trägt. Zumindest scheinbar.

Es gibt eine ganze Menge Spezialitäten unter den Paradoxa. Zum Beispiel die logischen wie das Lügnerparadox des Eubulides von Milet: „Dieser Satz ist falsch“ - also wahr, wenn er falsch ist und falsch, wenn er wahr ist. Und es gibt metaphysische Paradoxa wie die Frage nach Endlich- und Unendlichkeit. Wann hat das Universum angefangen zu existieren? Und die nur allzu menschliche Frage danach, was denn nun davor gewesen sei. Henne und Ei. Zudem semantische Paradoxa und auch rhetorische. Letztere kennen wir unter anderem als Oxymoron. Was das ist? Hier ein paar Beispiele:„Hassliebe“, „Eile mit Weile“, „Weniger ist mehr“ oder „Viva la muerte“ - es lebe der Tod!“

Da sind Paradoxien der Logik, der Philosophie und der Theologie. In der Mathematik und der Physik, der Astronomie, der Medizin und überhaupt in den Naturwissenschaften. In der Statistik, der Betriebs- und Volkswirtschaft und in allen politischen Systemen. Ideologische und Psychologische, Paradoxien in der Ästhetik und gerade auch in der Populärkultur. Ich erspare uns hier den Ausflug in die Nische. Wer sich vertiefen mag, wird leicht fündig.

Ich mag die sprachlichen, rhetorischen Paradoxien. „Wenn jemand den Sinn des Lebens erklärte, hätte das Leben seinen Sinn bereits verloren.“ Großartig! „Die Ewigkeit ist lange, besonders gegen Ende hin.“ Wunderbar! Und es gibt so viel mehr. Ständig begegnen sie einem. Paradoxa könnten glatt mein neues Hobby werden. So und so. Ich habe schon mal angefangen, sie zu sammeln.

Mit Begeisterung habe ich zum Beispiel das hier notiert:
Um so mehr Käse da ist, desto mehr Löcher gibt es.
Und um so mehr Löcher es gibt, desto weniger Käse ist da.
Die Schlußfolgerung also muss lauten:
Je mehr Käse, desto weniger Käse.

Und bei Sokrates paradoxem Aphorismus „Scio nescio - ich weiß, dass ich nichts weiß“ denke ich ganz bildungsbürgerlich an meinen Goethe in der Schulzeit. Der Faust als Zweifler. Noch immer höre ich den Mephisto hämisch lachen.

Die Wörterbücher bieten eine Menge Synonyme, die dem ganzen nur nahekommen, es aber kaum wirklich ersetzen können. Am besten gefällt mir da noch das altertümelnde „abersinnig“. Eine Vokabel, die ich nur zu gerne aus der Mottenkiste ans Licht zerre und entstaube. Passt. Muss wieder in den Wortschatz. Ein echtes Schätzchen, das „abersinnig“.

Was schon schwerer zu recherchieren ist, sind die Paradoxa der Liebe. Der Gefühle. Und gerade die sind uns doch allgegenwärtig, auch wenn man nicht so gerne darüber sprechen mag. Insbesondere über die, die sperrig sind, die weh tun und regelmäßig in die Magengrube fahren. Da fällt einem sofort der emotionale Supergau ein.  Er stammt aus der Doppelbindungstheorie, der „Double-Bind-Kommunikation“. Der Anthropologe Gregory Bateson hat das in der Mitte des letzten Jahrhunderts in längeren Beziehungen erforscht, in denen solche Phänomene gehäuft auftreten. Da geht es um gemischte Signale und noch gemischtere Gefühle. Ein Partner sagt, dass er den anderen liebe. Das allerdings mit eingefrorener Mimik, monotoner Stimme, emotions- und empathiefrei. Ohne jede Körperlichkeit oder gar Zärtlichkeit. Das ist ein schlimmes Paradoxon. Eine Art Kaspar-Hauser-Experiment für die misratende Partnerschaft. Ganz subjektiv empfehle ich da ein zügiges abgrenzen und aussteigen. Mir persönlich ist kein Fall bekannt, in dem das gut gegangen wäre. Es sei denn, beide Partner haben diese Anlagen und Neigung wie Lust an Leid und Frust.

Wenn man es genau nimmt, sind beinahe alle Paradoxa in diesem Feld auf Kommunikationsdefizite zurückzuführen. Schlecht definierte Schnittstellen. Unsaubere Regeln, eine schludrige Grammatik. Auch das Schweigen ist so ein Signal. Schlimm.

Redet! Streichelt! Kuschelt! Liebt euch! Streitet euch mal, schreit euch auch mal an. Aber zieht euch niemals dabei den Teppich der Verständlichkeit unter den Füssen weg. Achtet auf die Signale. Paradoxe können echte Killer sein.

"Der Weg des Paradoxes ist der Weg zur Wahrheit. Um die Wirklichkeit zu prüfen, muß man sie auf dem Seil tanzen lassen." // Oscar Wilde

Stimmt. Wichtig aber bleibt am Ende, dass man sie findet. Noch besser, wenn man sie erst gar nicht verliert, die Wahrheit. Auch und gerade die eigene.

„Du liebst mich? Warum ist es dann wie es ist?“ Der Klassiker.

Einen hab ich noch:
Pinocchios Nase wächst bekanntlich genau dann, wenn er lügt. Was passiert aber, wenn er sagt „Meine Nase wächst gerade“?