vom Schicksal.

„… der Regen brüllt mich an und ich brülle zurück!“  
  
Das Schicksal beginnt da, wo der Wille endet.

Im Talmud steht, dass wer den Ort wechselt gleichsam sein Schicksal verändert. Ich würde es Perspektivwechsel nennen. Gibt es das überhaupt? Ein Schicksal? Ich weiss es nicht. Die Entscheidung trifft wohl letztlich jeder selbst.

Draussen nieselt es. Nicht kalt, nicht warm. Windlos. Vertikal. Fisselig. Dunkel. Es ist nicht mehr früh und eigentlich auch nicht spät. Eigentlich wollte ich nicht mehr vor die Tür. Eigentlich. Petra auch nicht. Kluge Frau. Sie bleibt zuhause. Auf der Couch. Sie liest und ich denke neidisch, dass ich es ihr hätte gleichtun sollen.

Es ist Ende April. Ein Donnerstag. Der kleine Freitag. Nicht viel los, aber auch nicht wenig. Mein Freund Jörg von Gegenüber ist schon im Wochenende. Andere auch. Manche immer.

Die Treppe runter und raus. Man zieht sich ja immer falsch an bei diesem Wetter. Zu dick für die Kneipe und zu dünn für den Weg. Mit den Chucks wollte ich nachmittags den Frühling erzwingen. Habe vergessen, sie zu wechseln. Eine Pfütze. Nicht darauf geachtet. Jetzt sind sie nass. Und die Füsse auch. Und klamm. Scheisse. Gleich am Start.

Die Jungs hatten angerufen. Sie klangen schon reichlich unrund. Kamen gerade aus dem Stadion. So kann man sie nicht mehr einholen. Aber absagen? Schon wieder? Na gut. Eine Stunde. Ich komme. Um die Ecke. Hein-Hoyer-Straße. Hinricus Hoyeri. Der Bürgermeister. Seine Mutter hieß Womele. Auch Windelmut. Daran muss ich denken. Und lächeln. Der Vater hieß Albert. Vermutlich. So heisst es. Aber das ist ja auch schon über 600 Jahre her. Und jetzt ist heute. Und St. Pauli hat gespielt. Und das Gegröle nervt. Und die Besoffenen. Aber das gehört eben dazu. 

Rein zu Horst. Ins Weltbekannte. Da sitzen sie schon. „Hallo.“ „Ja, Hallo.“ Na super. Sie nehmen noch einmal lauthals das Spiel durch. Wie in Zeitlupe. Aber das merken sie natürlich nicht. Große Geste. Unglaublich sachlich. Und jeder Satz mit Anlauf. Ich lass Euch mal. Ok, Sarah: „Tanqueray und Fevertree“. Sie schraubt schon die Flasche auf. Links, quer über den Tresen sitzt einer vor seinem Glas auf der Bank. Dieser alten, fleckigen Bank zwischen Bar und Schaufenster. Gefühlte hundert Jahre sieht es hier schon so aus. Trinkt Beck’s vom Fass. Er schaut melancholisch. Spielt mit einer Spielkarte. Als wolle er Patiencen legen. Schaut auf die Karte, dann auf den alten Tresen aus dunklem Holz, wieder auf die Karte, wieder auf den Tresen und dann auf mich. Patiencen? Zugegeben, mit einer Karte geht das schlecht. Er schaut. Neugierig. Sucht anscheinend Anschluss. Abwechslung. „Alles klar?“ frage ich ihn. Er nickt halb, halb schwenkt er den Kopf. „So lala.“ „Was ist los?“ „Liebeskummer.“ „Ohje. Reden?“ „Warum nicht.“

Mit meinen Jungs ist nichts mehr anzufangen. Sie schwadronnieren ihre Trainerexpertisen in eine inzwischen deutlich angewachsene Gruppe von lauter Bundesligaübungsleitern. Sie kämpfen an gegen die alte Jukebox am anderen Ende des Tresens. Da wo die Tochter von Arved so gerne sitzt. Arved, Du großartiger Barmann. Lotse der Spätheimkehrenden. Rest in Peace. Steffi ist seine Tochter. Sie ist die Gallionsfigur, eine Walküre, die uns Seeleuten Glück verheisst. Auch wenn es einmal eng wird, hier und auf hoher See.  Vor ihrem Stammplatz eine Schale Chips. Wer daraus naschen darf, hat es geschafft. Der gehört dazu. Ein Adelsschlag im Crazy Horst. Und aus der Wurlitzer kreischt Chaka Khan ihr unvergleichliches  
  
„Ain’t nobody loves me better.  
Makes me happy.  
Makes me feel this way.
Ain't nobody loves me better than you …“  
  
Im September 1983 hat sie das aufgenommen. Mit Rufus. Für das großartige Album „Stompin’ at the Savoy“. Rechtzeitig zu meinem 18. Geburtstag. Ich habe das immer noch. In Vinyl. 33 Jahre Lieblingslied.

„I want this dream to be real,
I need this feelin’,
I make my wish upon a star
And hope this night will last forever.“

„Bert. Ich heisse Bert.“ „Und ich bin Bruno.“ „Das habe ich schon gehört.“ Wir stossen an. Und bestellen nach. „Was ist los mit der Liebe?“ „Ach, es ist kompliziert.“ Da ist sie. Plötzlich. Die Vertrautheit unter Fremden in diskreten Themen. Dinge die man niemandem erzählen mag, den man morgen sicher wiedersieht. Und für die Kerle gilt das gleich doppelt. Er spielt wieder mit seiner Karte. Ich versuche nicht darauf zu achten. Ich mag ihm zuhören, mich konzentrieren. Er ist sympathisch und er möchte reden. Was auch immer er mir erzählt, der Abend hat eine interessante Wendung genommen.   
  
Die Luft ist zum Schneiden. Fast alle Zecher rauchen, als gäbe es weder ein Morgen noch irgendeine wissenschaftliche Erkenntnis zu den gesundheitlichen Folgen von übermässigem Tabakkonsum. Der Glücksspielautomat dreht seine Leerrunden, blinkt wütend, aber keiner mag Notiz nehmen. Das echte Leben ist interessanter. „Sarah, noch einen bitte.“  
  
„Da ist meine Frau.“ „Sie macht Probleme?“ „Ja, aber sie hat recht. Ich verstehe sie. Ich habe eine Affäre und sie hat es herausbekommen.“ „Hm. Ist es ernst?“ „Der Ärger?“ „Die Affäre.“ „Ja sehr. Aber es ist nicht leicht. Wir sind beide in festen Beziehungen.“ „Oha. Das kenne ich.“ „Echt?“ „Ja, wirklich. Es ist 2 oder 3 Jahre her. Ich habe mich im Job in eine Kollegin verliebt. Sie war so frisch, so anders. Das tat so gut nach 15 Jahren Beziehungsleben.“ „Und?“ „Es ging ein paar Monate hin und her. Wir wollten uns von unseren Partner trennen. Hatten sensationelles Gevögel. Tolle Ausflüge. Wilde Reisen durch die Nacht. Alles war gut. Fast zu gut. Nur fühlte es sich nicht wirklich an wie echtes Leben. Es waren irgendwie nur Momente. Höhepunkte. Aber irgendwie fehlte das Dazwischen. Da war nichts. Vakuum. Es fehlte der Alltag. Das Gemeinsame in dick und dünn. Aber das gehört dazu. Das macht Leben aus.“ „Was ist passiert?“ 

„Doc Doc Doctor Doctor Beat …“ Gloria Estefan. 1984. Der Mann an der Wurlitzer gibt alles. Zeitreisen mit einer Träne im Knopfloch. Oder zwei. Zurück in die Zukunft. Die Musicbox wird zum DeLorean und mein Gin Tonic ist der Flux Kompensator.

„Als ich aufgeflogen bin, war es eigentlich schon vorbei. Wir haben uns ausgesprochen. Eine Therapie gemacht. Uns vertragen. Es ist gut so. Ich habe eine gute, intelligente Frau. Wir verstehen uns. Es ist nicht mehr die große Leidenschaft. Aber wir haben unsere Ebene gefunden.“ „Das klingt gut. Bei mir ist es ein bisschen anders. Es geht nun schon ein Jahr. Sie will mehr.“ Wieder spielt Bert mit seiner komischen Karte rum. Es kostet mich einige Konzentration, mich nicht davon ablenken zu lassen. Zumal mit 4 oder 5 Gin Tonics intus. So genau weiss ich das gar nicht. Die Drinks sind nicht billig, aber die Mischung ist heute hart. „Sie will ihn verlassen und möchte mit mir zusammenziehen.“ „Und Du? Was willst Du?“ „Ich weiss es nicht. Ich liebe sie. Aber es ist ein großer Schritt.“ „Was wäre anders?“ „Alles. Im Moment. Weisst Du, sie ist eine starke Frau. Ich bewundere und begehre sie. Sie ist kein Mädchen. Eine richtige Frau. Selbstbewusst. Aufrecht. Verbindlich. Wir verstehen uns. Es ist großartig. Ganz wunderbar. Ich brenne für sie.“ „Wow. Das ist eine ganze Menge.“
  
Jimmy Somerville, Bronski Beat. Wieder 1984. Smalltown Boy:
„You leave in the morning with everything you own
In a little black case
Alone on a platform, the wind and the rain
On a sad and lonely face“  
  
Bert spielt wieder mit seiner Karte. Auf der Rückseite ist ein Foto. So sieht es zumindest aus. Er bemerkt mein Interesse. „Was ist das? Was ist das für eine Karte?“ „Herz Dame. Sie hat mir das geschenkt. Sie hat es selbst gemacht. Sehr persönlich. Ich mag das sehr, wenn jemand etwas für mich tut. Nur für mich. Auf der Rückseite ist ein Selfie von ihr.“ Er reicht mir die Spielkarte. Ich ziehe sie vielmehr aus seiner Hand. Und decke auf. Und kenne die Couch. Und die Leuchte. Und die Wand. Und das Bild. 

