von Dialogen in den Sozialen Medien.

„Ironie findet die Nähe zur Wahrheit in der Distanz.“

Der Begriff „Ironie“ stammt aus dem Altgriechischen, bedeutet wörtlich „Vortäuschung“ oder „Verstellung“ und beschreibt grundsätzlich eine rhetorische Figur. Dazu werden Behauptungen aufgestellt, die mit der wahren Einstellung oder Überzeugung des sich Mitteilenden nichts zu tun haben. Dieser reicht die seinem ausgewählten Publikum allerdings ganz oder zumindest teilweise verständlich mit durch.

Die rhetorische oder instrumentelle Ironie ist ein Werkzeug zur Selbstdistanzierung von Zitiertem oder eben Methode, Personen polemisch zu adressieren. Daneben gibt es noch die sogenannte romantische Ironie in der Literatur oder auch die objektive Ironie, beispielsweise zur Darstellung von Ereignisfolgen, gegensätzlich oder vorwegnehmend, aber das führt mir hier jetzt gerade vielleicht ein bisschen zu weit.

Zurück zur rhetorischen Ironie. Die schlichteste Variante, sozusagen die „Ironie light“, ist das exakte Gegenteil von dem zu behaupten, was man tatsächlich meint. Um allen Missverständnissen vorzubeugen, begleitet man die Aussage idealerweise mit sogenannten „Ironiesignalen“. Das nimmt dem Ganzen zwar schon jede Menge Charme, aber verhindert eben oft auch bizarre Interpretationsansätze. Dabei helfen Mimik, Gestik, die Betonung oder auch der Einsatz von Anführungszeichen und einiges mehr. Solche Signale machen dem Adressaten stufenlos regelbar deutlich, dass der Absender seine Aussage bitte nicht wörtlich, sondern ironisch verdaut wissen will. Und manchmal hilft da nur noch Grobmotorik, ein Entschlüsseln bis auf die Knochen, um den matten Augen des Gegenübers ein wenig Glanz zu verleihen. 

Das Verstehen von Ironie wurzelt im gemeinsamen Wissen und in gemeinsamen Überzeugungen. Die Ironie verletzt vermeintlich diesen gemeinsamen Kenntnisstand und widerspricht den Erwartungen. Sie ist Bewertungskommunikation, einvernehmlich oder nicht, vollkommen egal.

Über das Gelingen von Ironie entscheidet neben einer realistischen Reflexion des eigenen Wissens, vor allem eine erfolgreiche Einschätzung des Wissens des Enpfängers und die Fähigkeit, dessen Gedankenentwicklungen abzuschätzen.

Es gibt tatsächlich so etwas wie ein unausgesprochenes Ironierecht, korrespondierend zu Hierarchien. Und die Ironie als Gradmesser vermeintlicher oder offensichtlicher, intellektueller Unterschiede. Darauf und auf weitere Details müssen wir an dieser Stelle jetzt aber nicht mehr einsteigen.

Denn eigentlich geht es mir und hier ja weniger um einen Definitionsversuch zur Ironie, als um den Ursachenbeleg des oftmaligen Scheiterns von Dialogen in den Sozialen Medien und um das katastrophale Metastasieren von Missverständnissen in zahllosen Threads.

Und damit wird diese Durchnahme von Ironie nicht nur eigentlich schon zu ihrerselbst ... quod erat demonstrandum.

Die Katze beisst sich in den Schwanz.

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heute schon gepurzelt

Achtung: der 27. Mai 2019 ist „Welttag des Purzelbaums“!


Das ganze ist sicher keine grundschlechte Idee, mit der der evangelische Theologe Jörg Wilkesmann-Brandtner seit 2009 zu guter Laune in Bewegung motivieren möchte und ich erspare mir und Euch auch ausnahmsweise alle denkbaren, zynischen Randnotizen in dieser Konstellation.


Ein Purzelbaum besteht grundsätzlich aus einer Rolle nach vorne und dem Aufrichten daraus, woher auch der Name stammt: etymologisch aus dem Purzel (sich rollen) und dem folgenden Baum (sich aufbäumen). Es ist kaum verwunderlich, dass es zum Purzelbaum viele bemerkenswerte sprachliche Varianten im regionalen Idiom zu finden gibt: den Kobolz oder den Kalabums, einen Kopsterbölter wie den Kusselkopf, den Pusselkopp oder auch den Kisselköpper.


In anderen Sprachen klingt das so: die Briten kennen den „somersault“, die Franzosen die „galipette“, Die Italieninger nennen es „capriola“ (klingt nach einer cremigen Eisspezialität) und die Spanier „voltereta“ (ich muss da so schwere, rote, autochthone Weine denken … Hauptsache, es dreht sich). Die Turner nennen den Purzelbaum erwartet nüchtern wie banal im „Kraft-durch-Freude-Style“ schlicht und zackig „Rolle vorwärts“. Triumph des Willens: schade, Chance vertan.


Und eine Weltmeisterschaft gibt es natürlich auch, die Kalabums-WM in Bremen. Dabei rollen die Teilnehmer einen Deich hinab. Um die Wette. Der Weltrekordhalter Roman Lubetzki hat die 30 Meter lange Strecke in 4,93 Sekunden zurückgelegt. Ich kann mir das gerade nicht wirklich vorstellen.


Die größte Distanz mit Purzelbäumen legte eine zwölfköpfige Turngruppe aus Neuseeland zurück. Laut Guinness Buch der Rekorde schaffte sie innerhalb einer Stunde zehn Kilometer. Alle paar Meter wechselten sich die Mitglieder ab.


