Leseprobe

„VONA ist Hoffen auf Isländisch“
Eine Liebesgeschichte.

Kapitel 2, 9, 12, 13, 17


Kapitel 2

„Ich bin Vona, wir kennen uns“. Sie steht vor mir wie aus dem nichts. Lackschwarze Haare,
eisblaue Augen. Ungewöhnlich. „Eigentlich Lilja Elín Mínervudóttir, aber ich nenne mich
Vona. Und Du bist Bruno …“ ich lehne mich auf meinem Barhocker ein Stück zurück. Um uns
herum ist ein Heidenlärm und dennoch verstehe ich jedes ihrer Worte klar und deutlich. Ich
greife nach meinem Glas Crémant, nippe, versuche mich zu konzentrieren: woher, denke ich.
Woher kennt sie mich und woher kenne ich sie? Kenne ich sie?

„In Island haben wir merkwürdige Gesetze.“ „Island?“ „Ja in Island. Stell Dir vor, bei uns gibt
es ein Benennungskomitee. Wir dürfen nur Vornamen benutzen, die es bei uns schon gibt.
Und wenn Du Deinem Kind einen anderen Namen geben magst, musst Du das Komitee
fragen.“ „Das Komitee …“ „Ja, Bruno, das Benennungskomitee. Die prüfen, ob sich der neue
Name in unsere Sprache integrieren lässt.“ „Was bedeutet das alles?“ „Nun, das bedeutet,
dass der Name zum Beispiel nur Buchstaben aus dem isländischen Alphabet enthalten darf.
Und er muss deklinierbar sein …“ „… weil Ihr Euch nach Euren Vätern benennt. Und dann
kommt noch -son bei den Söhnen dran und -dóttir bei den Töchtern, richtig?“ „Stimmt …
fast.“ „Minervudóttir bedeutet, dass Du Minervas Tochter bist. Minerva ist doch kein
Männername. Auch nicht auf Island …“ „Nein, natürlich nicht. Es ist eine Ausnahme. Ich bin
nach meiner Mutter benannt. Minerva. Matronymische Namensgebung. Ist auch möglich.
Mein Vater ist Deutscher. Müller. Aber so sollte ich nicht heissen. Lilja Müller.“

Das Gespräch ist völlig surreal. Inzwischen hat sie ihre Jacke ausgezogen und auf dem
Barhocker neben mir Platz genommen. Die Sitze sind einander zugewandt. Sie ist fremd und
vertraut zugleich. Seltsam. Sowas habe ich noch nicht erlebt. „Möchten Sie auch etwas
trinken?“ Die wunderbar unaufdringlich, aufmerksame Frau am Tresen schaut mit freundlich
offenem Gesicht und über ihr schwebt ein klassisch schönes Fragezeichen. Die schöne Vona
wendet sich nur kurz ab und tippt kurz auf mein Glas, das sogleich Gesellschaft bekommt.
„Und einen doppelten Espresso …“ „… gerne“. Café Haiti. Raues Zeug. Starkes Zeug. Geiles
Zeug. „Zwei“. „Ein Lilja Müller beschreibt Dich nicht ansatzweise.“ Ein eher halbgarer
Versuch, lustig zu sein. Vona schaut mich fragend an.

„Und Du?“ „Ich?“ „Ja Du, Du heisst Bruno Schulz.“ „Das stimmt“. „Warum?“ „Naja, weil mein
Vater mit Nachnamen Schulz heisst, so läuft das hier meistens.“ „Das meine ich nicht.“
„Sondern? Bruno Schulz war ein Maler, ein Grafiker, ein Erzähler … Pole, Holocaustopfer.
„Die Zimtläden“: So heisst sein vielleicht bekanntestes Werk.“ „Das meine ich nicht.“
„Warum Du?“ „Warum ich?“ „Ja.“