„Das ist ein Bild von Axel Lind. Ein dänischer Maler. „Comber“, „Brecher“. Er hat gelebt von 1907 bis 2011. Zum Schluss lebte er in seinem Museum in Grenen. Das ist bei Skagen. Ich habe ihn dort 2007 kennengelernt. Er hatte gerade seinen einhundertsten Geburtstag gefeiert. Nachdem er bemerkte, dass wir Deutsche sind, sang er für eine Freundin Lili Marlen. Ein  surrealer Augenblick.“ „Stimmt. Ein besonderer Moment.“ „So wie jetzt. Ich kenne auch die Frau auf Deiner Karte. Es ist Petra. Meine Petra. Sie ist meine Frau.“ Mir rutscht das Glas durch die Hand und ich bekomme keine Luft. Ich muss hier raus. Schmeisse hundert Euro auf die Theke, scheissegal, stolpere über Füsse, die Jacke in der Hand. Greife nach der Tür. Finde Halt. Nur kurz. Stürze ins Leere. Draussen brüllt mich der Regen an. Und ich brülle zurück.

Distanz ist ein Arschloch

Distanz ist ein Arschloch!  
(27. November 2014)
  
Heute morgen postete ein Facebookfreund, ganz offensichtlich deprimiert: "... manchmal ist Distanz ein Arschloch!"

Ich bin sicher, dass wir ihn alle nur zu gut verstehen und mitfühlen können. Zumindest die unter uns, die überhaupt noch etwas spüren.

Eigentlich ist Distanz nicht nur manchmal ein Arschloch, sondern immer. Und richtig beschissen wird’s, wenn die Strecke in die eine Richtung länger ist als in die andere. Paradox? Mitnichten! Physikalisch absurd? Mag sein, aber es läßt sich eben nicht alles mit dem Zollstock oder der Stoppuhr erfassen und in Maßeinheiten begreifen, auch wenn diese inzwischen für nahezu alle Gelegenheiten zur Verfügung zu stehen scheinen. Gefühle bleiben unquantifizierbar, privat und das ist gut so.

Lasst uns, statt über die Distanz, lieber über die Nähe sinnieren. Da ist das Glas nämlich schon mal halbvoll und das wärmt das wunde Seelchen.

Er schreibt: "Bruno, manche Menschen sind mir über hunderte von Kilometern näher, als andere, die direkt vor mir stehen."

Das stimmt unwidersprochen, aber es geht ja hier auch nicht um Geographie.

Ich fühle mit.

© Nov. 2014 / Jan. 2018 Bruno Schulz
bit.ly/derbrunoschulz
www.brunoschulz.de

von Enttäuschung

Als man einmal Romana Prinoth Fornwagner in einem Interview befragte, wie sie mit Enttäuschungen umgehen würde, antwortete sie ganz pragmatisch: „null Erwartungen, null Enttäuschungen“. Ok, die Italienerin ist Archäologin und ich habe das Bonmot etwas aus dem Zusammenhang gerissen, denn es ist Teil eines Gespräches in einer Fachpublikation über prähistorische Ausgrabungen. Und doch klingt es fast wie ein allgemeingültiges Heilmittel gegen die Frustrationen, die aus unerfüllten Erwartungen gespeist werden. Besonders schlimm ist es, wenn ebendiese im Laufe der Zeit bereits zur Regel wurden. Fornwagners Empfehlung wirkt dabei allerdings wie ein Sedativum, das zwar die Symptome lindert, aber die Ursachen nicht berührt.
  
Kurzfristig mag es helfen, für mich kann das aber nicht lange gutgehen. Denn Seditiva machen abhängig und verhindern die klare Sicht auf die Dinge. Man verfällt einer fatalistischen Egaltrance gerade dann, wenn man alle Sinne beieinander haben sollte.  
  
Die Ent-Täuschung ist schließlich kaum mehr als die Auflösung von Täuschung. Im Grunde Erlösung. Ob von außen oder von innen, bleibt sich dabei zunächst vollkommen gleich. Für eine saubere Bewältigung bedarf es an Erkenntnis und auch der Beschilderung von Ursachen: Habe ich mir etwas vorgemacht? Wurde mir etwas vorgemacht? Letztlich ist das vollkommen Wurscht. Es geht nicht um Schuldzuweisungen. Denn die stürmen zwangsläufig ins Leere. „Die Beer ist längst geschält“, wie der Pfälzer sagt, „die Nummer ist durch“. Hauptsache, man lernt daraus und verfällt nicht denselben Fehlern immer wieder aufs Neue.  
  
Zurück zu den Erwartungen. Der deutsche Jurist und zugleich russische Staatsrat August von Kotzebue konstatierte zu Beginn des neunzehnten Jahrhunderts: „Das Erwartete bleibt gewöhnlich unter der Erwartung.“ Es ist also eine Frage der Selbstdisziplin. Wer das verinnerlicht, darf Hoffnung haben, vorausdenken und wird doch nicht von der Realität kalt abgebraust. Glühen ist gut, Verglühen unnötig. Und wenn es anders kommt? Positiver? Na, umso besser!

© Bruno Schulz

von Komplimenten

„Ein Kompliment ist die charmante Vergrößerung einer kleinen Wahrheit“, meinte unser Jahrhundertheesters Johannes. Und mir gefällt sein Aphorismus so ziemlich am besten unter all den Definitionsversuchen, die ich bislang gelesen durfte. Naja, der Heesters war ja auch „fast“ Österreicher und die können das besonders gut, zartschmelzend, was hinreichend bekannt ist aus Film, Funk und Fernsehen. Heesters Geburt in den Niederlanden war vermutlich kaum mehr als eine zynische Laune der Natur. Dass er in Deutschlands dunkelsten Jahren den Goebbels poussiert hat zur eigenen Besetzungsoptimierung in Durchhaltefilmmachwerken, lassen wir ihm heute durchgehen. RIP.

Heute ist der 24. Januar 2018 und damit der „Tag der Komplimente“. Ausgedacht haben sich das die wohlhabenden wie wohlmeinenden Ostküsten-Amerikanerinnen Kathy Chamberlin und Debby Hoffman. Das muß sich offensichtlich nicht widersprechen. Ersonnen im Jahr 1998, feiern wir heute demnach auch den zwanzigsten Jahrestag einer sympathischen Idee.

„Zeigt heute (und nicht nur heute!) nahestehenden Personen, dass sie gemocht werden“, meinen die beiden und betonen explizit, dass nicht jedem beliebige Komplimente gemacht werden sollten. Nur in der Handverlesung lägen Chancen und ausreichend Zeit, um sich für jede wichtige Person ein eigenständiges und liebevolles Kompliment zu überlegen.

Ein Kompliment selbst ist eine wohlwollende und freundliche Äußerung gegenüber anderen und kann sich sowohl auf Leistungen wie auf Eigenschaften beziehen. Man sollte es nicht unbedingt als „zinsbringendes Darlehen“ verstehen wollen, wie das der amerikanische Zyniker und Satiriker Ambrose Bierce 1909 in seinem „Devil’s Dictionary“ publizierte.

Der „Tag der Komplimente“ ist übrigens nicht mit dem „Welttag des Kompliments“ zu verwechseln. Den feiert man am 1. März.

von Verlust

Ein Freund ist gegangen. Eine Woche bevor ich gerade eben erst meinen Fünfzigsten habe feiern dürfen. Und nur ein paar Monate nach dem Seinen. Wir haben uns leider nur sehr unregelmäßig gesehen. Arbeit, Alltag, Bequemlichkeiten. Ich bedauere das heute. Jetzt und zutiefst. 

„Laufe nicht der Vergangenheit nach. Verliere dich nicht in der Zukunft. Die Vergangenheit ist nicht mehr. Die Zukunft ist noch nicht gekommen. Das Leben, wie es hier und jetzt ist, eingehend betrachtend weilt der Übende in Festigkeit und Freiheit. Es gilt, uns heute zu bemühen. Morgen ist es schon zu spät. Der Tod kommt unerwartet. Wie können wir mit ihm handeln?“

Erkenntnis im Augenblick. Ich lerne. Ich atme. Ich bin traurig.

„Unser ganzes Dasein ist flüchtig wie Wolken im Herbst.
Geburt und Tod der Wesen erscheinen wie Bewegung im Tanz.
Ein Leben gleicht dem Blitz am Himmel, es rauscht vorbei wie ein Sturzbach den Berg hinab.“

Beide Aphorismen sind von Buddha. Weit über zweitausend Jahre alt. Und beide begleiten mich seit vielen Jahren. Habe ich etwas daraus gelernt? Dass das Lernen nicht aufhört. Und das Wahrnehmen. Und die Wertschätzung. RIP.

vom Glück

„Man weiß selten was Glück ist,
aber man weiß meistens, was Glück war.“
Françoise Sagan


果報は寝て待て

“Kahō wa nete mate“ ist ein japanisches Sprichwort. Ein guter Freund hatte mich mal darauf aufmerksam gemacht. “Kahō wa nete mate“: auf jeden Fall hat das etwas mit Glück zu tun. Allerdings sind Übersetzungen aus dem Japanischen selten einfach.  
  
Zu “Kahō wa nete mate“ werden uns gleich zwei Versuche geliefert zu greifen, was doch unfassbar bleibt: “das Glück kommt über Nacht“ beziehungsweise “erwarte das Glück schlafend“. Klingt grundsätzlich gleich? Da bin ich mir nicht so sicher.
  
Was ist “Glück“? Das Wort selbst stammt aus dem mittelhochdeutschen “Gelücke“. So hat man im Hochmittelalter gesprochen, also in etwa zwischen 1050 und 1350 vor beinahe tausend Jahren. “Gelücke“ stand für die Art, wie Dinge endeten: “wie etwas gut ausgeht“. Bei “Glück“ handelte es sich also um den günstigen Ausgang eines Ereignisses. In der Definition musste der “Beglückte“ weder Talent haben, noch irgendetwas zum Ergebnis beitragen. Das Volk sah das verständlicherweise, in seiner Not ewig hoffnungsschwanger, ein bisschen anders und lud einen Teil der Verantwortung auf jeden Einzelnen. Der Volksmund verkündete demnach besserwissend zur Erlangung von Lebensglück die folgende Weisheit: „Jeder ist seines Glückes Schmied!“ Glücklichsein war und ist demzufolge ein Mix aus äußeren Umständen und der individuellen Einstellungen dazu.

Beantwortet das die Frage, was „Glück“ wirklich ist? Ich finde nicht. Ein ganz wesentlicher Aspekt ist doch, dass man „Glück“ auch erkennen wollen sollte. Materielles hat mit Glück so viel oder so wenig zu schaffen wie eine Kuh mit der bemannten Raumfahrt. Eher im Gegenteil. In materiellen Visionen geht es doch eher um Gier. Machen der Lottogewinn und die Zuffenhausener Rasereiikone wirklich glücklich oder das Pradatäschchen? Und wenn ja, wieviele Taschen müssen es denn genau sein? Gier funktioniert auf jedem Preisniveau und für jede Brieftasche. Die freie Marktwirtschaft basiert auf dem Prinzip. Skalierungsfrei und auf einer nach oben offenen Spirale mit enormer Sogwirkung. Wachstum stur. Für mich sind die Konsumikonen die Startnummern zu einem Wettrennen, das nie aufhören wird solange man das nicht selbst erkennen kann und will. Früher oder später wird jeder herausfinden, dass es immer jemanden geben wird, der noch einen draufsetzt. Gier und Neid sind ziemlich hässliche Schwestern. Und die Mißgunst.