Der Weltrekordhalter im Vorwärtsrollen ist übrigens der US-Amerikaner (wie könnte es anders sein) Ashrita Furman, der in nur einer Stunde sage und schreibe 1.330 Purzelbäume unter Aufsicht absolvierte und dabei eine Strecke von 3,4 Kilometern zurücklegte.


Ashrita Furman hat über 600 Guinness-Weltrekorde aufgestellt, von denen über 200 noch immer gültig sind, wie zum Beispiel im Zehn-Kilometer-Sackhüpfen. Das macht ihn zum Menschen mit den meisten Weltrekorden überhaupt. Da er seine Rekorde fast alle in nicht zusammenhängenden Kategorien aufgestellt hat, nennt man ihn auch „Captain Versatility“. Naja, stimmt fast, eigentlich „Mr. Versality“, aber mir hat der spontane Einfall so gut gefallen, dass ich ihn Euch nicht vorenthalten wollte. Und ganz „relotius-unlike“, gebe ich das ja auch zu.


So, wie bekommen wir jetzt die Kurve?

Am besten mit dem Gedicht von Christian Morgenstern:


„der Purzelbaum“


Ein Purzelbaum trat vor mich hin

und sagte: "Du nur siehst mich

und weißt, was für ein Baum ich bin:

Ich schieße nicht, man schießt mich.


Und trag' ich Frucht? Ich glaube kaum;

auch bin ich nicht verwurzelt.

Ich bin nur noch ein Purzeltraum,

sobald ich hingepurzelt."


"Jenun", so sprach ich, "bester Schatz,

du bist doch klug und siehst uns; -

nun, auch für uns besteht der Satz:

wir schießen nicht, es schießt uns.


Auch Wurzeln treibt man nicht so bald,

und Früchte nun erst recht nicht.

Geh heim in deinen Purzelwald,

und lästre dein Geschlecht nicht."

… und einem Purzelbaum. Selbstgemacht natürlich.

Tut Euch nicht weh dabei. Habt eine schöne Woche.

B.

© motiv: Jörg Hennig via fotocommunity

PS: wie heißt "Purzelbaum" in Eurer, nichtdeutschen" Sprache?

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"to be with those I love!"

“to be with those I love!”

„Ich habe begriffen, daß es reicht, wenn man mit den Menschen zusammen ist, die man mag.“

Das ist Walt Whitman! In Übersetzung. Das habe ich verdammt lange nicht gelesen und es gefällt mir ungeheuer gut. Immer noch und immer wieder. Ein Impuls. Aber lieber im Original. In echt. Unbedingt, denn Whitman schreibt schmerzhaft klar, straff, geradeaus, voller Wucht, einzigartig:

„I have learned that to be with those I like is enough.“

Rumms. Was für ein Satz. Das ist doch gleich ein ganz anderes Kaliber. Frei, schnörkellos und wahr. Die deutsche Übersetzung verhungert im Vergleich.

Und ich mag für mich privat ergänzen, dass es noch einen Zacken besser geht. Inhaltlich. Denn noch schöner ist es doch, mit Menschen sein zu dürfen, die einen mögen. Die einen lieben. Einfach so, weil man ist und weil die Dinge sind wie sie sind.

PS: wer da tiefer einsteigen mag, dem empfehle ich den „Song of myself“ (Gesang von mir selbst) oder gleich die „Leaves of Grass“ (Grashalme). Lesen lohnt sich.

© 2014

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"für einen Freund"

Von Verlust.

Es ist Freitag. Die Woche geht zu Ende. Ein Ausklang, Auskuppeln an meinen Schnittstellen vom Nach- und Vorsortieren des Erlebten und des zu Erlebenden. Ein erleichternder Zustand des sich Beschäftigens ohne die geschäftigen Zwänge im gewöhnlichen Mon-zu-Donnerstag. Gewöhnlich. Im Kleinen. Und diesmal so viel größer. So groß, dass es mich einige Zeit über das wartende Wochenende hinaus beschäftigen soll und wird.

Mich erreicht die Nachricht vom Tod eines engen wie langjährigen Freundes meiner Familie: Cornelis Visscher aus Vleuten in den Niederlanden. Wir kannten ihn als Cees und unsere Familien trafen zusammen in einem langen, wunderbaren Sommer an der Nordsee. Mitte der Siebziger. Mit viel Sonne, Meer und einem großen Gefühl von Freiheit.

Er war schnell ein Held meiner Kindheit und ich tat mich schon immer eher schwer mit Helden. Locker war er, wirkte immer entspannt und sah aus wie der junge Mel Gibson. Witzig, intelligent und charmant. Und sein strahlender Humor steckte an. Cees nahm die Menschen ernst, schenkte ihnen im Gespräch seine volle, konzentrierte Aufmerksamkeit. Ganz gleich ob Kind oder Erwachsener. Das imponierte mir mindestens so sehr wie sein alter Sunbeam. Denn Rennen ist er auch noch gefahren. Für mich als Junge von nicht mal zehn Jahren eine unfassbar coole Kombination.

Es blieb nicht bei der zufälligen und unverbindlichen Urlaubsbekanntschaft. Unsere Familien besuchten sich. Regelmäßig. Nie einseitig. Alle wollten. Und das auch auf Distanz, denn wir waren zwischenzeitlich vom Niederrhein an die Nahe gezogen, was die Sprünge größer machte. Und die Verbindlichkeit verbindlicher.

