"von der Zeit"

„Im Herbst steht in den Gärten die Stille, für die wir keine Zeit haben.“

Victor Auburtin hat das gesagt. Der lebte als Feuilletonist und französischer Auslandskorrespondent in Berlin. Über hundert Jahre ist das nun schon her. Aber als ich heute morgen, kurz vor dem dritten Advent aus unserem Wohnzimmer in den Park blickte, empfand ich das ganz ähnlich.

Nur Minuten darauf las ich eben diesen Auburtin und überlegte, dass sich die Dinge bis heute nicht wirklich verändert haben.

Später in meiner Korrespondenz wurde ich dann abermals mit der Zeit konfrontiert, oder vielmehr mit dem Mangel daran. „Ich habe keine Zeit“ … hier und da und dort. Alle Menschen ganz geschäftig. Und das nur wenige Tage vor Weihnachten. Natürlich hat man keine Zeit. Wie auch? Niemand kann sie haben. Man kann sie nicht besitzen. Es ist allerdings ein Riesenunterschied vorzugeben, keine Zeit zu haben oder eben diese tatsächlich zu nutzen. Hier gehts um Aktion versus Aktionismus. Ich folge in dem Punkt gerne den Gedanken Senecas: „wir haben nicht zu wenig Zeit, sondern vergeuden zu viel davon“. Da hat er Recht. Die kluge Verteilung liegt in der persönlichen Gewichtung. Sich eben für die richtigen Inhalte zu entscheiden.

Mit der Zeit ist das so eine Sache. Es sind die eigenen Grenzen, die einen rückblickend zu der Erkenntnis führen, dass man im Leben kaum zu wenig Zeit mit Arbeit, mit uninteressanten Leuten, mit ärgerlichen und tatsächlichen Nichtigkeiten verbracht haben wird. Allerdings leider viel zu wenig Zeit mit den Menschen und den Dingen, die man wirklich liebt.

„Ich jedenfalls möchte keine Zeit haben, in der ich keine Zeit habe“ hat der Politikwissenschaftler André Brie gesagt. Stimmt.

So ist das. Ich möchte es also wenigstens heute besser machen, denke ich in erwartungsvoller Vorfreude auf einen schönen Abend mit meiner Liebsten.

© 2015/2017/2018 Bruno Schulz
© 2017 Motiv: Manteuffelstraße /Q

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