14. August 2014

Die BRIGITTE schrieb:
"Orgasmus beim Sport. Gibts das wirklich?"

Link: http://www.brigitte.de/figur/fitness-fatburn/coregasm-1208419/?noMobileRedirect=1


Liebe Brigitte,

die heftigen Reaktionen auf Euren Post zum Höhepunkt mögen unterschiedlich eingepackt worden sein. Im Grunde haben alle eine Botschaft: nervt bitte nicht mit technischem Orgasmusgequatsche. Schon gar nicht mit Coregasmen. Was euch da entgegenschlägt, spricht für eure wundervolle Leserschaft. Und die sagt eben nein! Die hat es nämlich satt, in ihrer sexuellen Gefühlswelt auf technische Detailexkursionen wie in einer dieser unsäglichen Kraftfahrzeug-Gazetten reduziert zu werden. Fehlt nur noch die farbig hinterlegte Infobox mit der Zusammenfassung von Messergebnissen und Kontaktadressen zur Individualoptimierung mit Willkommenspaket. Der Orgasmus ist in seiner Bewertung ein über alle Zeiten gepflegtes Missverständnis. Warum? Dazu gestattet mir einen kleinen Exkurs und ich verspreche, ich werde nix schmuddeliges von mir geben. Ich fasse mich knapp:

physiologisch gesehen ist der Orgasmus ein zentralnervöser Vorgang. Der Orgasmus ist ein neuronales Feuerwerk, das im limbischen System angezündet wird. Irgendwo rund um Hypothalamus und Amygdala. Der Hypothalamus steuert die vegetativen Funktionen des Körpers und die Amygdala ist zuständig für eine emotionalen Bewertung und Wiedererkennung von Situationen. Die Amygdala analysiert für uns mögliche Gefahren. Es geht um externe Impulse und die vegetativen Reaktionen darauf. Seit 2004 lässt sich sogar wissenschaftlich belegen, dass die Amygdala bei der Wahrnehmung jeglicher Erregung im Spiel ist, und damit auch beim Sex eine ganz wesentliche Rolle einnimmt. Rund um den Orgasmus werden die Neurotransmitter Dopamin, Noradrenalin, Serotonin und diverse Hormone, besonders Androgene, endogene Opioide, aber auch einiges anderes geiles Zeug mit Hochdruck durchs System gepumpt. Unser Gehirn wird mit einem irren Drogencocktail geflutet. Das ist alles ziemlich komplex und so ganz genau weiss man auch noch nicht Bescheid.

Was man aber weiss ist, dass im menschlichen Gehirn auf ziemlich kleiner Fläche eine ganze Menge los ist. Auch wenn man das nicht bei allen glauben mag. Da kommt es eben hier und da zu sogenannten Übersprungsreaktion zwischen benachbarten Hirnarealen. Dadurch lassen sich vermeintlich paradoxe sexuelle Reaktionen erklären oder orgasmusähnliche Erlebnisse außerhalb sexueller Handlungen. Euer Sporthöhepunkt zum Beispiel gehört da auch dazu.

Zurück zu den Leserinnen und Lesern und ihrem eigentlichen Anliegen. Denen geht es letztlich gar nicht um das ob, sondern vielmehr um das wie. Natürlich geht es allen um zwischenmenschliches, um Gefühle, Liebe und auch um Sex. Aber die ganzen Orgasmusbeschreibungen in den Medien hören sich an wie eine Horde präpubertärer Knaben, die auf dem Schulhof Autoquartett spielen und mit abenteuerlichen PS- und Hubraumwerten prahlen. Und diese Werte sind vor allem deswegen so abenteuerlich und abstrus, weil jegliche Verhältnismäßigkeit fehlt. So wie bei dem Orgasmusgequatsche. Keine Relation. Natürlich mögen wir den Höhepunkt. Aber er ist eben genau das, was er ist. Nicht mehr und nicht weniger. Ein Höhepunkt. Ein Punkt. Kurz und knapp. Ziemlich. Darum heisst er ja auch so.

Letztlich ist er eben nicht mehr als ein Punkt auf einem wundervollen, luftigen Sommerkleid. Einer von vielen. Ein besonders schöner. Aber halt auch nur ein Teil des ganzen. Was sich die Leserinnen und Leser wünschen ist, dass die Brigitte genau das tut, was sie kann wie niemand sonst: das ganze Sommerkleid einfangen, es darstellen, beschreiben, es einbetten in ein spannendes und emotionales, phantasiereiches Umfeld, Impulse geben und unsere Phantasie stimulieren.

Ich hab euch auch lieb