Die Familien entwickelten sich und gediehen. Cees hatte eine zauberschöne Frau Marjan und die beiden Söhne Rutger und Jasper. Achtzehn Jahre jünger, zog ich dann irgendwann nach und nannte auch meinen Sohn Jasper. Weil mir der Name so gut gefiehl. Unterbewusst geschah das ganz sicher auch als Ausdruck meiner Verbundenheit. Bei sowas gibt es selten Zufälle.

Nun ist er gestorben. Mit neunundsechzig Jahren. Natürlich zu früh. Und genau in diesem Moment erkenne ich, dass wir uns leider nur sehr unregelmäßig gesehen haben. Arbeit, Alltag, Bequemlichkeiten. Ich bedauere das heute. Jetzt und zutiefst.

„Laufe nicht der Vergangenheit nach. Verliere dich nicht in der Zukunft. Die Vergangenheit ist nicht mehr. Die Zukunft ist noch nicht gekommen. Das Leben, wie es hier und jetzt ist, eingehend betrachtend weilt der Übende in Festigkeit und Freiheit. Es gilt, uns heute zu bemühen. Morgen ist es schon zu spät. Der Tod kommt unerwartet. Wie können wir mit ihm handeln?“

Erkenntnis im Augenblick. Ich lerne. Ich atme. Ich bin traurig.

”Unser ganzes Dasein ist flüchtig wie Wolken im Herbst. Geburt und Tod der Wesen erscheinen wie Bewegung im Tanz. Ein Leben gleicht dem Blitz am Himmel, es rauscht vorbei wie ein Sturzbach den Berg hinab.“

Beide Aphorismen sind von Buddha. Weit über zweitausend Jahre alt. Und beide begleiten mich seit vielen Jahren. Habe ich etwas daraus gelernt? Dass das Lernen nicht aufhört. Und das Wahrnehmen. Und die Wertschätzung.

RIP.

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"Tattoo"

Erst kürzlich ist in einem Thread zu meiner Timeline mal wieder die Diskussion zum Thema Tattoo aufgeflammt. Für und wider wurden heftig verteidigt. Inzwischen fehlt ja an allen Stellen die moderate Mitte. Der Ausgleich. Die neutrale Fläche. Politik, Medizin, Technik, Literatur, Sport oder Körperkunst - völlig Wurscht, fast jeder hat ein klares Bild und verteidigt das umso kleinere Wissen mit desto größeren Zähnen und Klauen. Ein interessantes Stichwort dazu ist der „Dunning-Kruger-Effekt“. Verkürzt geht es dabei um eine kognitive Verzerrung, in der mehr oder weniger inkompetente Leute die Tendenz entwickeln, die eigenen Kenntnisse zu überschätzen und in Ermangelung entsprechender Voraussetzungen die Kompetenz anderer leichter zu unterschätzen. Ein Teufelskreis, nicht nur in Social Media.

… vielleicht noch eine kleine Anekdote in Sachen Tattoo: ein Freund von mir, Gott hab ihn seelig, ging statt der Wehrpflicht nach, seinerzeit lieber gleich zu den Kampfschwimmern. Nach 6 Jahren Bundeswehr beschied er den Verein für zu lasch und wechselte lieber zur Fremdenlegion, bereiste ferne Länder, lernte interessante Menschen kennen und legte sie um. So und so. Legio patria nostra - für die Legion opferte er sein kurzes, aber durchaus reiches Leben auf dem Feld der Ehre.

In einer durchgesoffenen Nacht mit kreolischen Weibern in Kourou im Überseedépartement Französisch Guyana, nach seinem Wachdienst an der Ariane, hatte er den Punkt zum Verlust der Muttersprache bereits passiert, als ein paar Kameraden es für eine gute Idee befanden, ihm einen schwulhellblauen Kolibri auf die breite Brust tätowieren zu lassen, der ihm in die Herzgrube pickte. In seinem Schnabel ein Briefchen mit Herz und kurzer Zeile …

Heute bekam ich den Impuls und das Stichwort durch meinen Facebookfreund Johannes, als wir in einem Thread gemeinsam vor uns hinstänkerten. Das Ergebnis ist im Moment nur eine von vielen, authentischen Erinnerungen, aus der eine Story werden könnte. Und muß, wie ich finde. Ich sammle die inzwischen auf Zetteln. In Gedankenschnipseln wie diesem hier, weil ich leider beginne zu vergessen.

© 2017 Bruno Schulz

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"Zeit"

„Im Herbst steht in den Gärten die Stille, für die wir keine Zeit haben.“

Victor Auburtin hat das gesagt. Der lebte als Feuilletonist und französischer Auslandskorrespondent in Berlin. Über hundert Jahre ist das schon her, aber als ich heute morgen aus meiner Dusche in die herbstnebeligen Nachbarsgärten blickte, empfand ich das ganz ähnlich.

Nur Minuten darauf las ich dann den Auburtin und überlegte, dass sich die Dinge bis heute kaum wirklich verändert hatten.

Später in meiner Bürokorrespondenz wurde ich heute abermals mit der Zeit konfrontiert oder vielmehr mit dem Mangel daran. „Ich habe keine Zeit“, hier und da und dort. Alle Menschen ganz geschäftig. Und das nur wenige Stunden vor dem Wochenende. Natürlich hat man keine Zeit. Niemand kann die Zeit haben. Keiner kann sie besitzen. Es ist allerdings ein Riesenunterschied vorzugeben, keine Zeit zu haben oder eben diese wirklich zu nutzen. Das entspricht dem Gegensatz von Aktionismus und Aktion. Ich folge da gerne den Gedanken Senecas: „wir haben nicht zu wenig Zeit, sondern vergeuden zu viel davon“. Da hat er Recht. Die kluge Verteilung liegt in der persönlichen Gewichtung. Sich für die richtigen Inhalte zu entscheiden.

