15. Dezember 2014

... kein Wesen ohne Liebe.

„… es gibt kein Wesen ohne Liebe,
keine vollkommene Liebe ohne Eifersucht,
keine Eifersucht frei von Täuschungen,
keine Täuschungen ohne Grund …“
// Tirso de Molina

Aussagen wie Schnitte, gerade, direkt.
Fast habe ich den Aphorismus im querlesen links liegen lassen. War schon ein paar Seiten weiter, als die Worte begannen, in meinem Bewußtsein Wirkung zu zeigen, aufzustampfen, rumzurandalieren. Stop. Rewind. Play. Noch einmal. Lesen und wieder lesen. Setzen lassen. Bewundern. So direkt. So richtig. Tirso de Molina?

Tirso de Molina lebte vermutlich von 1579 bis 1648. Die Angaben sind da sehr ungenau und auch um seine Abstammung streiten sich die Gelehrten. Unstrittig ist, dass er bei seiner Geburt Gabriel Téllez hieß. Sehr wahrscheinlich ist die Version „Kind einfacher Bediensteter des Conde de Molina de Herrera“.

Das erklärt auch den frühen Eintritt in den Orden der Mercedarier, was ihm den für seinen Stand verwehrten Zugang zur Bildung öffnete. Neben der selbstverständlichen Theologie, durfte er dort auch Kunst studieren.

Schon früh bekam der junge, schreibende Tirso de Molina Schwierigkeiten mit den kirchlichen Behörden, denen seine Theaterstücke überhaupt nicht schmeckten: „zu weltlich“, so das Urteil. Zur Strafe schickte man den Ordensmann um die halbe, damals bekannte Welt, um ihn unter anderem in Westindien unterrichten zu lassen. Dem heutigen Santo Domingo.

Kaum zurück in Madrid, gab es gleich wieder Ärger. Die „Junta de Reformación de las Costumbres“, was ungefähr Sittenreformkommission bedeutet, so eine Art Glaubenspolizei, hatte kein Verständnis für seine Teilnahme an Literaturwettbewerben. Die Kommission befand seine Werke gleich so weltlich, dass man ihm mit Exkommunikation drohte. Da das im Spanien des frühen 17. Jahrhunderts keine wirklich sinnvolle Option sein konnte, verließ er Madrid und zog sich aus dem allzu auffälligen Rampenlicht zurück in die Provinz. Dort war er allerdings weiterhin erheblich produktiv.

Die Literaturwissenschaft sieht in Tirso de Molina einen der bedeutendsten spanischen Dramatiker. Er selbst bezifferte sein geistliches und weltliches, literarisches Werk auf ungefähr vierhundert Stücke. Etwa achtzig davon gelten als überliefert. Und einige werden sogar heute noch aufgeführt. Tirso de Molina hat als erster eine dramatische Bearbeitung der Don-Juan-Sage geschaffen. Und die wurde unter anderem die Grundlage für die berühmte, französische Theaterfassung von Molière.

Molina war im schreiben unangepasst. Er widersetzte sich der zeittypischen Normpoetik, dem Konzept der literarischen Reinheit. Und ließ sich auf keine scharfe Trennung von Tragödie und Komödie ein mit der Begründung, dass es das so im echten Leben eben auch nicht gäbe. Seine Dramen sollten die Realität authentisch wiedergeben. Und im Alltag gäbe es die Gefühlslagen halt auch nicht sortenrein und mundgerecht.

Das Wesen seiner Figuren ist geprägt von der tiefen Menschenkenntnis, die er als Beichtvater gewinnen konnte. Das expliziert auch seinen Einblick in die weibliche Seele und die glaubwürdigen Frauenfiguren, die im Spanien seiner Epoche kaum selbstverständlich sein konnten …

Und wieder bin ich über ein eigenwilliges Bonmot in ein interessantes Leben gestolpert. In eine ungewöhnliche, unangepasste und stolze Personalie, der es nachzuspüren lohnt. Die man am Rahmen der Möglichkeiten seiner Zeit messen muss und deren eigentliche Größe sich erst in genau diesem Maßstab wiederfindet.

Unbeirrbar. In hohem Risiko für die eigenen Ideale.
Gegen große Widerstände und starke Widersacher nie aufhören neu anzufangen. Das finde ich sehr beeindruckend und diese Gedanken nehme ich mit in die Nacht.