Natürlich will ich nicht leugnen, dass eine Fahrt in einem Porsche Cabriolet glücklich machen kann. Aber ist es wirklich der Porsche selbst, der da glücklich macht? Sind es nicht vielleicht die sommerlichen Cirruswolken über uns, der Mensch neben uns, die Landschaft um uns herum? Die Musik? Alles zusammen verbunden zu einem Gefühl in unserem Kopf, das sich so schwer fassen lässt?

Naturwissenschaftlich sieht das ganze in etwa so aus: Endorphine, Oxytocin sowie die Neurotransmitter Dopamin und Serotonin haben einen ganz wesentlichen Einfluss auf unser Glücksempfinden. Das ist der geile Stoff, den unser Gehirn bei den unterschiedlichsten Aktivitäten freisetzt, um uns bei der Stange zu halten. Essen gehört dazu, Sex, Sport, dies und das. Chemie hat eine starke Wirkung auf unsere Gemütslage und beeinflusst stramm unser Verhalten. Es fällt uns nicht gerade leicht, das zu akzeptieren. Wir halten uns nämlich für geistige Wesen voller Wünsche, eigene Gedanken und vor allem voller Hoffnung. Und die stirbt bekanntlich ganz am Schluß.

Wer verzückt der Liebsten ins Auge blickt, dem fällt es schwer zu glauben, dass das was da ausgelöst wird nichts anderes ist, als ein irrer Drogencocktail, der mit der Hochdruckpumpe durchs System gejagt wird. Ganz so einfach ist es ja auch nicht, weil die Stoffe nie alleine auftreten und es immer auf das Zusammenspiel in der entscheidenden Situation ankommt.  
  
Neurotransmitter spielen eine wesentliche Rolle in unserem Gefühlshaushalt. Allerdings ist das Wirkungsgefüge reichlich komplex.
Einige Medikamente bzw. Drogen bedienen sich dieser Mechanik. Sie lösen eine Ausschüttung der Stoffe im Gehirn in unnatürlichen Mengen aus. Der Konsument wird in der Wirkungszeit mit den endogenen Botenstoffen geflutet. Das kann zwischenzeitlich Glücksmomente epischer Breite auslösen. Aber auch einen großen Katzenjammer. Meistens kommt das eine nicht ohne das andere. Das nervt natürlich ganz gewaltig.

Alles ist ein großer Sack an Puzzleteilen, die allenfalls mit Hilfe einer groben Nagelschere zu einem mehr oder weniger abstrakten Gesamtbild “Glück“ zusammengefügt werden können. Mir persönlich ist das ein bisschen zu kurz gesprungen. Denn es hat bis hier im wesentlichen mit Dingen zu tun, die von außen auf uns einwirken, um sich dann in Gedanken und vor allem in Gefühlen aufzulösen. Mir fehlt der Blick nach innen.
  
Meine subjektive Vorstellung von Glück hat inzwischen vor allem etwas mit Haltung zu tun. Ich mag mein Brunoglücksgefühl. Und das fußt auf einer Erfahrung, die ich mit einem Zitat von Buddha himself schmücken mag: “… es gibt keinen Weg zum Glück. Glücklichsein ist der Weg!“

Kommen wir zurück zur Übersetzung des japanischen Sinnspruchs. Für mich ist es so, dass man Glück erwarten muss. Seismographisch. Glück kommt nicht von allein und über Nacht. Man muss das Glück wollen und lieben.

“Kahō wa nete mate“, “erwarte das Glück schlafend“ … so wird für mich ein Schuh daraus.

vom Paradox

Das Leben ist voll davon und die Sozialen Medien sowieso, in den Aussagen wie im Verhalten. Gerade in der letzten Zeit und um den Jahreswechsel stolpere ich ständig darüber, in vielen Situationen und Befindlichkeiten. Ich frage mich, ob das zunimmt, oder ob man sich da zunehmend sensibilisiert. Einen Seismographen für Paradoxien ausbildet. Nach und nach. Ein Echolot für Widersprüchlichkeiten.

Ich schaue mir das also ein bisschen näher an und beginne mit dem Adjektiv: „paradox“. Ein schönes Wort, finde ich. Läuft gut durch den Mund. Galoppiert versammelt. Ich spreche es gern. Angenehm unmodisch. Ungewöhnlich. Man darf es nicht zu Tode reiten. Es würzt. Aber auch hier gilt, wie so oft und wie schon Christoph Martin Wieland in seinem Neujahrswunsch von 1774 notierte: „minder ist oft mehr“ - weniger ist mehr. Da hatte er unbedingt recht. Und damit sind wir genau genommen schon mittendrin.

Das Substantiv Paradox kennt man auch als Paradoxon oder als Paradoxie. Gibt es mehrere davon, heißen sie im Plural Paradoxien oder Paradoxa. Die Wurzeln liegen im Altgriechischen. Es ist ein Kind von „para“, was für ‚neben‘ steht, ‚außer‘ und ‚daran vorbei‘ sowie „doxa“, was soviel wie ‚Meinung‘ bedeutet, oder ‚Ansicht‘. Es geht um eine Aussage, die einen unlösbaren Widerspruch in sich trägt. Zumindest scheinbar.

Und es gibt ein wahres Panoptikum an Skurrilitäten unter den Paradoxa. Nehmen wir zum Beispiel die logischen wie das Lügnerparadox des Eubulides von Milet: „Dieser Satz ist falsch“. Er ist also wahr, wenn er falsch ist und falsch, wenn er wahr ist. Oder metaphysische Paradoxa wie die Frage nach Endlich- und Unendlichkeit. Wann hat das Universum angefangen zu existieren? Und die nur allzu menschliche Frage danach, was denn nun davor gewesen sei. Henne oder Ei. Zudem semantische Paradoxa und auch rhetorische. Letztere kennen wir unter anderem als Oxymoron. Was das schon wieder ist? Hier ein paar Beispiele:„Hassliebe“, „Eile mit Weile“, „Weniger ist mehr“ oder „Viva la muerte“ - es lebe der Tod!“

Da sind Paradoxien der Logik, der Philosophie und der Theologie. In der Mathematik und der Physik, der Astronomie, der Medizin und überhaupt in den Naturwissenschaften. In der Statistik, der Betriebs- und Volkswirtschaft und in allen politischen Systemen. Ideologische und psychologische, Paradoxien in der Ästhetik und nicht zuletzt auch in der Populärkultur. Ich erspare uns weitere Ausflüge in die Nische. Wer sich vertiefen mag, wird leicht fündig.

Ich mag die sprachlichen, rhetorischen Paradoxien. „Wenn jemand den Sinn des Lebens erklärte, hätte das Leben seinen Sinn bereits verloren.“ Großartig! „Die Ewigkeit ist lange, besonders gegen Ende hin.“ Wunderbar! Und es gibt so viel mehr. Überall tauchen sie auf. Paradoxa könnten glatt zum Hobby werden. 

Dieses hier hatte mich schon als Schüler begeistern können:
Um so mehr Käse da ist, desto mehr Löcher gibt es.
Und um so mehr Löcher es gibt, desto weniger Käse ist da.
Die logische Schlußfolgerung müsste demnach lauten:
Je mehr Käse, desto weniger Käse. Was natürlich Käse ist.

Und bei Sokrates paradoxem Aphorismus „Scio nescio - ich weiß, dass ich nichts weiß“ denke ich ganz bildungsbürgerlich an „meinen Goethe“ in der Untersekunda am Gymnasium. Der Faust als Zweifler. Noch immer höre ich den Mephisto hämisch lachen.

Die Wörterbücher bieten eine Menge Synonyme, die dem ganzen nur nahekommen, es aber kaum wirklich ersetzen können. Am besten gefällt mir da noch das altertümelnde „abersinnig“. Eine Vokabel, die ich nur zu gerne aus der Mottenkiste ans Licht zerren und entstauben möchte. Das passt. Das muss wieder in den Wortschatz. Ein echtes Schätzchen ist das, dieses „abersinnig“.

Was schon schwerer zu recherchieren ist, sind die Paradoxa der Liebe. Der Gefühle. Und gerade die sind uns doch allgegenwärtig, auch wenn man nicht so gerne darüber sprechen mag. Insbesondere über die, die sperrig sind, die weh tun und regelmäßig in die Magengrube fahren. Da fällt einem sofort der emotionale Supergau ein.  Er stammt aus der Doppelbindungstheorie, der „Double-Bind-Kommunikation“. Der Anthropologe Gregory Bateson hat das in der Mitte des letzten Jahrhunderts in längeren Beziehungen erforscht, in denen solche Phänomene gehäuft auftreten. Da geht es um gemischte Signale und noch gemischtere Gefühle. Ein Partner sagt, dass er den anderen liebe. Das allerdings mit eingefrorener Mimik, monotoner Stimme, so emotions- wie empathiefrei. Ohne jede Körperlichkeit oder gar Zärtlichkeit. Das ist ein schlimmes Paradoxon. Eine Art Kaspar-Hauser-Experiment für die misratende Partnerschaft. Ganz subjektiv empfehle ich da ein zügiges abgrenzen und aussteigen. Mir persönlich ist kein Fall bekannt, in dem das gut gegangen wäre. Es sei denn, beide Partner haben diese Anlagen und Neigung wie Lust an Leid und Frust.

Wenn man es genau nimmt, sind beinahe alle Paradoxa in diesem Feld auf Kommunikationsdefizite zurückzuführen. Schlecht definierte Schnittstellen. Unsaubere Regeln, eine schludrige Grammatik. Auch das Schweigen selbst ist so ein Signal. Schlimm. Man ist wirklich gut beraten, darauf zu achten sich nicht den Teppich der Verständlichkeit unter den Füssen wegzuziehen. Signale sauber zu senden und zu empfangen. Paradoxe können echte Killer sein.