Mit der Zeit ist das so eine Sache. Es sind die eigenen Grenzen, die einen rückblickend zu der Erkenntnis führen, dass man in seinem Leben kaum zu wenig Zeit mit Arbeit, mit uninteressanten Leuten, mit ärgerlichen und tatsächlichen Nichtigkeiten verbracht haben wird. Allerdings leider viel zu wenig Zeit mit den Menschen und den Dingen, die man wirklich liebt.

„Ich jedenfalls möchte keine Zeit haben, in der ich keine Zeit habe“ (… hier bediene ich mich bei dem Politikwissenschaftler André Brie). Verdammt Recht hat er.

So ist das. Ich mache es also wenigstens heute besser, denke ich in erwartungsvoller Vorfreude auf einen ruhigen Leseabend mit schläfrigfaulen Gedankenpausen an einem kalten Freitagabend im November. Mit meiner Süssen auf der Couch und einem Glas Auxerrois in Griffweite.

© November 2015

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"die Melancholie"

Die Melancholie wirkt langsam. Sie schleicht und ist ein süßes Gift. Ich bin süchtig danach. Denn in melancholischen Momenten spüre ich die Schürfwunden auf meiner Seele. Schlimm? Schön? Schlimmschön!

Der französische Dramatiker Nicolas de Chamfort, immerhin Mitglied der Académie Française, notierte in seiner Anekdotensammlung „Maximen und Gedanken“ von 1795: „Es gibt eine Melancholie, die mit der Größe des Geistes zusammenhängt.“

Den Schuh zieht sich sicher mancher nur allzugerne an. Ich finde die Übersetzung nicht ganz glücklich und tausche die „Größe“ gegen eine „Weite“. Runter von dem hohen Roß. Denn das schenkt der Befindlichkeit ganz neue Perspektiven und macht aus dem Versuch, das Unfassbare zu parametrisieren eine ungreifbare Unendlichkeit.

© 2015/2017 Bruno Schulz

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"von Enttäuschungen"

„Die Ungewißheit ist schlimmer als die Enttäuschung.“

So notierte es das schottische Nationalheiligtum Robert Burns schon gegen Ende des 18. Jahrhunderts. Und daran hat sich wenig geändert. Das war wie es heute ist. Denn was er da beschreibt, ist der ernüchternde, aber schließlich auch erlösende Schritt von der Fremd- in die Selbstbestimmung.

Die Enttäuschung ist im Grunde kaum etwas anderes als ein Kater. Die Strafe für eine realitätsbetäubende Gefühlsduselei. Auch dem „Enttäuschungskater“ geht eine besondere Art von Betäubungsmittelmissbrauch voraus: das naive Vertrauen in eine Illusion, die sich nicht erfüllen will.

Der schmerzhafte Schnitt ist die Erkenntnis. Und die besondere Würze liegt in der Feststellung, sich selbst eine Kulisse geschaffen zu haben, die der Realität nicht standhalten will. Ein Bild, an dem man verzweifeln könnte. Aber Heilung ist in Sicht. Die Fähigkeit unseres Gehirns, den kaltfühligen Schmerz auch wieder auszuschleichen. Irgendwann. Das ist gnädig. Und ein großes Glück!

Namaste.

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"das Nun"

„Life is a dream for the wise, a game for the fool,
a comedy for the rich and a tragedy for the poor.“
Sholem Aleichem  

Die Zukunft schwindet schneller als die Vergangenheit wächst. Und das gefühlte Phänomen beschleunigt noch von Tag zu Tag, Woche zu Woche, Monat zu Monat und Jahr zu Jahr. Die Schnittstelle zwischen gestern und morgen ist das „Nun“. Und das schneidet wie das heisse Messer in die Butter. Das „Nun“ ist der leuchtendrote, pulsierende Punkt, der auf der Zeitachse entlangjagt. Immer rasanter, unaufhaltsam, immerweiter, wenn man nicht hin und wieder die Richtung wechselt, das Ruder herumreißt. Die Kurskorrektur wird immer schwieriger, schmerzhafter und unwahrscheinlicher, desto mehr man an Fahrt schon aufgenommen hat.

In Bewegung. Ohne Pause. Gewaltig. Unabänderlich. Und leider wissentlich endlich. Die herzpochende Kraft der Träume weicht einer stillen Melancholie. Victor Hugo hat gesagt „Melancholie ist das Vergnügen, traurig zu sein.“ Ist es das? Oder ist dieses scheinbare Vergnügen ein lauer Trost dafür, dass man Dinge hat geschehen lassen? Dass man nicht aufgepasst hat. Auf das „Nun“. Auf sich selbst und den Augenblick der Entscheidung?

Leben ist jetzt. Nicht gestern und nicht morgen. Das „Nun“ ist heute und genau in diesem Moment. Die kleinen Striche auf der Skala der Zeitachse sind die richtigen Augenblicke für Fragen, die man sich stellen kann, darf, soll und auch muss. Zeit für Veränderung? Vielleicht. Sicher aber mehr Zeit für Glück.  

