Leseprobe:

eine Liebelei.  
(Februar 2015)
 
eine Liebelei.  
 
„… wenn wir uns lieben ohne daß
unsere Seele davon berührt wird,
ist es so als säßen wir am Ufer  
und schauten voller Sehnsucht
hinaus auf das Meer …“

// Anke Maggauer-Kirsche

Es ist kurz nach sechs an einem frühen Donnerstag Abend im Januar. Das Café ist nicht mehr und noch nicht wieder voll. Der Salon holt gerade Luft. Atmet tief ein. Tief. Spürbar. Durch seine doppelflügelige Türe. Ein kurzer Moment außergewöhnlicher Ruhe an einem Ort gewöhnlich lärmiger Geschwätzigkeit. Das Personal hat gewechselt. Früh und Spät verschnaufen kurz gemeinsam. Ein wenig. Räumen, schieben und wischen, bevor die ersten größeren Reservierungen eintreffen.  
 
Dazwischen also ich. Ich habe ein paar Einkäufe gemacht. Einen Schal, eine Mütze. Bunt gegen die Dunkeldepressionen im Februar. Draussen nieselt es in die frühe Dunkelheit und ein bisschen auch hinein in mein Gemüt.  Ich belohne mich mit einem doppelten Caffè Haiti in sehr strammer Röstung und einem knackfrischen Gläschen Crémant an der Bar. Der Service ist unaufgeregt freundlich, kein bisschen aufgesetzt. Ich mag die weißen Hemden und die bodenlangen Schürzen. Schön hat sie ihre Haare gesteckt. Lässig, so wie es manche Asiatinnen tun. Und einen olivigen Teint hat sie auch. Der Crémant ist wunderbar kalt, vielleicht einen Ticken zu kalt, aber genauso trinke ich ihn unbedingt am liebsten. Großes Glas, das Maul voll Schaum.  
 
Auf das schöne Leben!  
 
Mein Notizbuch liegt auf dem Tresen und ich fasse ein paar Ideen und Gedanken in Zeichen. Teils buchstabig als zeilenlose Wortfetzen und manches wild skizziert. Eine Collage als Dokument meiner wahrnehmungsgetriebenen Rastlosigkeit. Eine enge Freundin erklärte mir mal meinen Dauerzustand in diesen Augenblicken zu „vagabundierenden Gedanken“. Und ich glaube, sie hat ziemlich recht damit. Das trifft es.

Ich hatte sie gar nicht bemerkt. So wie ich an der Theke. Zwei Plätze weiter. Mit einem Hocker Distanz, bezogen mit dunkelgrünem Leder oder eher so ähnlich. Ihre Schönheit erschlägt nicht augenblicklich. Es ist eher dieser warme Charme der Ausstrahlung, der das Herzchen stolpern lässt, der einen einhüllt wie ein feiner Kaschmirschal. Sie schaut auf mein Notizbuch, folgt meinem Bleistift. Den zügigen Bewegungen. Sie ist allein. Wartet sie? Wahrscheinlich. Sie fährt sich durch das bitterschokoladigfarbene Haar. Vermutlich hat Sie den Blick im Raum schweifen lassen. Dies und das gesehen, beobachtet, gemustert und ist dann neugierig an meinem Strich hängen geblieben.

Ich mag es, wie sie ihre Bluse trägt. Locker, lässig, und eins, zwei Knöpfe zu offenherzig. Die Einsichten zufällig und traumhaft. Bewußt? Unbewußt? Jedenfalls nicht zu viel und nicht zu wenig. „Zu“ gibt es nicht. Selbstverständlich. Sie ist viel Frau. Wundervolle Weiblichkeit. Ende 30? Zeitlos. Und schmucklos. Ohne Make Up. Echt. Ich mag das sehr. Sie ist italienische Renaissance. Und das heute. An einem Wochentag im Februar. Ein Geschenk. Danke an den Zufall, das Schicksal, an die Evolution oder an Gott, wenn es denn einen gibt. Und natürlich an meine Sensoren, die nonstop mein gesamtes Umfeld seismographisch aufzeichnen und mich oft rechtzeitig auf potenzielle, emotionale Erschütterungen aufmerksam machen.

Ich stocke kurz und fühle, wie sie meinen Bleistift mit ihrer Neugier gedanklich anschubst. „Na los. Mach schon. Zeig mir, was dich bewegt und antreibt.“ Ich zeichne ein Herz. Locker hingeschmissen. Sie schaut einen Moment zu lange und ich drehe es ihr zu. Sie blickt hoch und unsere Blicke treffen sich. Zuerst möchte sie ausweichen, doch sie hält aus, sie hält durch.   Weicht nur für einen kurzen Augenblick zurück.

„Für mich?“ „Vielleicht, ich weiß es nicht. Es ist passiert.“ „Ich habe es gesehen. Von allein. So wirkte es.“ „Ja.“ „Magst Du mir ein Blatt geben?“ Ich reisse eine Seite aus meinem Notizbuch und schiebe sie über den Tresen. „Den Stift?“ „Ja, natürlich.“ Sie ruft den Service, schreibt, schirmt ab mit ihrer linken Hand, schaut mich immer wieder an. Sie faltet das Blatt. Und zahlt. Zieht ihren Mantel an. Schaut mich noch einmal tief an und hält Zeige- und Mittelfinger ihrer rechten Hand auf dem Zettel. Das Signal ist verständlich. Diese Notiz ist für mich bestimmt, aber ich soll sie erst öffnen, wenn sie das Lokal verlassen hat. Es ist unser Deal. ich nicke. Und ich halte mich daran. Die Bedienung bringt mir noch einen Crémant und ich nehme die Nachricht.