„Der Weg des Paradoxes ist der Weg zur Wahrheit. Um die Wirklichkeit zu prüfen, muß man sie auf dem Seil tanzen lassen.“ (Oscar Wilde)

Das stimmt. Wichtig aber bleibt, dass man die dann auch wirklich findet. Noch besser, wenn man sie erst gar nicht verliert, die Wahrheit. Auch und gerade die eigene.

„Du liebst mich? Warum ist es dann wie es ist?“ Der Klassiker.

Und einen hab ich noch:
Pinocchios Nase wächst bekanntlich genau dann, wenn er lügt. Was passiert aber, wenn er sagt „Meine Nase wächst gerade“?

zum Jahreswechsel

„Entscheidend an Veränderung ist  
die Entscheidung zur Veränderung“    
  
Vor einiger Zeit habe ich in einem populärwissenschaftlichen Magazin ein paar tolle Fotos von lachenden Menschen in bunten Overalls gesehen, die im Inneren einer entleerten Fluggastzelle einer Passagiermaschine zu schweben schienen. Fast wie Raumstation. Um Schwerelosigkeit ging es da, respektive die Simulation von verminderter Schwerkraft. Astronauten, Kosmonauten, Raumfahrer experimentieren auf diese Weise und trainieren für ein Leben im All, für die Bewegung auf dem Trabanten Mond oder auf dem Mars.

Möglich macht diese Übung der sogenannte Parabelflug. Erdacht von den Brüdern Fritz und Heinz Haber rund um 1950 in den USA. Die Amerikaner hatten die beiden Söhne des Südzuckerindustriellen Karl Haber mit den Operationen „Overcast“ und „Paperclip“, wie auch viele andere hochkarätige Wissenschaftler nach dem zweiten Weltkrieg im befreiten Deutschland „gecastet“ und „ausgeliehen“. Der ältere Fritz blieb als renommierter Raumfahrtingenieur in den Staaten, der jüngere Heinz wurde Opfer zehrenden Heimwehs und verwandelte sich später in die Instanz des Fernsehphysiklehrer der Nation.  
  
Zurück zum Parabelflug, der ein ganz besonderes Flugmanöver beschreibt: ein Flugzeug bewegt sich dabei auf einer Linie, die an eine, sich zur Erdoberfläche öffnende Wurfparabel erinnert. Sinn und Zweck des Manövers ist das Erreichen von Schwerelosigkeit. Bei der Einleitung des Steigfluges, wie beim Abfangen des Sturzfluges, muß man im Flieger die nahezu doppelte Schwere ertragen. Die setzt sich zusammen aus der Gravitation und der Trägheitskraft zur sogenannten Hyperschwerkraft. Dazwischen liegen kurze Übergangsphasen, die wenigsekündigen Transitionsphasen und der Bereich der sogenannten Mikrogravitation an der Spitze der Flugkurve. Genau das ist der Abschnitt, für den der ganze Zirkus veranstaltet wird.
  
Interessant ist auch, dass die Informationen zum Vorgang, die dabei von Auge und Gleichgewichtsorganen ans Gehirn gesendet werden nicht zusammenpassen. Eine Menge Leute vertragen die heftigen Schwerkraftwechsel nicht besonders gut. Der Spitzname des NASA-Testfliegers lautet von daher nicht umsonst „Vomit Comet“ - der „kotzende Komet“. Der Name ist Programm. Wir Laien kennen das in der Lightvariante aus manchen Fahrgeschäften vom Rummelplatz.

Wenn ich mir das ganze, umständliche Procedere näher betrachte, erspüre ich eine bemerkenswerte Analogie zum Zeitraum, der den Wechsel von einem Jahr zum nächsten beschreibt: das „Zwischendenjahren“, wie es der Volksmund bauernschlau wie alltagsfest, trefflich zu bezeichnen weiß. Auch das „Zwischendenjahren“ kennt keine tatsächliche Spitze, keinen postkartig zackigen Gipfel. Es erinnert an die Kuppe der Parabel und kennt ebensolche Phasen wie der Parabelflug.

Beginnend mit den Anstrengungen des gefühlten, sisyphosartigen Anstiegs zum Jahresende, der sich beinahe so routiniert wie unerwartet in der Transitionsphase der Weihnachtsfeiertage auflöst. In zweiundsiebzig Stunden plätzchensüßer, zitronensaurer oder lemonbitterer Familiennähe. Oder anderer, facettenreicher, mitunter regionaler oder lokaler Besinnlichkeit. Massensedierung, Gruppenhypnose, eine überdauernde Kultur planbarer Spontanlethargie.

Kurz darauf erreicht man also das schwer zu greifende Volumen. Nicht mehr traditionsgestiftete Gemütlichkeit oder Tannenbaumtrance und noch kein Silvester. Aber auch kein Vakuum: the space between. Nicht Fisch, nicht Fleisch, ein Leben in Aspik. Eingebremst. Mit der gefühlten Andeutung von Schwerelosigkeit. Zumindest verminderter Schwerkraft. Alles etwas zeitlupig.  
  
Ja, da war das eingehende Bild im Flieger. Die bunten Overalls. Losgelöst von den Dingen. Hier auf der Erde ist das eine gute Zeit zum Nachdenken, Entscheidungen zu treffen für Wechsel und Veränderung. Oder auch für die Bestätigung von Beständigkeit. Nicht das zum Scheitern verurteilte Feuerwerksgelöbnis, das Rauchen, Saufen, Fressen aufzugeben und jetzt sofort und für alle Zeit ein besserer Mensch zu werden.  
  
Es ist die besondere Chance für den unaufgeregten, aber aufmerksamen Blick ins Teleskop des eigenen Seins und der persönlichen Befindlichkeiten. Nicht die übliche Suche nach dem privaten Kleinklein im Alltagsnöteundsorgenmikroskop (habe ich schon mal erwähnt, dass ich die Fähigkeiten der deutschen Sprache zu Mehrfachkomposita liebe?) der restlichen 350 Jahrestage. Plusminus. Vielleicht reicht es ja sogar noch für einen kurzen Blick ins Kaleidoskop. Bunt und wild. Ein kurzer Moment Verrücktheit. Entrücktheit, die überraschende Entdeckung der ungeahnten Außengrenzen des eigenen Universums auf einer kurzen Reise durch die eigene Fantasie. Die Grenzen sind vielleicht viel weiter als man immer dachte.  
  
Ein ausgedehnter Spaziergang an der frischen Luft nach Tagen der Völlerei wirkt darin unterstützend wie sortierend. Und Übung kann kaum schaden. Wie beim Wandern wächst in den Gedanken die Trittsicherheit mit der zurückgelegten Distanz und in der Kenntnis der eigenen Schleifen.    
  
Das nimmt Silvester diesen seltsamen Schlüsselmoment, nimmt den kurzen Stunden das angestaut Zwanghafte und macht es zur zweiten Transitionsphase, bevor es via Neujahr und vielleicht noch etwas Resturlaub in den Sturzflug zum Alltag übergeht. Mit der Morgenluft und den sicher gefassten Entscheidungen aus der Phase der gelebten Mikrogravitation kann da kaum noch etwas schiefgehen. Da wird aus dem Neujahrskater ein Kätzchen, mit dem man lächelnd kuschelt, bevor es endlich wieder richtig losgeht. Ein kleiner Schwerkraftwechsel führt zur kurzen Wahrnehmungsstörungen. Kurze Übelkeiten. Hart erfeierte Hyperschwerkraft. Irgendwie sind wir doch alle Astronauten. Navigieren durch Zeit und Raum, so gut es eben geht. Raumfahrer im eigenen Mikrokosmos.  
  
Bis zum nächsten Mal, allen einen guten Rutsch. 
  
"Dinge verändern nicht, wir verändern uns." (Henry David Thoreau)

Caesar's Salad.

"Widme dich der Liebe und dem Kochen mit ganzem Herzen." (Dalai Lama)
  
Ich bin Caesar's-Salad-Junkie. Bekennend. Und das hat nicht nur damit zu tun, dass er mir schmeckt. Wenn er gut gemacht ist, natürlich auch das. Schon seine Geschichte ist große Klasse. Denn seine DNA bedient sich aus den selben Quellen wie die epischen Mafiageschichten des ganz großen Hollywood-Gangsterkinos eines Francis Ford Coppola. Gesunde Küche mit Rotlichtvergangenheit sozusagen. Vitamine im Milieu. Heilige und Hure! Ich liebe das, wer nicht? 
  
Der Caesar's Salad gelangte zum allerersten Mal am 4. Juli 1924 auf die kulinarische Weltbühne. Und Cesare Cardini hieß sein nicht unumstrittener Impresario mit Wurzeln im mediterranen Mezzogiorno. Er betrieb seinen Club mit Ristorante in unverkennbar süditalienischer Handschrift. Capice? Das Lokal befand sich in Tihuana, was im Jahr 1924 besondere geostrategische Vorteile bot. In den USA wütete die Prohibition. Von daher war dort der Genuß von alkoholischen Getränken nicht gestattet. Aber in Mexiko ist man ja schon immer etwas lockerer umgegangen mit den Dingen. Mit den Menschen und ihren Bedürfnissen. Man hat ihnen ihren Lauf gelassen. Ein altes mexikanisches Sprichwort lautet: „Gott bewahre uns vor denen, die ständig beten.“ Das gibt der ganzen Sache einen verständlichen Rahmen. "Sodom und Gonorrhoe". La vida loca.   
  
Und so kam es, dass die Gringos am 4. Juli, dem Nationalfeiertag, zum Saufen über die Grenzstadt herfielen wie ein Tsunami. Und das ohne jedes funktionierende Frühwarnsystem. Die einfache Faustregel der semiprofessionellen Trinker heißt bis heute: „wer säuft, muss fressen!“ Der folgerichtige Ansturm auf die Restaurants war der ägyptischen Heuschreckenplage in biblischen Ausmaßen vergleichbar.  
  
Der unerschütterliche wie umtriebige und geschäftssinnige Cesare kreierte aus dem ungeliebten, von daher noch reichlich vorhandenen Grünzeug und allem was seine Küche sonst noch so hergab den Salat, den wir bis heute in seiner Gedenken respektvoll lieben. Das fettreiche Dressing wurde vielen Gästen die wertvolle, überlebensnotwendige Grundlage für ihren exzessiven Alkoholmißbrauch und die Unmengen an Knoblauch haben vielleicht außerdem die eine oder andere ungewollte Schwangerschaft verhindern können.
  
An diese "liebevoll, helfende Geste" wollen wir immer denken, wenn wir ihn das nächste Mal bewusst bestellen und verzehren. Zum Beipiel begleitet von einem frischen Riesling von der Nahe.    
  