Buddha erfasste das wie folgt: „Laufe nicht der Vergangenheit nach. Verliere dich nicht in der Zukunft. Die Vergangenheit ist nicht mehr. Die Zukunft ist noch nicht gekommen. Das Leben, wie es hier und jetzt ist, eingehend betrachtend weilt der Übende in Festigkeit und Freiheit. Es gilt, uns heute zu bemühen. Morgen ist es schon zu spät. Der Tod kommt unerwartet. Wie können wir mit ihm handeln?“ Das ist jetzt mehr als zweitausendfünfhundert Jahre alt und hat an Gültigkeit noch immer nichts eingebüßt.

© Jan.2015/2019

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"vom Glück"

Das Meer hatte es angespült. So lag es nun da. das Glück. Glitzernd am Strand. Wunderschön und funkelnd in der frühen Morgensonne. Brandung. Salz in der Luft. Gischt. Magisches Licht. Der Geruch wilder See.

Sie sah es schon aus der Ferne. Sprang barfuss die Dünen hinab und im gleichen Rhythmus sprang ihr Herz. Laut und bis zum Hals. Die Haare flackerten im Wind. Sie näherte sich mit schnellen Schritten. Flapflapflap durch den feuchten Sand. Und als sie das Glück fast erreicht hatte, hielt sie inne. Sie hatte schon eine Vorstellung von Glück, doch ihr eigenes hatte sie noch nie gesehen.

„Ist das wirklich mein Glück?“ Sie lief um das Glück herum, umkreiste es und betrachtete es von allen Seiten. Schnippte den Sand mit den Zehen vor sich her. Kühl, feucht. Wieder und wieder. Bis einer jener kleinen Kanäle entstanden war, die wir alle schon einmal am Strand haben entstehen lassen. Sie kniete und reckte sich, um das Glück aus allen Perspektiven sehen zu können. Ein tiefsehnsüchtiges Aufsaugen mit den Augen.

Leicht hätte sie es berühren können. Keine Armlänge lag zwischen ihnen. Aber sie konnte nicht. Nicht so. Ein Gefühl. Stark wie in diesen Momenten mit den besonderen Überraschungen von besonderen Menschen. Dinge, die man nicht berühren mag. Nicht berühren kann. So wertvoll. Für diesen besonderen Augenblick. Mitten ins Herz. Es ist wie bei den Magneten, die sich anziehen und doch an gleichen Seiten abstossen.

Das Gefühl von Glück hatte sich schon in der Ferne eingestellt. Aber das mit dem Glauben an das eigene Glück ist so eine Sache. So ließ sie sich mit Abstand auf den Strand fallen. Zog die Knie an sich. Dachte nach. Betrachtete das Glück mit jenem offenen Blick in dem man alles sieht und nichts. Die Wahrnehmung ist überfordert mit all den Gedanken. Tausend Empfindungen rasen auf und unter der Haut.

Ein einsamer Strandläufer kam vorbei und grüßte. "Wie geht es dir?" "Da vorne, schau, ich habe mein Glück gefunden!" „Das Glück? Du Träumerin, das ist doch nur ein Stück Holz. Abgearbeitet von Sonne, Salzwasser, Sand und der Zeit. Treibgut, ja es hat was. Aber Dein Glück? Ist es das wirklich?“

Sie wandte sich wieder ihrem Glück zu. Und ja, er hatte recht. Jetzt schien da Treibholz zu liegen. Schimmerndsilbrig, rissig, morbide und schön anzuschauen. Treibholz. Aber. In nur einem Wimpernschlag war es wieder da. Das Gefühl. Das Besondere. Der Blick mit dem Herzen und die Sicht auf das Ganze.

Der Graben hatte sich mit etwas Wasser gefüllt. Kaum mehr als eine Pfütze. Und mit jeder Welle ein bisschen mehr. Das Glück lag nun auf einem Inselchen. Keine ferne Südseephantasie. Greifbar. Aber doch schon ein Inselchen. Selbstgemacht. Die Zeit. Der Graben war jetzt breiter. Das Inselchen bröckelte wie die Hallig im tosenden Wintersturm. Die nächste Welle kam größer. Sie musste aufstehen, um nicht nass zu werden. Sich zurückziehen. Noch hätte sie ihr Glück erreichen können. Ein paar pitschpatschende Schritte in der ablaufenden See, nur ein kleiner Griff. Sie konnte nicht. An einem Sommermorgen am Meer. Und das Glück war weg so wie es gekommen war. Ihr Glück.

© 2015

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"Loslassen"

“Wenn du etwas loslässt, bist du etwas glücklicher.
Wenn du viel loslässt, bist du viel glücklicher.
Wenn du ganz loslässt, bist du frei.”

Das hat Ajahn Chah gesagt. Ein theravadabuddhistischer Mönch in der Kammatthana-Waldmönchstradition, der sein Leben zunächst meditierend in absoluter Bescheidenheit verbracht hat. In den siebziger Jahren erarbeitete er sich einen internationalen Ruf als ausgezeichneter Lehrer im Theravada. Theravada ist Pali und bedeutet „Schule der Ältesten“. Der Theravada ist die älteste, noch existierende Schultradition des Buddhismus.

Dieser Hintergrund gibt dem Zitat ein stark spirituelles Fundament. Man muss sich allerdings kaum dem Buddhismus verbunden fühlen, um die Gültigkeit der Formel zu erspüren und zu verstehen. Denn die trägt ihre Wahrheit unabhängig von jeder Konfession.