Über ihre Schulter sehe ich meinen Freund J. in der Tür stehen. Er scannt den Gastraum,
sucht, findet mich, kommt auf uns zu. Vona bemerkt meinen Blick. Sie springt auf, zieht
einen Geldschein aus der Hosentasche, wirft ihn auf die Theke, zieht ihre Jacke über. „Wir
sehen uns wieder.“ „Wann? Wie?“ „Alster? Du erinnerst Dich? Laufen? Ich habe Dich
gefunden. Ich werde Dich wieder finden.“ J. steht vor uns, ich möchte die beiden vorstellen.
Vona schaut mich lange an, winkt leise, dreht sich um und geht, ohne sich noch einmal
umzudrehen. Die Tür pendelt hinter ihr zu. Sie ist weg.

„Was war das denn?“ „Das war Vona?“ „Bekannte von Dir?“ „Nicht wirklich.“ J. fixiert mich
neugierig, versucht mit hochkonzentrierter Aufmerksamkeit und allen Sinnen eine Antwort
aus mir herauszusaugen, die ich nicht geben kann. Er setzt sich auf den freien Hocker. Die
freundliche Bedienung reicht mir den Schein. „Ist vielleicht interessant für Sie?“ Sie ist
wirklich aufmerksam, ein Goldstück. Auf dem Schein steht „Vona ist Hoffnung auf
Isländisch“. Ich schaue ihr nach. Ich hoffe …


Kapitel 9

„Bruno,
Fünftausend. Fünftausend Menschen lebten im Januar 1973 auf Heimaey. Und meine
Mutter war eine von ihnen. Sie heisst Minerva. Daher mein richtiger Name: Lilja Elín
Mínervudóttir. Matronymische Namensgebung. Tochter der Minerva. Eine Ausnahme, aber
das weisst Du ja. Ich hatte es dir erzählt. In Hamburg. Meine Mutter. Sie ist schon immer
eine außergewöhnliche Frau gewesen.

Eine ihrer Vorfahren war eine enge Weggefährtin von Guðríður Símonardóttir. Diese Frau ist
Legende bei uns. Sie lebte von 1598 bis 1682 und wurde biblische 84 Jahre alt. Und das war
bei ihr kaum selbstverständlich. Sie gehörten zu den 242. Den Männern, Frauen und Kindern,
die von den Piraten nach Afrika entführt wurden. 1627. Von den Vestmannaeyjar-Inseln und
der Südküste. Bis dahin war Guðríður die Frau eines Fischers und Mutter. Einfache, ehrliche
Leute auf Heimaey. Die Piraten haben sie auf dem Sklavenmarkt von Algier verramscht. Als
Konkubine. In einen dreckigen Harem. Sie war zäh. Hat durchgehalten. Und wurde
freigekauft. 1637 kam sie nach zehn Jahren wieder nach Island. Man hat sie nach Dänemark
geschickt. Damit sie sich in ihrer Sprache und Religion üben konnte. In Dänemark wurde sie
unterrichtet von einem Theologiestudenten. Hallgrímur Pétursson. Und schwanger. Ihr
Mann auf der Insel war tot. Sie heiratete Hallgrímur. Der war nur halb so alt wie sie. Und was
machten unsere sauberen Landsleute? Sie nannten sie eine Hure. Sie nannten sie eine
Heidin. Und schimpften ihre neue Ehe eine Schande. Furchtbar. Sie kehrte nicht wieder nach
Heimaey zurück. Hallgrímur diente als Priester in Suðurnes and Hvalfjörður. Er war auch
Dichter und hat die Isländischen Psalme geschrieben. Sie haben die Hallgrímskirkja, eine
Lutherische Kirche in Reykjavík nach ihm benannt. Guðríður Símonardóttir nannten sie auch
die „Tyrkja-Gudda“, die „türkische Gudda“. Als wenn sie sich das Scheissschicksal ausgesucht
hätte. Es gab ein Theaterstück über sie. In den frühen Fünfzigern. Von Jakob Jónsson. Und
ein Buch, das 2001 von Steinunn Johannesdottir geschrieben wurde: Reisubók Guðríðar
Símonardóttur. Das bedeutet „Guðríðars Reise“. Das Buch war monatelang auf unserer
Bestsellerliste. Wir Isländer sind stolz auf unsere Bücher. Wir lesen viel. Jeder Isländer kauft
mindestens 8 Bücher. Jedes Jahr. Wir schreiben viel. Wir lieben unsere Autoren. 2011 waren
wir das Gastland auf Eurer Buchmesse. In Frankfurt. Ich war auch da. Und Du?