Ähnlich einer guten Mayonnaise wird für das Dressing Eigelb mit Olivenöl, Knoblauch, frischem Zitronensaft, Worcestershire Sauce, Pfeffer und Salz aufgeschlagen. Die Emulsion wird mit knackigen Romanablättern vermengt. Die in Knoblauchöl gerösteten Croûtons und Späne vom Parmigiano Reggiano streut man locker darüber. Und da wir hier nicht päpstlicher als der Papst sind, finde ich es vollkommen legitim den Caesar’s Salad mit Sardellenfilets, mit Avocado, Tomaten oder Garnelen, gebratener Geflügelbrust oder Bacon und anderen Features nach eigenem gusto  zu ergänzen beziehungsweise zu perfektionieren.  
  
Chacun à son goût, guten Appetit.  
  

Hebbels Traum

"Der Traum ist der beste Beweis dafür, daß wir nicht so fest in unsere Haut eingeschlossen sind, wie es scheint." (Friedrich Hebbel)

Friedrich Hebbel kann man nicht nachsagen, dass er nicht aus seiner engen Haut gekommen wäre. Der Mann ist 1813 in ärmlichsten Verhältnissen zur Welt gekommen. Und das in Wesselburen/Dithmarschen. Das ist vielleicht nicht das Ende der Welt, aber das ist von dortaus leicht wahrnehmbar. Als dänischer Untertan, weil Dithmarschen zum Herzogtum Holstein gehörte und das noch bis 1864. Sohn eines Maurers und einer Schusterstochter, die bald auf der Straße landeten, weil sie ihre Schuld nicht bedienen konnten. Auch Friedrich sollte nach kurzer Volksschulzeit Maurer werden. Mit vorgezeichnet kleinster Zukunft und wenig Entwicklungsspielraum.

Gestorben ist er 1863 in Wien. Promoviert zum „Dr. phil. in absentia“ an der Universität zu Erlangen. Als renommierter, deutschsprachiger Dramatiker und Lyriker. 
  
Dazwischen liegt eine erstaunliche, abwechslungsreiche Vita mit erheblichen Abrissen und Brüchen. Verlusten und Neuanfängen, wenigen persönlichen Konstanten, die zudem kaum gepflegt wurden. Und erheblichen Anstrengungen in seiner Sache. Im Privaten schmeckt einiges Drama durch. Und wenig Bindungsfähigkeit oder -wille, was seiner Leidenschaft im Schreiben geschuldet sei, ohne die er seinen Weg kaum hätte machen können. Ohne Ego. In dieser Zeit. Nachlesen und tiefer einsteigen lohnt sich, denn es erklärt vieles. Und nicht nur über Hebbel selbst.
  
Man liest und spürt, wie Gefühle, Erkenntnis, Talent, Ambition und ein Quäntchen Fortune jeden Tellerrand nehmen lassen. Jedes Raster und jeden Käfig sprengen können, die als Gesetz gelten, zumindest die menschgemachten. Jede Grenze überwinden. Wenn man nur will. Und sicher auch unter erheblichen Anstrengungen, die ich ja gar nicht unterschlagen mag. Vielleicht auch Ignoranz. Wenn man so will.  
  
Wir alle kennen die Grafik um die eigene "comfort zone" und die entfernte Fläche "where the magic happens". Zu viele leben ihr Leben in scheinbar unumstößlichen Routinen. Ein Leben in Verhaltensstarre, Resignation zugunsten vermeintlicher Sicherheiten, die im Ernstfall ohnehin nur selten wirklich greifen und im Rückblick kaum die Kirsche auf dem Pudding waren. Ein langweiliges Leben, ein träges Dasein in Aspik. Was für eine Verschwendung. Das hier ist keine Generalprobe. Leben ist jetzt. Mehr Mut!

Und wer "seinen Hebbel" ganz anders interpretieren mag, der soll das bitte tun. Denn wenigstens die Gedanken sind frei.

von der Missgunst.

Jetzt bin ich mehr als 52 Jahre alt und dennoch immer noch und immer wieder überrascht von manchen Handlungen meiner Mitmenschen und deren Beweggründen dazu. Die sozialen Medien sind ein großartiges Panoptikum an sozialem Miteinander. Natürlich ist nicht immer alles Sonnenschein. Warum auch? Und es gibt oft eine Menge guter Gründe, sich kritisch auseinanderzusetzen. Nicht nur in den Fakten, sondern auch in interpretierenden Meinungen und Haltungen, die die Ersteren subjektiv zu fassen und manchmal auch zu deformieren suchen.

Der Mediziner und Aphoristiker Dr. Stefan von Kegler fand für sich heraus: „Kritik ist entweder getarnte Missgunst, oder wohlwollende Unterstützung. Im schlimmsten Fall ist sie undurchschaubar, weil beides in einem.“ Wie wahr.

Natürlich sollte man sich über wohlwollende Unterstützung freuen und viel mehr dazu sagen und schreiben. Dankbar sein. Man macht das viel zu selten, weil sie einen trägt. In den eigenen Plänen, Vorhaben und Träumen. Wohlwollende Kritik beflügelt und lässt dadurch nur selten Raum und Rast, sie nicht nur inhaltlich zu reflektieren, sondern in ihr auch Zuspruch und Unterstützung erkennen zu wollen. Auch wenn sie einen auf Fehler und Defizite hinweist. Es ist ungleich schwerer, einen Menschen freundlich wie freundschaftlich auf einen Mangel aufmerksam zu machen, als ihn locker zu beklatschen. Der Ton macht die Musik.

Und die getarnte Missgunst? Hat das was mit Neid zu tun? Nein, denn dazu besteht nur selten Anlass. Im Gegensatz zum Neid geht es bei der Missgunst nicht um die Wahrnehmung eines Gefälles in gesellschaftlichen Positionen. Neid kann zur Entwicklung anspornen. Konstruktiv sein. Die Missgunst aber ist grundsätzlich destruktiv. Sie findet ihre Höhepunkte in Demontage und Zerstörung.

Die Missgunst hat eine häßliche Fratze. Sie erfreut sich nur selten allgemeiner Beliebtheit. Sie ist unsexy. Und feige ist sie ausserdem. Daher agiert sie meistens im Verborgenen. Um sie auszuleben, wird ein Vorwand bemüht, die Argumentationsweise zu unterfüttern und die Handlungsweise zu cachieren. Gerne in offiziellem Anstrich. Ein Wörterbuch, ein Konversationslexikon und noch lieber Recht und Gesetz. Gesetze sind wunderbare Werkzeuge. Im Guten wie im Schlechten. Sie können einen gemeinsinnvollen Umgang regeln. Oder der Missgunst die Hände waschen. Es lohnt sich oft, etwas genauer hinzuschauen. 

Die Missgunst erscheint uns immer wieder. Mich macht sie eher fassungslos denn ärgerlich. Sie ist ein nutzloser Parasit, den es abzugrenzen gilt. Wo immer man auf sie trifft.

Meine letzte, aktuelle Begegnung mit der Missgunst erinnerte mich an eine Lektüre aus meiner Schulzeit. Eine Novelle von Thomas Mann: „Der Weg zum Friedhof“ aus dem Jahr 1900.

Das Leben hat es nicht gut gemeint mit Lobgott Piepsam. Er ist von häßlicher Gestalt, Alkoholiker und seine Frau und die drei Kinder sind im weggestorben. Auf seinem Fussweg zum Friedhof, begegnet ihm ein Fahrradfahrer mit buntem Hemd und „dem kecksten Mützchen der Welt“. Der kommt daher „wie das Leben und rührt die Glocke; aber Piepsam geht nicht um eines Haares Breite aus dem Wege.“ Der junge Mann zu Rad verringert sein Tempo, um Piepsam passieren zu können. Dabei vernimmt er, wie der Griesgram das Nummernschild am Rad laut vorliest. Warum er das denn mache, beantwortet Piepsam mit seiner Absicht den Vorgang zur Anzeige zu bringen. Er hält das Rad, schimpft sich in Rage, wird ausfallend. Der junge Mann ist sich keiner Schuld bewusst. Viele Reifenspuren auf dem Kiesweg deuten darauf hin, dass er nicht der Erste ist, der diese Strecke befährt. Irgendwann reisst er sich los. Piepsam ergibt sich seinem Tobsuchtsanfall. Die auflaufende Menge belustigt sich zur Hälfte und die andere entrüstet sich. Piepsam hilft das wenig. Er erstickt an seinem Zorn und wird von den Sanitätern aufgesammelt. Rad und Fahrer sind lange fort.

Von Missgunst zu Hass ist es oft nur ein Katzensprung.

Jemanden zu hassen aber ist verrückt. Denn Du vergiftest dich selbst, um einem anderen zu schaden.

von Liebe und Verletzungen

„Die meisten Verletzungen fügen sich die Menschen nicht mit Vorsatz zu, sondern durch Mißverständnisse.“  
  
Das hat der Aphoristiker Werner Friebel gesagt und er hatte damit gar nicht mal so unrecht. Vielleicht ist auf der Skala zwischen diesen beiden offensichtlichen Ursachen aber auch noch Raum für weitere, bewegliche Größen. Der Mangel an Sensibilität beispielsweise. Ein geringes Maß an Achtsamkeit. Die entstehen, wenn man nicht so genau hinschaut. Den Anderen nicht so sehr spürt, wie er es verdient hat. Aus Egozentrik oder gelebter Routine. Oder beidem. Den Faden nicht mehr auf Spannung hält im Jedentag und sich selbst zu selten fragt, was gut ist und was richtig. Und das ganz sicher nicht nur für einen selbst.   
  
Man neigt allzu leicht dazu, Liebe und Zuneigung für selbstverständlich anzunehmen. Dabei geht es in der Liebe nicht um’s Nehmen. Es geht um’s Geben.  
  
Dazu gibt es eine ganz fabelhafte Metapher des Rabbiners Abraham Twerski, der davor warnt, das Gegenüber als Vehikel eigener Sehnsüchte, Bedürfnisse und Gelüste zu mißbrauchen. In seiner Verbildlichung geht es um einen jungen Mann, der vorgibt, Fische zu lieben. Der Rabbi entzaubert diese vorgebliche Liebe als selbstsüchtig. Dem jungen Mann schmeckt der Fisch. Und so fängt er ihn, tötet und kocht ihn, um seine eigenen Bedürfnisse zu stillen. Er liebt nichts als sich selbst. Twerski baut damit auf die Lehre des Ethikers Rabbi Dressler auf, der wahre Liebe nur darin entdeckt, sich selbst und die Liebe durch das Geben im Gegenüber wiederzufinden.  
  