Ich mag den Worten von Ajahn Chah ein zweites Bonmot zur Seite geben, das ich bei dem renommierten Psychologen Jack Kornfield gelesen habe in seinem „Offen wie der Himmel, weit wie das Meer. Worte der Weisheit für Vergebung und Frieden“ (erschienen bei Kösel).

„Die Dinge loszulassen bedeutet nicht, sie loszuwerden.

Sie loslassen bedeutet, dass man sie sein lässt.“

Für mich trifft es das genau.

© 2015
© Motiv: „loslassen - letting go“ • theflowmarket.com

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"Küssen"

„Küsse sind das, was von der Sprache des Paradieses übriggeblieben ist.“
Joseph Conrad

Küsse sind Sprache. Eine besondere. Grenzenlos. Fast jeder könnte sie sprechen. Ein bisschen. Man beherrscht sie immer nur gerade so gut, wie der andere sie verstehen mag. Küssen ist immer Botschaft. Man sollte gut zuhören.

Küssen kann plump sein, billig, aufgesetzt, verlogen, routiniert, aber auch elegant, sanft, wild, nuanciert, romantisch, poetisch, leidenschaftlich, dramatisch, persönlich, intim, traurig, glücklichst, liebeserklärend, leise, ein Schrei und so viel mehr.

Küssen kennt kein Wort für Hass. Es ist die einzige Sprache, deren Vokabeln man nicht alleine lernen, üben und verfeinern kann. Die Sprache, die immer schöner wird, desto häufiger und intensiver man sie mit dem Menschen spricht, den man wirklich liebt.

© 2014

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"Einfachheit"

Løkken, Nordjütland im August 2015.

"Einfachheit ist das Resultat der Reife." Friedrich von Schiller

Es sind nun bald zwei Wochen einfachen Strandlebens. Raubauzige Nordsee. Brüllende Natur. Entschleunigung total. Ich habe seit mehr als zehn Tagen keinen Schuh mehr getragen. Sand zwischen den Zehen und Leinen auf der Haut. Unser Haus in den Dünen. Keine hundert Meter in die Brandung. Mal 4, mal 5 und mal 6 Beaufort. Wind. Gischt. Salz. So viel Sauerstoff in der Luft. Eine eigene Düne mit Fernwehblick von Ewigkeitswert. Für den Morgenkaffee und den Abendtee. Schweigsames, einsames Einverständnis. Sonnenuntergänge für weit offene Münder. Wilde, echte Romantik. Der Schlaf ist tief und lang. Erholsam. Und die Nacht ist klar und voller Sterne.

Erst kommt die Ruhe. Dann kommt die Sehnsucht. Nach der Ruhe. Und der Einfachheit. Die Sehnsucht nach mehr Einfachheit im Alltag. Ich lese von der Einfachheit. Und bleibe an Jean-Jacques Rousseau hängen. Der Genfer Schriftsteller und Pädagoge sagte schon im 18. Jahrhundert:

"Auf allen Gebieten ist die Einfachheit verschwunden, selbst aus der Kinderstube. Schellen von Silber, von Gold, von Korallen, von geschliffenem Kristall, Klappern von jedem Preise und jeder Gattung - was für unnützes und verderbliches Zeug! Fort mit all diesem Krame! Fort mit den Schellen! Fort mit den Klappern! Kleine Baumzweige mit ihren Früchten und Blättern, ein Mohnkopf, in welchem man die Samenkörner klappern hört, ein Stück Süßholz, an dem es saugen und kauen kann, werden das Kind in ebenso großes Entzücken versetzen."

Da hat er Recht. Und das adressiert er sicher nicht nur an die Kinder. Jeder von uns kennt sein eigenes Süßholz. Oder das, was es ersetzen sollte, aber viel zu selten wirklich kann. Das was uns in unserem Alltag gefangen nimmt, uns bindet. An seine vorgebliche Zwangsläufigkeit. An sein scheinbares Muss. Hinterfragen lohnt. Zerlegen. Und entrümpeln. Atmen.

Eines dieser großartigen, jüdischen Bonmots sagt weise, leise und darin auch ganz laut und schmerzhaft wahr: "Während wir dem Glück hinterherlaufen, verlieren wir unsere Zufriedenheit." Ja. Ich spüre hier gerade einen Anflug von tiefer und ruhiger Zufriedenheit. Und die mag ich mir erhalten. Ganz unbedingt.

© 2015

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"sein und werden"

zwei Betrachtungen:
„vom Werden und vom Sein“

• Vol 01

„In allem, was hätte sein können,
bin ich von ganzem Herzen froh,
der zu sein, der ich wurde.
Und nicht, was ich vorgab zu sein,
als ich blind und taub war für das,
was ich aus tiefster Seele bin.“

• Vol 02

„In allem, was wäre,
gut mit dem, was wurde
und nicht, was sei,
ohne das, was ist.“

PS: ich mag sie beide.

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"Hässlich"

Der Schweizer Publizist Ernst Reinhardt meinte mal, dass man „eher einem Sympathischen das Falsche abnähme, als einem Unsympathischen das Richtige“.

Das sehe ich ganz ähnlich. Und um nicht zu lange auf falschen Fährten zu bleiben, den falschen Ideen und ihren Ausführungen auf den Leim zu gehen, versuche ich fast immer, möglichst genau hinzuhören und -zulesen. So vorurteilsfrei es eben geht. Im Zweifel auch dann nachzufragen, wenn mir das Gegenüber sehr unangenehm ist. Man will ja nicht in der sukzessiven Verengung der Weltsicht der eigenen Echokammer ersticken. In der alle mantraartig ewiggleiche Formeln beschwören. Sich selbst feiern im Kuschelkanon. Interpunktiert mit Emoticons und animierten Fantasiefiguren.

