10. Januar 2015

von der Güte …

Gestern hatte ich mich ein wenig in den französischen Philosophen André Comte-Sponville eingelesen. In seinem bemerkenswerten Werk “Woran glaubt ein Atheist? Spiritualität ohne Gott” findet er seine ganz eigene Spiritualität. Und das ohne unmittelbaren Bezug zu Transzendenz und Gott. Dafür mit etlichen Qualitäten aus Glaubenshaltungen mit erheblicher Bedeutung für das menschliche Miteinander: Gerechtigkeit, Mitgefühl, Güte, Freundlichkeit und liebevolle Zuwendung. Liebe. Glaubensunabhängig und -übergreifend. Die Werte des Humanismus als subjektive Lebenswirklichkeit. Nachdem ich das in den Grundzügen verdaut hatte, musste ich einfach ein paar Zeilen darüber verlieren und habe es eingebunden in meine ersten, bewussten spirituellen Erfahrungen, die ich vor beinahe 10 Jahren während eines Jobaufenthaltes im kleinen Himalaya-Königreich Bhutan sammeln durfte, dem Land des Donnerdrachens.

Meine Ausführungen haben meiner Facebookfreundin Ilona Peters scheinbar gefallen, was sie mit einem sehr bekömmlichen Kompliment quittierte. In ihrem Folgesatz kletterte sie dann schon durchs Vokabular und präsentierte einen Fund so stolz wie der Schmetterlingsjäger seinen Ausnahmefalter: die „Güte“!

Ilona fragt: „was genau ist Güte? Ich mag das Wort sehr und kann mir auch was unter Güte und gütig sein vorstellen, aber... gibts so etwas wie eine offizielle Begriffsdefinition?“

Meine Güte. Die Güte. Mal sehen.

Güte kommt grundsätzlich erstmal von „gut“ und aus dem Mittelhochdeutschen „güete“. Das war die hochmittelalterliche Sprache der höfischen Literatur zur Zeit der Stauffer zwischen 1050 und 1350. Der Vollständigkeit halber kommen wir noch auf das Althochdeutsche und sein „guoti“.

Die Güte, eigentlich die Herzensgüte, steht für eine positive Haltung. Für eine wohlwollende, freundliche und nachsichtige Einstellung gegenüber Anderen. Sie ist die Summe von Begriffen wie „Wohlwollen“ und „Barmherzigkeit“, „Gutes tun“ und Gnade üben“.

In der Tugendlehre findet man die Güte als eine der 12 Kardinalstugenden im allegorische Gedicht „Der meide kranz“. Verfasst von Heinrich von Mügeln rund um das Jahr 1355.

Für die Christen ist die Güte nach dem Neuen Testament eine Frucht des Heiligen Geistes, durch den sie in uns Menschen erblüht. Maßstabslos in Wachstum und Zunahme. Ziemlich schwurbelig, meine ich.

Arthur Schopenhauer, Philosoph, Hochschullehrer und selbst Kantschüler entwickelte eine eigene Lehre um Erkenntnistheorie, Metaphysik, Ästhetik und Ethik. In gleichen Maßen. Er definiert Güte als das „Überwiegen von Erkenntnis über den Willen“. Das klingt schon interessanter.

Im 8. Kapitel des Daodejing lässt man Laotse zu Wort kommen: „Güte beim Denken erzeugt Tiefe, Güte beim Verschenken erzeugt Liebe, Güte in den Worten erzeugt Wahrheit." Großartig! By the way: Laotse ist eine, aus heutiger Sicht wahrscheinlich fiktive Gestalt. Lǎozǐ ist ein Ehrentitel und bedeutet in etwa „der alte Meister“. Das Daodejing selbst ist eine Sammlung von Texten und bildet eine Art humanistischer Staatslehre ab. Es geht um die Befreiung von Gewalt und Armut und um ein harmonisches Zusammenleben. Das Daodejing gilt als Gründungsschrift des Daoismus. Und dessen Anhänger in allen Ausprägungen sehen es als kanonischen, heiligen Text an.

Mein aktueller Favorit bleibt "Güte ist das Feingefühl roher Seelen." Das stammt von Fernando Pessoa in seiner „Deklaration der Differenz“. Der Portugiese Fernando Pessoa lebte von 1888 bis 1935, hieß eigentlich Fernando António Nogueira de Seabra Pessoa und war Dichter, Schriftsteller, Angestellter eines Handelshauses und Geisteswissenschaftler. Er gilt als einer der wichtigsten Dichter der portugiesischen Sprache und zählt zu den bedeutendsten Autoren des 20. Jahrhunderts. Subjektiv ein bisschen arg wirr in seinen grundsätzlichen Ansichten, aber wunderschön zu lesen.

Persönlich kann ich die Güte gerne und leicht aus ihren religiösen Anstrichen befreien und verstehe sie als humanistischen Grundzug. Als wesentliche Qualität in der Herzensbildung eines Menschen. Als Empathieausweis in Sachen sozialer Kompetenz.