30. Dezember 2012 ... Huhn oder Ei?

"Santé." "Jetzt schon?" I. schaut mich an. "Klar." Ich proste ihr zu mit meinem Crémant d'Alsace. Der Rest von gestern. Noch sehr lebendig. Wunderbar. Eine tolle Begleitung zum Tiefschwarzen aus der Caffetiere von der Herdplatte. "Casquettes au beurre et petits pains à la canelle!" Mit einem Stoßseufzer unterstreicht I. ihre tiefverträumte Versunkenheit in das Patisserie-Heftchen von Facebook-Freund Kai, der mit seiner Kieler Boulangerie einen erfolgreichen Guerillakrieg gegen alle lust- und sinnenfeindlichen Entsagungsirren führt. "Hast Du eigentlich einen Vorsatz für das nächste Jahr?" platzt sie plötzlich heraus und schaut mich dabei fragend an. Sehr direkt, abwartend, beobachtend, verdammt konkret: "also?" "Wenn Du mich so fragst … habe ich für die klassischen Modelle einfach nicht mehr die passenden Voraussetzungen." "Was soll das denn schon wieder heissen?" "Naja, ich rauche nicht mehr, ernähre mich halbwegs vernünftig, bewege mich recht regelmäßig, trinke besonnen auf hohem Niveau … ich denke, ich habe alles in allem inzwischen einen Lebenswandel für den sich nicht einmal meine Mutter vor ihren Freundinnen schämen müsste oder nur ein kleines bißchen" … "das ist doof und das meine ich auch nicht", "sondern?" "Es gibt doch mehr als Rauchen, Fressen, Saufen, Sport …" "Da ist noch mehr? Ja, natürlich …" Ich weiss, dass sie ihre Frage ernst meint und ich möchte mich auch nicht darüber lustig machen. Jedenfalls nicht allzu sehr. "Du meinst Silvester als eine Art Interpunktion: kein verordneter Volkspartytermin, sondern ein individueller Moment des Innehaltens. Stille. Revue und Ausblick. So eine Art Mini-Initiation: persönliche Retrospektive, Meditation, Handlungsabsicht und Aufstieg in eine Art neue Bewußtseinskaste?" "So in etwa, vielleicht nicht ganz so nirwana-verquast …" "2012 war ein Jahr, in dem viel passiert ist für mich. Das lässt sich alles nicht so einfach zerlegen. Ich weiss auch gar nicht, ob ich den ganzen Wundschorf nochmal aufreissen möchte. Schöner werden die Narben dadurch nämlich nicht." Ich schenke noch mal nach. Caffè - nicht Crémant. Halte die Tasse in beiden Händen und sauge den Duft tief ein … "vielleicht eine Art summasummarum, eine ganzheitliche Befindlichkeitsanalyse mit anschließender Wahl der Werkzeuge zur verbesserten Justierung mit klarerem Ausblick." "Aber nicht im Plusminus-Stil, SWOT oder ähnlicher Unsinn." "Nein, sicher nicht. Ich glaube, mir geht es mehr darum, Dinge künftig zu entkomplizieren." "Simplify your life? Hahaha … Bruno, Du bist doch keine amerikanische Hausfrau." "Hahaha, Du hast Recht und eine solche Antwort nicht verdient. Aber es ist schon so, dass ich besser sortieren möchte. In allen Dingen. Und auch bei Menschen. Bei Kunden, Bekannten, Freunden und sonstigen Kontakten. In der Kommunikation. In beruflichen und persönlichen Interessen, wobei ich das bei mir wirklich kaum trennen kann. Vielleicht lerne ich da noch dazu …" "Du arbeitest an Deinem Wertesystem." "Ja, vielleicht ist es das. Ich will anders gewichten. Das schafft Freiräume. Räume für wichtige Menschen, Dinge, Handlungen …" "Das ist ein sehr anspruchsvoller Vorsatz …" "… den ich ja nicht in 2013 abschließen muss." "Huhn oder Ei?" "Huhn oder Ei? Silvester ist bei mir sicher nicht der Impuls für eine überfällige Kurskorrektur und auch nicht das Fundament von Reflektion." "Aber Silvester war jetzt der Anlaß zu unserem schönen Austausch." "Das stimmt. Ich mag das sehr. Und damit ist es schon ein Anfang und sicher auch ein guter Start in ein neues Jahr …"