20. Juli 2012

G. schaut mich über die Brille mit großen Augen an: "fast 25 Millionen?". Sie flüstert es. Kaum vernehmbar. So wie die es die bügelwäschegeilen und kragengestärkten Blondinen getan haben in den schaurigen Hollywoodschinken der 50er und 60er Jahre. In denen das Familienglück wie selbstverständlich durch den gerechten Lottogewinn besiegelt wurde. "25 Millionen, pssst … hach". Sie lehnt sich zurück und schaut kurz aus dem Fenster: "was bedeutet das?" Sie versucht es einzusortieren, schiebt die Brille zurück auf den Nasenrücken und blickt mich hochkonzentriert an: "Los, was bedeutet das, erkläre es mir, ich will es verstehen".

G. ist älter als ich. Aber sie ist einer dieser Menschen die kein echtes Alter haben. Sie ist neugierig. Sie will es wissen. Das kann diese bohrende Neugier sein und es ist besser, man hat eine gute Antwort parat. So leicht lässt sie nicht locker. "Hm, das bedeutet zunächst mal, dass es da eine ganze Menge Leute gibt, die etwas suchen". "Alle suchen das Gleiche?" "Ich glaube nicht, dass alle das Gleiche suchen. Naja, vielleicht nicht ganz. Was vielleicht alle suchen, ist die Verbindung".

Eigentlich bin ich hier, um mit G. über Markendiversifizierung am Point of Sale zu sprechen. Aber G. interessiert sich heute für Social Media. Sie hat sich eingelesen. Hineingefressen in eins dieser Hefte, deren Sonderausgaben Titel tragen wie: "So gewinnen Sie mit sozialen Netzwerken". Da stehen viele große Zahlen drin und wenig Inhalt. Nerds halten sich für Journalisten und strapazieren Unschuldige mit Vergleichen wie aus der guten alten Zeit der Autoquartettspiele auf dem Schulhof. Sie vergleichen Äpfel mit Birnen. Und dafür muss ich jetzt bluten.

"Was soll denn das schon wieder heissen? Verbindung?" quengelt G. auf mich ein. "Sieh es doch mal so: es gibt in Deutschland 80 Millionen Einwohner. Mehr oder weniger. Und alle, die es tatsächlich auch nutzen können, haben theoretisch in irgendeiner Form Zugang zum Internet. In Deinem Heft steht die Zahl: knapp 68 Millionen Menschen sind das. Zwischen 14 und 60 sind es vielleicht so um die 50 Millionen. Ich will mich da nicht streiten. Auf Facebook gibt es etwa 25 Millionen deutsche Profile. Das ist die Hälfte". "Wie im richtigen Leben" sagt G. "Genau", sage ich: "das ist es. Wie im richtigen Leben. Noch besser: es ist das richtige Leben". G. staunt. "Andersherum", sage ich "Schau mal hier: da steht, dass ein Facebooknutzer im Durchschnitt 130 Freunde hat." "Kein Mensch hat 130 Freunde" schreit G. erbost auf. "Naja, Freunde ist hier vielleicht eine unglückliche Vokabel. Sagen wir lieber Kontakte. Oder eben: Verbindungen". Es dämmert. "Überschlag mal. Du und Deine Familie, Verwandte, Freunde, Nachbarn, Kollegen, Kunden, Menschen, mit denen Du regelmäßig zu tun hast …" "über hundert!" triumphiert sie. "Tataaaa, G., das ist es. Es ist Dein Alltag", sage ich. G. ist verblüfft.

"Du hast ein Profil auf Facebook. Das ist sowas wie Deine Adresse, eine Spiegelung von Dir. Eine Spiegelung zeigt ja auch nie die ganze G.. Die Spiegelung zeigt nur das, was Du ihr anvertraust. Hier bist Du erreichbar. Da legen echte Menschen Nachrichten ab, heften Dir eine Notiz an die Tür, wollen mit Dir Bilder schauen, Dir etwas erzählen, Dir von ihren Erfahrungen berichten. Die Leute wollen sich mit Dir austauschen." "Das mach ich doch auch so" sagt G. "das muss man doch nicht neu erfinden". Theatralisch ist ihre Geste, mit der sie sich ein paar gespielte Grad abwendet. "Nein, das kann man nicht neu erfinden. Und das muss man auch nicht. Und genau das ist der Erfolg des Modells. Der Alltag. Die schiere Breite. Durch das Medium selbst wird Deine Verbindung besser. Schneller." "Ich glaube, ich verstehe" sagt G., "mein Alltag wird verlängert". "Genau, es ist, als würde man Dein Zeitkonto dehnen und dabei die Entfernungen verkürzen."
"Hier ist die halbe Stadt auf Facebook" sagt G.. "Denke an die verbesserte Verbindung und was das bedeutet könnte …" "Die erreiche ich hier leichter?" "Genau G., das Leben ist viel größer als eine Werbetafel!"

Seufzer. G. glüht, schaut mich an: "was tun wir jetzt?" "Wir sprechen über Markendiversifizierung am Point of Sale". "Ja, aber das ist doch …". "Genau G., es ist Alltag. Du hast ihn nur soeben für Dich erweitert. Es kommen ein paar Dinge dazu". "Aber im Grunde hat sich wenig verändert" meint G.. "Kaum", sage ich "Du hast nur viel mehr Möglichkeiten …"