18. Februar 2015

„… jemanden im zu Stich lassen.“

… „jemanden hängen lassen“ oder „jemanden im Regen stehen lassen“. Das sind die Synonyme. Für ein Scheissgefühl. So und so. Ob man lässt oder gelassen wird. Die Redensart steht dafür, in einer Notsituation nicht zu helfen, jemanden in einer schwierigen, komplizierten Lage zu verlassen. Allein zu lassen. Das bedeutet, jemanden seinem Schicksal zu überlassen und das steht dann im Regelfall für das Unglück, denn im Glück sonnen sich ja viele gerne. Bequem im Glück der anderen. Auf Gegenstände wie zum Beispiel Werkzeuge übertragen meint das „im Stich lassen“, dass diese gerade dann versagen, wenn es darauf ankommt.

Der Ursprung der Redensart liegt im späten Mittelalter und stammt aus dem Umfeld der Ritter. Aus dem Kampf, der ewigen Auseinandersetzung. Und aus dem Training dazu. Und natürlich der „Show“. Den Turnieren. Eigentlich hat sich wenig verändert. Eigentlich. Wer da seinem Team von der Seite wich, der machte es angreifbar für die Lanzen des Gegners. Er ließ den Partner „im Stich“ der Kontrahenten. Dokumentiert ist das ganze schriftlich erstmals im 15. Jahrhundert. Aus derselben Ära stammt übrigens auch das „hieb- und stichfest“. Denn diese Qualität musste eine Rüstung schon mitbringen. Vor allem dann, wenn man „im Stich gelassen“ wurde.

 In den Übersetzungen bin ich im Englischen auf „leave someone in the lurch“ gestoßen, was sich wörtlich darstellen ließe mit „jemanden schlingern zu lassen“. Es gibt also Abstufungen. Nuancen. In der Rückübersetzung, ich interessiere mich ja immer für den ganzen Blumengarten und vor allem für die Stilblüten, las ich davon, „jemanden in der Patsche sitzen zu lassen“. Bislang dachte ich ja, dass man „in der Patsche“ vor allem selbst sitzt und sich da leider und üblicherweise „am eigenen Schopfe herausziehen“ muss.

Kann man sich selbst „im Stich lassen“? Na klar! Und die erste Assoziation ist bestimmt, dass man dafür die eigenen Grundsätze aufgibt, Haltung, Meinung, den Willen? Die Dinge, für die man steht.

Mit den Wurzeln der Redewendung tun sich aber auch andere Interpretationen auf. Wenn man sich selbst im Stich lässt, bedeutet das, dass man sich vor allem angreifbar macht. Verletzlich. Man hat das „Visir offen“, die „Flanke frei“. Und da riskiert man eben die Verletzung.
Aber vielleicht riskiert man ja auch die eine Berührung, den einen Stich, für den es sich lohnt, die Dinge auch mal „über Bord zu werfen“.

Ist es nicht wie mit „dem Süßen, in das auch die Prise Salz gehört“?
Kein Glück ohne Schmerz? Kein Gewinn ohne Verluste?

Und wenn wir schon bei den Sprichwörtern sind: „per aspera ad astra“, wörtlich übersetzt „durch das Rauhe zu den Sternen“. Der Sinn des lateinischen Bonmots ist: „Man gelangt über raue Pfade zu den Sternen“. Durch Mühsal. Es wird einem nichts geschenkt. Seinen Ursprung findet dieser Gedanke bei Seneca. Der Aphorismus leitet sich ab aus seiner Tragödie „Hercules furens“. Der wildgewordene Herkules: „Non est ad astra mollis e terris via“ … „es ist kein weicher Weg von der Erde zu den Sternen“. Aber was ist schon bequem?

Vielleicht muss man sich einfach hin und wieder mal selbst im Stich lassen, um ein paar „alte Zöpfe abschneiden“ zu können. Umso besser, wenn man sich dann wirklich wiederfindet. Richtig und echt und ehrlich. Und ein paar Schrammen machen da wenig.