Meine Mutter war die erste aus ihrer Familie, die zurückgegangen ist. Nach weit über 300
Jahren. Mehr Zufall als Absicht. Sie hat sich in den frühen Siebzigern in einen Seemann
verliebt. Sie wollte lesen, lesen, lesen. Und glaubte, auf Heimaey hätte sie die nötige Ruhe.
Immer Sturm. Immer Regen. Sie war ein Jahr auf der Insel, da hat er sie verlassen. Er war
wohl ein ziemlicher Idiot. Ein hübscher Idiot, aber eben ein Idiot. Ein Fehler. Er hat zuviel
getrunken. 1972 kam ein deutscher Ornithologe auf die Insel. Müller. Alle haben sie ihn nur
Müller genannt. Keiner kann sich an einen Vornamen erinnern. Auch Mutter nicht. Er
forschte und interessierte sich vor allem für unsere Papageientaucher. Und auch für meine
Mutter. Sie mochte ihn sehr. Er war tagsüber bei seinen Vögeln und abends auch irgendwie.
Im Frühling 1972.

Im August war er verschwunden. Kurz nach unserem Feiertag. Weg war er. Geschrieben hat
er. Noch ein paar Jahre. Und Geld hat er geschickt. Die Briefe hat meine Mutter noch heute.
Dann forschte er im Urwald von Kambodscha. Und dann hat niemand mehr von ihm gehört.
Pol Pot und die Roten Khmer. Da hat er dann zulange gewartet.

Also. 2. August: Feiertag bei uns. Heimaey hat einen eigenen Nationalfeiertag. 1874 gab es
auf Island eine Tausendjahrfeier. Die Leute von Heimaey konnten nicht hin, nicht
übersetzen. Wieder Orkan. Wie immer eigentlich. Dann haben sie eben ihr eigenes Ding
gemacht. Wie so oft. Und am 22. Januar 1973 kam ich dann zur Welt. Morgens. Meine
Mutter konnte sich nur wenige Stunden erholen und an mir erfreuen. Dann brach nämlich
einer unserer Vulkane aus. Eldfell. Nachts um eins. Und dann haben sie uns alle evakuiert.
Fünftausend. In wenigen Stunden. Mutter und ich kamen bei ihren ehemaligen
Studentenfreunden unter. Das waren Hippies. Die lebten in Reykjavik. Und sie hörten
Fleetwood Mac und solche Sachen. Und sie träumten von Festivals. Woodstock und so.
Sommer der Liebe. Das war da zwar schon 4 Jahre rum. Aber hey, das hier ist Island.
Manchmal gehen die Uhren hier eben ein bisschen langsamer. Die Leute von Heimaey haben
mich damals als Symbol verstehen wollen. Hier stehen wir sehr auf Zeichen. Ist immer ein
bisschen mystisch hier. Sie nannten mich „Hoffnung“. „Vona“.


