23. August 2012: Lotto ...

"Komm, los, sag schon. Was würdest Du machen, wenn Du im Lotto gewinnen würdest?" G. will es wirklich wissen. Sie sitzt an meinem Küchentisch. Beide Ellbogen hat sie aufgestützt. Locker hält sie den Kopf in beiden Händen und wippt ein bisschen mit zur lässigentspannten Musik: "He loves me." Jill Scott. Vor ihr steht ein Glas Crémant aus dem Elsaß und auch der perlt locker vor sich hin. Sie schaut mich fragend an. Aus der Nummer komme ich jetzt so nicht raus: ich muss eine Fiktion entwerfen. "Wieviel würde ich denn gewinnen?" "Sagen wir 5 oder 6 Millionen?" "Eigentlich müssten wir jetzt mal sauber trennen." "Trennen?" G. ist erstaunt. "Ja, weil Dein fiktiver Gewinn mindestens zwei völlig unterschiedliche Denkrichtungen aufwirft." "Aha? Und was meinst Du damit?" Sie beugt sich konzentriert nach vorne: voller Empfang. "Wir könnten uns jetzt über Häuser, Autos, Boote, Uhren, Mode und Schnick und Schnack austoben …" "Das ist doch toll." "Ich finde es eigentlich langweilig, weil es für meinen Geschmack viel zu kurz gesprungen ist. Es ist die Lotto-Lothar-Variante." "Sondern?" "Naja, das Runterrattern von Konsum-Ikonen ist ja kein echter Einschnitt in Dein Leben. Das ist nur eine Skalierung der Möglichkeiten." "Jetzt wird es wirr." "Gar nicht. Jetzt wird es elementar. Jetzt schmeissen wir mal alles über Bord." G. nippt an ihrer Brause. "Stell Dir also mal vor, Du wärst abgesichert. Mal abgesehen von Erdbeben, Feuersbrünsten, der Pest und ähnlich Unabwendbarem. Du könntest frei entscheiden, was Du tun magst." "Ich würde mir die Welt anschauen." "Das klingt schon viel spannender als Gucci und Louis Vuitton … hahaha." "Ich würde sofort kündigen und nur noch interessante Dinge tun." "Jetzt wird es richtig spannend." "Stimmt", G. bekommt ganz rote Wangen, die Phantasie kommt in Schwung. "Weisst Du Bruno, eigentlich braucht man den Umweg über den fiktiven Lottogewinn gar nicht." "Nein, letztlich sollte man sich einfach nur hin und wieder mal die Frage stellen, ob und was man an seinem Leben verändern möchte. Und das hat ganz selten was mit Millionengewinnen zu tun. Eher mit Glück und Erfüllung. Und das ist nicht käuflich." "Das Glück liegt im Augenblick." "Genau." "Santé" …