Leseprobe:

vom Schicksal.
(Mai 2016)
 
Das Schicksal beginnt da, wo der Wille endet.

Im Talmud steht, dass wer den Ort wechselt gleichsam sein Schicksal verändert. Ich würde es Perspektivwechsel nennen. Gibt es das überhaupt? Ein Schicksal? Ich weiss es nicht. Die Entscheidung trifft wohl letztlich jeder selbst.

Draussen nieselt es. Nicht kalt, nicht warm. Windlos. Vertikal. Fisselig. Dunkel. Es ist nicht mehr früh und eigentlich auch nicht spät. Eigentlich wollte ich nicht mehr vor die Tür. Eigentlich. Petra auch nicht. Kluge Frau. Sie bleibt zuhause. Auf der Couch. Sie liest und ich denke neidisch, dass ich es ihr hätte gleichtun sollen.

Es ist Ende April. Ein Donnerstag. Der kleine Freitag. Nicht viel los, aber auch nicht wenig. Mein Freund Jörg von Gegenüber ist schon im Wochenende. Andere auch. Manche immer.

Die Treppe runter und raus. Man zieht sich ja immer falsch an bei diesem Wetter. Zu dick für die Kneipe und zu dünn für den Weg. Mit den Chucks wollte ich nachmittags den Frühling erzwingen. Habe vergessen, sie zu wechseln. Eine Pfütze. Nicht darauf geachtet. Jetzt sind sie nass. Und die Füsse auch. Und klamm. Scheisse. Gleich am Start.

Die Jungs hatten angerufen. Sie klangen schon reichlich unrund. Kamen gerade aus dem Stadion. So kann man sie nicht mehr einholen. Aber absagen? Schon wieder? Na gut. Eine Stunde. Ich komme. Um die Ecke. Hein-Hoyer-Straße. Hinricus Hoyeri. Der Bürgermeister. Seine Mutter hieß Womele. Auch Windelmut. Daran muss ich denken. Und lächeln. Der Vater hieß Albert. Vermutlich. So heisst es. Aber das ist ja auch schon über 600 Jahre her. Und jetzt ist heute. Und St. Pauli hat gespielt. Und das Gegröle nervt. Und die Besoffenen. Aber das gehört eben dazu.

Rein zu Horst. Ins Weltbekannte. Da sitzen sie schon. „Hallo.“ „Ja, Hallo.“ Na super. Sie nehmen noch einmal lauthals das Spiel durch. Wie in Zeitlupe. Aber das merken sie natürlich nicht. Große Geste. Unglaublich sachlich. Und jeder Satz mit Anlauf. Ich lass Euch mal. Ok, Sarah: „Tanqueray und Fevertree“. Sie schraubt schon die Flasche auf. Links, quer über den Tresen sitzt einer vor seinem Glas auf der Bank. Dieser alten, fleckigen Bank zwischen Bar und Schaufenster. Gefühlte hundert Jahre sieht es hier schon so aus. Trinkt Beck’s vom Fass. Er schaut melancholisch. Spielt mit einer Spielkarte. Als wolle er Patiencen legen. Schaut auf die Karte, dann auf den alten Tresen aus dunklem Holz, wieder auf die Karte, wieder auf den Tresen und dann auf mich. Patiencen? Zugegeben, mit einer Karte geht das schlecht. Er schaut. Neugierig. Sucht anscheinend Anschluss. Abwechslung. „Alles klar?“ frage ich ihn. Er nickt halb, halb schwenkt er den Kopf. „So lala.“ „Was ist los?“ „Liebeskummer.“ „Ohje. Reden?“ „Warum nicht.“

Mit meinen Jungs ist nichts mehr anzufangen. Sie schwadronnieren ihre Trainerexpertisen in eine inzwischen deutlich angewachsene Gruppe von lauter Bundesligaübungsleitern. Sie kämpfen an gegen die alte Jukebox am anderen Ende des Tresens. Da wo die Tochter von Arved so gerne sitzt. Arved, Du großartiger Barmann. Lotse der Spätheimkehrenden. Rest in Peace. Steffi ist seine Tochter. Sie ist die Gallionsfigur, eine Walküre, die uns Seeleuten Glück verheisst. Auch wenn es einmal eng wird, hier und auf hoher See.  Vor ihrem Stammplatz eine Schale Chips. Wer daraus naschen darf, hat es geschafft. Der gehört dazu. Ein Adelsschlag im Crazy Horst. Und aus der Wurlitzer kreischt Chaka Khan ihr unvergleichliches  
 
„Ain’t nobody loves me better.  
Makes me happy.  
Makes me feel this way.
Ain't nobody loves me better than you …“  
 
Im September 1983 hat sie das aufgenommen. Mit Rufus. Für das großartige Album „Stompin’ at the Savoy“. Rechtzeitig zu meinem 18. Geburtstag. Ich habe das immer noch. In Vinyl. 33 Jahre Lieblingslied.

„I want this dream to be real,
I need this feelin’,
I make my wish upon a star
And hope this night will last forever.“

„Bert. Ich heisse Bert.“ „Und ich bin Bruno.“ „Das habe ich schon gehört.“ Wir stossen an. Und bestellen nach. „Was ist los mit der Liebe?“ „Ach, es ist kompliziert.“ Da ist sie. Plötzlich. Die Vertrautheit unter Fremden in diskreten Themen. Dinge die man niemandem erzählen mag, den man morgen sicher wiedersieht. Und für die Kerle gilt das gleich doppelt. Er spielt wieder mit seiner Karte. Ich versuche nicht darauf zu achten. Ich mag ihm zuhören, mich konzentrieren. Er ist sympathisch und er möchte reden. Was auch immer er mir erzählt, der Abend hat eine interessante Wendung genommen.   
 