Kapitel 12

„Lieber Bruno,
Ich möchte Dich gerne etwas fragen. Reine Hypothese. Und vielleicht doch ein bisschen
mehr. Entscheide einfach selbst. Du hast in den letzten Wochen eine Menge über Island
gelesen und vielleicht auch gelernt. Und Du weißt ein bisschen über meine Heimat, die
Vestmannaeyjar. Heimaey. Dort leben immer weniger Menschen. Ich kann das verstehen
und schade ist es doch. Unsere Regierung beginnt damit, die Dinge anzufassen. Man hat die
Position eines Inselkünstlers geschaffen. Man muss sich entscheiden. Ein Jahr, zwölf Monate,
dreihundertfünfundsechzig Tage. Und das Angebot gilt nur für Paare. Ich weiss nicht, ob ich
das aushalte. Und alleine sowieso nicht. Ich habe einen Wettbewerbsvorteil. Heimaey steht
in meinem Pass. Als Geburtsort. Am 22. Januar 1973. Du erinnerst Dich. Vielleicht möchte
ich. Ich weiß nicht ob ich das kann. Kannst Du?

Machst Du mir eine Liste? 10 Dinge, die Du auf eine einsame Insel mitnehmen würdest? Für
1 Jahr? Außer Kleidung, Schuhe und diesen Dingen. Ich bin so gespannt. Schreibst Du sie auf
für mich?

Auf bald. Sehr bald.
Vona.


Kapitel 13.

„Liebe Vona,

ich habe lange nachgedacht über Deine Nachricht. Deine Bitte um die Liste mit den
berühmten „zehn Dingen für die einsame Insel“. Zehn Dinge für ein Leben auf Heimaey.
Meine zehn Dinge. Ein Jahr, zwölf Monate, dreihundertfünfundsechzig Tage. Dinge, die ich
mitnehmen würde, um dort in Zweisamkeit zweiundfünfzig Wochen zu verbringen. In
Zweisamkeit. Als Paar? Fast hätte ich „durchhalten“ geschrieben, aber das ist aus meiner
Sicht schon eine falsche Haltung und Sicht auf die Dinge. Denn es sollte doch eine
Entscheidung aus frohen und freien Stücken sein. In die man Zuversicht steckt. Soviel man
kann und noch ein bisschen mehr. Ob Insel. Oder Zweisamkeit. Oder beides. Ich habe einige
Listen erstellt und sie wieder verworfen. Was brauche ich? Ich habe das von links nach
rechts gedreht. Und wieder zurück. Und doch alle schnellen Ideen und Notizen in den
Papierkorb befördert, Deine Nachricht nochmal gelesen und eine andere Interpretation
gesucht. Ich denke, ich habe sie für mich gefunden, auch wenn ich damit nicht unbedingt auf
deine ursprüngliche Intention eingehen mag. Oder doch? Vielleicht ist es auch viel mehr
Antwort, als du es erwartet hast und Dir wünschst. Wir werden sehen.

Die große Herausforderung besteht nicht in der einsamen Insel. Es geht in der Frage um
meine zehn Dinge nicht darum, ob ich mein Macbook mitnehmen möchte, meine Bunt- und
Bleistifte mit reichlich Papier, Bücher, einen Fotoapparat, meine Espressokanne,
Notizkladden und ein ausreichendes Sortiment an Spirituosen oder was auch immer. Das
sind nur oberflächliche Ausstattungsfragen. In Wirklichkeit geht es um die „Hypothese
Zweisamkeit“. Was per se eine Menge miteinander zu tun hat. Die Stelle auf Heimaey gibt es
nur für das Paar. Ist das eine Bedingung? Ich für mich kann sagen, dass ich eher beides als
Herausforderung und Aufgabe betrachte: Heimaey und das Paarsein.

Interessant ist für mich demnach, welche Erwartungen ich an eine Beziehung anlegen
würde, die ich ernst zu nehmen bereit bin. Eine Beziehung, die sich auch für „die einsame
Insel“ eignet. Was sie per definitionem aushalten können sollte wenn sie ernsthaft ist.
Dreihundertfünfundsechzig Tage. Immer. Risiko? Vielleicht ist es eine Chance!

