Leseprobe:

Buchstabensuppe.
(23. Januar 2015, überarbeitet)

Sie sitzt mit mir auf der Holzbank. Am langen Eichentisch. Wir sitzen nebeneinander. Es ist später Vormittag und die Sonne kann sich zwischen Winter und Frühling noch nicht so richtig entscheiden. Sie ist kraftlos, aber hell. Es ist dieses klare Licht. Das Licht, in dem alles so skandinavisch anmutet. Sehr speziell und sehr ästhetisch. Kühl. Ich lese ihren Text. Ich lese ihn laut. Ich lese ihn vor. Für sie und für mich. Wir sind alleine im Studio. In der großen Küche, in der man so wunderbar arbeiten kann. Die Werkstatt: kochen, denken, reden, schreiben, fotografieren, zeichnen und so viel mehr.

Ich weiß, dass sie mich beim Lesen beobachtet. Ihre Sätze sind lang. Viel zu lang für meinen Geschmack, aber das ist subjektiv. Macht sie das absichtlich? Spielt sie mit mir? Vielleicht. Sie schaut. Durch das Fenster sehe ich meine anderen Gäste. Sie stehen vor der großen, beweglichen Glasscheibe. Sie diskutieren über ihre Ideen, ihre Ansätze. Über das, was sie heute morgen notiert haben, skizziert, was sie begonnen haben aufzuschreiben. Sie sind im Thema, angeregt, aufgeregt. Es ist wunderbar. Es wird geraucht. Die Tassen dampfen in ihren Händen. Mit hochgezogenen Schultern und Tippelschritten gehen sie auf und ab. Es ist wirklich kalt. Einer winkt. Ich lächle. Schaue wieder auf den Text. Lege ihn auf den Tisch, halte kurz inne.

„Magst Du auch einen Tee?“ Ich gehe an den Küchentresen und setze Wasser auf. „Ich mache einen Apfeltee mit frischgeriebenem Ingwer, passt das?“ „Gerne.“ Das Wasser kocht. Nachdem es ein bisschen abgekühlt ist, giesse ich es in die Bodumkanne und stelle diese mit dem Stövchen auf den Tisch. Stecke das Teelicht mit einem Streichholz an und schaue wohl einen Moment zu lange in das flackernde Flämmchen, das auf seinem Docht zu tanzen scheint. Sie rückt näher und bläst das Streichholz aus, das ich noch immer brennend in der Hand halte und das mir beinahe die Finger angesengt hat. Dabei pustet sie ein bisschen Spucke auf meinen Daumen. „Oh, Entschuldigung.“ Sie wird zartrot und hält sich die Hand vor den lachenden Mund. Sie beherrscht sich, doch der ganze Körper bebt bei einer annähernden 5 auf der nach oben offenen Richterskala. Unterdrücktes Lachen. Ich lache mit. Es ist ansteckend. Ein Traum. Sie schämt sich. Ein bisschen. Und es steht ihr so gut. Sie ist schön. Darauf hatte ich bisher kaum geachtet. Sie sieht ungewöhnlich aus, was wohl der interessanten Mischung ihrer Eltern und Vorfahren zu verdanken ist. Ungewöhnlich und schön. Ungewöhnlich schön.

Ich hole zwei Tassen. Hering, Berlin. Fabelhaft. Ich liebe es. Die schönen Details. Der Tee zieht. Sie lacht noch immer. Ein bisschen. Und ich setze mich wieder hin und lese weiter, während sie sich quer auf die Bank gesetzt hat, quer und offen zu mir. Den Ellbogen auf dem Tisch und das Gesicht in der Hand. Ich beobachte sie ganz scheinheilig aus dem Augenwinkel. Sehe, wie sie mich anschaut. Wahrnimmt. Ihr Mund ist ganz leicht geöffnet, die Augen hellwach. Eine Strähne fällt in ihr Gesicht. Und Ich stolpere natürlich in ihren Zeilen. So richtig peinlich ist mir das allerdings nicht. Ich spiele ein wenig Theater und das ist ein schönes Signal. Ja, ich weiß, man soll mit seinen Schülern nicht flirten, aber diese Schülerin ist 39 Jahre alt und viel mehr Frau geht nicht. Für mich jedenfalls nicht. In diesem Moment. Ich bin nicht viel schwerer anzuzünden als das Teelicht, muss ich feststellen. Erschreckend. Immer noch. Manche Dinge ändern sich wohl nie. Das Feuer brennt.

Die Tür geht auf. Die anderen kommen wieder herein. Wollen auch Tee. Ziehen die Jacken aus und nehmen Platz. Wollen weitermachen. Denken, diskutieren. Was für ein Samstag. Für den Mittag habe ich schon gestern eine dicke Gemüsesuppe aufgesetzt. Faustdicke Gemüsestücke. Ich werde dazu einen Riesling aufziehen. Das gehört heute einfach dazu …