31. Dezember 2014

tempora mutantur

"Tempora mutantur et nos mutamur in illis."
Die Zeiten ändern sich und wir uns in ihnen.

Vater der Gedanken ist Ovid. Ein römischer Dichter, der von 43 vor Christus bis etwa 17 Jahre danach gelebt haben soll. Das Fundament ist sein Motiv "omnia mutantur" ... alles ändert sich. In seinen "Methamorphoseon libri", seinen 15 Büchern über die "Verwandlung" beschreibt er in ungefähr zwölftausend Versen die Entstehung und die Geschichte der Welt. Im Rahmen der römischen und griechischen Mythologie, wozu er zweihundertundfünfzig Sagen heranzieht. Alles im Versmaß des Hexameters. Das Ergebnis gilt als der Toptitel aller mythologischen Werke mit unabsehbarem Einfluss auf die Literatur bis in das hier und heute.

Aus seinem "Omnia mutantur, nihil interit" wurde ein "Omnia mutantur nos et mutamur in illis" und daraus schnell und breitentauglich der Gassenhauer "Tempora mutantur et nos mutamur in illis", der als Hexameter eigentlich nicht mehr funktioniert. Für mich ein schönes Symbol dafür, dass die Dinge nicht immer besser und schöner werden, nur weil man sie für alle stromlinienförmig aufbereitet. Und auch nicht wahrhaftiger. Eher im Gegenteil.

Die populäre Fassung mit der Zeit "Tempora", ist von Andreas Gartner und findet sich in seinen "Proverbalia dicteria", die im Jahr 1566 in Frankfurt am Main erschienen sind. Angeblich war es der Wahlspruch des fränkischen Kaisers Lothar I. aus dem Adelsgeschlecht der Karolinger. Geboren 795 und gestorben 855. Aber es ist ja immer so eine Sache mit den mündlichen Überlieferungen. Verlassen wir uns lieber auf das geschriebene Wort und auf das Wissen, nicht den Glauben. Nicht nur diesem Fall.

Soviel zu den Wurzeln. Das muß reichen, ohne uns in Versmaßen, dem Autor, den Mythologien oder der Geschichte als solches verausgaben zu wollen.

Ich mag kluge Bonmots, Aphorismen. Das ist kein Geheimnis. Ein bisschen schwer tue ich mich mit mit den vielen plakativen Zitaten, die heute durch die Kanäle sirren. Mit wenig eindeutiger Urheberschaft, stereotypen Motiven, wunderlicher Typographie und ungeklärtem wie unaufklärbarem Anspruch auf Bezüge. Zu Menschen, zu Situationen, zu was auch immer.

Wenn ich durch meine Sammlung stapfe, hat das immer ein bisschen "Klondyke"-Atmosphäre. Jack London. Goldrausch. Man hört davon und sieht es vielleicht. Man sucht es und mit viel Glück findet man. Vielleicht. Man holt es aus dem Strom, siebt es, wäscht es aus. Nimmt es in die Hand und prüft und bestaunt es von allen Seiten. Legt es auf die Goldwaage.

Ähnlich ist es mit den Aphorismen. Auch die durchlaufen solche Prozesse und finden ihren wahren Wert erst im Kontext. Ganz wie das Gold, das erst durch die Beziehung zwischen den Menschen zur Währung wird. Denn ohne das bleibt Gold ein Metall wie alle anderen auch. So wie die Aphorismen einfach nur Worte bleiben, es sei denn man findet seinen Bezug, seine Relation, seinen Maßstab. Durch den Aphorismus selbst oder auch durch sein Stammbuch, mit all den Hintergründen, der Historie, den Parametern seiner Entstehung. Am besten, man findet seinen ganz persönlichen.

Der Jahreswechsel ist jetzt. Er lässt mich über die Zeit und ihre Relativität nachdenken und wie ich mich selbst darin wiederfinde. Aktiv und passiv. Oder passiv. Heute morgen war es eben Ovid, der mich innehalten ließ. Das Jahr reflektieren. Ausblicke imaginieren. Ein bisschen traumdösen. Ja, ich habe mich verändert in und mit der Zeit. Das war vielleicht nicht immer selbsterklärend, aber in Summe gefällt es mir und ich mag den Lauf der Dinge. Manches ist eben unveränderlich und damit meine ich nicht das "Schicksal", diese Büchse der Pandora, die ich an dieser Stelle keinesfalls öffnen mag. Am silvestrigen Grenzstein mache ich eine kurze Atempause und beschließe, dass es im Großen und im Ganzen gut ist. Dass es so weitergehen darf. Diese Sicherheit im Überblick verschafft mir Luft für die Details, denn da gibt es ja immer eine Menge zu tun. Die Selbstbestimmung in den Nischen der Unabänderlichkeit von Zeit.

Auf Euer Wohl. Und auf Ovid. Prost.