"das Tabu"

Das Wort und der Begriff Tabu hat eine weite Reise hinter sich gebracht. Etymologisch wie geografisch. In unsere Breiten transportiert hat es der abenteuerlustige, deutsche Naturforscher Georg Forster erst gegen Ende des achtzehnten Jahrhunderts vom anderen Ende der Welt, einer Südseeexpedition an der Seite des berühmten Entdeckers James Cook. Sie füllten damit eine abendländische Wortschatzlücke um ein wohlbekanntes Phänomen ohne Namen. Aufgetan hatten die beiden dasTabu in Polynesien, als Teil eines spirituellen Konzeptes, das man auf seinem Sprung ins Heute inzwischen um einige interessante Details erleichtert hat. 

Auf Tonga hieß das Tabu noch „Tapu“, so wie die gleichnamige Hauptstadt des Archipels und war dort untrennbar verbunden mit dem „Mana“, das eigentlich eine transzendente Kraft fasst und doch distanzauslösende Stigmata beschreibt. In Personen, Objekten, Zuständen und Handlungen. Die Distanznahme dazu selbst ist schließlich das Tabu. Ein mehr oder weniger selbstgewählter Abstand.

Heute ist dieser Abstand nur selten selbstgewählt. Aber kollektiv verinnerlicht, was die Tabus zum Treibstoff aller Gesellschaften macht. Gruppendynamisch. Nicht wirklich greifbar und doch eine Art schweizer Offiziermesser für den Macht- wie Sachkundigen in der komplexen Mechanik menschlichen Miteinanders. Tabus sind das Fundament von Hierarchien und dienen im Grunde der Manipulation der Gesellschaftsangehörigen durch das Bespielen ihrer existenziellen Strafängste. 

Das Tabu ist Kitt und Schnitt zugleich. Der Inhalt variiert mit der Gemeinschaft, die es zusammenhält und doch zerschneidet und das Ergebnis daraus es ist und immer bleibt.

Eine Welt ohne Tabus ist letztlich eine Welt ohne Menschen. Und ob das Utopie oder Dystopie ist, bleibt der Perspektive jedes einzelnen überlassen. 

© April 2018, Bruno Schulz

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