29. Dezember 2014

Karma is like 69.

"Karma is like 69: you get what you give."

Karma ist ein Wort, das sich aus einem Begriff in Pali ableitet. Pali ist eine mittelindische Literatursprache, keine gesprochene Sprache. Sie stammt aus dem Vedischen, der Wurzel des klassichen Sanskrit. Eine enge Verwandtschaft. Kulturgeschichte vom feinsten. Pali selbst bedeutet "der Text" oder auch "die Zeile". In Pali steht "kamma" für "Tat und Wirkung".

Die Sache mit dem Karma ist ein spirituelles Konzept. Eine interessante "teleologische Konstruktion". Es geht um die Folgen aus jeder individuellen Handlung. Ob geistig oder körperlich, physisch. Unvermeidlich und unausweichlich. Gutes Karma - schlechtes Karma. Karma ist in den indischen Religionen sehr eng an das Gedankenmodell der Wiedergeburten geknüpft. Das kann es für das aktuelle Zeitfenster komfortabler machen. Oder auch nicht. Je nachdem, wie ernst man die Sache nimmt oder nehmen mag. Karma bezeichnet die Wirkung von Gedanken und Handlungen auf den Denkenden und Handelnden selbst. Die Rückwirkung. Mir gefällt die subjektive Betrachtung von Karma im Rahmen einer Art selbstgewählter, natürlicher Gesetzmäßigkeit. Es geht nicht um eine Beurteilung an höherer Stelle. Nicht um göttliche Gnade oder Bestrafung. Die Sache mit der Reinkarnation lasse ich mal lieber aussen vor.

Das Karma im Kopf, im großen wie ganz kleinen, lungere ich schlaflos in meinem Lotterbett herum, das sukzessive zur Werkbank meiner Lesewerkstatt mutiert. Eine angenehme Symbiose aus Bequemlichkeit und großzügigem Zugriff auf Lektüre. Wohlfühlig streck ich meine Beine aus und spiele mit den Zehen in der frischen Bettwäsche. Füttere meine Neugier, springe hin und her. Im Kopf. Greife meine Kladde mit den handschriftlichen Notizen zu den Aphorismen, die mir irgendwann und irgendwo zugelaufen sind. Zu denen ich einen persönlichen Bezug spüre oder zu denen ich beizeiten etwas loswerden will. Oder beides.

Ich gehe da gerne immerwieder nach und prüfe meine Sicht. Mein Moleskine ist wie ein Logbuch, ein Roadbook, ein Echolot. Irgendwie statistisch und vor allem ziemlich seismographisch. Meine private Seismographie sehe ich als eine ganz persönliche Wissen-Schaft über die Vorhersagbarkeit, Messung und Folgen meiner emotionalen Erdbeben.

Es ist ein Fragment, das meine Aufmerksamkeit fordert. Ein Bruchstück wie aus einem archäologischen Fund. Teil eines unvollständigen Mosaiks, aus dem man seine Rückschlüsse ziehen möchte. Nur ein Teil eines Zitats, das mir irgendwann in eine persönliche Befindlichkeit passte: "Die Lüge tötet die Liebe ... Hemingway". Da ist mehr. Und das interessiert mich jetzt, denn ich kann mich in etwa erinnern und mag es genauer haben. Die Suchmaschine reisst es wie eine süße Frucht aus dem dornigen Gestrüpp:

"Die Lüge tötet die Liebe, aber die Aufrichtigkeit tötet sie erstrecht." // Ernest Hemingway

Das bewegt mich gerade. Jetzt, in diesem Augenblick. Für mich geht es da heute um Realität und die eigene Wahrheit. Den Mut dazu. Und um die Wahrheit des anderen. Was kann, will, soll und was muss er wissen. Was kann und was muss er aushalten. Und wie kann ich das entscheiden? Mit meinem Gewissen? Oscar Wilde hat mal geschrieben: "In Wirklichkeit sind Gewissen und Feigheit ein und dasselbe. Gewissen lautet nur die eingetragene Firma. Weiter gar nichts." Irgendwie hat er verdammt recht.

Ich versuchs jetzt mal mit dem "Konzept Karma". Gar nicht so übel. You get what you give: 69. Versöhnlich. Und gar nicht so doof, wie der Toilettenspruch auf den ersten Blick rüberkommt. Nichts ist wie es scheint. Es lohnt sich nachzudenken.