23. Februar 2015

die Lüge

Da steht sie. Mitten im Raum. In diesem hohen, lichtdurchfluteten Raum, der sich einer langen Reihe von Räumen anschließt. So wie eine Perle der anderen auf der Kette folgt. Räume, durch die man über den pfleglich gebohnerten und wunderbar knarzenden Dielenboden schreitet. Vorbei an den deckenhohen Fenstern und ihrem Rhythmus. Licht, Schatten, Licht, Schatten. Und so weiter. Offene Fenster. Draußen Kindergeschrei, Sonntagsgeräusche, Frühling und in dämpfender Ferne abgemilderte Urbanität.

Hier atmet man Geschichte im jetzt. Die eigene. In einer überdauernden Architektur, einer feinsinnig und großzügig geplanten Kubatur, die das Leben so umfassend in sich aufzunehmen vermag. Mit geschichtsträchtiger und nicht geschichtstümelnder Note, so wie das nur die Stadtpalais des 18. Jahrhunderts völlig mühelos und unangestrengt beherrschen.

Man folgt der erstaunlichen Dramaturgie der Ausstellung. Der Melodie einer Kollektion liebevoll kuratierter Exponate. Einer Komposition für alle Sinne. "Echtes Leben". So heißt diese Ausstellung, durch die man sich bewegt und auch bewegen lässt und die immerwieder ganz individuelle Besonderheiten zu bieten hat. Ganz nach persönlicher Perspektive und individuellem Blickwinkel. Eine Ausstellung, die sich mit jedem und für jeden Besucher verändert.

Gerade hat man die "Halle der Hoffnung" verlassen. In den Nebenraum wird man nur einzeln eingelassen. Es ist der "Saal der Einsamkeit". Und da ist sie nun also: "die Lüge". Mit ihrer Erkenntnis bleibt man immer für sich. Sie ist in ihrem Wesen wie ein Kunstwerk von Jeff Koons. Glatt und oberflächlich. Sie gewinnt an Gewicht durch Kontrast und Bezug. Ihre Form verliert sich durch ihre Spiegelung des Betrachters, die diesen in sich hineinzieht und doch alleine und irritiert zurücklässt. Fassungslos, sich verloren zu haben und immerwieder zu verlieren.

Irgendwie hatte sie sich ja angekündigt, man konnte sie bereits vermuten. Man hatte sie schon gerochen. Der eine mehr, der andere weniger. Das Erstaunliche an einer Lüge selbst ist, dass man sie umso weniger riecht und riechen kann, desto näher man ihr ist. Es ist ein bisschen so wie bei dem Scheinriesen Herrn Tur Tur in Michael Endes Kinderbuch "Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer". Der wird auch immer kleiner, desto näher man ihm kommt. Mit dem Unterschied, dass die Lüge dann doch zuschnappt. Unausweichlich. Wie eine selbstgestellte Falle, in die man dann doch noch tritt und immer treten wird. An sie glauben mag man nicht. Sie ist nicht eben wie ein Festtag, auf den man fiebert. Auch in ihrer Erwartung mag man nicht mit ihr rechnen. Allerdings sie ist selten eine große Überraschung. Die Erfahrung lehrt.

Der Raum hat zwei Ausgänge. Einer führt zurück in die "Halle der Hoffnung", der andere ist ein Notausgang. Beide stehen einem offen. Ich entscheide mich für die Hoffnung. Immer.

"Die Lüge tötet die Liebe. Aber die Aufrichtigkeit tötet sie erstrecht." // Ernest Hemingway