3. August 2012

T. schaut weit ins Land. Wir sitzen auf einer reichlich abgenutzten, verwitterten Sitzbank. Es sind diese Sitzbänke an Aussichtspunkten, die einmal installiert, ihrem totalen Verfall entgegenwarten. Und man findet sie auch eigentlich immer in ihren allerletzten Lebensminuten vor. Egal. Wir sitzen da. Sonne und Wolken. Schattenspiel im sich hinschlängelnden Tal zu unseren Füßen. Ziehfähre, Burg, Weinberge und die rote Steilwand. Alles wie bei Märklin. T. sagt: "weisst Du …" und dreht den Kopf nach einer wohlinszenierten Pause langsam zu mir. Die Augen folgen der Bewegung einen Wimpernschlag darauf. Dieser Auftakt lässt mich die baldige Ankunft einer grundsätzlichen Frage erahnen. Nach einem kleinen, melancholischen Seufzer ist sie da: "Was bedeutet für Dich Heimat?" "Aua. Heimat?" Ich muss schlucken. Damit habe ich nicht gerechnet: "Heimat. Oha." Als erstes schießen mir Bilder von dauergrinsenden Abspielautomaten völkischen Liedguts durch den Kopf. Dirndl, Leder, Filz und das Herz am ganz rechten Fleck. Von den Öffentlichrechtlichen zur Hauptsendezeit als familientaugliche Sedativa verabreicht. Das kann T. nicht gemeint haben. Ich hake nach: "wie meinst Du das? Was bedeutet für mich Heimat?" "Naja, unsere Wanderung heute, das war doch wie eine Zeitreise oder?" "Allerdings. Ich war bestimmt seit 30 Jahren nicht mehr hier." Ich schiebe ein paar Steine mit den Füssen hin und her. Der Weg hier hoch: als Kinder sind wir den nie ganz gelaufen. Man durfte noch fast bis an die Steilwand fahren. Bloß keinen Meter zuviel gehen. Unsere Väter arbeiteten hart daran, uns mit Nikotin, Benzindämpfen und sommergerechten 50 Grad auf der unbelüfteten Rücksitzbank zu mumifizieren. Der Orden für's Durchhalten wurde in Form einer lauwarmen Florida-Boy-Orange gereicht. Wahlweise Bluna. Das "Purple Heart" der sonntäglichen Familienbespassung zwischen "Internationalem Frühschoppen" und dem Weltspiegel. Versorgung im klassischen Ausflugslokal. Nur knappe 200 Meter Marsch. Tische "Rot-Weiss" unter großen Laubbäumen, warme Brise auf der Wiese. Dem Vater ein Pils und Mutter trinkt den guten Bohnenkaffee - draußen nur Kännchen. "Stückchen Käsesahne dazu?" "Aber gern." Eigentlich eine schöne Zeit. Das Lokal ist noch da. Heute Ruhetag. Ich nehme mir fest vor, wiederzukommen. Das probiere ich aus. "Heimat? Ist es das?" T. hat mich beobachtet. Die ganze Zeit. Er weiss genau, warum ich lachen muss. Alle Kinder Brauner Bär … oder Dolomiti? Mist, hier gibt's nur Schöller Schoko-Schanille-Erdbeer. Fürst Pückler. Ist Heimat eine Collage an Gefühlen? Ein Mix aus Kindheitserinnerungen, geografischem Ursprung, Elternhaus, kollektiver Erfahrung, trainiertem Muster? Das Kotzen auf dem kleinen Kettenkarussell nach Zuckerwatte und Limo gehört auch dazu? "Ich finde das Wort Heimat Scheisse." "Warum?" T. schaut mich mit großen Augen an: "Warum?" setzt er nach. "Nun, die Vokabel selbst kann natürlich wenig dafür. Aber weil sie in den unrühmlichsten Zeiten am populärsten war …" "Oh bitte nicht die Nazischublade" T. schaut flehend. "Wollte ich gar nicht … höchstens im Prolog." Ich mache eine dramaturgische Pause, Einundzwanzig, Zweiundzwanzig, um zu signalisieren, dass ich nicht zum Allgemeinplatz ansetze. "Heimat ist einfach irgendwie nicht mein Wort.""Wie würdest Du es denn nennen?" "Vielleicht Zuhause, ich weiss es nicht." "Zuhause?" "Ja, als eine Art erweitertes Zuhause, ein skalierbares Zuhause. Wie mit einem Teleobjektiv. Einem Schiebezoom, mit dem man nahtlos ran- und wegzoomen kann. Wenn man ganz nah rangeht, streckt man die Füße unter Mutters Küchentisch. Und da kann man eben soweit rauszoomen, bis das glückliche Gefühl zu schwach wird. Dann ist eben Schluss." "Ich verstehe, glaube ich. Heimat ist dir als Begriff zu kollektiv." "Ich denke wovon wir hier sprechen ist eine ganz persönliche Erfahrung, ganz private Gefühle. Für mich ist das bestimmt nicht unsere Heimat, sondern eben mein Zuhause. Luther Vandross hat das mal sehr schön besungen in "A House is not a Home" oder so ähnlich …"