"Hässlich"

Der Schweizer Publizist Ernst Reinhardt meinte mal, dass man „eher einem Sympathischen das Falsche abnähme, als einem Unsympathischen das Richtige“.

Das sehe ich ganz ähnlich. Und um nicht zu lange auf falschen Fährten zu bleiben, den falschen Ideen und ihren Ausführungen auf den Leim zu gehen, versuche ich fast immer, möglichst genau hinzuhören und -zulesen. So vorurteilsfrei es eben geht. Im Zweifel auch dann nachzufragen, wenn mir das Gegenüber sehr unangenehm ist. Man will ja nicht in der sukzessiven Verengung der Weltsicht der eigenen Echokammer ersticken. In der alle mantraartig ewiggleiche Formeln beschwören. Sich selbst feiern im Kuschelkanon. Interpunktiert mit Emoticons und animierten Fantasiefiguren.

Manchmal muss man aber an einem „point of no return“ konstatieren, dass das Gegenüber nicht nur antipathisch ist, sondern das Gebahren pathologisch und die Aussage unbedeutend.

Es gibt Leute, die sind einfach in ihrem ganzen Wesen hässlich. Die allgemeine Definition macht Hässlichkeit am Widerspruch zu allgemeinen Normen und Idealen in den Kulturen und Epochen fest. Als Antipode von Schönheit und der allgemeinen Vorstellung davon. Aber auch an subjektivem Empfinden. Zur Bewertung von "hässlichen" Diskutanten in den sozialen Medien reicht mir letzteres.

Die evolutionäre Verankerung des Hässlichkeitsempfindens liegt im Allgemeinen in der Steuerung der Partnerwahl. Hier geht es um die genetische Fitness zur Sicherung des Fortbestands der eigenen Art. Offensichtlich ist das Hässlichkeitsempfinden aber auch eine Steuerung in der Wahl des Gesprächspartners. Da geht es dann um die Gesundheit des Dialogs. Daraus erklärt sich wohl das körperliche Unwohlsein, das sich binnen kurzer Zeit einstellt, wenn die Gesprächsform dauerhaft unbekömmlich bleibt. Als eine Art Vorzeichen. Bei aller Faszination für das Hässliche, die sogenannte „beauté du diable“: man wendet sich besser rechtzeitig ab, denn das Hässliche frisst einen an. Es färbt ab und verursacht schnell mehr als nur schlechte Laune. Als hätte man sich den Magen verdorben. Nur eben im Kopf.

Das Leben ist viel zu kurz für diesen Mist. Ich habe schon viele Menschen über vergeudete Zeit in ergebnis- wie manierenfreien Diskussionen maulen hören. Aber selten darüber, dass sie zuviel Zeit verbracht hätten mit denen, die sie mögen. Die Entscheidung sollte also nicht allzu schwer fallen. Schmeissen wir den Ballast einfach über Bord. Das Leben ist schön.

PS: es geht mit keinem Wort um Äußerlichkeiten.

© 2017
© motiv: „Die hässliche Gräfin“, Quentin Massys (1525)

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