Leseprobe:

Vom Glück.
(4. Januar 2015, überarbeitet) 

 Das Meer hatte es angespült. So lag es nun da. das Glück. Glitzernd am Strand. Wunderschön und funkelnd in der frühen Morgensonne. Brandung. Salz in der Luft. Gischt. Magisches Licht. Der Geruch wilder See.

Sie sah es schon aus der Ferne. Sprang barfuss die Dünen hinab und im gleichen Rhythmus sprang ihr Herz. Laut und bis zum Hals. Die Haare flackerten im Wind. Sie näherte sich mit schnellen Schritten. Flapflapflap durch den feuchten Sand. Und als sie das Glück fast erreicht hatte, hielt sie inne. Sie hatte schon eine Vorstellung von Glück, doch ihr eigenes hatte sie noch nie gesehen.

„Ist das wirklich mein Glück?“ Sie lief um das Glück herum, umkreiste es und betrachtete es von allen Seiten. Schnippte den Sand mit den Zehen vor sich her. Kühl, feucht. Wieder und wieder. Bis einer jener kleinen Kanäle entstanden war, die wir alle schon einmal am Strand haben entstehen lassen. Sie kniete und reckte sich, um das Glück aus allen Perspektiven sehen zu können. Ein tiefsehnsüchtiges Aufsaugen mit den Augen.

Leicht hätte sie es berühren können. Keine Armlänge lag zwischen ihnen. Aber sie konnte nicht. Nicht so. Ein Gefühl. Stark wie in diesen Momenten mit den besonderen Überraschungen von besonderen Menschen. Dinge, die man nicht berühren mag. Nicht berühren kann. So wertvoll. Für diesen besonderen Augenblick. Mitten ins Herz. Es ist wie bei den Magneten, die sich anziehen und doch an gleichen Seiten abstossen.

Das Gefühl von Glück hatte sich schon in der Ferne eingestellt. Aber das mit dem Glauben an das eigene Glück ist so eine Sache. So ließ sie sich mit Abstand auf den Strand fallen. Zog die Knie an sich. Dachte nach. Betrachtete das Glück mit jenem offenen Blick in dem man alles sieht und nichts. Die Wahrnehmung ist überfordert mit all den Gedanken. Tausend Empfindungen rasen auf und unter der Haut.

Ein einsamer Strandläufer kam vorbei und grüßte. "Wie geht es dir?" "Da vorne, schau, ich habe mein Glück gefunden!" „Das Glück? Du Träumerin, das ist doch nur ein Stück Holz. Abgearbeitet von Sonne, Salzwasser, Sand und der Zeit. Treibgut, ja es hat was. Aber Dein Glück? Ist es das wirklich?“

Sie wandte sich wieder ihrem Glück zu. Und ja, er hatte recht. Jetzt schien da Treibholz zu liegen. Schimmerndsilbrig, rissig, morbide und schön anzuschauen. Treibholz. Aber. In nur einem Wimpernschlag war es wieder da. Das Gefühl. Das Besondere. Der Blick mit dem Herzen und die Sicht auf das Ganze.

Der Graben hatte sich mit etwas Wasser gefüllt. Kaum mehr als eine Pfütze. Und mit jeder Welle ein bisschen mehr. Das Glück lag nun auf einem Inselchen. Keine ferne Südseephantasie. Greifbar. Aber doch schon ein Inselchen. Selbstgemacht. Die Zeit. Der Graben war jetzt breiter. Das Inselchen bröckelte wie die Hallig im tosenden Wintersturm. Die nächste Welle kam größer. Sie musste aufstehen, um nicht nass zu werden. Sich zurückziehen. Noch hätte sie ihr Glück erreichen können. Ein paar pitschpatschende Schritte in der ablaufenden See, nur ein kleiner Griff. Sie konnte nicht. An einem Sommermorgen am Meer. Und das Glück war weg so wie es gekommen war. Ihr Glück.