von Spiritualität.

„Spiro - ich atme!“

Der Begriff Spiritualität beschäftigt mich nun schon einige Zeit. Mein persönlicher Impuls zur konkreten Auseinandersetzung mit dem Thema wurde ein Aufenthalt im Himalaya. Genauer gesagt in Bhutan, einem winzigen Königreich im Hochgebirge. Einem Land, das sich in Glück und nicht in Dollar messen lassen will. Aber das ist eine ganz andere Geschichte.  
  
Im Dezember 2005 hielt ich mich dort zur Mitarbeit in einem Entwicklungshilfeprojekt auf. In der Hauptstadt Thimphu und in deren näheren Umgebung. Thimphu ruht eingebettet auf fast zweitausendfünfhundert Metern zwischen riesigen Bergen. Ruhig und gelassen liegt es da am Flüsschen Wang Chu. Sechzigtausend Leute sollten dort leben, hat man mir gesagt. Wären es nur fünftausend, so hätte ich es auch geglaubt.

Die Anreise nach Bhutan ähnelte den unendlichen Reisen durch Zeit und Raum in besseren Science-Fiction-Filmen. Sie führte mich aus dem winterlichen Frankfurt über ein paar zeitverschobene Nächte an den Theken von Bangkoks pulsierender Sukhumvit und über ein hyperchaotisches Kalkutta schließlich ins Hochgebirge des Himalaya. Das ist vielleicht nicht das Ende der Welt, aber eines der Enden ist es definitiv. Bhutan ist „Druk Yul“. Das spricht man „Dru Ü“ und es bedeutet „Land des Donnerdrachens“. Die Landung auf dem internationalen Flughafen im Paro-Tal mit der exklusiven, weil einzig zugelassenen, nationalen Fluggesellschaft „Druk Air“ glich mehr einem kontrollierten Absturz als dem souveränen Abschluß eines professionellen Personenflugtransports. Zur Weiterreise in die Hauptstadt erwartete uns bereits der Chauffeur in Landestracht und sein treuer, antiquierter Toyota-Geländewagen für eine kurvige Tingelfahrt auf einer linksverkehrten Piste. Schlängelndes Finale einer rabiaten Entschleunigungskur. Eher eine Vollbremsung. Und die mit allen Sinnen.  
  
Die erste schlaflose Nacht diente der vorsichtigen Rekonstruktion von Sinn und Wahrnehmung. Leise liegend. Offene Augen. Unvorstellbare Stille. Meditativ. Und da traf es mich. Ich dachte immer, ich sei für derartige emotionale An- und Überflutungen unempfindlich. Doch dann erwischte mich dieses Licht. Die früheste Morgensonne. Marmeladig suppte sie über die Gipfel. Untermalt von einem sonoren Klangteppich, bei dem mir nicht sofort klar werden wollte, ob ich das, was da passierte hörte, oder doch eher spürte. Oder vielleicht auch beides?

Dungchen ist das klassische Instrument des Himalayabuddhismus. Ein langes Horn, das die Mönche in den Klöstern blasen. Die Klöster kommen hier wie Burgen daher. In Bhutan heißen sie Dzongs. Es gibt ihrer viele hundert im Land des Donnerdrachens. Und die produzieren morgens eine ganze Reihe tiefer Töne.

Nun war er also irgendwie da, dieser Moment, die aufgeschlossene Tür und das Licht. Und die Erkenntnis, dass dieses frischentdeckte, schwer zu definierende Volumen in mir mit etwas gefüllt sein wollte, das bis zu diesem Zeitpunkt in meinem Leben nicht stattfand. Da war er wohl, ein bewusster Seelenhunger.

Spiritualität? Nein, nicht Religion, sondern Spiritualität! Spiritualität aus dem Lateinischen: „spiritus“ für Geist. Oder noch besser von „spiro“. Das übersetzt sich mit „ich atme“ und trifft den Nagel auf den Kopf.

Seit dieser Zeit befasse ich mich regelmäßig, mal mehr und mal weniger intensiv mit meinem subjektiven Verständnis von Spiritualität, das ich durch meine Auseinandersetzung mit den unterschiedlichsten Denkansätzen, Modellen und Philosophien überprüfe. Ich versuche es sukzessive zu parametrisieren. Eine Vorstellung zu gewinnen von dem was mich in Geist, Herz und Seele bewegt. Und das untrennbar voneinander.

Sehr interessant fand ich mal die Definition des Psychologen Rudolf Sponsel in seiner Untersuchung von Spiritualität aus dem Jahr 2006. Dort beschreibt er sie als mehr oder weniger bewusste Beschäftigung „mit Sinn- und Wertfragen des Daseins, der Welt und der Menschen und besonders der eigenen Existenz und seiner Selbstverwirklichung im Leben“. Frei von konfessioneller Religiosität. Allerdings findet sich Sponsel schließlich doch in einer religiösen Lebenseinstellung wieder, die sich auf das transzendente oder immanente göttliche Sein konzentriert. Auf das Prinzip einer transzendenten und nichtpersonalen allerletzten Wahrheit. Einer höchsten Wirklichkeit. Teleologisch. Schade. Das macht mir die Sache dann doch wieder ein bisschen eng.

Nun kenne ich seit ein paar Tagen ein paar Ansätze des französischen Philosophen André Comte-Sponville. Eine interessante Personalie. Er studierte Philosophie an der École normale supérieure und wurde 2008 in das Comité consultatif national d'éthique berufen. Und das als bekennender Atheist. Glückliches Frankreich.

Er argumentiert in seinem “Woran glaubt ein Atheist?: Spiritualität ohne Gott” gegen die Existenz Gottes, erkennt aber in vielen Haltungen des Glaubens die immense Bedeutung für ein menschliches Zusammenleben: Gerechtigkeit, Mitgefühl, Liebe, Demokratie und Menschenrechte. Und die können glaubensunabhängig und -übergreifend funktionieren. Ganz ohne Mission.

Eine Spiritualität ohne unmittelbaren Gottes- und Transzendenzbezug. Das schmeckt interessant. Und sogar der Dalai Lama spricht von einer religionsunabhängigen Basisspiritualität. Da geht es um die grundlegenden menschlichen Werte wie Güte, Freundlichkeit, Mitgefühl und liebevolle Zuwendung. Das wäre eine Art humanistische Spiritualität. Und in dieser ließe man die Werte des Humanismus zur eigenen Lebenswirklichkeit werden.

Für mich ist das ein großartiger Ansatz.