Ich bin fast 50 Jahre alt und habe in meinem Leben viele Fehler gemacht. Der Aphoristiker
Sinan Gönül hat mal von sich gegeben, „dass es menschlich sei, Fehler zu machen. Dass es
schmerzlich sei, Fehler zu wiederholen. Und dass es dämlich sei, dieselben Fehler
immerwieder zu machen“. Da hat er recht. Ergänzen mag ich das mit einem Statement des
niederrheinischen Dichters Art van Rheyn: „der gefährlichste Fehler ist, zu glauben, dass man
seine Fehler kennt.“

Ich hatte einige Beziehungen und viele beinahe. Gescheitert sind sie fast alle daran, dass wir
uns verloren haben. Früher oder später. Und das kann man in einer asiatischen
Millionenstadt genauso wie auf einer einsamen Insel. Der Begriff „Schuld“ greift nicht. Es ist
nie einer allein. Es ist der Mangel an Aufmerksamkeit (1). Gegenüber dem anderen, aber vor
allem auch gegenüber sich selbst. Der Mangel an Reflektion (2). An Achtsamkeit (3). Es ist
der Verlust der Verbindung. Der tatsächlichen und nicht der vermeintlichen. Wir alle haben
eine Vorstellung, ein Modell von dem, was eine Beziehung sein kann und subjektiv sein
sollte. Modelle, Muster, Schemata. Und darüber verliert sich allzu leicht der Moment und
sich ohne Wertung in ihm zu wiederzufinden. Der „Spirit“ (4), der wenig stofflich ist, nicht
anzufassen und kaum zu begreifen. Was in deutscher Sprache ohnehin kaum wiederzugeben
ist, da der Begriff Spiritualität in unserer scheinrationalen Gesellschaft nur allzu gerne als
religiöse Macke verhöhnt wird. Dabei ist sie genau das Gegenteil religiöser Restriktionen,
ohne manipulierenden Sinnüberbau. Echte Spiritualität ist immer individuell.
Es geht um ehrliches Interesse und Verantwortung (5) und die Bereitschaft, immer und
immerwieder neu anzufangen (6). In jedem Moment. Wertschätzung (7). Unbedingte Nähe
(8), körperlich, geistig, seelisch. Und es geht um die Bereitschaft und die Fähigkeit, ehrlich
und von ganzem Herzen zu verzeihen (9). Und natürlich geht es immer um eine gute Pointe
(10).

… und jetzt kommst Du
Bruno


Kapitel 17

Lieber Bruno,
ich bin für ein paar Tage zu Besuch auf Heimaey. Schauen, hören, fühlen, riechen,
schmecken, spüren … Heimaturlaub. Seelenrast. Auszeit. Nachdenken. Altes gehen lassen.
Freimachen für die neuen, wichtigen Dinge in meinem Leben. Du erinnerst Dich? Wir haben
es noch nicht gelöst. Unser Projekt: „Heimaey 365/24/7“. Dreihundertfünfundsechzig Tage
auf der Insel. Du und ich. Ich sehe mich um und möchte Dir ein bisschen beschreiben, was da
ist. Dich mit meinen Augen sehen lassen. Vielleicht kann ich uns beiden ein bisschen die
Angst nehmen. Angst? Eher Respekt. Oder?

Zuerst kommt immer Reykjavík. Da landest Du. Und von da fahren wir nach Landeyjahöfn im
Süden. Wir werden noch Zeit haben für Island. Wunderschönes Island. Später. Unsere Fähre
heisst Herjólfur. Sie bringt uns von Landeyjahöfn nach Vestmannaeyjar. Nach Heimaey. Das
dauert kaum länger als eine halbe Stunde. Wenn das Wetter schlecht ist und im Winter fährt
Herjólfur nach Porlákshöfn. Das dauert dann gute 3 Stunden. Aber das lassen wir lieber sein
wenn es sich vermeiden lässt, denn das ist nichts für einen empfindlichen Magen.
Die Vestmannaeyjar sind fünfzehn Inseln und noch ein paar Klippen. Bis auf Heimaey
gehören sie alle irgendwelchen Leuten. Wir haben hier auf Vestmannaeyjar das mildeste
Klima von ganz Island, fünf Grad im Jahresdurchschnitt. Dafür ist es ziemlich nass und total
windig. Kannst Du das ertragen? An über siebzig Tagen im Jahr haben wir hier mehr als
Windstärke neun. Es gibt eine Wetterstation im Süden. Auf dem Hof Stórhöfði. Die gilt als
die windigste in ganz Europa.

