13. Januar 2015

Satori - das Leben ist kein ruhiger langer Fluß.

Satori ist ein Begriff aus dem Zen-Buddhismus. Es ist Japanisch und lässt sich am ehesten ins Deutsche übersetzen mit „Verstehen“. Dabei geht es um ein ganz besonderes Erlebnis: nicht mehr und nicht weniger als um „Erleuchtung“. Und um Erkenntnis. Um das Verstehen des Daseins als universelles Wesen. Es ist mehr als die geistige Erfahrung des „Kenshō“, der Selbst-Wesensschau. In der man die Natur des eigenen Seins findet und darüber hinaus die alles Seienden. Ein Maßstab, eine Ordnung für das Selbst. Satori zu verstehen verlangt persönliche Erfahrung. Dazu gibt es unterschiedliche philosophische Ansätze. Heute versteht man Satori als plötzliches, akutes und unerwartetes Ereignis mit langandauernder Vorbereitung. Satori ist eine Entgrenzungserfahrung. Frei vom Ich und der Zeit. Eine ganzheitliche Erfahrung von Leere und Glück. Und die Leere ist zugleich auch eine Loslösung von begrenzendem, nicht begrenztem Intellekt, von eingrenzendem Geist.

Das beschäftigt mich schon einige Zeit, ich mochte mich allerdings nie allzu sehr exklusiv auf ein gedankliches Modell oder auf einen einzigen philosophischen Überbau einstellen. Die Welt ist zu bunt, zu abwechslungsreich, zu schön. Wenngleich ich den einen oder anderen Weg auch sehr gerne bewußt ein Stück mitlaufe. Mich gerne mit den Kōans beschäftige. Das sind komplexe, oft paradoxe Sätze, die es sich zu hinterfragen lohnt. Sich daran zu wetzen und zu schärfen. Zu meditieren, wenn man so möchte. Man kann sich im wahrsten Sinne des Wortes in ihnen „vertiefen“. Und ausbrechen: sich von Gedanken lösen und von Emotionen, Empfindungen und Befindlichkeiten. Man kann sich in ihnen verlieren. Und im richtigen Moment mit einem Satz befreien. Eben hin zum Satori.

Ein Gefühl von einem solchen Schlüsselerlebnis bekam ich am letzten Sonntag, als ich am Morgen die Wolken in ihrem Spiel beobachtete. Rorschach am Himmel mit Bezügen in die Revue der letzten Tage. Im Bewußtsein des Selbst. Es fühlte sich für einen unmeßbaren Augenblick an, als würde die Zeit stehen. Ruhe und Bewegung zugleich. Unbestimmt. Und unbestimmbare Leere. Wunderbar.

Den gedanklichen Bezug zum Satori hat mir meine Freundin Sylvia hergestellt. Nein, es geht mir sicher nicht um die Bewertung eines Moments im Maßstab des Zen-Buddhismus. Ganz sicher nicht. Aber es geht darum, eine Vorstellung davon zu bekommen. Sich zu sensibilisieren auf das „mehr“. Auf das heute und auf das jetzt. Das hat vielleicht ein bisschen was mit Demut zu tun. Nein, nicht ein bisschen. Und es ist erholsam.

„Unser ganzes Dasein ist flüchtig wie Wolken im Herbst; Geburt und Tod der Wesen erscheinen wie Bewegung im Tanz. Ein Leben gleicht dem Blitz am Himmel, es rauscht vorbei wie ein Sturzbach den Berg hinab.“ // Buddha