zum Jahreswechsel

„Entscheidend an Veränderung ist  
die Entscheidung zur Veränderung“    
  
Vor einiger Zeit habe ich in einem populärwissenschaftlichen Magazin ein paar tolle Fotos von lachenden Menschen in bunten Overalls gesehen, die im Inneren einer entleerten Fluggastzelle einer Passagiermaschine zu schweben schienen. Fast wie Raumstation. Um Schwerelosigkeit ging es da, respektive die Simulation von verminderter Schwerkraft. Astronauten, Kosmonauten, Raumfahrer experimentieren auf diese Weise und trainieren für ein Leben im All, für die Bewegung auf dem Trabanten Mond oder auf dem Mars.

Möglich macht diese Übung der sogenannte Parabelflug. Erdacht von den Brüdern Fritz und Heinz Haber rund um 1950 in den USA. Die Amerikaner hatten die beiden Söhne des Südzuckerindustriellen Karl Haber mit den Operationen „Overcast“ und „Paperclip“, wie auch viele andere hochkarätige Wissenschaftler nach dem zweiten Weltkrieg im befreiten Deutschland „gecastet“ und „ausgeliehen“. Der ältere Fritz blieb als renommierter Raumfahrtingenieur in den Staaten, der jüngere Heinz wurde Opfer zehrenden Heimwehs und verwandelte sich später in die Instanz des Fernsehphysiklehrer der Nation.  
  
Zurück zum Parabelflug, der ein ganz besonderes Flugmanöver beschreibt: ein Flugzeug bewegt sich dabei auf einer Linie, die an eine, sich zur Erdoberfläche öffnende Wurfparabel erinnert. Sinn und Zweck des Manövers ist das Erreichen von Schwerelosigkeit. Bei der Einleitung des Steigfluges, wie beim Abfangen des Sturzfluges, muß man im Flieger die nahezu doppelte Schwere ertragen. Die setzt sich zusammen aus der Gravitation und der Trägheitskraft zur sogenannten Hyperschwerkraft. Dazwischen liegen kurze Übergangsphasen, die wenigsekündigen Transitionsphasen und der Bereich der sogenannten Mikrogravitation an der Spitze der Flugkurve. Genau das ist der Abschnitt, für den der ganze Zirkus veranstaltet wird.
  
Interessant ist auch, dass die Informationen zum Vorgang, die dabei von Auge und Gleichgewichtsorganen ans Gehirn gesendet werden nicht zusammenpassen. Eine Menge Leute vertragen die heftigen Schwerkraftwechsel nicht besonders gut. Der Spitzname des NASA-Testfliegers lautet von daher nicht umsonst „Vomit Comet“ - der „kotzende Komet“. Der Name ist Programm. Wir Laien kennen das in der Lightvariante aus manchen Fahrgeschäften vom Rummelplatz.

Wenn ich mir das ganze, umständliche Procedere näher betrachte, erspüre ich eine bemerkenswerte Analogie zum Zeitraum, der den Wechsel von einem Jahr zum nächsten beschreibt: das „Zwischendenjahren“, wie es der Volksmund bauernschlau wie alltagsfest, trefflich zu bezeichnen weiß. Auch das „Zwischendenjahren“ kennt keine tatsächliche Spitze, keinen postkartig zackigen Gipfel. Es erinnert an die Kuppe der Parabel und kennt ebensolche Phasen wie der Parabelflug.

Beginnend mit den Anstrengungen des gefühlten, sisyphosartigen Anstiegs zum Jahresende, der sich beinahe so routiniert wie unerwartet in der Transitionsphase der Weihnachtsfeiertage auflöst. In zweiundsiebzig Stunden plätzchensüßer, zitronensaurer oder lemonbitterer Familiennähe. Oder anderer, facettenreicher, mitunter regionaler oder lokaler Besinnlichkeit. Massensedierung, Gruppenhypnose, eine überdauernde Kultur planbarer Spontanlethargie.

Kurz darauf erreicht man also das schwer zu greifende Volumen. Nicht mehr traditionsgestiftete Gemütlichkeit oder Tannenbaumtrance und noch kein Silvester. Aber auch kein Vakuum: the space between. Nicht Fisch, nicht Fleisch, ein Leben in Aspik. Eingebremst. Mit der gefühlten Andeutung von Schwerelosigkeit. Zumindest verminderter Schwerkraft. Alles etwas zeitlupig.  
  
Ja, da war das eingehende Bild im Flieger. Die bunten Overalls. Losgelöst von den Dingen. Hier auf der Erde ist das eine gute Zeit zum Nachdenken, Entscheidungen zu treffen für Wechsel und Veränderung. Oder auch für die Bestätigung von Beständigkeit. Nicht das zum Scheitern verurteilte Feuerwerksgelöbnis, das Rauchen, Saufen, Fressen aufzugeben und jetzt sofort und für alle Zeit ein besserer Mensch zu werden.  
  
Es ist die besondere Chance für den unaufgeregten, aber aufmerksamen Blick ins Teleskop des eigenen Seins und der persönlichen Befindlichkeiten. Nicht die übliche Suche nach dem privaten Kleinklein im Alltagsnöteundsorgenmikroskop (habe ich schon mal erwähnt, dass ich die Fähigkeiten der deutschen Sprache zu Mehrfachkomposita liebe?) der restlichen 350 Jahrestage. Plusminus. Vielleicht reicht es ja sogar noch für einen kurzen Blick ins Kaleidoskop. Bunt und wild. Ein kurzer Moment Verrücktheit. Entrücktheit, die überraschende Entdeckung der ungeahnten Außengrenzen des eigenen Universums auf einer kurzen Reise durch die eigene Fantasie. Die Grenzen sind vielleicht viel weiter als man immer dachte.  
  
Ein ausgedehnter Spaziergang an der frischen Luft nach Tagen der Völlerei wirkt darin unterstützend wie sortierend. Und Übung kann kaum schaden. Wie beim Wandern wächst in den Gedanken die Trittsicherheit mit der zurückgelegten Distanz und in der Kenntnis der eigenen Schleifen.    
  
Das nimmt Silvester diesen seltsamen Schlüsselmoment, nimmt den kurzen Stunden das angestaut Zwanghafte und macht es zur zweiten Transitionsphase, bevor es via Neujahr und vielleicht noch etwas Resturlaub in den Sturzflug zum Alltag übergeht. Mit der Morgenluft und den sicher gefassten Entscheidungen aus der Phase der gelebten Mikrogravitation kann da kaum noch etwas schiefgehen. Da wird aus dem Neujahrskater ein Kätzchen, mit dem man lächelnd kuschelt, bevor es endlich wieder richtig losgeht. Ein kleiner Schwerkraftwechsel führt zur kurzen Wahrnehmungsstörungen. Kurze Übelkeiten. Hart erfeierte Hyperschwerkraft. Irgendwie sind wir doch alle Astronauten. Navigieren durch Zeit und Raum, so gut es eben geht. Raumfahrer im eigenen Mikrokosmos.  
  
Bis zum nächsten Mal, allen einen guten Rutsch. 
  
"Dinge verändern nicht, wir verändern uns." (Henry David Thoreau)