Manchmal muss man aber an einem „point of no return“ konstatieren, dass das Gegenüber nicht nur antipathisch ist, sondern das Gebahren pathologisch und die Aussage unbedeutend.

Es gibt Leute, die sind einfach in ihrem ganzen Wesen hässlich. Die allgemeine Definition macht Hässlichkeit am Widerspruch zu allgemeinen Normen und Idealen in den Kulturen und Epochen fest. Als Antipode von Schönheit und der allgemeinen Vorstellung davon. Aber auch an subjektivem Empfinden. Zur Bewertung von "hässlichen" Diskutanten in den sozialen Medien reicht mir letzteres.

Die evolutionäre Verankerung des Hässlichkeitsempfindens liegt im Allgemeinen in der Steuerung der Partnerwahl. Hier geht es um die genetische Fitness zur Sicherung des Fortbestands der eigenen Art. Offensichtlich ist das Hässlichkeitsempfinden aber auch eine Steuerung in der Wahl des Gesprächspartners. Da geht es dann um die Gesundheit des Dialogs. Daraus erklärt sich wohl das körperliche Unwohlsein, das sich binnen kurzer Zeit einstellt, wenn die Gesprächsform dauerhaft unbekömmlich bleibt. Als eine Art Vorzeichen. Bei aller Faszination für das Hässliche, die sogenannte „beauté du diable“: man wendet sich besser rechtzeitig ab, denn das Hässliche frisst einen an. Es färbt ab und verursacht schnell mehr als nur schlechte Laune. Als hätte man sich den Magen verdorben. Nur eben im Kopf.

Das Leben ist viel zu kurz für diesen Mist. Ich habe schon viele Menschen über vergeudete Zeit in ergebnis- wie manierenfreien Diskussionen maulen hören. Aber selten darüber, dass sie zuviel Zeit verbracht hätten mit denen, die sie mögen. Die Entscheidung sollte also nicht allzu schwer fallen. Schmeissen wir den Ballast einfach über Bord. Das Leben ist schön.

PS: es geht mit keinem Wort um Äußerlichkeiten.

© 2017
© motiv: „Die hässliche Gräfin“, Quentin Massys (1525)

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"Speckfilmspaghetti"

Am Eiermarkt

Heute sitze ich schirmbeschattet und palmengesäumt auf einem schmucken, kleinen Platz eines rheinlandpfälzischen Mittelzentrums, dessen Altstadt hier Neustadt heißt. Das Paradoxon leitet ganz wunderbar ein zur Widersprüchlichkeit von Ort und Situation und vielem mehr. Der historische Eiermarkt, so heißt die quadratische Fläche, brandet mit französisch anmutendem Charme an 3 Seiten an Barockfachwerk und auf der Vierten an die katholische Kirche St. Nikolaus. Die war mal Klosterkapelle des Karmeliterordens und wurde Ende des 13. Jahrhunderts zur Kirche umgebaut, gemäß den Erfordernissen der Bettelordensarchitektur. Der Turm entstand erst um 19hundert. Heute ist das ganze eine halbwegs harmonische Collage mit schönen Fenstern des Frankfurter Glasmalers Alexander Linnemann.

In der Mitte des Eiermarktes steht ein Denkmal zu Ehren des Metzgermeisters Michel Mort. Der Lokalheld hatte im Jahr 1279 in der Schlacht von Sprendlingen gegen die Truppen des Mainzer Erzbischofs erfolgreich Freiheit und Leben verteidigt. Seine steingewordene Heldenpose von Ewigkeitswert haben wir einem Sproß der legendären Bildhauerdynastie Cauer zu verdanken. Stanislaus in diesem Fall. Ende 19. Jahrhundert. Alles trieft und tropft vor kleinaltstädtischer Bedeutsamkeit und typische Fremdenführer würden das Ensemble wohl als „Herz vom sonst“ präsentieren.

Zwei gastronomische Betriebe und ein Hotel beleben die Fläche im Niederpulsbereich. Der Italiener linkerhand stellt sich als Sarde vor. Er ist schon lange hier zuhause und kochen kann er auch. Sein „Dolce Vita“ ist seit vielen Jahren meine Mensa und versorgt mich mit dem Notwendigsten zur Systemerhaltung. Heute sind das wie so oft und immer wieder gerne: Spaghetti „aglio e olio e peperoncini“. Mein Freund und Geschäftspartner Markus würde sie als waschechte Lebensretter bezeichnen. Und das stimmt. Gerne nehme ich als Vorspeise ein bisschen Grün. Darauf ein frisches Zitrusdressing. Das schmeckt mir. Schlicht und schön. Und es passt zum späten Sommer, der sich zur Mittagszeit noch reichlich kraftstrotzend vorstellt.

Als die Pasta den Tisch erreicht, öffnet sich ein Fenster in unmittelbarer Nachbarschaft und wie von einem Maestro von Weltformat mit wilder Geste und wirrem Haar auf den Punkt inszeniert, setzt zwar keine Streichergruppe ein, dafür aber ein umso lautstärkeres Pornogrunzen. Hier genießt ein Schwerhöriger seinen mittäglichen, autoerotischen Höhepunkthelfer. Er lässt sich auch durch lautes Rufen nicht beirren und setzt klar seine privaten Prioritäten. Glückwunsch. Stellt sich die Frage, ob tatsächlich überall Stroh liegt.