Schwer zu greifen. Denn dazu bedarf es einiger Aufmerksamkeit, die man nie wirklich verlangen, aber geschenkt bekommen kann, wenn man bereit für sie ist. Es bedarf der Kenntnis um die seelische Topologie des geliebten Menschen und des seismographischen Feingefühls für unsicheres Terrain im „space between“.  
  
Ich selbst habe an diesem Punkt viele Fehler begangen, die ich heute sehr bedauere. Mich oft selbstgerecht ausgebreitet ohne Rücksicht auf die Befindlichkeiten meiner Partnerin. Das ist wie ein Strahlen mit der Energie anderer. Das kann mal passieren, aber besser nicht zu oft, denn viele Wunden heilen an der Oberfläche, doch Verletzung haben Bestand.      

 

von Demut.

„Sag mal Bruno, kennst Du eigentlich Demut?“
„Aber natürlich.“

„Im Ernst, Bruno. Kennst Du echte Demut? Erlebst Du Demut? Spürst Du Demut? In Deinem Alltag?“

Sie blickt mich an über ihren Bücherrand. Fokussiert mich. Wir sitzen auf ihrem Sofa und lesen. Es ist Sonntag und alles ist gut. Jeder hat eine bequeme Ecke und zahllose Kissen. Ihr Buch bietet Einsichten zur spirituellen Kontemplation und ich beschäftige mich mit der „Kunst, ein kreatives Leben zu führen“. Das stammt von Frank Berzbach und ist eine beeindruckende Sammlung schwergewichtiger Zitate von noch gewichtigeren Autoren. Philosophisches Sumoringen um einen etwas dünnen roten Faden. Noch hält er. Der Faden. Aber vielleicht tue ich ihm auch Unrecht. ich bin ja erst auf Seite Zweiundsechzig und noch scheint lange nicht alles gesagt. 
  
„Interessant, dass Du mich das gerade jetzt fragst, denn ich habe gerade eben darüber gelesen. In meinem Buch hier steht was vom entlastenden Aspekt der Demut. Der Mensch sei nicht so wichtig, wie er sich heute zumeist nähme und fühle. Der Autor Frank Berzbach lässt die buddhistische Ordensgründerin Ayya Khema zu Wort kommen: „Ohne mich wäre das Leben ganz einfach.“ Das ist klasse. Ich mag das sehr. Berzbach spricht über den gängigen, negativen Beigeschmack der Demut, von Untertanengeist und Feigheit. Dem schließt er sich allerdings selbst nicht an. Zurecht, wie ich meine. Demütige Menschen wissen eben, dass sie keine Götter sind. Und auch wenn man die religiöse Komponente raushält, wissen demütige, kluge Menschen, dass sie immer auch ein bisschen abhängig von anderen und anderem sind und einen Platz im Ganzen finden müssen. Wir haben viel weniger Einfluß auf den Lauf der Dinge als wir meinen.“

„Das klingt gut und richtig.“

„Ja, das finde ich auch. Natürlich bemüht Berzbach noch andere. Die unvermeidlichen Anselm Grün und Fidelis Ruppert oder auch den gefälligpopulären Schriftsteller Robert Pirsig und seinen Welterfolg: „Zen oder die Kunst ein Motorrad zu warten …“  

„… naja, der Begriff Demut hat ja durchaus sehr starke, religiöse Bezüge …“

„… ja klar. Ich finde mich da allerdings nur bedingt wieder. Jedenfalls kaum in der Tradition. Denn da bedeutet Demut die bedingungslose Anerkennung der Allmacht Gottes. Die Demut beschreibt also eine innere Einstellung zu Gott. So weit so gut. Sie gilt im Alten und im Neuen Testament als die wesentliche Eigenschaft des „wahren Gläubigen“. Das finde ich schon deutlich schwieriger. Die Wurzel des verwendeten hebräischen Wortes enthält die Bedeutungen von „sich beugen“ oder auch „herabbeugen“. Und das klingt mir dann doch sehr konstruiert. Für mich geht es da eher um die Rechtfertigungen von Herrschaftsansprüchen. Um Ausgrenzung. Um den Mißbrauch von Mythologien. Die modernere christliche Spiritualität hat sich da zum Glück weiterentwickelt und versteht Demut als realistische Selbsteinschätzung des Menschen in seiner Position in der Welt. Um seine eigene Geringheit im Vergleich mit der Größe Gottes. Wenn Du jetzt Gott als Begriff rauslässt, oder „Gott“ durch ein „Ganzes“, die „Natur“ oder von mir aus auch das „Universum“ ersetzen magst, kommst Du meiner Vorstellung von Demut schon ziemlich nahe.“  

„Du sprichst also, wenn ich Dich richtig verstanden habe, bei Deinem Verständnis von Demut von der Wahrnehmung Deiner eigenen Postion im Verhältnis zum Ganzen?“

„Ja, ich denke, das bringt es auf den Punkt. Die eigene Demut zu finden und zu leben macht vieles leichter. Ich halte sie für den ganz wesentlichen Schlüssel in der Vermeidung von Selbstüberschätzungen der eigenen Entscheidungsfähigkeiten oder -möglichkeiten. Diese führen nämlich unvermeidlich in tiefe Frustrationen. Früher oder später.“

„Kannst Du Demut empfinden? Demut spüren?“

„Unbedingt. Ich denke, mein Gefühl von Demut ist skalierbar. Aber es gibt da schon besonders starke Momente, die helfen, sich selbst leichter einzuordnen. Ich erinnere mich an eine dieser besonderen Situationen: in meiner Kindheit, im Alter von vielleicht 5 Jahren. Wir sind ein paar Wochen durch Norwegen gefahren mit einem alten VW Bulli. T1. Knallrot, mit einem Reservereifen als Gallionsfigur. Meine Eltern, meine kleine Schwester und ich. Eines Tages stehen wir über einem Fjord. Und da ging es mehrere hundert Meter steil nach unten. Wir haben uns auf den Bauch gelegt und sind ganz vorsichtig nach vorne an die Kante gerobbt. Die Aussicht war kaum auszuhalten. Der eigene Maßstab vollkommen absurd. Das war ein solcher Moment. So stark, dass er sich für beinahe 45 Jahre eingebrannt hat. Und ich glaube auch nicht, dass er mir so schnell abhanden kommt. Er begleitet mich nun schon fast mein ganzes Leben und ich denke immer wieder auch daran, wenn ich mich wieder einmal sortieren muss und mag.“

„Ich mag das Zitat der buddhistischen Ordensgründerin.“  

„Ayya Khema? Ja, das ist wirklich klasse. Sie ist ohnehin eine erstaunliche Person. Ich bin etwas tiefer in Ihre Vita eingestiegen, habe mich eingelesen. Schon an ihrem abenteuerlichen Lebenslauf kann man eine ganze Menge über die Demut lernen. Sie wurde 1923 als Ilse Kussel in Berlin geboren und war das einzige Kind vermögender, jüdischer Eltern. Die oft unsägliche Geschichte hat sie um den ganzen Erdball gehetzt mit Stationen auf allen Kontinenten. Man begreift an ihr leicht den Menschen in einem vielschichtigen und riesigen Netz von Abhängigkeiten, von Bedingungen, Fremdbestimmungen, von Glück im Unglück und umgekehrt. Sie war Ehefrau und Mutter, Buchhalterin in den USA und Farmerin in Australien, suchte in indischen Ashrams Antworten auf ihre Sinnfragen und fand diese schließlich im Buddhadhamma. Das ist die Wirklichkeits- und Befreiungslehre des historischen Buddha. Und damit habe ich noch viel zu viel ausgelassen. Nachlesen lohnt sich ganz unbedingt. Ilse Kussel wurde in der frühbuddhistischen Tradition des Theravada zur Nonne und ordinierten Lehrenden „Ayya Khema“. Nach vielen fremdbestimmten Wirrungen gründete sie einen eigenen Orden in westlicher Waldklostertradition. Und das im Allgäu. Dort, in ihrem Buddhahaus, ist sie dann 1997 gestorben.“

„Interessant.“
„Ja, sehr. Ayya Khema?“
„… und die individuelle Position zur Demut.“  
„Finde ich auch.“

„In den Stürmen des Lebens bedarf der Mensch drei Dinge, um als Sieger einzugehen in den Hafen des Friedens: Mut im Unglück, Demut im Glück, Edelmut zu allen Zeiten.“ Wilhelm Förster

Sprachlich mag der Herr Förster ein bisschen angestaubt daherkommen. Kein Wunder, die Worte des Herrn Artilleriemajors sind ja auch schon zweihundert Jahre alt. Aber wenn man den Inhalt erst einmal setzen lässt, kann ich viel Wahres darin finden. Für mich ist Demut Fähigkeit und Bereitschaft, Dinge und Verhältnisse als gegeben hinzunehmen, nicht ständig darüber zu jammern und zu klagen und sich selbst auch mal als eher unwichtig betrachten zu können und zu wollen. Den eigenen Maßstab zu finden auf einer Skala von Nichts und Allem.

von Spiritualität.

„Spiro - ich atme!“

Der Begriff Spiritualität beschäftigt mich nun schon einige Zeit. Mein persönlicher Impuls zur konkreten Auseinandersetzung mit dem Thema wurde ein Aufenthalt im Himalaya. Genauer gesagt in Bhutan, einem winzigen Königreich im Hochgebirge. Einem Land, das sich in Glück und nicht in Dollar messen lassen will. Aber das ist eine ganz andere Geschichte.  
  
Im Dezember 2005 hielt ich mich dort zur Mitarbeit in einem Entwicklungshilfeprojekt auf. In der Hauptstadt Thimphu und in deren näheren Umgebung. Thimphu ruht eingebettet auf fast zweitausendfünfhundert Metern zwischen riesigen Bergen. Ruhig und gelassen liegt es da am Flüsschen Wang Chu. Sechzigtausend Leute sollten dort leben, hat man mir gesagt. Wären es nur fünftausend, so hätte ich es auch geglaubt.

