21. Dezember 2014

Zärtlichkeit.

Der österreicher Pädagoge Ernst Ferstl ist ein patenter Dichter und routinierter Aphoristiker. In seinem Band "Heutzutage" notiert er bildhaft: "Zärtlichkeit: Sonntag der Gefühle".

Den morgendlichen Impuls, in die Begrifflichkeit einzusteigen und in den Gedankengängen anderer dazu zu flanieren, kredenzte mir eine gewohnt inhaltsschlank gepostete Liste von "gofeminin". Redaktioneller Limbo, den der noch schläfrige Sonntagsstream an mir vorrüberspülte. Ganz wie bei einem morgenneblig, frühen Spaziergang mit Frau, oder Hund, oder auch beiden entlang eines gemütlich stromernden Flüsschens, das hier und da schlingernd fahrendes Treibgut mit sich führt. Mal schaut man hin und dann wieder nicht und dann sieht man ein interessantes Detail. Sonne, Wasser, Licht und Schatten. Holz in Formen, die Assoziationen auslösen, Erinnerungen bedienen, eine kleine, gedankliche Auszeit aus dem hier und jetzt schenken. Eine persönlichen Bezug herstellen. Gefühle wecken.

"Gefühlskälte und Unverständnis treiben Männer in die Flucht - Achtung Mädels: das sind die absoluten Beziehungskiller für Männer." So textet gofeminin hochemotional in den 4. Advent hinein. Es folgt eine, in numerischer Folge herausgeplärrte Auswertung einer breit angelegten "Studie" der Partneragentur Elite". Die Assoziation zum Treibgut passt noch besser als gedacht, denn die Umfragen im Sujet und die gewonnenen Erkenntnisse sind beinahe so alt wie die Menscheit selbst und oftmals sperrig und hölzern. Und das nicht nur in der Formulierung. Trotzdem findet man immerwieder einen individuellen Punkt anzuknüpfen und ein persönliches Motiv herauszuschälen, herauszuschnitzen aus einer angebotenen Ähnlichkeit. Ich kann kaum ein plastisches Herz aus einem Zweig oder dünnen Ästchen arbeiten, aber mit einer dicken und stabilen Wurzel verhält sich vieles anders.

Ja, Zärtlichkeit und Nähe. Das sind so Punkte. Da bin ich empfindlich und reagiere seismographisch, selbst auf stumpf abgespulte Listen, die Schlager-Hitparaden der Neuzeit von Social Media. Ob die Konzequenz zum Mangel daran in "Beziehungskiller" oder "Flucht" die richtigen Vokabeln findet, bleibe offen. Gemeint ist das richtige. Das Dahinvegetieren in einer Beziehung als hautkontaktfreier Gefühlskasparhauser kann für mich nicht in Frage kommen. Aufrichtige, liebevolle Zärtlichkeit ist magisch, voller Energie und so viel mehr als die gewollte Berührung. Ich könnte und wollte niemals darauf verzichten. Ist sie doch das gelebte Spiegelbild liebender Verbundenheit.

"Im Garten der Zuneigung blüht die Zärtlichkeit" ... wieder ein Ferstl. Wieder schön gesagt.

PS: Ich habe gar keinen Hund.
PPS: Ich höre gerade Lauren Woods "Fallen" und sehe sogar ein bisschen blau am Himmel. Mag ich. Sehr.