9. Dezember 2014

Wer hat Angst vor solchen Frauen?

#‎mannundfrau‬

Heute früh bekam ich elektronische Post von meiner Freundin Sandra. Sandra ist immer verdammt neugierig und lässt ungern locker. Ich ahnte schnell, dass ich sie kaum mit ein paar Zeilen Messenger hätte abspeisen können. Sie hatte auf meinem gestrigen Lotterbett-Post auf meinem Facebookprofil erkennen können, dass dort, zwischen vielem, wunderbarem Wochenendlesestoff auch die letzte ZEIT vom 4. Dezember in Griffweite lag. Die Vermutung, dass ich sie auch gelesen haben könnte, lag verdammt nah … bei diesem Titel: „Wer hat Angst vor solchen Frauen? Warum die vielen, jungen erfolgreichen ohne Partner bleiben?“
Hab ich, Sandra. Na klar!

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Guten Morgen Bruno, meine Fragen zu den an Frauen "gewünschten" Charaktereigenschaften und Verhaltensweisen stiften oft Unverständnis oder Verwirrung. Ich frage wohl auch immer etwas naiv. Vielleicht auch absichtlich. Aber Fakt ist, dass ich mich schon lange über tolle Singlefrauen wundere, die keinen Mann finden - obwohl sie wollen. Es gibt ja auch Singles, die es bleiben wollen. Und ich wundere und ärgere mich über die Männer, die -mit Verlaub- keine Eier mehr haben. Zögern. Zaudern. Unklar sind. Und höre und lese (kuck mal in die ZEIT, die auf Deinem „Lotterbett“ liegt), dass moderne Frauen keine Hilfsbedürftigkeit mehr austrahlen und Männer das abtörnt. Und Männer mögen es offenbar auch nicht, wenn man als Frau zu offen ist. Habe ich persönlich jedenfalls den Eindruck. Aber dieses Haare zurückstreichen - Getue usw. das ist doch albern, oder? Ich habe oft Gespräche darüber mit meinen Mädels und auch mit meinem Mann. Aber der ist eh ein Frauenversteher, das gilt nicht. Was ist los mit Frauen und Männern, Bruno? Dich beschäftigt das doch auch, oder?
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Liebe Sandra,
ob mich das beschäftigt? Es ist eine der zentralen Fragen des Universums. Für mich. Als allererstes fällt mir dazu ein fabelhaftes Zitat von Bernhard Ludwig ein aus seiner großartigen „Anleitung zur sexuellen Unzufriedenheit“. Der Psychologe und Kabarettist hält darin fest, dass „die Wahrscheinlichkeit, dass eine begabte Frau über 30 einen guten und freien Mann bekommt gleich groß sei wie von einem Cockerspaniel in der Antarktis zerfleischt zu werden“.

Ein unbedingter Literaturtipp zum Thema lautet „Die Evolution des Begehrens - Geheimnisse der Partnerwahl“ von David Buss aus dem Jahr 1995. Und Buss könnte es wissen. Er ist Professor für Psychologie an der Elite-Universität Stanford und hat für sein Werk die Partnerwahlstrategien aus 37 Kulturen zusammengetragen und wissenschaftlich näher angeschaut.
Ein ganz wesentliches, wenn auch unbequemes Ergebnis der Studie ist, dass mit der relativ freien Partnerwahl in der westlichen Welt ab dem letzten Drittel des zwanzigsten Jahrhunderts ein Phänomen prominent wurde, nach dem die Damen deutlich höhere Erwartungen an das andere Geschlecht hatten und haben, als es die Evolution für sie vorgesehen hätte. Sie sind eben so programmiert. Na gut. Das knappe Angebot der gewünschten Leistungsträger kann aber naturgemäß kaum alle Anfragen zufriedenstellend bedienen. Hm. Und im zweiten und dritten Durchgang wird das kaum leichter. Denn da wird der Markt erfahrungsgemäß noch ein bisschen enger. Es wird dann ja auch noch schärfer parametrisiert.
Das ist allerdings vermutlich nicht der Denkansatz, über den Du mit mir sprechen magst, Sandra, oder?

Du sprichst davon, dass Männer klassische Signale bevorzugen, die niedlichen Gesten. Dass sie sich in einem konservativen Kerlemotiv und als Beschützer wohler fühlen. Ist das wirklich so? Ich glaube eher, dass beide Geschlechter stark verunsichert sind in ihren Rollenbildern und dass nicht sauber kommuniziert wird. Im innen wie im außen. Die Medien tun ein übriges. Wenn ich schon diese fürchterlichen Stereotypen sehe, die mir Print, Glotze und Co. als „Powerfrauen“ überbrühen wollen. Du lieber Himmel. Auffällig ist doch, dass vor allem Frauen für Frauen und über Frauen schreiben und dass es für die Männer ohnehin kaum diesbezügliches zu lesen gibt. Und jetzt komm mir bitte nicht mit den Plattitüden rund um „Kicker“ und „Autobild“.

Ich bin in einem Frauenhaushalt aufgewachsen: Großmutter, Mutter und Schwester. Alle mutig, tapfer, intelligent und erfolgreich. Die erste aus Jahrgang 1894. Da war das noch alles andere als selbstverständlich mit der beruflichen Selbstverwirklichung. Fast alle meine Freunde sind starke Frauen über 40, über 50 und darüber. Ich mag das. Schätze das. Starke Frauen auf Augenhöhe. Ich kann mir das für mich nicht anders vorstellen. Habe es halt so gelernt. Leider habe ich oft die Erfahrung machen müssen, dass der Anspruch auf Augenhöhe nicht für alle Lebensbereiche gelten soll. Vor allem nicht wenn es um Verantwortung geht. Wenn es mal unbequem wird. Leider ist bei vielen ein Notprogramm dann aber nicht mehr vorgesehen. Der Zahn wurde schon erfolgreich gezogen. Der Biss blieb auf der Strecke. Du nennst es „Eierlosigkeit“. Tja. „You can’t eat the cake and have it“.

Für meinen Teil wünsche ich mir etwas mehr Selbstverständlichkeit und ehrliches Interesse an einander. Lasst doch mal Männer über Frauen schreiben und umgekehrt. Einblicke haben, Erkenntnisse gewinnen. Ich glaube dass es um geben und annehmen geht. Nicht nehmen: annehmen. Annehmen ist so aktiv wie geben, man nimmt nicht einfach mit. Es geht darum, „Ruhe in einem anderen Herzen zu finden“ (Julie de Lespinasse). Da muss man jemanden die Ruhe auch finden lassen. Und es geht darum, nie aufzuhören anzufangen und genau das auch zulassen zu können. Damit wäre schon viel geholfen. Meine eindringlichste Empfehlung aber lautet: Redet miteinander. Oft und über alles. Aber das ist natürlich eine private Meinung und sehr subjektiv. Und einfach ist das alles nicht.
Wollen wir weiterdiskutierten, Sandra? Ich freue mich schon darauf.