7. August 2014

Erwarte das Glück schlafend.

果報は寝て待て

“Kahō wa nete mate“ ist ein japanisches Sprichwort. Mein Freund, der L. hat mich darauf aufmerksam gemacht. “Kahō wa nete mate“. Das hat auf jeden Fall etwas mit Glück zu tun. Allerdings sind Übersetzungen aus dem Japanischen selten einfach. “Kahō wa nete mate“ wird gleich mit zwei Versuchen geliefert: “das Glück kommt über Nacht“ beziehungsweise “erwarte das Glück schlafend“. Klingt grundsätzlich gleich? Da bin ich mir nicht so sicher.

Nähern wir uns dem “Glück". Was ist “Glück"? Das Wort stammt aus dem mittelhochdeutschen “gelücke“. So hat man im Hochmittelalter gesprochen, also in etwa zwischen 1050 und 1350. Das ist fast 1.000 Jahre her. “Gelücke“ stand für die Art, wie Dinge endeten: “wie etwas gut ausgeht“. Bei “Glück" handelte es sich also um den günstigen Ausgang eines Ereignisses. In der Definition musste der “Beglückte“ weder Talent haben noch irgendetwas zum Ergebnis beitragen. Das Volk sah das hoffnungsschwanger ein bisschen anders und lud einen Teil der Verantwortung auf jeden einzelnen. Der Volksmund verkündete wissend zur Erlangung von Lebensglück die folgende Weisheit: „Jeder ist seines Glückes Schmied!“ Glücklichsein war und ist demzufolge ein Mix aus äußeren Umständen und der individuellen Einstellungen dazu.

Beantwortet das die Frage, was "Glück" wirklich ist? Ich finde nicht. Ein ganz wesentlicher Aspekt ist doch, dass man "Glück" auch erkennen wollen sollte. Materielles hat mit Glück so viel oder so wenig zu schaffen wie eine durchschnittlich begabte Kuh mit der bemannten Raumfahrt. Eher im Gegenteil. In materiellen Visionen geht es doch um Gier. Machen der Lottogewinn und der Porsche wirklich glücklich oder das Pradatäschchen? Und wenn ja, wieviele Taschen müssen es denn sein? Gier funktioniert auf jedem Preisniveau und für jede Brieftasche. Die freie Marktwirtschaft basiert darauf. Skalierungsfrei und auf einer nach oben offenen Spirale mit enormer Sogwirkung. Wachstum stur. Für mich sind die Konsumikonen die Startnummern zu einem Wettrennen, das nie aufhören wird solange man das nicht selbst erkennen kann und will. Früher oder später wird jeder herausfinden, dass es immer jemanden geben wird, der noch einen draufsetzt. Gier und Neid sind verdammt hässliche Schwestern.

Natürlich will ich nicht leugnen, dass eine Fahrt in einem Porsche Cabriolet glücklich machen kann. Aber ist es wirklich der Porsche selbst, der da glücklich macht? Sind es nicht vielleicht die sommerlichen Cirrus-Wolken über uns, der geliebte Mensch neben uns, die Landschaft um uns herum? Die Musik? Alles zusammen verbunden zu einem Gefühl in unserem Kopf, das sich so schwer fassen lässt?

Naturwissenschaftlich sieht das ganze so aus: Endorphine, Oxytocin sowie die Neurotransmitter Dopamin und Serotonin haben einen ganz wesentlichen Einfluss auf unser Glücksempfinden. Das ist das geile Zeug, das unser Gehirn bei den unterschiedlichsten Aktivitäten freisetzt um uns bei der Stange zu halten. Essen gehört dazu, Sex, Sport, dies und das. Chemie hat eine starke Wirkung auf unsere Gemütslage und beeinflusst stramm unser Verhalten. Es fällt uns nicht gerade leicht, das zu akzeptieren. Wir halten uns nämlich für geistige Wesen voller Wünsche, eigenen Gedanken und vor allem voller Hoffnung. Und die stirbt bekanntlich zuletzt.

Wer verzückt der Liebsten ins Auge blickt, dem fällt es schwer zu glauben, dass das was da ausgelöst wird nichts anderes ist als ein irrer Drogencocktail, der mit der Hochdruckpumpe durchs System gejagt wird. Ganz so einfach ist es ja auch nicht, weil die Stoffe nie alleine auftreten und es immer auf das Zusammenspiel in der entscheidenden Situation ankommt. Neurotransmitter spielen eine wesentliche Rolle in unserem Gefühlshaushalt. Allerdings ist das Wirkungsgefüge reichlich komplex.
Einige Medikamente bzw. Drogen bedienen sich dieser Mechanik. Sie lösen eine Ausschüttung der Stoffe im Gehirn in unnatürlichen Mengen aus. Der Konsument wird in der Wirkungszeit mit den endogenen Botenstoffen geflutet. Das kann zwischenzeitlich Glücksmomente epischer Breite auslösen. Aber auch einen großen Katzenjammer. Meistens kommt das eine nicht ohne das andere. Ein doofer Kreislauf.

Das alles ist ein großer Sack an Puzzleteilen, die allenfalls mit Hilfe einer Nagelschere zu einem mehr oder weniger abstrakten Gesamtbild “Glück“ zusammengefügt werden können. Mir persönlich ist das alles ein bisschen zu kurz gesprungen. Denn es hat bis hier im wesentlichen mit Dingen zu tun, die von außen auf uns einwirken, um sich dann in Gedanken und vor allem in Gefühlen aufzulösen. Mir fehlt der Blick nach innen.
Meine subjektive Vorstellung von Glück hat inzwischen vor allem etwas mit Haltung zu tun. Ich mag mein Brunoglücksgefühl. Und das fußt auf einer Erfahrung, die ich mit einem Zitat von Siddhartha Gautama Buddha schmücken mag: “… es gibt keinen Weg zum Glück. Glücklichsein ist der Weg!“

Kommen wir zurück zur Übersetzung des japanischen Sinnspruchs. Für mich ist es so, dass man Glück erwarten muss. Seismographisch. Glück kommt nicht von allein und über Nacht. Man muss Glück wollen und lieben.

“Kahō wa nete mate“ - “erwarte das Glück schlafend“

… mehr Zeit für Glück!