Die kulinarische Freude an den knofelolivenöligen Teigwaren bleibt verhalten, wenn sie durch ein aufgeheiztes „leck mich, leck mich, Du Sau“ konterkariert wird. Der Espresso wird untermalt von einem gehechelten Betteln um Analverkehr. Hm.

Ein paar Gäste finden das halblustig, der Wirt beschämend. Zumindest stellt er das immer wieder ganz erfolgreich dar.

Auch das ist der Eiermarkt. Sowas passiert, wenn die Stadtplanung ihre Kronjuwelen aufgibt, runterkommen lässt und nur noch die Besonderen dort in Miete bringt, wo das vorgebliche Herz geschlagen hat und auch heute noch schlagen könnte. Die goldenen Jahre sind noch gar nicht so lange vorbei. Mit Festen, Konzerten, buntem Leben. Ein Niedergang, den viele kleine Städte zu beklagen haben. Sie verlieren ihr Gesicht. Warum muss das sein? Ich finde das schade.

© 2017 Bruno Schulz

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"von Berauschtheit"

Kefi.
κέφι [ˈkjefi]

„… wenn Körper und Seele so sehr überwältigt sind von dieser hohen Ausgelassenheit, die genau jetzt ihren Ausdruck finden muss …“

„Kefi“ ist ein griechisches Wort und beinahe unmöglich zu übersetzen. Es beschreibt einen hochemotionalen Bewußtseinsmix aus Freude, Leidenschaft, Glück und Spiritualität. Aus bester Laune, Aufregung und der großen Freude, dieses wundervolle Leben zu lieben.

Das hat mich angefixt und so habe ich zu diesem spannenden Thema vor einiger Zeit das eine oder andere gelesen. In meiner Neugier stieß ich dank ordentlicher Quellenangaben irgendwann auch auf eine ungewöhnliche Dissertation, einen Exoten abseits des geisteswissenschaftlichen Mainstreams: „Coming into Being - metaphors of „self“ and „becoming“ in the carnival on the aegean island of Skyros“ von Agapi Amanatidis, der damit im Jahr 2005 in Philosophie promoviert hat an der anthropologischen Fakultät der Universität zu Adelaide. Klingt schräg. Ist klasse.

Da geht es unter anderem um die Stärkung der Gesamtheit einer Gemeinschaft durch eine besondere Form des Selbstausdruck an den Schnittstellen der Bewußtseinszustände von „Methi“ und „Kefi“, von trunkener Berauschtheit und glückhafter Extase.

Es lohnt sich ganz unbedingt, häufiger daran zu denken. Überhaupt sollten wir alle viel häufiger an der Schwelle von Rausch und Extase tanzen. Und am Glück …

Motiv: Anthony Quinn in „Alexis Sorbas“ … denn damit wurde „Kefi“ international.

© 2015

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"ein Vielleicht ist kein schönes Nein!"

„Vielleicht ist nichts ganz wahr - und sogar das nicht …“, Multatuli*

Das „Vielleicht“ als Raumdefinition. Ein Mittel zur Beschreibung des Unbeschreiblichen. Eines mäandernden Volumens zwischen ja und nein. Oft mit Tendenz, aber selten greifbar. Keine geordnete Skala. Immer subjektiv und unbewertbar, oft unfassbar. Ein Fetzen Stoff Hoffnung. Immer nur ein bisschen. Nur für die Fingerspitzen. Das Seil auf Spannung halten. Nur soviel, dass der Tänzer nicht abstürzt. Ohne Netz und doppelten Boden. Stark genug, die Zeit zu krümmen, aber auch, sie zu dehnen. Seelenanästhesie, Traumverstärker für die trostlosen Momente. Aber auch ein schlimmes Rauschmittel mit hinreichend Suchpotenzial, den Süchtigen auf Spur zu halten. Wie bei der Droge ist es die Dosierung, die entscheidet: Gift oder Medizin. Mit einem zwischenmenschlichen „Vielleicht“ übernimmt man eine schwere Verantwortung. Kein Spiel. Les jeux sont faits.

Es schmeckt nach Enttäuschung, wenn die Träume verderben.
Vielleicht.

* Multatuli ist Lateinisch und bedeutet: ich habe viel getragen. Es ist das Pseudonym von Eduard Douwes Dekker, einem niederländischen Kolonialbeamten und Schriftsteller, der von 1820 bis 1887 lebte.

© 2014

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"wenn Du vergibst"

„When you forgive,
you in no way change the past;
but you sure do change the future.“

Das ist ein ziemlich großartiges Zitat von Bernard Meltzer. Eines amerikanischen Rechtswissenschaftlers und Autors, der im Mai 2016 einhundert Jahre alt geworden wäre. Sein Bonmot ist einer dieser Edelsteine, die auf das vermeintlich Wesentliche abgeschliffen und mit einem beseelten Bildchen ausgestattet, durch die unendlichen Weiten sozialmedialer Kanäle treiben wie Kirk und Spock die gute, alte Enterprise durch Galaxien steuern, die nie ein Mensch zuvor gesehen hat:

„when you forgive,
you don’t change the past,
you change the future.“

… so die facebookläufige, gehaltreduzierte Light-Variante. Naja. Für mich bietet das eingangs präsentierte Original von Meltzer das Quäntchen mehr an Kraft, an Versammlung und Leidenschaft. Die Passion, den entscheidenden Schritt nach vorne zu tun und eine neue Tür zu öffnen. Ein Sog entsteht, dem man sich kaum entziehen kann und möchte. Los geht’s!

© 2015

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