Wirklich bewohnt ist nur Heimaey. Und Heimaey bedeutet heute viertausend Menschen auf
dreizehn Quadratkilometern Felsen im Nordatlantik. Früher waren es mehr als fünftausend.
Fast alle leben von den Fischen. Und sie lebten einmal gut davon. Aber die Zeiten ändern
sich. Wir kennen uns hier alle. Schon immer. Irgendwie. Es gibt drei Supermärkte und sogar
zwei Wochenzeitungen: „Die Wache“ und „Die Nachrichten“. Den jüngsten Vulkan der Welt,
den „Eldfell“. Das heisst „Feuerberg“. Er ist genau einen Tag jünger als ich. Aber viel größer.
Zweihunderteinundzwanzig Meter ist er hoch. Wegen ihm mussten wir alle unsere Heimat
verlassen. Im Januar 1973. 5 Monate hat das für die meisten gedauert und für mich noch
sehr viel länger. Wir haben hier einen Golfplatz. 18 Loch. Ich habe gelesen, der sei etwas
besonderes. Ich kann das nicht beurteilen. Ich spiele kein Golf. Spielst Du Golf, Bruno? Ich
kann mir das nicht vorstellen, aber das muss nichts heissen. Vielleicht lernst Du es hier. Ich
denke, man kann hier eine Menge lernen und von hier mitnehmen zurück in die Welt. Eine
andere Welt. Wenn man nur will.

Bei uns funktionieren manche Dinge anders. Wir glauben an mehr als an das, was wir sehen
und anfassen können. Stell Dir vor, die Hälfte aller Isländer glaubt an Elfen. Sie glauben an
Zwerge. Und an Huldufólks. Huldufólks sind Mischwesen aus Elfen und Menschen. Die
unsichtbaren Menschen. Stell dir vor, neunzig Prozent halten die Existenz für möglich. Das
wird aber niemanden wirklich wundern, der schon mal hier war. Surreales Island. Wir haben
sogar eine Elfenschule. Es ist die einzige auf der ganzen Welt. Sie wird geleitet vom
Historiker Dr. Magnús Skarphedinsson. Er selbst hat noch keine Elfen gesehen. Er meint
aber, dass das nicht zwangsläufig bedeute, dass es keine gäbe. Magnús dokumentiert die
Erfahrungen unserer Landsleute, die behaupten, Kontakte mit den Geisterwesen gehabt zu
haben. Und dabei ist es angeblich auch schon zu sexuellen Kontakten gekommen. Außerdem
gibt es da auch noch Erla Stefánsdottir. Sie ist Klavierlehrerin und die Elfenbeauftragte des
Reykjaviker Bauamtes. Sie kennt ungefähr 18 verschiedene Elfentypen und zeichnet als
Medium im Auftrag der Stadtverwaltungen und von Privatpersonen sogenannte Elfenkarten.
Und sie berät bei Bauvorhaben. Die Geisterwesen leben an vielen Orten und sie mögen es
nicht, wenn man ihre Harmonie stört. Das klingt sicher alles ganz schön schräg und Du magst
sicher wissen, ob ich auch an diese Dinge glaube. Sagen wir so, wenn wir von Geisterwesen,
„Geist und Wesen“ sprechen, glaube ich an ein Wesen der Dinge, an Geist, Spirit und auch
an die Harmonie der Natur. Ich brauche es nicht ganz so stofflich wie viele meiner
Landsleute, aber so weit liegt das alles auch nicht auseinander. Oder? Ich mag intelligente
Spiritualität. Und wenn Du ja sagst, haben wir viel Zeit, darüber zu sprechen und
nachzudenken.