Die Anreise nach Bhutan ähnelte den unendlichen Reisen durch Zeit und Raum in besseren Science-Fiction-Filmen. Sie führte mich aus dem winterlichen Frankfurt über ein paar zeitverschobene Nächte an den Theken von Bangkoks pulsierender Sukhumvit und über ein hyperchaotisches Kalkutta schließlich ins Hochgebirge des Himalaya. Das ist vielleicht nicht das Ende der Welt, aber eines der Enden ist es definitiv. Bhutan ist „Druk Yul“. Das spricht man „Dru Ü“ und es bedeutet „Land des Donnerdrachens“. Die Landung auf dem internationalen Flughafen im Paro-Tal mit der exklusiven, weil einzig zugelassenen, nationalen Fluggesellschaft „Druk Air“ glich mehr einem kontrollierten Absturz als dem souveränen Abschluß eines professionellen Personenflugtransports. Zur Weiterreise in die Hauptstadt erwartete uns bereits der Chauffeur in Landestracht und sein treuer, antiquierter Toyota-Geländewagen für eine kurvige Tingelfahrt auf einer linksverkehrten Piste. Schlängelndes Finale einer rabiaten Entschleunigungskur. Eher eine Vollbremsung. Und die mit allen Sinnen.  
  
Die erste schlaflose Nacht diente der vorsichtigen Rekonstruktion von Sinn und Wahrnehmung. Leise liegend. Offene Augen. Unvorstellbare Stille. Meditativ. Und da traf es mich. Ich dachte immer, ich sei für derartige emotionale An- und Überflutungen unempfindlich. Doch dann erwischte mich dieses Licht. Die früheste Morgensonne. Marmeladig suppte sie über die Gipfel. Untermalt von einem sonoren Klangteppich, bei dem mir nicht sofort klar werden wollte, ob ich das, was da passierte hörte, oder doch eher spürte. Oder vielleicht auch beides?

Dungchen ist das klassische Instrument des Himalayabuddhismus. Ein langes Horn, das die Mönche in den Klöstern blasen. Die Klöster kommen hier wie Burgen daher. In Bhutan heißen sie Dzongs. Es gibt ihrer viele hundert im Land des Donnerdrachens. Und die produzieren morgens eine ganze Reihe tiefer Töne.

Nun war er also irgendwie da, dieser Moment, die aufgeschlossene Tür und das Licht. Und die Erkenntnis, dass dieses frischentdeckte, schwer zu definierende Volumen in mir mit etwas gefüllt sein wollte, das bis zu diesem Zeitpunkt in meinem Leben nicht stattfand. Da war er wohl, ein bewusster Seelenhunger.

Spiritualität? Nein, nicht Religion, sondern Spiritualität! Spiritualität aus dem Lateinischen: „spiritus“ für Geist. Oder noch besser von „spiro“. Das übersetzt sich mit „ich atme“ und trifft den Nagel auf den Kopf.

Seit dieser Zeit befasse ich mich regelmäßig, mal mehr und mal weniger intensiv mit meinem subjektiven Verständnis von Spiritualität, das ich durch meine Auseinandersetzung mit den unterschiedlichsten Denkansätzen, Modellen und Philosophien überprüfe. Ich versuche es sukzessive zu parametrisieren. Eine Vorstellung zu gewinnen von dem was mich in Geist, Herz und Seele bewegt. Und das untrennbar voneinander.

Sehr interessant fand ich mal die Definition des Psychologen Rudolf Sponsel in seiner Untersuchung von Spiritualität aus dem Jahr 2006. Dort beschreibt er sie als mehr oder weniger bewusste Beschäftigung „mit Sinn- und Wertfragen des Daseins, der Welt und der Menschen und besonders der eigenen Existenz und seiner Selbstverwirklichung im Leben“. Frei von konfessioneller Religiosität. Allerdings findet sich Sponsel schließlich doch in einer religiösen Lebenseinstellung wieder, die sich auf das transzendente oder immanente göttliche Sein konzentriert. Auf das Prinzip einer transzendenten und nichtpersonalen allerletzten Wahrheit. Einer höchsten Wirklichkeit. Teleologisch. Schade. Das macht mir die Sache dann doch wieder ein bisschen eng.

Nun kenne ich seit ein paar Tagen ein paar Ansätze des französischen Philosophen André Comte-Sponville. Eine interessante Personalie. Er studierte Philosophie an der École normale supérieure und wurde 2008 in das Comité consultatif national d'éthique berufen. Und das als bekennender Atheist. Glückliches Frankreich.

Er argumentiert in seinem “Woran glaubt ein Atheist?: Spiritualität ohne Gott” gegen die Existenz Gottes, erkennt aber in vielen Haltungen des Glaubens die immense Bedeutung für ein menschliches Zusammenleben: Gerechtigkeit, Mitgefühl, Liebe, Demokratie und Menschenrechte. Und die können glaubensunabhängig und -übergreifend funktionieren. Ganz ohne Mission.

Eine Spiritualität ohne unmittelbaren Gottes- und Transzendenzbezug. Das schmeckt interessant. Und sogar der Dalai Lama spricht von einer religionsunabhängigen Basisspiritualität. Da geht es um die grundlegenden menschlichen Werte wie Güte, Freundlichkeit, Mitgefühl und liebevolle Zuwendung. Das wäre eine Art humanistische Spiritualität. Und in dieser ließe man die Werte des Humanismus zur eigenen Lebenswirklichkeit werden.

Für mich ist das ein großartiger Ansatz.  

vom Innehalten

Innehalten bedeutet für mich nicht, stehen zu bleiben.
Es steht für Bewusstwerdung. Für den Moment der Stille in mir selbst. Ich erkenne darin eines der allerkostbarsten Geschenke, das ich mir machen kann.

Der schweizer Aphoristiker Kurt Haberstich meinte dazu ganz passend: „wir können die Zeit nicht anhalten, aber innehalten können wir zu jeder Zeit“. Und das sollten wir immer mal wieder tun. Am besten einfach so und immer öfter. Ich knüpfe daran ein Bonmot Gustave Flauberts: „… immer, wenn ich mitten im Alltag innehalte und gewahr werde, wie viel mir geschenkt ist, werden die zahllosen Selbstverständlichkeiten zu einer Quelle des Glücks“.

Darin steckt sehr viel Wahrheit: kurz mal den Gang rausnehmen, an die Liebste denken oder den Liebsten. Und an all die wunderbaren Dinge, die einem widerfahren. Jeden Tag. Atmen. Der Seele Luft geben. So meistert man die nächste Schwelle. Die ist nämlich kein Hindernis, sondern vielmehr Signal zur Besinnung. Zur Bewusstwerdung. Zum Innehalten eben. Und los.

Denn dann geht es weiter. Leichter in mir. Gerade jetzt und in dieser Zeit.  

vom Eigentlich.

Eigentlich versteht man
viel zu viel von viel zu wenig.
Aber warum nur eigentlich? 

Mein „eigentlich“ ist ein Berg.
  
Sechstausendsechhundertachtunddreissig Meter ist er hoch. Und er liegt im tibetischen Transhimalaja. Genauer dort, wo China, Indien und Nepal zusammentreffen. Er hat viele Namen. Der bekannteste ist „Kailash“. Der für mich schönste ist „Kangrinboqê“, in der Umschrift „gangs rin po che“. Das bedeutet „kostbares Schneejuwel“ und sagt eine Menge aus über seine Anmut wie seine Bedeutung.

Gleich 4 Religionen erkennen in ihm einen der bedeutendsten, spirituellen Orte. Und den heiligsten Berg überhaupt: den Berg Meru. Der ist nach der Kosmogonie von Hindus, Jain, Buddhisten und der Bön der Weltenberg im Zentrum des Universums.

Sogar die Umwanderung des Kailash hat einen eigenen Namen. Auf tibetisch heißt sie „Kora“ und „Parikrama“ in Sanskrit. Dreiundfünfzig Kilometer misst eine Runde, die bis in eine Höhe von über fünftausendsiebenhundert Metern über den Pass der Göttin Tara führt. Die „Kora“ ist die wichtigste Pilgerreise für alle Gläubigen in den vier benannten Religionen. Für gewöhnlich braucht man etwa drei Tage für eine Tour. Geübte Tibeter schaffen sie in einem. 

Nicht unerheblich ist dabei die Richtung der Kora. Die Bön laufen gegen die Uhr und alle anderen mit ihr. Erst mit der dreizehnten Umrundung des Berges dürfen Pilger auf die innere Kora. Und aufsteigen darf nur der, der noch keine Sünde begangen hat und demnach ohnehin fliegen kann.

Das vorgebliche Ziel im Leben eines jeden Buddhisten ist die einhundertundachtmalige Umrundung, die zur unmittelbaren Erleuchtung führt. Das Nirvana im Vollkontakt sozusagen. Der schwarze Gürtel. Und es gibt noch weitere Spielregeln: Dinge, die man sich während der Tour auf der Nordseite des Kailash wünscht, gehen in Erfüllung. Außerdem sieht der tibetische Kalender vor, dass eine zu bestimmten Zeiten erfüllte Kora anders zu bewerten ist als üblich. Im Jahr des Pferdes etwa zählt jede Runde sechsfach. Das macht die Sache  etwas leichter. Und nicht nur das mit der Erleuchtung.

2015 war nicht das Jahr des Pferdes im tibetanischen Kalender. Das war 2014 und kommt nicht wieder vor 2026. Dafür war 2015 das Jahr meines fünfzigsten Geburtstages. Und dafür hatte ich mir vorab etwas ausgedacht. Fünf Jahre zuvor im Spätsommer 2010, als ich zusammen mit meinem Freund Markus die Alpen zu Fuss überquert hatte. Von Oberstdorf nach Meran. Ein persönlicher Pilgerweg. So wie man es immer wieder vom Jakobsweg hört oder über diesen liest. Nur eben nicht auf Spanisch. Ohne Kreuz, ohne Muschel und ohne Santiago de Compostela. Ein Scheideweg. Eine Nagelprobe voller Entscheidungen, Ängste, aber auch reich an Perspektiven. 

Wenn man stundenlang, tagelang, wochenlang geht, oft ohne jeden Wortwechsel, hat man Zeit die Dinge von links nach rechts und zurück auf links zu drehen. Vieles zerfällt und manches findet ganz plötzlich zusammen. Knoten platzen, auf dass sich die Fäden erneut knüpfen lassen. Man läuft gedanklich die eigenen Stationen gleich mit ab. Auf vielen Ebenen. Und man versucht neue zu formulieren. Will Meilensteine setzen. Punkte, die sich verbinden lassen. Zu einem roten Faden. Wie auf jenen seltsamen Zeichenvorlagen, bei denen Figuren entstehen, wenn man nur die richtige Reihenfolge einhält.