Die Luft ist zum Schneiden. Fast alle Zecher rauchen, als gäbe es weder ein Morgen noch irgendeine wissenschaftliche Erkenntnis zu den gesundheitlichen Folgen von übermässigem Tabakkonsum. Der Glücksspielautomat dreht seine Leerrunden, blinkt wütend, aber keiner mag Notiz nehmen. Das echte Leben ist interessanter. „Sarah, noch einen bitte.“  
 
„Da ist meine Frau.“ „Sie macht Probleme?“ „Ja, aber sie hat recht. Ich verstehe sie. Ich habe eine Affäre und sie hat es herausbekommen.“ „Hm. Ist es ernst?“ „Der Ärger?“ „Die Affäre.“ „Ja sehr. Aber es ist nicht leicht. Wir sind beide in festen Beziehungen.“ „Oha. Das kenne ich.“ „Echt?“ „Ja, wirklich. Es ist 2 oder 3 Jahre her. Ich habe mich im Job in eine Kollegin verliebt. Sie war so frisch, so anders. Das tat so gut nach 15 Jahren Beziehungsleben.“ „Und?“ „Es ging ein paar Monate hin und her. Wir wollten uns von unseren Partner trennen. Hatten sensationelles Gevögel. Tolle Ausflüge. Wilde Reisen durch die Nacht. Alles war gut. Fast zu gut. Nur fühlte es sich nicht wirklich an wie echtes Leben. Es waren irgendwie nur Momente. Höhepunkte. Aber irgendwie fehlte das Dazwischen. Da war nichts. Vakuum. Es fehlte der Alltag. Das Gemeinsame in dick und dünn. Aber das gehört dazu. Das macht Leben aus.“ „Was ist passiert?“

„Doc Doc Doctor Doctor Beat …“ Gloria Estefan. 1984. Der Mann an der Wurlitzer gibt alles. Zeitreisen mit einer Träne im Knopfloch. Oder zwei. Zurück in die Zukunft. Die Musicbox wird zum DeLorean und mein Gin Tonic ist der Flux Kompensator.

„Als ich aufgeflogen bin, war es eigentlich schon vorbei. Wir haben uns ausgesprochen. Eine Therapie gemacht. Uns vertragen. Es ist gut so. Ich habe eine gute, intelligente Frau. Wir verstehen uns. Es ist nicht mehr die große Leidenschaft. Aber wir haben unsere Ebene gefunden.“ „Das klingt gut. Bei mir ist es ein bisschen anders. Es geht nun schon ein Jahr. Sie will mehr.“ Wieder spielt Bert mit seiner komischen Karte rum. Es kostet mich einige Konzentration, mich nicht davon ablenken zu lassen. Zumal mit 4 oder 5 Gin Tonics intus. So genau weiss ich das gar nicht. Die Drinks sind nicht billig, aber die Mischung ist heute hart. „Sie will ihn verlassen und möchte mit mir zusammenziehen.“ „Und Du? Was willst Du?“ „Ich weiss es nicht. Ich liebe sie. Aber es ist ein großer Schritt.“ „Was wäre anders?“ „Alles. Im Moment. Weisst Du, sie ist eine starke Frau. Ich bewundere und begehre sie. Sie ist kein Mädchen. Eine richtige Frau. Selbstbewusst. Aufrecht. Verbindlich. Wir verstehen uns. Es ist großartig. Ganz wunderbar. Ich brenne für sie.“ „Wow. Das ist eine ganze Menge.“
 
Jimmy Somerville, Bronski Beat. Wieder 1984. Smalltown Boy:
„You leave in the morning with everything you own
In a little black case
Alone on a platform, the wind and the rain
On a sad and lonely face“  
 
Bert spielt wieder mit seiner Karte. Auf der Rückseite ist ein Foto. So sieht es zumindest aus. Er bemerkt mein Interesse. „Was ist das? Was ist das für eine Karte?“ „Herz Dame. Sie hat mir das geschenkt. Sie hat es selbst gemacht. Sehr persönlich. Ich mag das sehr, wenn jemand etwas für mich tut. Nur für mich. Auf der Rückseite ist ein Selfie von ihr.“ Er reicht mir die Spielkarte. Ich ziehe sie vielmehr aus seiner Hand. Und decke auf. Und kenne die Couch. Und die Leuchte. Und die Wand. Und das Bild.

„Das ist ein Bild von Axel Lind. Ein dänischer Maler. „Comber“, „Brecher“. Er hat gelebt von 1907 bis 2011. Zum Schluss lebte er in seinem Museum in Grenen. Das ist bei Skagen. Ich habe ihn dort 2007 kennengelernt. Er hatte gerade seinen einhundertsten Geburtstag gefeiert. Nachdem er bemerkte, dass wir Deutsche sind, sang er für eine Freundin Lili Marlen. Einsurrealer Augenblick.“ „Stimmt. Ein besonderer Moment.“ „So wie jetzt. Ich kenne auch die Frau auf Deiner Karte. Es ist Petra. Meine Petra. Sie ist meine Frau.“ Mir rutscht das Glas durch die Hand und ich bekomme keine Luft. Ich muss hier raus. Schmeisse hundert Euro auf die Theke, scheissegal, stolpere über Füsse, die Jacke in der Hand. Greife nach der Tür. Finde Halt. Nur kurz. Stürze ins Leere. Draussen brüllt mich der Regen an. Und ich brülle zurück.