Auf Heimaey gibt es übrigens eine Besonderheit. Hier lebt ein ehemaliger
Parlamentsabgeordneter. Árni Johnsen. Er ist felsenfest davon überzeugt, dass ihm ein paar
Elfen das Leben gerettet haben. Bei einem Autounfall. Und so hat er einen Felsen mit Elfen
mit auf unsere Insel gebracht. Das gab Streit und Diskussionen auf dem Festland. Vor allem
mit der Elfenschule. Die Elfenspezialistin Ragnhildur Jónsdóttir hat dann das Unternehmen
begleitet und die Elfen unterwegs mit Honig gefüttert und beruhigt. Das sollen sie besonders
mögen. Der Felsen hat neben seinen vielen Tonnen Gewicht noch ein paar weitere
Extravaganzen. Unter anderem sollen in ihm drei Generationen Elfen leben. Das ist wohl
absolut außergewöhnlich und beschert uns eine Art Elfentourismus. Wir können uns das
ansehen wenn Du magst. Vielleicht siehst Du ja mehr als ich. Ich bin sehr gespannt.
Ich möchte Dir auch gerne noch kurz von der Erschaffung der Elfen erzählen. Sie wird in
einem sehr bekannten, isländischen Märchen beschrieben und ging in etwa so: Adam und
Eva bekamen Spontanbesuch durch den Allmächtigen. Natürlich präsentierten die beiden
voller Stolz ihre Kinder. Der Allmächtige fand den Nachwuchs prima und fragte, ob es noch
mehr gäbe. Aber Eva hatte noch nicht alle Kinder gewaschen und schämte sich dafür. Sie
wollte die schmutzigen Kinder nicht vorzeigen und verneinte daher. Der Allmächtige wäre
nicht der Allmächtige, wenn er das nicht gewußt hätte. Also sagte er: “Was vor mir
verborgen wird, soll auch den Menschen verborgen sein.” Und so wurden die schmutzigen
Kinder für alle unsichtbar und wohnten in Bergen, Hügeln, Felsen und Steinen. Und von
ihnen stammen die Elfen ab. Wir Menschen stammen von den gewaschenen Kindern ab.
Gibt es eine Moral aus dieser Geschichte? Vielleicht die, dass man sich genau überlegen
sollte, ob man jemanden verleugnen sollte und was dadurch alles passieren könnte. Und das
nicht nur für einen selbst.

Außerdem mag ich Dir noch vom „Innovationsbüro“ berichten. Großartig, oder? Alleine der
Name! Ich dachte gleich an dich und Deinen Freund Markus. Im Büro arbeiten Kristin
Johannsdottir und Sigurjon Haraldsson. Beide waren lange im Ausland und sind mit ihren
Familien wieder auf die Insel gezogen. Das Büro soll Heimaey nach vorne bringen.
Wirtschaftlich, touristisch und überhaupt. Ich bin gespannt wie Du die beiden findest. Ich
mag sie sehr. Sie geben einfach nicht auf. Die haben sich das auch mit dem Inselkünstlerpaar
ausgedacht. Du weißt: „unser Job“. Achja … hatte ich Dir eigentlich gesagt, dass wir ein Jahr
lang auch darüber berichten müssten? Über unser Experiment? Blog, Facebook und so
weiter? Oder hatte ich das etwa vergessen? Würdest Du? Mit mir? Echtes Leben leben und
darüber schreiben? Das was Du richtig findest und das was ich richtig finde und das was wir
beide richtig finden? Ich habe so viele Bilder in meinem Kopf.

Machst Du mit?
Vona