19. Januar 2015

Die Lust ist eine Wolke

Die Lust hat einen gerne mal und Lust hat jeder. Lust auf irgendwas und irgendjemanden. Oder. Manchmal. Lieber oft und vor allem immerwieder. Die Lust kennt eigentlich keinen Plural. Und eigentlich doch: die Lüste. Allerdings hört man das ja nun eher selten. Vielleicht mal als „Ge-Lüste“, aber auch die gehen einem nicht so ganz locker über die Lippen. Es muffelt ein bisschen angestaubt.

Die Wurzeln der Vokabel „Lust“ liegen im gotischen „lustus“ und im alt- wie mittelhochdeutschen „lust“, was ursprünglich für „Neigung“ stand und erst später für „Wunsch und Verlangen“.

Die Wörterbücher beschreiben die Lust als das innere Bedürfnis, etwas unbedingt tun oder haben zu wollen. Als ein unbedingtes Verlangen, einen dringenden, drängenden Wunsch zu befriedigen, eine Neigung, eine Bewegung. Als Lust bezeichnen sie auch das wunderbare, freudige, angenehme und vielleicht auch erlösende Gefühl, das aus der Erfüllung von Wünschen und Gefallen entstehen kann. Aus einer Empfindung heraus. Subjektiv und privat. Mehr als nur Freude und Vergnügen. Und dann wäre da noch die Sache mit der sexuellen Lust. Die sogar mit einem Plural „Lüste“. Sagt der Duden. Dem Verlangen, den Trieben. Den sinnlichen Lüsten. Den „weltlichen“, was auch immer das heißen soll. Und den Gefühlen damit und darum.

Zur Lust gibt es einen ganzen Sack voll Synonyme. Allgemein, regional, dichterisch, jugendsprachlich, bildungssprachlich, veraltet, psychologisch und auch theologisch sowie philosophisch und so weiter und so fort. Hier kommt eine interessante Auswahl  in allen diesen Disziplinen. Ich habe bewußt nicht aufgeschlüsselt, sondern schlicht nach Alphabet geordnet: Bedürfnis, Begehren, Begeisterung, Begierde, Bock, Drang, Durst, Enthusiasmus, Entzücken, Fleischeslust, Freude, Frohmut, Geilheit, Gelüste, Genuss, Gieper, Gier, Glückseligkeit, Glücksgefühl, Gusto, Hochgenuss, Hunger, Konkupiszenz, Kupido, Labsal, Leidenschaft, Libido, Lüsternheit, Neigung, Passion, Pläsier, Sehnsucht, Seligkeit, Sinnlichkeit, Spaß, Trieb, Vergnügen, Verlangen, Wohlgefühl, Wollust, Wonne, Wunsch.
Das ist ein weites Feld. Ein wilder Blumengarten. Und wir kommen noch darauf.

Die meisten großen Philosophen betrachteten und betrachten Lust als Wert in sich. Als Dreh- und Angelpunkt in den Denkansätzen und Studien zu Trieb und Bedürfnis. Zum Thema Motivation in allen Facetten. Und auch wenn es um die Bewertung von Erfahrungen und Gedanken geht. Die besondere Gewichtung der Lust reicht bis weit in die Antike zurück. Bis zu Platon und Epikur von Samos. Der meinte, „die Lust sei Ursprung und Ziel des glücklichen Lebens“. Ich finde, das kann man ruhigen Gewissens genauso stehen lassen. Auch heute noch.

Das Tolle an der der Lust zeigt sich immer sofort. Ersichtlich und nachvollziehbar. Und dazu muss man gar nicht wissen, wer, was und wie die Ziele sind. Worum es eigentlich geht. Beispielsweise kämpft man in der Regel ja nicht bewusst und konzentriert gegen den Unterzucker an - man isst doch deutlich häufiger aus Lust. Schon in der Auswahl. Und auch beim Sex geht es seltener um die Fortpflanzung als Grundbedürfnis, sondern eher um den Spass an der Sache selbst. Das hoffe ich zumindest.

Großartig an unseren Gefühlen rund um die Lust ist, dass sie eine besondere Form der Wahrnehmung sind, die sich im Grunde genommen selbst schafft und steuert. Die körperliche Lust ist auf einem ganz anderen Pfad unterwegs als das logische Empfinden oder die ästhetische Sinneswahrnehmung. Und doch kann sie sich mit ihnen verbinden und zu einer emotionalen Einfärbung führen. Die Unfähigkeit zu letzterem gilt inzwischen als ein mögliches Indiz für Depressionen. Überhaupt spielt die Lust eine wesentliche Rolle in der Psychologie und auch in der Freudschen Psychoanalyse. Als Urkraft. Universalenergie. Libido. Die Bezeichnung für die subjektiv angenehme Empfindung. Der Antrieb.

Das ist eine ganze Menge Stoff. Und ich gehe bislang noch kaum in die Tiefe. Jeder kann seine ganz eigenen Schwerpunkte finden und trotzdem bleibt immer die Gewissheit: es ist genug für alle da.

Zeit für ein paar eigene Gedanken im Sujet: wenn ich mir die Synonymsammlung in Erinnerung rufe und in das unübersichtliche Laufgehege meiner eigenen Assoziationen hineinhorche, muss ich zu dem Ergebnis kommen, dass die Lust selbst kaum zu fassen ist. Schlecht einzufangen, kaum zu parametrisieren. Mit der Lust beschreibt man ja nicht nur einen Zustand, sondern liefert auch zeitgleich die Bezeichnung für die Gefühlswelten im Kontext. Ganz schön komplex. Ganz schön schwammig.

Wenn ich also ein Bild zu meinem Verständnis von Lust finden und beschreiben sollte, käme dem jetzt in diesem Moment ein Motiv zu einem dieser Südseeinselstaaten wohl am nächsten. Zumindest die Vorstellung davon und der Gedanke daran. Ein Archipel aus vielen sehr unterschiedlichen Inseln, mal näher zusammen und mal weiter auseinander. Einzelgänger, Grüppchen und Gruppen innerhalb eines großen und ganzen. Eines Verbundes „Persönlichkeit“. Mit Schnittmengen und auch ohne. Deren Lage ist leicht zu finden über die Längen und Breiten. Das wäre die klassische Anfahrt für die „christliche Seefahrt“. Aber auch die Navigatoren, die in ihren Nußschalen den kompletten Südpazifik überqueren kommen dank Wellenmustern, Strömungen und einigen anderen Faktoren gut zurecht. Und Dank der Wolken, denn die zeigen wo Land ist. Sehr konkret. Sehr verbindlich. Da sprechen wir im übertragenen Sinne von Erfahrungen. Die Herangehensweise der Südseenavigatoren steht bildlich für einen vielleicht metaphysischeren Zugang, jenseits aller engen Maßstäbe und Relationen.

Die Inseln sind in meinem Motiv Abbilder von persönlichen Bedürfnissen, von Sehnsüchten, Hoffnungen, Wünschen und Zielen. Die darüber schwebenden Wolken gleichen der eigentlichen Lust. Schwer fassbar und nicht allzu stofflich. Verbindung von darunter und darüber. Schnittstelle von Gegenständlichem, Geist und Seele. Zuckerwattig und rorschachhaft symbolisch für das was jeder sehen will und kann und möchte. Und Lust verbindet noch mehr. Zwischenmenschlich und dabei sogar oftmals ziemlich uneigennützig. Erstaunlich.

Lust ist Treibstoff und Motor zugleich. Sie erinnert an ein perpetuum mobile. Zumindest an den uralten Traum davon.

Ich liebe die Lust. Heute so und morgen wieder ganz anders.