Diese Figuren sehen immer etwas eckig und unbeholfen aus. Ein bisschen arg schlicht. Aber so ist das halt, wenn man die Punkte durch Strecken verbindet. Eins zu zwei, zwei zu drei, zu vier, zu fünf … immer auf dem kürzesten Weg. Ohne den Schwung und die Geste der eigenen Handschrift. Ohne echtes Leben. Polygone. Und darum auch nicht mehr.

Für mehr Lebendigkeit und Authentizität braucht man eine Inflation an Punkten oder eben beherzte Umwege. Auch da gibt es mehr als schwarz und weiss. Die Mischung macht’s und jeder muss die eigene Linie finden. Sekt oder Selters, barfuß oder Lackschuh.

„Annapurna Circuit!“ Auf diesen Namen hörte mein erster Gedanke.  Der frühe Funke. Mein Wunsch, die spirituellen Erfahrungen aus meiner Zeit in einem internationalen Entwicklungshilfeprojekt im kleinen Königreich Bhutan mit den meditativen Momenten einer ausdauernden Wanderung im Himalaja zusammenzuführen. Zu meinem Fünfzigsten. Ein durchaus anspruchsvoller Dauermarsch. Pittoresk. Symbolisch. Der Annapurna als mein Berg Meru? Würde das funktionieren?  
  
Die Kosmogonie beschreibt Erklärungsmodelle zur Welt. Das Wort stammt aus dem Griechischen: kosmogonía - die Weltenzeugung. Es geht um deren Entstehung und Entwicklung. Mythisch oder rational. Philosophie oder Naturwissenschaft. Oder beides. Die Menschheit hat ein ziemlich breites Spektrum an Vorstellungen. In meiner Auseinandersetzung mit meinem Berg Meru ging es mir allerdings vielmehr um die Welt in mir, mehr innen statt aussen, ganz ohne allgemeinen Anspruch. Aber warum sollte der Zugang nicht über dieselbe Quelle erschlossen werden können. Der Berg Meru als zentrale Schnittstelle. Vielsprachig, vielsinnig, universell. Ein Art Babelfisch. Es musste der Kailash sein. 
  
Zwischen Planung und Durchführung kam mir ein Warnschuß vor den Bug mit der nachdrücklich vermittelten, medizinischen Empfehlung, künftig große Höhen zu vermeiden und möglichst vorerst auf lange Flugreisen zu verzichten. Das war leider unvereinbar mit einem rituellen Kreisen im Hochgebirge am anderen Ende der Welt.

Übrig blieb die Frage, ob ich tatsächlich den Berg physisch brauchen würde, um ihn zu umrunden? Oder war der nur ein Synonym? Ein Zeichen gleichen Bedeutungsumfangs für andere Fenster zum inneren Kehraus? Was jetzt? Lazarett statt Bergstiefel? Egal. Denn Klassenziel war ja nicht das touristische Panaroma, sondern die bewusste Innenausleuchtung. Der Perspektivwechsel zum Jubiläum durch eine Änderung der Position zum Selbst. Ein Ehrentag mit Kassensturz, Fazit und Neuausrichtung.

Das ist mir geglückt. Ein Satori zwischen Gastroskopie und Dopplerultraschall statt dem Verstehen zwischen Darchen und Drölma La. Da, wo auf fünftausendsechshundertsiebzig Metern die Göttin Tara in einem Felsen verschwand.

„Eigentlich“ hätte es ja im Himalaja passieren sollen? Vielleicht. Allerdings sollte man immer acht geben, nicht den richtigen Zeitpunkt zu verpassen. Bei allem was man tut. Um nicht an sich selbst vorbeizulaufen. Denn es ist vollkommen gleich, wo man sich sucht: der Kailash ist in einem selbst. 
  
Sonst wird „eigentlich“ zum nirgendwann.  

von Kunst, vom Können und vom Wissen.

Die Kunst hat mit "können" deutlich weniger zu tun, als man gerne glauben möchte. Etymologisch. Schon weil „können“ als Verb noch gar nicht gebraucht wurde, als es „Kunst“ längst gab. Diese hat sich im Althochdeutschen zuerst aus dem Verb „kunnan“ entwickelt. Und das stand ursprünglich für „wissen“. Für „kennen“ und „erkennen“. „Kunnan“ wurde erst sehr viel später auch zu „können“. Und damit hat sich dann der Sinn vom eigentlichen Wissen zum Handeln aus der Befähigung daraus verändert. Ein ziemlicher Spagat. Und tiefer wollen wir an dieser Stelle auch nicht ins Indogermanische beziehungsweise Indoeuropäische einsteigen, um größere Verwirrung zu vermeiden. 

Die spätere, typischdeutsche Verbindung von „Kunst“ und „können“ lässt sich tatsächlich auf den österreichischen Mundartdichter Johann Nepomuk Nestroy zurückführen. Der meinte ganz volkstümlich: „Kunst kommt von Können, und wenn man’s kann, ist es keine Kunst“. Das Meisterwerk sozusagen als Laubsägearbeit. Das sorgte tatsächlich nachhaltig für eine Fehlinterpretation der kreativen Verhältnisse. Die Nestroy-Phrase gehört wohl eher als Graffiti auf eine Schulklotür als in die Prozesse sinngebender Auseinandersetzungen mit dem Sujet.  
  
Wie schön, dass sich die Gefühle für ein Wort und dessen Volumen sprachwissenschaftlich nachspüren lassen und die tatsächliche DNA viel näher an der eigenen Interpretation liegt, als im Schwachsinn der schunkeligen Allgemeinplätze. Kunst kommt von Wissen, vom Kennen und vor allem dem Erkennen.  
  
Für mich im „Erleben“.  

vom Lapsus

Der „Lapsus“ ist ein interessanter Begriff. Er kommt aus dem Lateinischen, bleibt auch im Plural lapsus mit ellenlang gestrecktem „u“ und bedeutet "Ausrutscher". Die klassischen Philologen differenzieren zwischen dem lapsus calami, einem Schreibfehler, dem lapsus manus und dem Lapsus clavis, einem Tippfehler, und dem lapsus linguae. Das ist ein Sprechfehler oder ein Versprecher und wird zumeist mit dem freudschen Versprecher gleichbewertet. In der sprachlichen Fehlleistung enttarnt sich nach Sigmund Freud die tatsächliche Intention des Redners unfreiwillig. Der lapsus memoriae schließlich ist schlicht ein Gedächtnisfehler. Nur der Vollständigkeit halber.

In unserem Sprachgebrauch steht der Lapsus für einen kleinen, unbedeutenden Fehler. Kaum der Rede wert. Im Deutschen begeht man einen Fehler, der Lapsus jedoch unterläuft einem. Das hat etwas Schicksalhaftes. Etwas Unvermeidliches. Es ist wie es ist und es entbindet von Schuld, denn man kann ja nichts dafür. Das macht den Lapsus zu einem charmanten Werkzeug. Und darum weiß auch meine Facebookfreundin Angelika, die ungerne schulmeistert, aber gerne auf sprachliche Ungenauigkeiten hinweist. Auch kleinste Fehlerchen entgehen nur selten ihrer Akribie. Und mit ihrem Lektorat geht ihr Anliegen einher, unsere Welt ein bisschen schöner zu machen. Orthografisch zu entmüllen. Wenn man so will. Eine ehrenvolle aber oft undankbare Aufgabe. Sie gibt Hinweise. Verletzungsfrei als Lapsus bemessen. Das macht es leichter. Denn ein bemerkter Lapsus ist ja schnell verdaut und man hat hinreichend Luft, die wohlmeinende Korrektur künftig zu verinnerlichen. Das ist beinahe homöopathisch. In Dosierung wie Wirkung.

Mein Fazit? Hm, vielleicht das, dass ein Lapsus im Grunde gar kein Fehler ist, sondern vielmehr ein Pfosten von vielen, die eine Leitplanke tragen, an der man sprachlich besser durch den Alltag kommt. Mir gefällt der Gedanke.  

von der Ruhe

von der Ruhe.
(Januar 2015)  

Vorhin. Ich habe die Ruhe geahnt. Im Vorbeigehen. Zufällig.  
Bei offener Tür und leisem Licht. Sie schwebte lautlos.  
Sie schwebte unsichtbar über meinem Lotterbett in warmem Raum.

In Moll. Wolkenweich rekelte sie sich behaglich.  
Die Ruhe. Friedlich, verheissungsvoll, magisch, magnetisch.  
Einladend. Hat sie da eben tatsächlich geseufzt?  
So harmonisch, dass ich sie nicht stören mochte.

Nicht gleich. Aber jetzt. Wir finden uns.  
Sie ist so statisch, fast stoisch. Marmeladig.  
Süße Ruhe. Ich passe mich gerne an. Finde mich in ihr.  
Gleite hinein in eine sanfte Reise durch die Nacht.

von Zeichen.

Zeichen setzen. Strukturen sichtbar machen. Syntaktische in Wortströmen und Morphologische in den Worten selbst. In allen Sprachen folgt die Interpunktion ihren ganz eigenen Regeln. Folgen wir unseren.

Dem Strichpunkt oder Semikolon. Eine Orientierungshilfe mit klassischen Wurzeln: das „halbe Kolon“. Im Griechischen ein Fragezeichen, bei uns ein Mittel zum Gefüge von Gleichrangigem in einem Volumen. Verzögernd. Nicht Fisch und nicht Fleisch. Nur eine kurze Rast auf dem Weg der Zeichen. Mehr als das Rucken der Kommata, aber auch so viel weniger als ein Punkt zwischen zwei Sätzen. Denn der ist Brückenpfeiler im Fluss der Wörter. Brückenschlag in Sinnzusammengehörigem.

Als Auslassungspunkte stehen drei in einer Reihe. Für Pause oder Unterbrechung. Als sanfter Einstieg oder sanfter Ausstieg. Und für das Unausgesprochene wie das Unaussprechliche.

Aussprechliches gibt es nach zwei Punkten. Übereinander: dem Doppelpunkt. Ein klares Signal. Hier werden Positionen vertreten! Gezeigt, geredet und verkündet. Direkt. Allein oder miteinander. Erklärt, sinniert, vielleicht gestritten und manchmal auch wieder vertragen.

Die Punkte sind nur vermeintlich unscheinbar. Aber sicher kein Zufall. Ohne sie ist alles nichts. Unbedingt im Punkt zum Ende. Abschließend. Und zugleich Chance für den Neuanfang.  
  
In allem.