19. Juli 2012

Neulich saß ich bei meinem Freund M. an der Theke in seiner fabelhaft dekorierten Küche bei einem Milchkaffee wie aus dem Barista-Lehrbuch. "Sag mal, machst Du noch was anderes als Internet?" platzte es aus ihm heraus, "Du bist ja den ganzen Tag auf Facebook unterwegs … eigentlich immer". Diese Frage schien ihn ernsthaft zu beschäftigen, denn er stellte sie mir noch vor einem "wie geht es Dir?" oder wenigstens einem zeitgemäß-oberflächlichen "wie gehen die Geschäfte?".

Ich nahm die große, rote, dicke Tasse in beide Hände, tauchte die Nasenspitze in den fluffigen, angenehm duftigen, lauwarmen Schaum und sog den leichten Schokoladenhauch ein von dem schmucken, braunen Herz, das in liebervoller Vollendung aufgepudert war.

Die Zeit schien einen kurzen Moment zu stehen und ich versuchte mit Gewalt, ein paar Synapsen zu schließen um ein paar ordentlich überdachte Sätze auszuwerfen. Auf keinen Fall das typische Entschuldigungsgestammel, mit dem sich 12jährige herausreden, wenn sie von der Mutter bei etwas Unstatthaftem erwischt wurden. Dem exzessiven Pornostudium beispielsweise.

Und da war er auch schon der rote Faden: was zur Hölle versteht M. eigentlich unter "Internet" und "Social Media"? Für mich ist es Alltag. Es begleitet mich wie mein Mobiltelefon, meine Kamera, mein Notizbuch und meine Skizzenkladde, dies und das. Es läuft nebenher und ist nur Hülle oder Vehikel für meine Inhalte, meine Nachricht, meine Verbindung. Es ist Werkzeug. Gutes Werkzeug, aber auch nicht mehr. Vielleicht ist es auch ein paralleler Raum mit kürzeren Distanzen, der Nähe zu Entfernterem schafft. Austausch.

M. aber setzt sich an "das Internet" wie an ein hochkomplexes wischenschaftliches Experiment in einer höllischkomplizierten Laborsituation. Hochkonzentriert. Und auch immer nur wenige Minuten. Das Ergebnis ist Erschöpfung. Er muss sich erholen. Vielleicht vor dem Fernseher. Das ist einfacher. Er mißt dem Internet eine fast Bedeutung bei, die es in seiner Form heute nicht mehr verdient. Es ist ihm eine Bundeslade voller mystischer Dinge. Der unerquickliche Aufenthalt in einem Hieronymus-Bosch-Gemälde. Schmutz, Sünde und Verbrechen. Na gut ... vielleicht auch ein bisschen Information und auch … Kommunikation. Das aber nur für "junge Leute".

Und Facebook? "Ich will doch nicht mein ganzes Leben ausbreiten müssen". Ja, besser nicht, das würde ich auch nicht tun. Wohl aber an einem erweiterten Alltag partizipieren wollen. Und das über Tellerrand und Dorfgrenze hinaus. Es gibt so viel mehr zu reden als über die eigene Familie. Die läßt man besser raus. Zumindest solange die sich nicht ordentlich wehren kann. Lieber in der eigenen Gewichtsklasse boxen. Es gibt mehr als "0" und "1".

M. sagt: "Werkzeug also?" "Ja klar", sag ich, "oder eher besser eine Art Umschlag". "Ein Umschlag?" "Ja, da kann was Gutes drin sein oder etwas Schlechtes. Oder auch nur heiße Luft. Ist der Umschlag deswegen selbst schlecht? Sicher nicht! Man kann ihn in die Schublade stecken oder auch verschicken. Vor allem aber kann man selbst entscheiden, was man reinsteckt. Und wenn Du Tante Käthe ein paar Fotos von Dir schickst, werden es auch keine delikaten Aufnahmen sein zur Dokumentation Deines ausgeglichenen Liebeslebens, oder?" "Um Himmels Willen nein!" "Siehste".

Er macht einen sensationellen Milchkaffee. Und die Küche ist wirklich schön. Ehrlich. Ich halte mich dort sehr gerne auf.