von der Missgunst.

Jetzt bin ich mehr als 52 Jahre alt und dennoch immer noch und immer wieder überrascht von manchen Handlungen meiner Mitmenschen und deren Beweggründen dazu. Die sozialen Medien sind ein großartiges Panoptikum an sozialem Miteinander. Natürlich ist nicht immer alles Sonnenschein. Warum auch? Und es gibt oft eine Menge guter Gründe, sich kritisch auseinanderzusetzen. Nicht nur in den Fakten, sondern auch in interpretierenden Meinungen und Haltungen, die die Ersteren subjektiv zu fassen und manchmal auch zu deformieren suchen.

Der Mediziner und Aphoristiker Dr. Stefan von Kegler fand für sich heraus: „Kritik ist entweder getarnte Missgunst, oder wohlwollende Unterstützung. Im schlimmsten Fall ist sie undurchschaubar, weil beides in einem.“ Wie wahr.

Natürlich sollte man sich über wohlwollende Unterstützung freuen und viel mehr dazu sagen und schreiben. Dankbar sein. Man macht das viel zu selten, weil sie einen trägt. In den eigenen Plänen, Vorhaben und Träumen. Wohlwollende Kritik beflügelt und lässt dadurch nur selten Raum und Rast, sie nicht nur inhaltlich zu reflektieren, sondern in ihr auch Zuspruch und Unterstützung erkennen zu wollen. Auch wenn sie einen auf Fehler und Defizite hinweist. Es ist ungleich schwerer, einen Menschen freundlich wie freundschaftlich auf einen Mangel aufmerksam zu machen, als ihn locker zu beklatschen. Der Ton macht die Musik.

Und die getarnte Missgunst? Hat das was mit Neid zu tun? Nein, denn dazu besteht nur selten Anlass. Im Gegensatz zum Neid geht es bei der Missgunst nicht um die Wahrnehmung eines Gefälles in gesellschaftlichen Positionen. Neid kann zur Entwicklung anspornen. Konstruktiv sein. Die Missgunst aber ist grundsätzlich destruktiv. Sie findet ihre Höhepunkte in Demontage und Zerstörung.

Die Missgunst hat eine häßliche Fratze. Sie erfreut sich nur selten allgemeiner Beliebtheit. Sie ist unsexy. Und feige ist sie ausserdem. Daher agiert sie meistens im Verborgenen. Um sie auszuleben, wird ein Vorwand bemüht, die Argumentationsweise zu unterfüttern und die Handlungsweise zu cachieren. Gerne in offiziellem Anstrich. Ein Wörterbuch, ein Konversationslexikon und noch lieber Recht und Gesetz. Gesetze sind wunderbare Werkzeuge. Im Guten wie im Schlechten. Sie können einen gemeinsinnvollen Umgang regeln. Oder der Missgunst die Hände waschen. Es lohnt sich oft, etwas genauer hinzuschauen. 

Die Missgunst erscheint uns immer wieder. Mich macht sie eher fassungslos denn ärgerlich. Sie ist ein nutzloser Parasit, den es abzugrenzen gilt. Wo immer man auf sie trifft.

Meine letzte, aktuelle Begegnung mit der Missgunst erinnerte mich an eine Lektüre aus meiner Schulzeit. Eine Novelle von Thomas Mann: „Der Weg zum Friedhof“ aus dem Jahr 1900.

Das Leben hat es nicht gut gemeint mit Lobgott Piepsam. Er ist von häßlicher Gestalt, Alkoholiker und seine Frau und die drei Kinder sind im weggestorben. Auf seinem Fussweg zum Friedhof, begegnet ihm ein Fahrradfahrer mit buntem Hemd und „dem kecksten Mützchen der Welt“. Der kommt daher „wie das Leben und rührt die Glocke; aber Piepsam geht nicht um eines Haares Breite aus dem Wege.“ Der junge Mann zu Rad verringert sein Tempo, um Piepsam passieren zu können. Dabei vernimmt er, wie der Griesgram das Nummernschild am Rad laut vorliest. Warum er das denn mache, beantwortet Piepsam mit seiner Absicht den Vorgang zur Anzeige zu bringen. Er hält das Rad, schimpft sich in Rage, wird ausfallend. Der junge Mann ist sich keiner Schuld bewusst. Viele Reifenspuren auf dem Kiesweg deuten darauf hin, dass er nicht der Erste ist, der diese Strecke befährt. Irgendwann reisst er sich los. Piepsam ergibt sich seinem Tobsuchtsanfall. Die auflaufende Menge belustigt sich zur Hälfte und die andere entrüstet sich. Piepsam hilft das wenig. Er erstickt an seinem Zorn und wird von den Sanitätern aufgesammelt. Rad und Fahrer sind lange fort.

Von Missgunst zu Hass ist es oft nur ein Katzensprung.

Jemanden zu hassen aber ist verrückt. Denn Du vergiftest dich selbst, um einem anderen zu schaden.